Archive for the ‘Geschichte’ Category

2634: NATO: dringend erforderlich, aber in schlechtem Zustand

Mittwoch, Dezember 4th, 2019

Wie Stefan Kornelius (SZ 4.12.19) treffend schreibt, mangelt es der NATO an ihrem siebzigsten Geburtstag an Führung, Gemeinsinn und Vision. Dabei ist sie genau so erforderlich wie bisher.

1. Dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump ist nicht klar, dass die USA ohne die NATO ein anderer Typus von Großmacht wären und die NATO brauchen. Wie aus anderen Gründen Deutschland auch. Ohne die NATO keine Sicherheit.

2. Der türkische Präsident Recep Tayip Erdogan missbraucht die NATO derzeit in Syrien. Er bekommt demnächst eine russische Luftabwehr und kann dann von Moskau aus kontrolliert werden.

3. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will vielleicht das Richtige, nämlich eine stärkere europäische Komponente der NATO. Dazu trägt seine These vom „Hirntod“ nicht bei. Seine neue Russland-Politik ist unausgegoren. Macron übt sich wohl in Gaullismus.

4. Die große Herausforderung für die NATO ist China.

5. Die europäische Sicherheit ist aber auch in der Sahelzone, der Arktis und im Cyberspace zu gewährleisten.

Unsere Linken und Grünen wissen oder wollen das nicht, und die Grünen trauen sich nicht, es zu sagen. Ihre geschickte taktische Führung gibt den Biedermann. Die Linken waren schon in Prag 1968 und in Kabul 1979 dabei. Heute rechtfertigen sie die russische Annektion der Krim 2014.

2628: Grünes Gewölbe, Dresden

Donnerstag, November 28th, 2019

Der Einbruch in das Grüne Gewölbe Dresden und der dort vollführte Raub treffen uns sehr (offensichtlich waren die Sicherheitsvorkehrungen nicht ausreichend). Aber nicht wegen des materiellen Werts des Raubguts, seiner Wiederverkäuflichkeit, der Möglichkeiten des Umarbeitens oder der perversen Psyche eines potentiellen Auftraggebers. Sondern weil dadurch

unsere europäische Identität

getroffen wird. Genauso wie beim Brand von Notre Dame oder dem Raubüberfall auf das Bode-Museum in Berlin (und vielen voraufgegangenen entsprechenden kriminellen Akten).

Selbstverständlich sympathisieren viele von uns nicht mit August dem Starken (1670-1733). Was wir aber kennen, ist seine Rolle für Sachsen und Polen. Und überhaupt wurde ja der Freistaat Sachsen in letzter Zeit mehr mit Pegida und AfD in Verbindung gebracht, als dass seine überragende Rolle für die europäische, italienische und deutsche Kunst noch hinreichend gewürdigt wurde. Das sollte sich wieder ändern. Wir brauchen Sachsen, und wir brauchen Europa.

Wie der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) so richtig sagte: „Man kann die Geschichte unseres Landes, unseres Freistaates nicht verstehen, ohne das grüne Gewölbe und die Staatlichen Kunstsammlungen Sachsens.“ (taz 26.11.19; SZ 27.11.19)

2626: Eugen Ruge „Metropol“: der alltägliche Stalinismus als Roman

Dienstag, November 26th, 2019

2011 erschien Eugen Ruges erster Roman „In Zeiten abnehmenden Lichts“, die Schilderung eines kommunistischen Veteranengeburtstags kurz vor dem  Ende der DDR. Er war gleich ein Erfolg, bekam den Deutschen Buchpreis und wurde ein Bestseller. Er hatte ungeheure Substanz. Nun publiziert der 1954 in Westsibirien geborene diplomierte Mathematiker einen Roman ähnlichen Kalibers:

Metropol. Hamburg (Rowohlt) 2019, 431 S.

Er ist benannt nach dem berühmten Hotel im Moskau der dreißiger Jahre, in dem Geheimdienstmitarbeiter der Komintern „untergebracht“ waren. Ruge betont: „Ich habe der Stalinismus-Forschung nichts hinzuzufügen.“ (S. 415)

Aber er konnte sich auf die Kaderakte seiner Großmutter Charlotte stützen (bekannt schon aus dem ersten Roman), die er in Moskau finden konnte (246 Seiten). Sie war nach ihrer Scheidung von Erwin Ruge mit Hans Baumgarten zusammen. Im Roman, der im Gestus des „Tatsachenromans“ daherkommt, Charlotte und Wilhelm. Die überzeugten Kommunisten arbeiteten beim Nachrichtendienst der Komintern. Die beiden Söhne aus der Ehe mit Ruge trifft Charlotte gelegentlich in Moskau, wohin die Familie 1933 emigiert war. Dort geraten sie in die Machenschaften des Stalinismus (es wäre gut, wenn unsere Linken das einmal ernsthaft zur Kenntnis nehmen würden). Insbesondere in die der Tschistka (1936-1938), der großen Säuberung (Opfer u.a. Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Radek, Heinz Neumann, Tuchatschewski). Charlotte und Jean Germain, wie ihre Decknamen lauten, wurden 1936 in das Hotel „Metropol“ einquartiert. Dort mussten sie 477 Tage leben, bis sie, was nicht begründet erschien, im Auftrag der Komintern nach Frankreich ausreisten.

Bei Ruge erleben wir das Misstrauen, die Missgunst, die Verdächtigungen, die Spitzelei, die Denunziationen der Kommunisten. Bedrückend, erschreckend, unfassbar. Es geht bis dahin, dass die Beschuldigten massenhaft Dinge gestehen, die sie nie begangen haben. Eine unsägliche Rolle spielt dabei wie in der Realität u.a. der deutsche Schriftsteller

Lion Feuchtwanger,

der tatsächlich mehrere Monate im Zimmer neben Charlotte im „Metropol“ gewohnt hatte. 1937 erschien seine Eloge auf Stalin „Moskau 1937“, das die Schande seiner Verführbarkeit verewigt. Eine Verunglimpfung der deutschen Kommunisten und ein Einschleimen bei dem Massenmörder Stalin. Ein schwarzes Kapitel in der deutschen Literaturgeschichte. Charlotte und Hans konnten 1941 nach Mexiko ausreisen. Sie kamen 1952 in die DDR, wo sie als „Westemigranten“ bei der Nomenklatura keine wichtigen Funktionen mehr erhalten haben. Hans starb 1979, Charlotte 1986, ohne über ihre Moskauer Erfahrungen je gesprochen zu haben. „Jeder konnte denunziert werden. Jeder war in Gefahr. Und ebenso konnte jemand grundlos verschont bleiben.“ Das war das Schicksal von Lotte und Jean Germain.

Der Roman erzählt zudem aus der Perspektive von Hans Baumgartens erster Frau, Hilde Tal, einer Denunziantin, und Wassili Wassiljewitsch Ulrich, dem Gerichtspräsidenten bei den Terrorprozessen. Nichts Menschliches wird ausgespart. Ruge zeichnet das Grauen nicht mit ideologischem Aplomb, sondern auf einer zutiefst menschlichen Ebene von Angst, Verrat und Verschweigen. So funktionieren im Detail Diktaturen. Darin kommt auch Sex vor, und Ruge findet für die dabei zum Teil abwegigen Konstellationen eine passende Sprache, die realistisch und rückhaltlos die Abgründe aufdeckt.

In dem Roman kommen angesehene Schriftsteller, Künstler und Filmemacher vor. Sie alle sind verstrickt in die ideologischen Fallen des Stalinismus. Sie versagen moralisch und scheitern künstlerisch. Die Chefs des sowjetischen Geheimdienstes (Tscheka, GPU, NKWD) Jagoda, Jeschow und Dzierzynski spielen ihre mörderische Rolle eher am Rande. Menschliche Abgründe dominieren. „Wahrscheinlich hatte er sogar deutsche Mädchen gevögelt.“ (S. 38) „Die Menschen glauben, was sie glauben wollen.“ (S. 171) „Sie trägt in sich die Ratte des Zweifels.“ (S. 229) „Wilhelms Geheimnisse, sie will gar nichts davon wissen, sie hat es nie wissen wollen, …“ (S. 288) „Man verhaftete Hunderte, ja vielleicht Tausende, damit die entscheidenden Schläge in der Masse der Verhaftungen untergehen.“ (S.319) „Ja, ich bin eine Lügnerin, eine Betrügerin. Meine Überzeugungen sind schwach. Mir fehlt der Klassenstandpunkt. Ich bin schlecht. Ich bin unzuverlässig. Ich bin für die große Sache des Sozialismus nicht geeignet …“ (S. 351)

Eugen Ruge hat einen großen Roman vorgelegt.

2623: Feiertage in Deutschland

Donnerstag, November 21st, 2019

1. Während Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg zehn (10) Feiertage haben, ist für Bayern an 13 Tagen frei, sofern sie in einer katholischen Gemeinde leben, wo Mariä Himmelfahrt (15. August) gefeiert wird. In Augsburg gibt es noch das hohe Friedensfest.

2. Der christliche Hintergrund bei den Feiertagen ist den meisten nicht bewusst.

3. Sechs (6) der insgesamt neun (9) gesetzlichen Feiertage, die in den 16 Bundesländern gleich sind, haben einen christlichen Ursprung.

4. 37 Prozent der Bevölkerung sind heute konfessionslos.

5. 65 Prozent der Bevölkerung sprechen sich dagegen aus, dass gesetzliche Feiertage anderer Religionen eingeführt werden.

6. 61 Prozent der Bevölkerung plädieren für gleich viele gesetzliche Feiertage in allen Bundesländern.

7. In Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein ist der Reformationstag am 31. Oktober seit 2018 wieder gesetzlicher Feiertag.

8. Als mögliche neue Feiertage stehen zur Diskussion der 17. Juni als Datum des Volksaufstands in der DDR 1953, der 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus und der 18. März als Gedenken an die Märzrevolution 1848.

9. Der internationale Frauentag ist von 2019 an am 8. März frei.

10. Feiertage bdeuten für Unternehmen insgesamt Miliardenverluste.

11. Vieles wird durch Vor- und Nacharbeit in Form von Überstunden und Sonderschichten kompensiert.

12. An Feiertagen müssen Ärzte, Pfleger, Busfahrer, Kellner, Feuerwehrleute und die Bediensteten des Hotel- und Gaststättengewerbes ohnehin arbeiten.

13. Fällt ein Samstag aus, sind die Folgen für den Einzelhandel durchaus schmerzhaft; denn der Samstag ist der verkaufsstärkste Tag.

14. Bayern und Baden-Württemberg haben die meisten Feiertage und sind trotzdem die wirschaftsstärksten Bundesländer!

15. Feiertage haben eine positive soziale und gesundheitliche Wirkung (bis auf die Weihnachtsfeiertage).

16. Feiertage fördern das Gemeinschaftsgefühl auf politischer und persönlicher Ebene.

17. Feiertage entschleunigen und ermöglichen „soziale Synchronisation“.

18. Der Geschäftsführer der Agenturgruppe MSM digital hat für seine Mitarbeiter in Lübeck, Berlin und Hamburg die katholischen Feiertage Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt, Allerheiligen und den Dreikönigstag importiert (Nicole Grün, SZ 2./3. 11.19).

2621: Der überlebensnotwendige Dialog der Gesellschaft

Dienstag, November 19th, 2019

1. 78 Prozent der Deutschen glauben, dass man in der Öffentlichkeit mit Kommentaren zu einigen Themen vorsichtig sein müsse. Das gilt es, unabhängig von der eigenen Position, ernst zu nehmen.

2. Viele Menschen glauben an „Sprechverbote“ und daran, dass der „Meinungskorridor“ schmaler geworden ist.

3. Das ist, wie die Rechtsprechung zeigt, kein rechtliches, sondern ein gesellschaftspolitisches und moralisches Problem.

4. Der Ursprung dieses Konflikts liegt in der US-Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

5. Daraus erwuchs das Phänomen der „Political Correctness“ (von links).

6. Heute stehen dafür in erster Linie Gender-Aktivitäten (LGBTQ*).

7. In Universitäten gibt es heute „Safe Spaces“ und korrektes Mensa-Essen, das auch religiöse Minderheiten berücksichtigt.

8. Selbstverständlich müssen heute Bernd Lucke und Thomas de Maizière Vorträge (auch in Universitäten) halten dürfen.

9. Die rechte Strategie ist geschickt: „Ihre Protagonisten erobern Terrain für die eigene Sache, indem sie sich gegen Kritik immunisieren (Denkverbote!) und zugleich den Raum nach rechts öffnen (Das wird man doch noch sagen dürfen!). Das Ergebnis: So offen so rechts wie derzeit ist in Deutschland jahrzehntelang nicht mehr diskutiert worden, bis hin zur Verharmlosung des Nationalsozialismus als vermeintlicher ‚Vogelschiss‘ in der deutschen Geschichte.“ (Holger Stark, Die Zeit 30.10.19)

10. Im Netz kursieren Mordlisten, wie der Mord an Walter Lübcke in Kassel gezeigt hat.

11. Verstärkt wird der ideologische Kampf durch das Internet (und seine Filterblasen).

12. Der Soziologe Armin Nassehi glaubt, dass jede Gesellschaft auch Tabus und Konsense braucht, auf die sich die Mehrheit verständigt hat und die als Leitplanken dienen.

13. Der radikale Meinungspluralismus öffnet nicht nur Räume, er schließt auch welche.

14. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Gerade in der Summe, in der täglichen Kanonade von Angriffen werden aus vielen kleinen Verletzungen die klaffenden Wunden, an denen unsere Debattenkultur heute krankt und erodieren kann.“

15. „Die Meinungsfreiheit ist ein mächtiges Werkzeug, vielleicht das mächtigste in einer Demokratie überhaupt. Aber sie erfordert Reife im Umgang mit ihr. Wir haben erst begonnen zu lernen, wo die Grenzen liegen, die nötig sind, um jenen Dialog zu schützen, der für eine freie Gesellschaft überlebensnotwendig ist.“ (Holger Stark, Die Zeit 30.10.19)

2618: Carl von Ossietzky (1889-1938) – ein Opfer des Nationalsozialismus

Sonntag, November 17th, 2019

Als Chefredakteur der „Weltbühne“ wurde Carl von Ossietzky (1889-1938) im November 1931 von der Klassenjustiz der Weimarer Republik zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil seine Zeitschrift die

illegale Aufrüstung der Reichswehr nachgewiesen hatte.

Bei der Machtergreifung der Nazis blieb er in Deutschland. Wir wissen nicht genau, ob er das Exil ablehnte oder ob ihm die Nazis mit ihrer Verhaftung nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 zuvorkamen. Ossietzky kam ins Konzentrationslager Esterwegen und wurde hier allmählich zu Tode gebracht. All diese nicht unbekannten Details sind enthalten in der neuen Biografie von

Werner Boldt: Carl von Ossietzky (1889-1938). Pazifist und Demokrat, KZ-Häftling und Friedensnobelpreisträger. Bremen (Donat) 2019, 256 Seiten, 16,80 Euro.

Ossietzky wurde in einfachen Verhältnissen in Hamburg geboren und entwickelte sich bald zu einem überzeugten und überzeugenden Pazifisten und demokratischen Sozialisten. Nach Siegfried Jacobsohns Tod übernahm er bald von Kurt Tucholsky (1890-1935) die Chefredaktion der „Weltbühne“ (ursprünglich „Schaubühne“) und macht sie zum führenden Blatt der intellektuellen Linken. Schon in der Weimarer Republik wurde er politisch verfolgt. Er verabscheute den Krieg. Dass er 1933 in Deutschland blieb, hielt sein Kollege Kurt Tucholsky für „völlig sinnlos“. Die beiden überzeugenden Pazifisten waren ganz verschiedene Menschen. Kurz vor den Olympischen Spielen 1936 wurde Ossietzky, schon todkrank, aus dem KZ entlassen. Er erhielt den Friedensnobelpreis und starb am 4. Mai 1938, geschwächt von der KZ-Haft, in einer Berliner Klinik (Cord Aschenbrenner, SZ 11.11.19). Er ist bis heute ein Vorbild.

2615: Berliner Verleger bei der Stasi

Samstag, November 16th, 2019

Nach Informationen der „Welt am Sonntag“ war der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ bei der Stasi.

Holger Friedrich

machte sich zum Mauerfall-Jubiläum in einer „Berliner Botschaft“ Gedanken über die ostdeutsche Vergangenheit und den Journalismus der Zukunft. Auf der Website der „Berliner Zeitung“ meldete er sich nach Recherchen von „Spiegel“, „Manager-Magazin“ und „Welt“ selbst zu Wort. Als Unteroffizier der Nationalen Volksarmee (NVA) und inoffizieller Mitarbeiter der Stasi habe er in zwölf Spitzelberichten über 20 Personen berichtet. Er habe aus einer „Notsituation“ heraus gehandelt, weil er wegen „Republikflucht“ verhaftet worden sei. „Sofern ich gefragt wurde oder gefragt werde, gehe ich mit diesen Informationen offen um.“

Die Chefredaktion der „Berliner Zeitung“ teilte mit, man werde sich „sachlich und angemessen“ mit dem Fall auseinandersetzen und „wie bereits in der Vergangenheit unseren Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte leisten“. Der neue Herausgeber Michael Maier sprach davon, dass man der Geschichte von Holger Friedrich mit „einem hohen Maß an Transparenz“ begegnen werde. Mittlerweile hat der „Spiegel“ berichtet, dass die „Berliner Zeitung“ am 8. November über die Erfolgsstory einer ostdeutschen Diagnostikfirma berichtet habe, ohne kenntlich zu machen, dass Holger Friedich dort Aktionär sei und im Aufsichtsrat sitze. Das Unternehmen soll ihm eine Vergütung von 23.000 Euro gezahlt haben (Verena Mayer, SZ 16./17.11.19; wei, FAZ 16.11.19, Uwe Müller/Christian Meier, Welt 16.11.19).

2613: Rechtsextremismus und Frauenfeindlichkeit (Misogynie)

Freitag, November 15th, 2019

Der antisemitische Mörder von Halle ist auch Antifeminist. Das verbindet ihn mit dem norwegischen Massenmöder Anders Breivik, der 2011 in Oslo 77 Menschen tötete. Das gemeinsame Narrativ besteht darin zu behaupten, dass der Feminismus für die sinkenden Geburtenraten im Westen und die daraus erwachsende Masseneinwanderung verantwortlich sei.

Schon 1902 hatte Hedwig Dohm eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Die Antifeministen“ veröffentlicht. Darin ging sie den wachsenden Ansprüchen des Feminismus und dem Kampf dagegen nach. 1912 wurde der „Deutsche Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“ gegründet. Die Sozialwissenschaftlerin Herrad Schenk fasst unter Antifeminismus alle Einstellungen und Verhaltensweisen zusammen, die sich gegen die Frauenbewegung und deren Errungenschaften richten und somit eine anti-emanzipatorische Ideologie sind. Besonders anfällig dafür sind Männer, denen es nicht gelingt, mit Frauen zusammenzuleben. Vielfach Gestörte. Sie fühlen sich gekränkt. Und im Zeitalter der „sozialen Medien“ werden einige von ihnen zu Mördern (Julian Dörr, SZ 13.11.19).

2609: Die Grundrente ist besser als ihr Ruf.

Montag, November 11th, 2019

Die im Wege des Koalitionskompromisses zustande gekommene Grundrechte ist besser als ihr Ruf. Das gilt im übrigen auch für die ganze Koalition, mit Ausnahme der CSU-Verkehrsminister. Schlecht ist dagegen der Zustand der SPD und der Union. Interne Auseinandersetzungen, zum Teil grundsätzlicher Art, trüben das Bild. Stellen wir uns nur einmal vor, der Kompromiss wäre nicht zustande gekommen …

Erkennbar wird das Ganze an der Kritik unserer Kommunisten und Grünen einerseits und der FDP und der Unions-Mittelstandsvereinigung und ihres Wirtschaftsflügels andererseits. Da hat die Koalition die Mitte gefunden, was Wissenschaftler stets für möglich erklärt hatten. Eine Bedürftigkeitsprüfung gibt es nicht. Dafür wird das Einkommnen geprüft. Es wäre falsch gewesen, eine Grundrente auch an gut versorgte Senioren zu zahlen. Betriebsrenten werden ebenfalls gefördert.

Nutznießer der Maßnahme sind vor allem Ossis und Frauen. Auch das geht in die richtige Richtung.

Union und SPD (und ihre Abgeordneten) wollen die Koalition bis 2021 führen. Sie haben Angst vor Wahlen. Das ist ja nicht unberechtigt.

2607: „Journalismus als Eiertanz“: Hans Magnus Enzensberger wird 90

Samstag, November 9th, 2019

Mit Hans Magnus Enzensberger wird ein ganz Großer der deutschen Publizistik 90 Jahre alt. Er hat sich in vielen Rollen getummelt und dabei meistens eine Führungsrolle eingenommen: als Lyriker („verteidigung der wölfe“), Essayist („Journalismus als Eiertanz“), Kritiker („Baukasten zu einer Theorie der Medien“), Zeitgeschichtler („Der Untergang der Titanic“), Leitartikler („Saddam = Hitler“), Herausgeber („Kursbuch“, „Transatlantik“), Verleger („Die andere Bibliothek“). Mangelndes Selbstbewusstsein war seine Sache nicht. Der ganze Mann ist schwer zu kennzeichnen. Deswegen zitiere ich Enzensberger hier auszugsweise als Medienkritiker, der er anfangs auch war. Mein Fach, die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, verdankt ihm manchen relevanten Text:

1. „Denn der Aberglaube, als könne der einzelne im eigenen Bewusstsein, wenn schon nirgends sonst, Herr im Hause bleiben, ist heruntergekommene Philosophie von Descartes bis Husserl, bürgerliche Philosophie zumal, Idealismus in Hausschuhen, reduziert aufs Augenmaß des Privaten.“ (Bewußtseins-Industrie 1962)

2. „Nachrichten, die nur unter Andeutungen und Anspielungen zu erschließen sind. Nicht selten setzt die Lektüre der ‚Frankfurter Allgemeinen‘ kombinatorische Fähigkeiten und detektivischen Scharfsinn voraus. Der Leser, der keine anderen Blätter zur Hilfe nimmt, sieht sich plötzlich Sachverhalten gegenüber, von denen er nichts weiß, und auf welche die Redaktion ‚zurückkommt‘, ohne sie je erwähnt zu haben.“ (Journalismus als Eiertanz. Beschreibung einer Allgemeinen Zeitung für Deutschland. 1962)

3. „Kann sich die Story also nicht auf die Objektivität der Nachricht berufen, so fehlt ihr andrerseits auch die Legitimation, die andere journalistische Äußerungsformen, wie die Glosse, der Kommentar oder der Leitartikel, für sich beanspruchen dürfen. In den Spalten der Zeitschrift selber tritt der Unterschied zutage, der hier zu machen ist.“ (Die Sprache des ‚Spiegel‘ 1957)

4. „Mit einer einzigen Ausnahme, der Walter Benjamins (und in seiner Nachfolge Brechts), haben aber die Marxisten die Bewusstseins-Industrie nicht verstanden und an ihr nur die bürgerlich-kapitalistische Rückseite, nicht ihre sozialistischen Möglichkeiten wahrgenommen. Ein Autor wie Georg Lukács repräsentiert vollkommen diesen theoretischen und praktischen Rückstand. Auch die Arbeiten von Horkheimer und Adorno sind von einer Nostalgie nicht frei, die sich an frühe, bürgerliche Medien heftet.“ (Baukasten zu einer Theorie der Medien“ 1970)

5. „Denn zu meiner Überraschung zeigte sich, dass unser wüstes Land ganz allmählich, fast hinter unserem Rücken, immer bewohnbarer wurde. Niemand schlug mehr die Hacken zusammen, niemand machte einen Diener, Autofahrer fingen an, Fußgänger an der Kreuzung passieren zu lassen, Polizisten warfen ihre Tschakos ab, Busschaffner warteten auf alte Damen, statt ihnen vor der Nase wegzufahren. … Es geschahen Zeichen und Wunder in Deutschland. Man konnte den Eindruck haben, als wäre die Republik auf dem Weg zur Zivilisation.“ (Tumult 2014)