Archive for the ‘Geschichte’ Category

3168: Unsere Ossis sind anders.

Freitag, Dezember 4th, 2020

Angesichts des

rundfunkpolitischen Desasters der CDU in Sachsen-Anhalt

kommen wir wieder darauf, dass unsere Ossis anders ticken. Viele empfinden es so, dass über Ostdeutschland zu wenig berichtet wird. Und dann häufig auch noch falsch. Seriöse Berichterstattung wird als selbstverständlich genommen. Und das angesichts des verhunzten Journalismus in der DDR. Aber die andere Wahrnehmung finden wir auch bei jungen Leuten. Sie sehen ihre Heimat nicht angemessen charakterisiert. Der MDR ist zwar ziemlich beliebt, hat sich lange Zeit hauptsächlich auf Unterhaltung kapriziert. Und dann zeigen manche

Christdemokraten auch noch eine Affinität zur AfD.

Hier können nur klare Wahlergebnisse eine Verbesserung bringen. Ohne wenn und aber. Besonders betroffen von der schwierigen Lage sind diejenigen Ostdeutschen, die über die schlichten Muster und vorurteilsgeleiteten Schablonen längst hinausgewachsen sind. Es fehlen in manchen Regionen eben auch

bedeutende Regionalzeitungen.

Sie waren anfangs für viele zu teuer (Jens Schneider, SZ 4.12.20).

3163: Jörg Meuthens Rede spaltet die AfD.

Montag, November 30th, 2020

„Dieser Auftritt Meuthens war für ihn und seinen Kurs zwingend. Er wirkte wohlüberlegt, das Risiko klar kalkuliert. Meuthen musste nach den üblen Vorfällen im Bundestag ein Zeichen setzen, wenn er weiter ernst genommen werden wollte mit seinem Ansinnen, die Rechtsaußen-Partei zu einer bürgerlichen Kraft zu formen. Was sich danach in einer schonungslosen Konfrontation in Kalkar entlud, offenbarte die tiefe Spaltung der AfD.“ (Jens Schneider, SZ 30.11.20) Die Partei war zuletzt immer weiter an den rechten Rand gerückt. Die bisher gewollte Einheit zwischen Rechtskonservativen und Rechtsextremisten (Höcke, Gauland, Weidel et alii) schadet der Partei zunehmend.

Meuthens Hinweis, dass es absurd sei von einer Diktatur in Deutschland zu sprechen, in dem man frei einen Parteitag wie diesen abhalten konnte, war schlagend.

Und im Gegensatz zu seinen Vorgängern im Amt, Bernd Lucke und Frauke Petry, hat Jörg Meuthen es geschafft, in der Partei nicht alleine gelassen zu werden. Am zweiten Tag des Parteitags stellten sich vielfach Vertreter des gemäßigten Lagers auf seine Seite. „Wer stärker ist, weiß man nicht. Die Abstimmung darüber, wurde abgesagt. … Meuthen will die Partei auf einen weniger radikalen Weg führen, Schritt für Schritt.“

3161: Houellebecq über Religion und Sexualität

Montag, November 30th, 2020

In Michel Houellebecqs neuem Buch ist ein Interview mit Agathe Novak-Lechevalier enthalten, das sich u.a. mit Religion und Sexualität befasst (abgedruckt in der FAS 29.11.20).

FAS: In einem Interview 1996 versichern Sie, dass „alles Glück seinem Wesen nach religiös“ sei, und in „Volksfeinde“ vergleichen Sie den Atheismus mit einem „nicht endenden Winter“. Würden Sie das heute noch so sagen?

Houellebecq: Ja, ich bleibe dabei, dass alles Glück seinem Wesen nach religiös ist. Die Religion gibt uns das Gefühl, mit der Welt in Verbindung zu stehen, kein Fremder in einer gleichgültigen Welt zu sein – … Wir haben Angst vor einer Welt, mit der wir keine Gemeinsamkeit empfinden, und die Religion verleiht der Welt und unserer Stellung in ihr einen Sinn.

FAS: In „Plattform“ steht dieser Satz: „Womit lässt sich Gott vergleichen? Zunächst natürlich mit der Möse einer Frau.“ Sie haben in ihrem Werk sehr oft Sex und Religion verknüpft: Ist das reine Provokation?

Houellebecq: Nein. Es ist eine männliche Sichtweise, aber es ist keineswegs eine Provokation. Man muss bedenken, dass die ältesten von bestimmten primitiven Völkern verehrten Darstellungen männliche oder weibliche Geschlechtsorgane sind – vor allem jedoch weibliche, und das hat wahrscheinlich weniger mit Sex zu tun als mit der Fähigkeit, Leben zu schenken. Und auch wenn sie sehr alt sind, glaube ich nicht, dass die Tatsache, dass die Menschheit sich weiterentwickelt, die früheren Zustände auslöscht: Diese Zustände bleiben unterschwellig vorhanden. Sie sind von vielen übereinanderliegenden Zivilisationschichten bedeckt, bleiben aber potentiell aktiv. Es ist also keine Provokation: Man muss das ernst nehmen.

3160: Die AfD verbieten ?

Sonntag, November 29th, 2020

Die Landesinnenminister von Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben über ein Verbot der AfD gesprochen. Dafür gibt es hohe Hürden. Bei der NPD war das Verbot daran gescheitert, dass in der Partei zu viele V-Leute unterwegs waren. Zur AfD hieß es: „Ein Verbotsverfahren beim Bundesverfassungsgericht ist das allerletzte Mittel. Aber auch das ist nicht mehr auszuschließen, wenn die Partei sich weiter radikalisiert.“ Nun wissen wir ja, dass es in der AfD neben Völkischen, Neonazis und Rechtsextremisten auch rechtskonservative Demokraten gibt, die sich bei der Union nicht mehr zu Hause fühlen, aber voll die Verfassung achten. Ein Verbot ist also nicht so einfach.

Die Überlegungen dazu resultieren hauptsächlich aus den aggressiven Pöbeleien im Reichstag, den Querdenken-Demonstrationen und demokratiefeindlichen Aktivitäten der AfD. Die AfD-Methode der Nötigung erinnert an die Weimarer Republik, wo die braune Bagage den Parlamentsbetrieb verhöhnt und gesprengt hat. Klar ist, dass Personen wie Björn Höcke (Holocaust-Mahnmal ist „mies und lächerlich“) und Alexander Gauland (u.a. „Vogelschiss“, Verunglimpfung von Jérome Boateng) Rassisten und Rechtsextremisten sind. Zum braunen Faden der Partei gehören Begriffe wie „Umvolkung“ u.a. Dabei verbirgt sich die AfD hinter Grundrechtsartikeln. In Brandenburg wurde der Rechtsextremist Andreas Kalbitz als Vorsitzender durch einen ebenso extremen Nachfolger ersetzt.

Die AfD wurde gegründet von Wirtschaftsprofessoren und Euro-Gegnern als Anti-Europa-Partei. Die Gründer konnten sich nicht durchsetzen. In Phase zwei der Partei unter Frauke Petry wurde ihr Profil als Anti-Flüchtlings- und Anti-Islam-Partei geschärft. Heute sind radikalere Kräfte an der Macht. Der faschistoide Großideologe ist Alexander Gauland. Aber seine Macht wie die von dem Parteivorsitzenden Jörg Meuthen bröckelt, seit es auf die Bundestagswahl 2021 losgeht. Die Partei ist auf neun (9) Prozent gefallen. „Aus einer nationalbürgerlichen Kümmererpartei ist eine Partei mit der Indentität der Identitären geworden; die propagieren Ausgrenzung und eine geschlossene Kultur. Die AfD mutiert zur völkischen Partei, zur Partei nach dem Bild der NPD.“

Selbstverständlich gibt es auch anderswo in Europa Rechtsaußenparteien (Ungarn, Polen), die für Grundrechte und Rechtsstaat wenig übrighaben. Aber ein Land, in dessen Auftrag der Nationalsozialismus (deutsche Faschismus)

monströse Verbrechen

beging, wird strenger beurteilt. Nach 1945 haben wir in der Bundesrepublik im übrigen gute Erfahrungen mit Parteiverboten gemacht. 1952 traf es die SRP von Ernst Remer und 1956 die KPD. In beiden Fällen war das Verbot voll berechtigt und führte nicht nur dazu, dass diese Parteien von der öffentlichen Finanzierung ausgeschlossen wurden, sondern dass ihre gesellschaftliche und politische Ächtung leichtfiel. Grundsätzlich gilt bei Parteiverboten: „Wehret den Anfängen! Am besten wäre es, die Wähler täten das – bei der Bundestagswahl 2021.“ (Heribert Prantl, SZ 28./29.11.20; Justus Bender, FAS 29.11.20)

3156: Kirsten Boie gegen den Verein Deutsche Sprache

Donnerstag, November 26th, 2020

Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie („Möwenweg“, „Ritter Trenk“) ist Hamburger Ehrenbürgerin. Sie steht damit in einer Reihe mit Johannes Brahms, Helmut Schmidt und Uwe Seeler. Der Erste Bürgermeister der Hansestadt lobte sie für ihren Beitrag „für ein friedliches Miteinander in einer offenen und demokratischen Gesellschaft“. Kirsten Boie: „Diese Ehrung signalisiert in meinen Augen auch, wie wichtig unserer Stadt Kinder und das Engagement für sie sind.“

Jetzt hat Kirsten Boie den Elbschwanenorden des Vereins Deutsche Sprache (VDS) zurückgewiesen. „Das ist kein Verein, von dem ich einen Preis annehmen möchte.“ „.. wegen der rechtspopulistischen Äußerungen des Bundesvorsitzenden und der eher puristischen Auffassung von Sprache, die sich diametral von meiner unterscheidet, möchte ich den Preis nicht annehmen.“

VDS-Vorsitzender Walter Krämer hatte vom „aktuellen Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenpresse“ und von der „Überfremdung der deutschen Sprache“ oder dem „Genderwahn“ gesprochen. Dazu Kirsten Boie: „Mehr noch als die verkürzte und realitätsfremde Vorstellung von Sprache erschreckt mich, wie genau sie sich ausgerechnet in einer Zeit, in der wir mit Sorge einen Rechtsruck in Teilen der Bevölkerung beobachten müssen, in deren Argumentsgänge einfügt.“ Bei Twitter erhielt Frau Boie Unterstützung. „Heute ist ein guter Tag, um ein Buch von Kirsten Boie zu kaufen.“ (Peter Burghardt, SZ 26.11.20)

3155: Paul Celan 100

Dienstag, November 24th, 2020

1. Am 23. November 1920 wurde der Autor der „Todesfuge“, Paul Celan, als Paul Antschel (Ancel) in Czernowitz/Bukowina in eine jüdische Familie geboren. Czernowitz hatte ursprünglich zu Österreich-Ungarn gehört, bei Celans Geburt war es rumänisch, gehörte dann zur Sowjetunion und heute zur Ukraine (Anna Prizkau, FAS 22.11.20).

2. In Celans Familie wurde das Deutsch gepflegt, wie es am Wiener Burgtheater gesprochen wurde. Auf der Schule sprach Celan auch hebräisch und rumänisch (Moshe Barash, Die Literarische Welt, 21.11.20). Später fließend französisch.

3. Nach Auskunft von Celans Schulkameraden Petro Rychlo ist Ancel eine Diminutivform von „Enosch“ und heißt Mensch („Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan.“ Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Petro Rychlo. Berlin/Suhrkamp 2020).

4. Das Anagramm Celan als Namen bekam Paul Celan von der Frau seines Kollegen Alfred Margul-Sperber, der im Gegensatz zu dem zierlichen Paul Celan ein etwa zwei Meter großer Riese war.

5. Paul Celan hatte ein Nazi-Arbeitslager überlebt. Seine Eltern wurden im Holocaust ermordet.

6. Über Bukarest kam Celan nach Wien, wo er Ingeborg Bachmann (1926-1973) kennenlernte. Sie wurden für kurze Zeit ein Paar.

7. 1948 ging Celan nach Paris, wo er letzlich an der Sorbonne Lektor für Deutsch wurde. Seit seiner Pubertät hatte er sich als Lyriker betätigt. Viele hielten ihn für äußerst begabt. Seine Vorbilder waren Rainer Maria Rilke, Georg Trakl und Stefan George (Lothar Müller, SZ 23.11.20).

8. Celans Lyrik war weithin vom Holocaust und anderen menschlichen Katastrophen bestimmt. 1944 war zum ersten Mal die „Todesfuge“ auf rumänisch erschienen, unter dem Titel „Todestango“ („Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends“).

9. Die Einladung Celans zur Jahrestagung der Gruppe 47 nach Niendorf an der Ostsee 1952 auf Vermittlung von Ingeborg Bachmann führte zu einem großen Missverständnis. Die „Obergefreiten“ der Gruppe 47 verstanden Celans Vortragsstil nicht, der sich an der Rhetorik Alexander Moissis (1879-1935) gebildet hatte. Moissi war albanisch-italienischer Abstammung, hatte aber östereichische Schulen besucht, und machte in Berlin unter Max Reinhardt eine steile Karriere als Schauspieler. Hans Werner Richter hörte bei Celan den „Tonfall von Goebbels“. Ein größeres Missverstehen gibt es nicht.

10. Paul Celan hatte eine Stimme, wie es wohl keine andere gab. Eine hohe zwischen Mezzosopran und Alt liegende Stimme.

11. Die nächste Katastrophe wurde von der Witwe des jüdischen Lyrikers Yvan Goll, Claire Goll, inszeniert. Sie bezichtigte Celan des Plagiats. Das wurde begierig von Rassisten und Nazis wie Hans Egon Holthusen und Günter Blöcker aufgegriffen. Blöcker vertrat die bekannte Richard-Wagner-These, dass Juden keine Kunst schaffen können. Die Schlüssigkeit und die antisemitische Schlagseite der Celan-Gegner bedrückt uns heute.

12. 1952 hatte Celan Gisèle de Lestrange geheiratet, eine französische Künstlerin.

13. 1967 hat Paul Celan den Nazi-Spießer Martin Heidegger auf dessen Hütte in Todtnauberg zu einem denkwürdigen Treffen besucht. Anscheinend ein schwerwiegendes Missverständnis. Heidegger ging natürlich mit keinem Wort auf sein Fehlverhalten im Nationalsozialismus ein (u.a. Freiburger Rektoratsrede 1933, den „Führer führen“).

14. Über seine Czernowitzer Bekannte Ilana Shmueli (1924-2011), eine Israeli, die dann in den sechziger Jahren seine Geliebte wurde, kam Paul Celan in Kontakt mit Israel. Er entwickelte die Vorstellung, dort zu leben, hielt es aber 1969 nicht länger als 17 Tage aus. Wohl weil er in Israel als „deutscher Schriftsteller“ wahrgenommen wurde. Seine Heimatlosigkeit setzte sich fort.

15. Helmut Böttiger unternimmt in der SZ (23.11.20) den Versuch, Paul Celan vor vielen Missverständnisen zu bewahren und, vor allem, zu belegen, dass Celan selbst der „Todesfuge“ (1944) nach ein paar Jahren skeptisch gegenübergetsnaden habe, ja, dass das Gedicht einen Wendepunkt in seinem Werk darstellt, von dem aus Celan immer sachlicher und radikaler geworden sei.

16. Böttiger zitiert Celans Meinung über Poetik aus dem Jahr 1958: „Düsterstes im Gedächtnis, Fragwürdigstes um sie her, kann sie, bei aller Vergegenwärtigung der Tradition, in der sie steht, nicht mehr die Sprache sprechen, die manches geneigte Ohr immer noch von ihr zu erwarten scheint. Ihre Sprache ist nüchterner, faktischer geworden, sie misstraut dem ‚Schönen‘, sie versucht, wahr zu sein. Es ist also (…) , eine ‚grauere‘ Sprache, eine Sprache, die unter anderem auch ihre ‚Musikalität‘ an einem Ort angesiedelt wissen will, wo sie nichts mehr mit jenem ‚Wohlklang‘ gemein hat, der noch mit und neben dem Furchtbarsten mehr oder minder unbekümmert einhertönte.“

17. Danach geht es bei Celan „um Vieldeutiges, um Ambivalenzen, um etwas Unauslotbares, es geht um die Leerstellen und Zwischenräume, um Assoziationsflächen und Wortvalenzen“.

18. Für mich bleibt Paul Celan immer auch der Dichter der „Todesfuge“, in der er die Schoa und unsere Schuld in einmaliger Weise charakterisiert.

19. Unter dem Druck der vielen Verleumdungen, Missverständnisse und unbegründeten Beschuldigungen wurde Paul Celan psychisch krank. Er verließ seine Familie.

20. 1970 ging er wahrscheinlich von der Pont Mirabeau in die Seine. Bei Ingeborg Bachmann heißt es in „Malina“: „Er ist auf dem Transport im Fluss ertrunken“. Er hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen.

3151: Mit der katholischen Kirche ist es zum Verzweifeln.

Samstag, November 21st, 2020

Detlef Esslinger und Matthias Drobinski sind zwei Journalisten der SZ (beide vom Jahrgang 1964), die über Kirchen und Religion schreiben. Esslinger ist stellvertretender Chef der Innenpolitik. Angesichts der weithin scheiternden Aufklärung über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche stehen Drobinski und Esslinger kurz vor der Resignation:

1. Esslinger wirft dem ehemaligen Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff Unfähigkeit zur Seelsorge vor, wenn der schreibt: „Ich fühlte mich überfordert – vor allem mit Opfergesprächen.“

2. „Es ist zum Verzweifeln mit der katholischen Kirche. Dass man darin eingetreten ist, haben einst die Eltern für einen übernommen. Dass man dringeblieben ist, ist die eigene Entscheidung. Vielleicht, weil man persönlich nie in die Hölle dieser Institution blicken musste.“

3. „Aber warum legt es die katholische Kirche seit Jahrhunderten darauf an, nicht nur als karitative, sondern auch als kriminelle Vereinigung wahrgenommen zu werden? Kreuzzüge, Ablasshandel, Inquisition, die Beihilfe für Tyrannen, das massenhafte Decken von sexueller Gewalt: Mit dem Evangelium hat das alles so viel zu tun wie Moskau Inkasso mit Bankberatung.“

4. Was sexuelle Gewalt betrifft, kamen die Münchener Gutachter im Fall des Bistums Aachen auf 81 beschuldigte Kleriker.

5. „Im normalen Leben ist es so: Wenn man einen Riesenmist angestellt hat, bittet man um Verzeihung und zieht sich dann erst mal zurück – vor allem hört man auf, der Welt Ratschläge zu geben.“

6. „Vorschriften und Drohungen sind ihr (der Kirche) Ding. Tue dies und lasse das. Wenn du später in den Himmel willst, geh lieber sonntags in die Messe. Komme zur Beichte. Onaniere nicht. Bloß kein Sex vor der Ehe. Mit solchen Vorschriften hat sie Katholiken jahrhundertelang in Gottesfurcht gehalten.“

7. „In der katholischen Kirche gibt’s Ränge und Ehrentitel wie sonst nur beim Militär: Kaplan, Monsignore, Prälat, Dekan, Abt, Prior, Regionaldekan, Weihbischof, Bischof, Erzbischof, Kardinal.“

8. „Wer als Geschiedener wieder heiratet, den schließt die Kirche grundsätzlich von ihrer Kommunion aus. Wer gar bei ihr beschäftigt ist, dem nimmt sie mit der Wiederheirat die berufliche Existenz.“

9. „Wen jemand liebt und wen nicht mehr und warum – das geht niemaden etwas an, keinen Nachbarn, keine Bürgermeisterin und keinen Kardinal. Warum gehört eine solche Anmaßung gerade zum Wesen ausgerechnet jener Institution, die so viele Unholde jahrzehntelang gedeckt hat?“

10. „2019 haben in Deutschland 273.000 Gläubige die katholische Kirche verlassen, das sind 14.000 mehr als Aachen Einwohner hat (dass ein weiteres Aachen bei den Protestanten hinzukam, sei hinzugefügt, macht die Sache aber für die katholische Kirche nicht besser).“ (Detlef Esslinger, SZ 18.11.20)

11. Über das Münchener Gutachten: „Denn die Untersuchung in Aachen wechselt grundsätzlich die Perspektive. …Was geschah, um Betroffenen der Gewalt zu helfen? Und was geschah, dass es möglichst keine weiteren Opfer geben wird? Es ist die Perspektive der verletzten Menschen. Insofern ergreifen die Gutachter Partei – für die Schwachen, auf deren Seite zu stehen die Kirche doch so stolz ist.“

12. „Um so mutiger ist der Schritt des jetzigen Aachener Bischofs Helmut Dieser und seines Generalvikars Andreas Frick, diesen Bericht zu veröffentlichen. Aachen setzt damit einen Standard – und lässt die Argumente des benachbarten Erzbistums Köln bröckeln.“ (Matthias Drobinski, SZ 13.11.20)

3147: „Grünes Gewölbe“-Raub: 3 Festnahmen

Mittwoch, November 18th, 2020

Bei einer Großrazzia mit 1.640 Beamten des Bundes und der Länder Berlin und Sachsen sind drei 23- bis 26-jährige Personen in Neukölln festgenommen worden, die beschuldigt werden, im November 2019 den Kunstraub im Dresdener „Grünen Gewölbe“ begangen zu haben. Allen von uns, die die sächsischen Kunstschätze, den sächsischen Kunstverstand und Sachsens Rolle in Deutschland schätzen, fällt ein Stein vom Herzen. Zwei weitere je 21 Jahre alte Beschuldigte werden noch gesucht. Sie werden des schweren Bandendiebstahls und der Brandstiftung beschuldigt. Die Beschuldigten sind deutsche Staatsbürger, entstammen aber einem arabischen Clan. Es wurden 18 Objekte, darunter Wohnungen, Garagen und Fahrzeuge durchsucht. Den Angaben der Polizei zufolge wurden noch keine Juwelen und andere geraubte Kunstschätze gefunden (dpa, SZ 18.11.20).

Sachsen war ja in letzter Zeit durch Kräfte wie Pegida und AfD in Verruf geraten. Aber das ist nicht wirklich Sachsen. Das Sachsen, das wir schätzen, hat eine ähnlich große Bedeutung für Deutschland wie in anderer Weise Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Sachsen war nie so militaristisch wie Preußen, in religiösen Angelegenheiten eher tolerant, kunstsinnig, weltoffen, verbunden mit Italien uswusf. Wir können und wollen darauf nicht verzichten. Nicht zu vergessen: Restschlesien um Görlitz. Und wir denken an den Dresdener Kreuzchor, die Leipziger Thomaner, die wieder aufgebaute Dresdener Frauenkirche, an Erich Kästner, Peter Schreier und Gerhard Richter.

3146: Israel beschleunigt völkerrechtswidrigen Siedlungsbau.

Dienstag, November 17th, 2020

Zum Ende der Präsidentschaft Donald Trumps beschleunigt Israel den völkerrechtswidrigen Siedlungsbau im West-Jordanland. Das wird zu einer Kraftprobe zwischen Israel und dem neuen US-Präsidenten Joe Biden. Quasi als Abschiedsgeschenk plant US-Außenminister Mike Pompeo einen Besuch in der Siedlung Psagot. Die hat einen Wein Marke „Pompeo“ auf den Markt gebracht. Alle Fehler der Trump-Administration werden zum Ende seiner Amtszeit nochmals befestigt.

Dabei verkennen wir ja nicht, dass es kürzlich eine außenpolitische Annäherung zwischen einigen arabischen Staaten und Israel gegeben hat. Unter der Bedrohung durch den Feind Iran.

Trump und Pompeo genießen unter israelischen Siedlern Heldenstatus. Die israelische Menschenrechtsorganisation Peace Now sieht in den geplanten neuen Bauvorhaben im Westjordanland „einen tödlichen Schlag für die Friedenssuche und die Möglichkeit einer Zwei-Staaten-Lösung“. (Peter Münch. SZ 17.11.20).

Ja, die israelischen Siedler wollen gar keinen Frieden.

3144: Stasi-Unterlagen-Behörde ins Bundesarchiv

Sonntag, November 15th, 2020

Die Behörde für die Unterlagen der Staatssicherheit der DDR (1.400 Mitarbeiter) wird ins Bundesarchiv (1.000 Mitarbeiter) überführt. Das hat eine besonders große Koalition aus CDU/CSU, SPD, Grünen und FDP beschlossen. Mit der Amtszeit des derzeitigen Beauftragten, Roland Jahn, 2021, endet die Behörde. Akten, Personal und Standorte bleiben zunächst erhalten. Der Bundestag schafft die Position eines Bundesbeauftragten für die Opfer der SED-Diktatur. Die Stasi-Unterlagen-Behörde war mehr als alles andere ein Symbol des Untergangs der DDR. Ihre Chefs waren (vor Roland Jahn) Joachim Gauck und Marianne Birthler. Durch die Behörde konnten sehr viele Einzelne ihre Biografie neu entdecken. Und wer sie auf welche Weise bespitzelt hatte. Insbesondere in den Augen mancher Westdeutscher war die DDR ein Stasi-Staat.

Aber das stimmt nicht.

Die DDR war eine SED-Diktatur, die sich die Stasi als „Schild und Schwert“ hielt. Und während viele kleine „inoffizielle Mirbeiter“ (IM) geächtet wurden, gelang es der SED als „Die Linke“, sich unbelastet zu geben. Das ist eine Lüge. „Die Linke“ führt die falsche Politik der SED fort (Frank Pergande, FAS 15.11.20).