Archive for the ‘Geschichte’ Category

3512: Vor 50 Jahren gestorben: Ludwig Marcuse

Freitag, Juli 30th, 2021

Als ich ihn während meines Studiums in einem Fernseh-Interview 1968 mit Marcel Reich-Ranicki näher kennenlernte, war sein Namensvetter Herbert weit bekannter als er: Ludwig Marcuse (1894-1971), der deutsche Philosoph und Literaturwissenschaftler. Er lebte seit 1962 wieder in Deutschland, in Bad Wiessee. Dieser wunderbare Individualist, der immer so frei war, sich ohne Gewissensbisse zu widersprechen, von keiner Weltanschauung beschützt und tausend Anfälligkeiten ausgesetzt. Er musste 1933 ins Exil, zunächst nach Frankreich (Sanary-sur-mer), dann in die USA. Hier arbeitete er als Professor für Germanistik an der Universität von Los Angeles.

Der geborene Berliner aus einer jüdischen Familie interessierte sich wenig für berufliches Fortkommen und wirtschaftlichen Erfolg. Promoviert hatte er bei dem Religionsphilosophen Ernst Troeltsch („Die Individualität als Wert und die Philosophie Friedrich Nietzsches“). Nach dessen frühem Tod 1923 blieb ihm in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere versperrt, er arbeitete fortan als freier Schriftsteller und hatte viele Freunde und erbitterte Feinde. Besonders eng war er mit Joseph Roth befreundet. Er hielt sich an Friedrich Hebbels (1813-1863) Diktum: „Ich halte es für die größte Pflicht eines Menschen, der überhaupt schreibt, dass er Materialien zu seiner Biographie liefere. Hat der Mann keine geistigen Entdeckungen gemacht und keine fremden Länder erobert, so hat er doch gewiss auf mannigfachste Weise geirrt, und seine Irrtümer sind der Menschheit ebenso wichtig wie des größten Mannes Wahrheiten.“

Karl Marx hatte geschrieben (und Marcuse zitierte das gerne): „Die Liebe nicht zum Feuerbachschen Menschen, nicht zum Moleschott’schen Stoffwechsel, nicht zum Proletariat, sondern die Liebe zur Liebsten und namentlich zu dir macht den Mann wieder zum Mann.“ Ludwig Marcuse hielt sich an Georg Büchner (1813-1867), wo der schrieb: „Es läuft auf eins hinaus, an was man seine Freude hat: an Leibern, Christusbildern, Weingläsern, an Blumen oder Kinderspielsachen, es ist das nämliche Gefühl: wer am meisten genießt, betet am meisten.“

Aber Ludwig Marcuse war weit mehr als ein zur aufgeklärten Milde neigender Konservativer. Die ersten Bücher, die ich von ihm las, waren „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) und „Nachruf auf Ludwig Marcuse“ (1969). Er klärte darin u.a. auf, dass einer der ersten prominenten Psychoanalytiker, der schweizerische Staatsbüger Carl Gustav Jung (1875-1961), ein Nazi gewesen war. Das ist bis heute nicht aufgearbeitet und soll womöglich auch nicht geklärt werden. Die folgenden Zitate Jungs entnehme ich Marcuses Buch „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) auf den Seiten 141 bis 148.

Jung sagt 1933: „Die tatsächlich bestehenden und einsichtigen Leuten schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann. Es gibt in der Psychologie vor allen anderen Wissenschaften eine persönliche Gleichung.“ „Freud gründete sich mit fanatischer Einseitigkeit auf die Sexualität, die Begehrlichkeit, das ‚Lustprinzip‘ mit einem Wort.“ „Als die physisch Schwächeren müssen sie (die Juden, W.S.) auf die Lücken in der Rüstung des Gegners zielen.“ „Das arische Unbewusste hat ein höheres Potential als das jüdische.“ „Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, dass sie jüdische Kategorien … unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte.“ „Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in einem tiefen Grunde, der alles andere ist als der Kehricht-Kübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments.“ So weit unser Psycho-Nazi. Dazu schrieb der Nationalökonomie-Professor Wilhelm Röpke: „Die Geschichte des Professors Jung ist gewiss ungewöhnlich in ihren ekelhaften Details.“

Ludwig Marcuse hat sehr viele Bücher geschrieben, darunter auch einige nicht ganz so gute. Ungeduld war seine Schwäche. Aber er hat seinen Protagonisten Georg Büchner, Ludwig Börne, Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud seine ganze Leidenschaft gewidmet. 1949 erschien seine „Philosophie des Glücks“, die sich heute noch zu lesen lohnt. Er hat die Tagebuchaufzeichnungen seiner Schwester Esther bis zu deren Ermordung durch die Nazis veröffentlicht, die in Deutschland geblieben war, um sich um ihre alte Mutter zu kümmern. Ludwig Marcuses Standardsatz, den wir uns merken sollten, lautete: „Es ist immer komplizierter.“

(Hinweise von Johann-Hinrich Claussen, SZ 30.7 21)

3511: Springer verkauft in Osteuropa.

Donnerstag, Juli 29th, 2021

Vor zwei Jahren trat der US-Investor KKR bei Springer („Bild“, „Welt“) mit ungefähr 50 Prozent ein. Die andere Hälfte halten Friede Springer und der Vorstandsvorsitzende Matthias Doepfner. Nun trennt sich Springer von fast allen journalistischen Aktivitäten in Osteuropa: Ungarn, Serbien, Slowakei, Estland, Lettland, Litauen. Es geht um mehr als 200 Digital- und Printprodukte mit mehr als 3.100 Mitarbeitern. Nur in dem recht großen Markt in Polen bleibt Springer aktiv.

Die abgegebenen Produkte übernimmt der Osteuropa-Partner von Springer, der Schweizer Verlag Ringier („Blick“). Springer will sich auf das Digitalgeschäft in den USA, Deutschland und Polen konzentrieren. Angestrebt wird eine Marktführerrolle. Diskutiert wurde vor allem über die „Welt“. Aber Friede Springer hat sich klar zu diesem Blatt bekannt. Die Samstagsausgabe (die ich wegen der „Literarischen Welt“ abonniert habe) wird gestrichen und durch die „Welt am Sonntag“ ersetzt, die samstags erscheinen soll. Warten wir es ab (Caspar Busse, SZ 29.7.21).

3510: Die iranische Despotie

Mittwoch, Juli 28th, 2021

Seit 1979 herrscht in Iran eine religiöse Despotie. Darüber schreibt der iranische Schriftsteller Shahriar Mandanipour, der in den USA lebt (SZ 24./25.7.21):

Das iranische Volk wird seither unterjocht. Ihm wird schwerer, auch wirtschaftlicher Schaden zugefügt. Armut und Arbeitslosigkeit steigen Jahr für Jahr, obwohl Iran zu den fünf Ländern auf der Welt gehört, die am meisten natürliche Ressourcen besitzen. Das Regime ist korrumpiert. Die rebellische Generation der 1970er ist entweder im Exil (zum Teil im inneren), altert in der Isolation vor sich hin oder ist tot. Iran ist der

Hauptgegner Israels und will Atomwaffen.

Bei der letzten Wahl hat der Wächterrat viele Bewerber gar nicht erst zugelassen, so dass Ebrahim Raissi („der Schlächter“) gewählt werden konnte. Stalin sagte: „Es sind nicht die Leute, die abstimmen, die eine Wahl entscheiden – sondern diejenigen, die die Stimmen zählen.“ Wir wissen das aus der Sowjetunion und der DDR. Es gilt auch in Iran. Die jungen Leute von heute sind pragmatisch, sie wollen das Leben genießen und die islamische Dystopie loswerden. Für das Regime ist das Internet eine große Gefahr. „Die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit, Gleichheit und Würde ist das letzte, was die Iraner aufgeben werden. Wird sie ihnen genommen, haben sie nichts mehr zu verlieren außer ihrem Leben. Und alles wird losgehen, an der erstbesten Polizeistation.“

3508: IG-Metall-Chef kritisiert Union und FDP.

Dienstag, Juli 27th, 2021

IG-Metall-Chef Jörg Hoffmann kritisiert die Steuerpläne von CDU/CSU und FDP. „Die Berechnungen des ZEW-Instituts zeigen, dass Union und FDP vor allem hohe Einkommen entlasten und die Steuereinkommen deutlich senken wollen.“ Das beschädige die Investitionskraft für Bildung und Infrastruktur. „Als könnte man diese Zukunftsfragen durch Steuersenkungen für Besserverdiener lösen. Mit solchen Versprechen werden doch nur die Wähler veräppelt.“

Hoffmann schlägt stattdessen vor, kleinere Einkommen bis hin zur Mittelschicht mit 5.000 oder 6.000 Euro Brutto-Monatsverdienst um 400 bis 700 Euro pro Jahr zu entlasten. … Ich halte auch Facharbeiterinnen für Leistungsträger. Nicht nur Unternehmer und Manager.“ Hoffmann bringt einen Steuerbonus ins Spiel, um die Arbeitszeit in Metall-Firmen häufiger auf vier Tage die Woche zu reduzieren. Es gehe darum, die Transformation zu schaffen, ohne dass massiv Jobs verloren gingen. „Deshalb wünsche ich mir, dass die Bundesregierung den tariflich vereinbarten Teillohnausgleich steuerfrei stellt.“ (Alexander Hagelüken, SZ 27.7.21)

Es ist eine ganz alte Litanei, die hier gelesen wird. Und immer hatte die IG Metall recht. Die deutsche Wirtschaft lebt neben ihren Unternehmern weithin von ihren kompetenten und zuverlässigen Arbeitnehmern und ihren Gewerkschaften, die stets das richtige Maß finden. Zum Glück!

3507: Rettet uns die Wissenschaft ?

Montag, Juli 26th, 2021

Den stärksten Hang zu Vereinfachungen und Verschwörungstheorien haben in der Regel diejenigen, die sich auf dem Feld der Wissenschaft nicht allzu viel zutrauen. Sie fühlen sich zurückgesetzt. Und das sind sie in gewisser Hinsicht ja auch. Der Gipfelpunkt dieser Frustration wird an vielen Stammtischen deutlich in dem Satz: „So einfach ist das.“

Seit der Aufklärung ist die Geschichte der westlichen Zivilisation eine Geschichte der Entzauberung. Der alten Autoritäten wie Staat, Kirche, Familie usw. Schließlich aber auch der neuen wie Sport und Medien. Und letztlich auch der Wissenschaft. „Vollzogen hat sich diese Entwicklung in einer Art paradoxem Effekt. Je mehr sich in den Debatten die Vertreter von liberaler Vernunft und Vernünftigkeit auf die Wissenschaft beriefen, um so schwächer schien der Abwehrzauber (etwa gegen Vorurteile, W.S.) zu wirken.“ (Jens-Christian Rabe, SZ 19.7.21).

In der letzten Zeit hatten wir offen wissenschaftsfeindliche Regierungen in den USA, Polen und Ungarn mit „mittelgroßen Lügen“ (Timothy Snyder). Es muss ein Abwehrkampf gegen die Spinner der Welt geführt werden. Die Skepsis gegenüber der Wissenschaft produziert diese selbst. Man denke nur an die „am Fließband produzierten, mit ein paar Tricks zu statistischer Signifikanz aufgeblasenen Studien“. Es lassen sich auf diese Weise Ergebnisse gewinnen, die schlichter Bullshit sind. Der Hauptgrund dafür ist enorme Publikationsdruck in der Wissenschaft.

„Nicht gerade weniges, was zu einer Zeit als unumstößlich wahr gilt, kann später vollkommen anders beurteilt werden. Wer oder was etwa im medizinischen Sinne für ‚verrückt‘ gilt, ist im Laufe der Geschichte extrem unterschiedlich gewesen. Dieser Blick lehrt eine Demut, die im hitzigen unmittelbaren Kampf gegen Spinner eher kontraintuitiv ist.“ Experimentalwissenschaften sind gar nicht auf unzweifelhafte und im Zweifel leider triviale Gewissheiten aus, sondern vielmehr auf Neuheiten, die naturgemäß vage, unsicher und widersprüchlich sind. Die Frage also, ob die Wissenschaft als Anker unserer Ordnung taugt, können wir nur mit

ja und nein

beantworten.

„Wissenschaft allerdings auch als soziale Methode zu begreifen, um unter der Bedingung zunehmender weltanschaulicher Pluralität kontrolliert skeptisch die Erkundung der kleinsten gemeinsamen Wirklichkeit zu wagen, ist nötiger denn je. Vielleicht ist es sogar unsere letzte Hoffnung.“

3505: Der Niedergang der SPD

Samstag, Juli 24th, 2021

In einer Fehleranalyse bemühen sich Peter Fahrenholz und Mike Szymanski in der SZ (24./25.7.21) zu ergründen, warum es den Niedergang der SPD gibt, der bei ihnen eher eine „Selbstzerstörung“ ist. Ich kürze:

1. Seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 hatte die SPD 13 Vorsitzende.

2. Nach dem Desaster bei der Europawahl 2019, bei die SPD 15,8 Prozent bekam, trat Andrea Nahles vom Vorsitz zurück. Sie war zermürbt von den inneren Konflikten in der Partei und von der persönlichen Illoyalität.

3. Zum neuen Führungsduo Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sagt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte: „Die machen Minderheitenpolitik, das ist Oppositionsgebaren.“

4. Bei der demokratischen Linken in Europa haben sich klassische Wählermilieus aufgelöst. Sie werden übertönt von individuellen Werten. Und Globalisierung, Digitalisierung und Umweltschutz überzeugen sie nicht.

5. Modernisierungsbejahenden Milieus stehen Modernisierungsskeptiker gegenüber.

6. In einem Vortrag im Seminar von Karl-Rudolf Korte hat Andrea Nahles konstatiert, dass in den Augen vieler Wähler die Partei  „oft zu weit links bei kulturellen Fragen und zu wenig klar und zu wenig engagiert bei ökonomischen Fragen“ sei.

7. SPD-Funktionäre vertreten zu oft andere Positionen als SPD-Kernwähler.

8. Die SPD kümmert sich zu wenig um die politikfernen Wählerschichten.

9. Die SPD-Bundestagsfraktion macht konkrete Politik und hat mit vielen Diskussionen in der Partei (Gendering, LGBTTI etc.) wenig zu tun.

10. De facto ist die „Ehe für alle“ für die SPD nicht so wichtig wie der Mindestlohn und die Rente mit 63.

11. Erfolge, welche die SPD in der konkreten Politik durchaus erzielt, werden von ihr nicht genug herausgestellt.

12. Die SPD in Bayern könnte den Weg vorzeichnen, den die Partei bald bundesweit nehmen wird. 2013 holte sie mit Christian Ude noch 20,6 Prozent, fünf Jahre später stürzte sie auf 9,7 Prozent ab. Demnächst könnte sie Probleme mit der Fünf-Prozent-Klausel bekommen. In Sachsen-Anhalt bekam die SPD 2021 8,4 Prozent.

13. Christian Ude ironisch dazu: „Die großen sozialen Fragen sind, ob der Kolumbusplatz weiter so heißen darf und ob die Kinder noch Indianer spielen dürfen.“

14. „Gerade die unteren Einkommensschichten warten auf ein neues Aufstiegsversprechen und nicht auf ihre moralische Abkanzelung.“

15. Der Vorsitzende Sigmar Gabriel wusste 2017 von Anfang an, dass Martin Schulz für einen Erfolg der falsche Kandidat war.

16. Saskia Esken und die Jusos setzen auf ein Linksbündnis mit Grünen und der Linkspartei. Karl-Rudolf Korte: „Das ist völlig unrealistisch.“

17. Viele in der SPD halten eine Deutschland-Koalition aus Union, SPD und FDP für abwegig. „Nur wenn wir uns abschaffen wollen, machen wir so etwas.“

18. Falls Olaf Scholz bei der Bundestagswahl am 26. September nicht erfolgreich genug ist, hält sich Manuela Schwesig schon als neue Parteivorsitzende bereit (vorausgesetzt sie gewinnt die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern).

3504: Raquel Erdtmann: Für Juden gibt es kein freies, selbstbestimmtes Leben in Deutschland.

Freitag, Juli 23rd, 2021

Raquel Erdtmann legt in der „Welt“ vom 17.7.21 überzeugend dar, dass und warum es für Juden in Deutschland kein wirklich freies und selbstbestimmtes Leben gibt. Ich verkürze:

1. „Die deutschen Juden sind unverbesserliche Optimisten, sehen wach und genau, was passiert, und glauben dennoch an das Gute. Trotz jahrhundertelanger Erfahrung mit Pogromen, dem erzwungenen Leben im Getto, dem gelben Hut, den zu tragen im Mittelalter als gelber Stern in der Nazi-Zeit wiederkehrte, liebten sie dieses Land. Um zurück geliebt zu werden, gaben viele von ihnen im 19. Jahrhundert ihre Traditionen auf, erkauften sich Stellung und Ansehen mit Taufe und Assimilation.“

2. Aus den vielen Talenten, welche die Juden zum deutschen Leben beisteuerten (Wissenschaft, Recht, Handel, Sport, Politik etc.), entstand der Begriff der „deutsch-jüdischen Symbiose“.

3. In der Weimarer Republik, also nur in einem winzigen Zeitfenster in der langen deutsch-jüdischen Geschichte, wurden die Juden wirklich gleichberechtigt. Sie konnten im Staatsdienst zum Minister aufsteigen und in der Armee zum Offizier.

4. Am Ersten Weltkrieg hatten Juden in überdurchschnittlicher Zahl, proportional zu ihrer Bevölkerungszahl, freiwillig als Soldaten teilgenommen.

5. Sie errichteten ihren Toten statt der traditionellen schlichten Grabsteine pompöse Grabmäler nach christlichem Vorbild (so etwa in Berlin-Weißensee).

6. Wer zu Reichtum gekommen war, stiftete und förderte (bei Universitäten, Forschungseinrichtungen, Kunstsammlungen, Armenspeisungen, Fußballvereinen).

7. Heute reagieren viele Deutsche bei antisemitischen Anfeindungen mit Wegsehen und Beschweigen, aus Hilflosigkeit.

8. Als Israel 1948 gegründet wurde, verband sich für die überlebenden Juden in Europa damit die Hoffnung, nun einen sicheren Zufluchtsort zu haben.

9. Die Kinder der „Displace Persons“, die nach 1945 nicht schnell genug aus Deutschland weggekommen waren, wurden alsbald eingeschult.

10. Durch die Besetzung der Bühne gegen Rainer Werner Fasbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ 1977 zeigten Juden, dass sie da waren und bleiben wollten.

11. Angriffe, Bedrohungen, ein Niederreden in Hochschulen und Anschläge auf jüdische Einrichtungen gab es in den siebziger Jahren nur aus dem linksradikalen Milieu (SDS, K-Gruppen, DKP usw.).

12. Und in Israel war spätestens seit 1967 klar, dass sich der einst demütige Gettojude wehrte gegen seine Vernichtung. Mit Soldaten.

13. Konservative Deutsche entwickelten Sympathie für den kleinen, wehrhaften Judenstaat.

14. „Die Deutschen und das Militär, das war jahrhundertelang eine große Liebe, und niemand beschrieb das bis heute besser als der Dichter Heinrich Heine.“

15. In den von Jan Philipp Reemtsma organisierten und finanzierten Wehrmachtsausstellungen wurde vollends klar, dass die Wehrmacht keineswegs sauber gewesen war. Das hätte man auch schon früher wissen müssen.

16. „Heute brauchen echte Antisemiten sich nur den Mantel der legitimen Israelkritik umzuhängen und der Kunstbetrieb verteidigt sein Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Mehrheit im Land stöhnt schon beim Wort Antisemitismus, es berührt und interessiert sie nicht.“

17. Martin Walser sprach bei der Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels von dem „Mahnmal der Schande“ und der „Auschwitzkeule“. Und fast alle applaudierten.

18. Die Juden aus der Sowjetunion, die nach 1991 kamen, brachten wenig Frömmigkeit und das Bewusstsein mit, die Befreier der Deutschen vom Nationalsozialismus zu sein.

19. 2014 markierte den Bruch. Der 1979 von Ajatollah Khomeini ins Leben gerufene „Al-Quds-Tag“ etablierte sich nach den Raketenangriffen der Hamas auf Israel als Kampftag gegen die „israelische Besatzung“.

20. Üblich wurden Parolen wie „Kindermörder Israel“ und „Juden ins Gas“. Und vor den Einfamilienhäusern der Alt-68er stehen selbstgemalte Schilder mit „Free Palestine“ und „Free Gaza“.

21. Die Juden weltweit sehen Israel u.a. als Exit. „Oft mit schlechtem Gewissen, weil die Israelis diesen Zufluchtsort unter Einsatz ihres Lebens sichern, während man hier bequem vom Sofa aus die Nachrichten guckt.“

22. Verschwörungstheorien von der „jüdischen Weltherrschaft“ sind wieder in Mode.

23. In den anthroposophischen Bewegungen, die mit ihrem Antisemitismus den Protest gegen die Corona-Maßnahmen anführen, findet man heute leicht den Anschluss an die „Reinheit der Rasse“ und die „Gesunderhaltung des deutschen Volkskörpers“.

24. „Juden sind wieder die ‚anderen‘, die Fremden, eine Projektionsfläche für links und rechts, für Islamisten sowieso.“

Kommentar W.S.: Das ist die furchtbare und tragische Wahrheit.

3502: Israel als letzter Fall des Kolonialismus ?

Donnerstag, Juli 22nd, 2021

Wem bisher die Probleme von postkononialen Theoretikern wie A. Dirk Moses mit der Singularität des Holocaust noch nicht plausibel waren, dem schenkt Thomas E. Schmidt nun reinen Wein ein (Die Zeit 22.7.21). Ich fasse seine Argumente hier zusammen:

1. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden nicht (mit John Locke und Immanuel Kant) die Menschenrechte erklärt und begann das Zeitalter der Demokratie, sondern das der weißen Vorherrschaft.

2. Sie wurde durchgesetzt mit Hochsee-Seglern und Kanonen.

3. „Whiteness“ wurde die Lebensform der sozialen Unterschiede, des Eigentums, des Verbrauchs der natürlichen Ressourcen und der männlichen Gewalt.

4. Die Linke war die einzige dekolonialisierende Kraft. Sie wurde die einzige Gegenmacht zur „Whiteness“.

5. Deutschland begab sich nach 1945 auf den Weg nach Westen, in die „Whiteness“ hinein. Das war nur eine Etappe des Rassismus.

6. Seither stützt Deutschland die israelische Politik gegen die Palästinenser.

7. „Die meisten sind für Israel, aber gegen die dortige Behandlung der Palästinenser. Andererseits: Israel deswegen zu verdammen, ist das antirassistisch, antizionistisch, antjüdisch oder sogar antisemitisch?“

8. Nur Rechtsextreme fordern noch, dass Israel von der Landkarte verschwinden soll.

9. „So gesehen ereignet sich der aktuelle Ernstfall von ‚whiteness‘ in Israel.“

10. „Die jüdische Landnahme stellt .. den letzten großen Fall in der modernen Geschichte der Kolonisierung dar, Israel die derzeit skandalöseste Gestalt westlicher Nationalität im ‚rassistischen Jahrhundert‘ (Moses). Originär ist dann nicht die Schoah, sondern die Gründung des Judenstaates.“

Kommentar von Wilfried Scharf: Thomas E. Schmidt gelingt eine überzeugende Charakterisierung der Verirrungen der postkolonialen Theorie im Hinblick auf Israel. Die Merkelsche Politik, Israel zur deutschen Staatssouveränität zu zählen, ist richtig.

 

3498: Kein Ehrengrab mehr für Oskar Loerke ?

Dienstag, Juli 20th, 2021

Der Berliner Senat befindet von Zeit zu Zeit über die Ehrengräber der Stadt. Frühestens fünf Jahre nach dem Tod und für zunächst zwanzig Jahre. Das zuständige Bezirksamt übernimmt dann die Kosten der Instandhaltung und Grabpflege. Wie im Juli 2021 im Fall des 1996 gestorbenen Rockmusikers Rio Reiser und des Filmkritikers Karsten Witte (1944-1995). Verlängert wurde u.a. das Ehrengrab für Bertolt Brecht.

Im Fall des Lyrikers Oskar Loerke (1884-1941) wurde das Ehrengrab nicht verlängert.

Das nimmt der Schriftsteller Lutz Seiler („Kruso“) zum Anlass für einen Brief an den Berliner Senat (SZ 20.7.21). Loerke werde der Ehre nicht für wert befunden, „da ein fortlebendes Andenken in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht mehr erkennbar ist“. „Hier beginnt das Erschrecken: Wäre es eventuell möglich, mit dieser nicht näher spezifizierten Öffentlichkeit als Maß und im Grunde unwiderlegbarem Argument auch das Erinnern an die Geschichte der Dichtung und das Wirken ihrer Autoren insgesamt abzuschaffen? Bis auf Goethe vielleicht?“

Loerke wurde 1884 in Graudenz (Westpreußen) geboren und ging 1903 zum Studium nach Berlin. Das schloss er aber nicht ab und lebte als freier Schriftsteller. In 25 Jahren hatte er sieben umfangreiche Gedichtbücher vorgelegt. Er schrieb auch anderes und vor allem Tagebücher. Sie zeigen, was am Anfang des Nationalsozialismus „innere Emigration“ bedeutete. Mit 42 Jahren wird Loerke Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und zwei Jahre später Sekretär der „Sektion für Dichtkunst“. Bleibende Anerkennung erfährt Loerke von den Kollegen Günter Eich, Wilhelm Lehmann und Hermann Kasack. Vor allem aber von Paul Celan. In der ersten Ausgabe von Peter Huchels „Sinn und Form“ erschien 1949 ein Auszug von Loerkes Gedichten.

Nach der Machtergreifung der Nazis verlor Oskar Loerke seinen Sekretärsposten. Um eine Abmilderung bemüht, strebte er eine Verabschiedung aus gesundheitlichen Grünen an. Die Antwort: „Ärztliche Atteste? Die der Freunde, des Juden Plesch oder des Mitglieds Benn würden nicht genügen.“ Oskar Loerke blieb nichts anderes, als seine Abschau vor der „Gleichschaltung“ zu formulieren. Er sprach von „Schmach“, „Garaus“, „Ekel“ und von einer „Verzweiflung über das Teuflische“. „Ihr Herz ist Kot, verjaucht ihr Hirn,/Was hebt sich noch das Tagegestirn?“

Lutz Seiler: „Verehrte Bürgermeisterinnen und Bürgermeister von Berlin, verehrter Michael Müller! Obwohl nun auch ich mich zu jenen in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht Erkennbaren zählen muss, noch dieses letzte öffentliche Wort: Für mich ist Loerkes Werk groß und wertvoll. Und ich bin nicht der einzige Schriftsteller, der auf diese Weise empfindet: Gern wäre ich bereit, Ihnen einen Überblick über die Loerke-Rezeption in der Gegenwartsliteratur zu skizzieren, um ihr Bildnis einer ‚allgemeinen Öffentlichkeit‘ ein wenig zu konkretisieren. Darüber hinaus bin ich sicher, dass es für Oskar Loerkes Bedeutung in der deutschen Literaturgeschichte nicht entscheidend ist, ob ihm von Ihnen die Ehre eines Ehrengrabs entzogen wird oder nicht – Ihrer Begründung dafür möchte ich hiermit widersprochen haben.“

 

3493: Hoffnung auf ein besseres England

Freitag, Juli 16th, 2021

Die britische Schriftstellerin A.L. Kennedy hat schon mehrfach in der SZ die gesellschaftlichen Verhältnisse im United Kingdom kritisiert. Jetzt wieder am 16.7.2021. Sie ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich muss hier an manchen Stellen  kürzen:

1. Kennedy schätzt an England seinen Humor, seine Tapferkeit, die blühenden multikulturellen Städte, seine soziale Mobilität und seine Rechtsstaatlichkeit.

2. Nach 1945 waren symptomatisch die Berliner Luftbrücke, die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, der Rock’n’Roll und die Wiederherstellung der Menschenrechte im Nachkriegseuropa.

3. Heute vermissen wir Leute, „die in einem vom Krieg verwüsteten Land Gleichberechtigung, Kooperation, Bildung und Gerechtigkeit gesetzlich verankerten“.

4. „Aber man schaue sich unseren Innenminister an, unsere Regierung, ihre Handlanger in der BBC, man schaue sich die kümmerlichen Reste unserer Infrastruktur an. Das alles gehört zu den restlichen 30 Prozent. Brexit, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Transphobie, Islamophobie, Europhobie, Leugung des Klimawandels, Covid-Leugnung, Realitätsleugnung. Wenn man erst mal an eins davon glaubt, dann glaubt man bald alles davon.“

5. „Diejenigen, die die Meinung dieser 30 Prozent manipulieren, hoffen, dass der Prozentsatz steigen wird. Sie haben schon viele Siege errungen. Ihre antieuropäische Propaganda benötigte nur ein paar Jahre, um mit Hilfe von Vorurteilen und glatten Lügen das Desinteresse der Bevölkerung an Europa in Besessenheit zu verwandeln, die in ein manipuliertes Referendum mündete.“

6. „Die Wirklichkeit – eine Riesen-Menge von Covid-Geschädigten, eine immer kleiner werdende Anzahl Beschäftigter, die mehr Lohn fordern können, der Absturz in eine Instabilität, die ihre Anstifter zerstören könnte -, all das wird ignoriert. (Wichtig: die Realität muss stets ignoriert werden!)“

7. „Heute kommt diesen Leuten die Fadheit der öffentlich-rechtlichen Senderealtät entgegen.“

8. Für die meisten seiner Teilnehmer war der Erste Weltkrieg eine Katastrophe. „Doch die meisten von ihnen wurden mit Bier, dem Wahn weißer Dominanz und dem Fußball ruhiggestellt.“

9. „Jetzt, da unsere Supermarktregale sich leeren, die Klügsten auswandern, unsere Lehrer und Krankenschwestern kündigen, ausgerechnet jetzt wird unser öffentlicher Diskurs bestimmt von Werten des 18. Jahrhunderts und vom Fußball. Am vergangenen Sonntag verwüsteten rassistische Fans London, weitgehend unbehelligt durch dieselbe (institutionell rassistische) Polizei, die nichts dabei fand, auf friedliche ‚Black-Lives-Matter‘-Demonstranten einzuprügeln.“

10. Boris Johnsons Politik unterhöhlt das Demonstrationsrecht, die Entwicklungshilfe und jede Toleranz gegenüber Andersartigkeit.

11. „Er hatte gehofft, vom Ruhm eines englischen EM-Siegs profitieren zu können. Stattdessen setzten er und seine Lehnsherren die Niederlage mit Schwarzsein gleich.“

12. „Aber welches England, welches Großbritannien wird übrig bleiben? 70 Prozent von uns hoffen, dass es ein Land des Schenkens, der Geflüchteten, der kostenlosen Schulmahlzeiten sein wird, ein Land großer Songs und großer Spiele. Bald werden wir mehr tun müssen, als einfach nur darauf zu hoffen.“