Die Schriftstellerin Jagoda Marinic´zeigt in der SZ (31.10./1.11.19), dass Peter Handke die vom UN-Kriegsverbrechertribunal in den Haag festgestellten serbischen Kriegsverbrechen leugnet, die zwischen 1992 und 1995 von Serben an muslimischen Bosniern begangen worden sind. Die „Mütter von Srebrenica“ verlangen von ihm deswegen, den Literaturnobelpreis zurückzugeben. 1996 erschien in der SZ der einschlägige Handke-Text „Gerechtigkeit für Serbien“, der später in serbischen Zeitungen nachgedruckt worden ist. Der serbische General und Kriegsverbrecher Ratko Mladic hatte von seinen Anwälten verbreiten lassen, einige Massaker hätten die bosnischen Muslime wohl selbst inszeniert, um die Serben als Täter dastehen zu lassen. Die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic bezeichnete Handke 2007 als „Westhure“. Als sie verlangte, dass Handke statt auf die Beerdigung von Slobodan Milosecic mit einer Trillerpfeife zur Gegendemonstration gehen möge, sagte Peter Handke: „Ach, die soll sich ihre Pfeife …“
Archive for the ‘Außenpolitik’ Category
2595: Peter Handke leugnet die serbischen Kriegsverbrechen.
Freitag, November 1st, 20192592: EU dereguliert die Märkte besser als die USA.
Dienstag, Oktober 29th, 20191. „Räuberbarone“ wie Rockefeller, Vanderbilt und Carnegie hatten in den USA Ende des 19. Jahrhunderts Märkte monopolisiert und aufgeteilt, Preise manipuliert und die Konkurrenz dezimiert. 1890 kam der „Sherman Antitrust Act“, der mit derlei Missbrauch aufräumte.
2. Nach 1945 lernte Europa in Form der EU, die wesentlich besser ist auf diesem Feld als ihr Ruf.
3. Die EU deregulierte mit Erfolg die Märkte für Airlines, Eisenbahnen, Postdienste und Telefongesellschaften.
4. In der EU können auf diesem Feld die nationalen Regierungen ihre Hände in Unschuld waschen: die EU war schuld. Und der Weg von der Agrarlobby zum Agraminister ist in Brüssel wesentlich länger als zu Hause.
5. Im Europaparlament ist schwerer und umständlicher Einfluss zu kaufen als im US-Kongress.
6. Wahlkampfspenden schlagen in der EU nicht so stark durch wie in den USA.
7. Bei den Airlines ist in den USA die Konzentration dreimal höher als in der EU.
8. Nach 2000 waren in der EU die Bußgelder sechsmal höher als in den USA.
9. Es gilt die klassische Monopoltheorie: Marktmacht ist ein Preistreiber.
10. Die Digitalkonzerne Google, Facebook, Apple und Microsoft schlucken fast täglich kleinere Konkurrenten. Amazon rollt den Einzelhandel auf.
Das zeigt das neue Buch von Thomas Philippon von der New York University: The Great Reversal: How America gave up on Free Markets, das Ende Oktober erscheint. Die EU ist besser als ihr Ruf und nicht in erster Linie ein „Bürokratiemonster“. Das sollten sich vor allem die nationalistischen Rechtspopulisten einmal hinter die Ohren schreiben (Josef Joffe, Die Zeit 17.10.19).
2591: Die SPD ist gespalten, die CDU auch.
Dienstag, Oktober 29th, 2019Der knappe Ausgang der SPD-Kandidatenwahl, Olaf Scholz/Klara Geywitz vor Norbert Walter-Borjanz/Saskia Esken, zeigt, dass die SPD tief gespalten ist. Das erste Paar ist für die große Koalition, das zweite dagegegen. Nach der Stichwahl bleibt also die eine Hälfte der SPD frustriert zurück.
Olaf Scholz ist für mich ein sehr solider Politiker ohne Charisma. Norbert Walter-Borjanz halte ich es zugute, dass er als nordrhein-westfälischer Finanzminister dafür gesorgt hat, dass die Steuer-Dateien aus der Schweiz gekauft wurden, damit die Steuerhinterzieher belangt werden konnten.
Ähnlich bei der CDU. Eine Wahlniederlage nach der anderen, eine ungeschickte Parteivorsitzende, die manche gute Idee schlecht oder zum falschen Zeitpunkt lanciert. Sie müsste doch wissen, dass die herrschenden pazifistischen Kreise in Deutschland kein stärkeres außenpolitisches Engagement wollen. Und sie hat das Pech, eine Frau zu sein. Die werden in der CDU besonders schnell entmachtet. Damit setzt sich der rechte Flügel durch (die Linnemänner et alii) einschließlich der Jungen Union. Und dann gibt es bei der CDU den Alfred-Dregger-Effekt: die Konservativen fühlen sich wohl, gewinnen aber keine Wahl mehr: das Ende der Volksparteien.
In der CSU konnte Markus Söder seine hastigen Schein-Reformen noch nicht einmal alle durchsetzen.
Die AfD profitiert von der Lage. Sie hat zwar kein schlüssiges Programm und noch nichts geleistet, aber vier Punkte sind es, die sie attraktiv machen: 1. Angst vor Veränderung, 2. Fremdenfeindlichkeit, 3. Nationalismus, 4. Ablehnung des Euro.
Die Grünen haben außer ihrer ökologisch richtigen Politik fast nichts (Außenpolitik, Sicherheit, Innenpolitik, innere Sicherheit, Sozialpolitik, Bildungspolitik usw.) zu bieten. Gehen sie zusammen mit den Kommunisten? Mal so und mal so?
Dann wählt mal schön.
2590: Enttäuschendes Ergebnis bei den Wahlen in Thüringen
Montag, Oktober 28th, 2019Das Ergebnis der Landtagswahlen in Thüringen ist rundherum sehr enttäuschend.
1. Die Extremen von links (Linke 30 Prozent) und rechts (AfD 24 Prozent) haben in Thüringen 54 Prozent der Wählerstimmen errungen.
2. Rot/Rot/Grün (Linke 30, SPD 8,2, Grüne 5,4 = 43,6) kann nicht weiterregieren.
3. Die politische Mitte hat keine Mehrheit (CDU 22; SPD 8,2; Grüne 5,4; FDP 5,2 = 40,8).
4. Die Grünen, die ansonsten andere Ergebnisse kennen, sind in Thüringen Steigbügelhalter der SED-Nachfolgepartei die Linke.
5. Bei der SPD ist vieles möglich.
6. Die AfD ist in Thüringen völkisch.
7. Die Linke arbeitet mit Ramelow-Tarnung.
2588: Antisemitismus – nüchtern betrachtet
Mittwoch, Oktober 23rd, 2019Die antisemitischen Gewalttaten sind furchtbar. Überall. Weltweit. Für uns war Halle der letzte große Anschlag. Aber es kann jederzeit wieder passieren. Bei dem allgemeinen Bedauern darüber ist eine große Portion
Heuchelei
dabei. Wie immer. Der Antisemitismus in Deutschland nach 1945 hat immer Ausmaße von 20 bis 40 Prozent gehabt. Für die DDR gibt es keine verlässlichen Zahlen. Die Westdeutschen wussten immer, dass sie ihren Antisemitismus am besten verschwiegen. Ich habe bei vielen von ihnen Versatzstücke aus den Filmen „Jud Süß“ (1940) von Veit Harlan und „Der ewige Jude“ (1940) von Fritz Hippler erlebt. Reine Propagandastreifen der Nazis. Der Holocaust mit sechs Millionen Getöteten war in seiner mörderischen Schlüssigkeit einmalig.
Insofern war es doch vollkommen verständlich, dass viele Juden nach 1945 sagten, nach Deutschland kommen wir nie mehr. Aber das darf man als Nicht-Jude nicht sagen, weil es den Verdacht hervorruft, dass man sich über die Nicht-Anwesenheit von Juden in Deutschland freuen würde.
Nach 1945 kamen viele Juden als Displaced Persons nicht aus Deutschland raus. Manche arrangierten sich mit dem Land, in dem die sozialpolitischen Verhältnisse bald besser waren als anderswo. Das zu sagen, ist wiederum politisch nicht korrekt.
Der Antisemitismus ist nicht nur wegen des Holocaust der Kern der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, sondern auch weil er funktioniert wie eine Verschwörungstheorie. Wenn es um irgendeines der vielen Grundübel der Menschen geht, wird sogleich ein geheimes Zentrum davon angenommen. Wer wird das wohl sein?
Wenn Juden heute angesichts des anwachsenden Antisemitismus und Rechtsextremismus Deutschland verlassen wollen, kann man dafür viel Verständnis aufbringen. Auch das darf man nicht, weil es so erscheinen könnte, als freue man sich über den Weggang von Juden.
Lassen Sie uns einen Blick auf die alte These von der deutsch-jüdischen Symbiose werfen.
Ihr Dementi war der Holocaust (Nachum T. Gidal nennt das in seinem Buch „Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik“. Gütersloh 1988, „Die schöpferische Illusion von der deutsch-jüdischen Symbiose“).
Schaut man auf die Beteiligung von Juden an der Entwicklung in Deutschland seit der Aufklärung (der französischen Revolution), so kommt man auf relativ viele Menschen von großem Einfluss. Hier eine oberflächliche, ganz unsystematische und unvollständige Aufzählung. Ich zähle in der Literatur einige Österreicher und Tschechen zur deutschen Literatur:
1. Literatur: Peter Altenberg, Jean Améry, Günther Anders, Rose Ausländer, Hermann Bahr, Vicki Baum, Rudolf Borchardt, Thomas Brasch, Max Brod, Henryk M. Broder, Paul Celan, Alfred Döblin, Carl Einstein, Kurt Eisner, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Erich Fried, Egon Friedell, Ralph Giordano,Yvan Goll, Käte Hamburger, Maximilian Harden, Walter Hasenclever, Heinrich Heine, Stephan Hermlin, Georg Heym, Wolfgang Hildesheimer, Kurt Hiller, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Mascha Kaleko, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Gertrud Kolmar, Karl Kraus, Anton Kuh, Else Lasker-Schüler, Theodor Lessing, Ludwig Marcuse, Franz Molnar, Erich Mühsam, Robert Neumann, Kurt Pinthus, Julius Rodenberg, Franz Rosenzweig, Joseph Roth, Nelly Sachs, Hans Sahl, Felix Salten, Anna Seghers, Manès Sperber, Ernst Toller, Friedrich Torberg, Kurt Tucholsky, Rahel Levin, Herwarth Walden, Jakob Wassermann, Peter Weiss, Franz Werfel, Friedrich Wolf, Karl Wolfskehl, Arnold Zweig, Stefan Zweig.
2. Verlage: die drei ersten großen deutschen Verlage in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die jüdischen Verlage Ullstein, Mosse und Scherl. Später kamen Verleger wie Samuel Fischer und Siegfried Jacobsohn dazu.
3. Politische Theoretiker und Politiker: Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Bruno Bauer, Walter Benjamin, Ludwig Börne, Martin Buber, Moses Hess, Max Horkheimer, Arthur Koestler, Rosa Luxemburg, Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Walter Rathenau.
4. Journalismus: Ludwig Börne, Willy Haas, Maximilian Harden, Siegfried Jacobsohn, Egon Erwin Kisch, Siegfried Kracauer, Karl Kraus, Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki, Julius Rodenberg, Leopold Schwarzschild, Kurt Tucholsky, Herwarth Walden, Theodor Wolff und viele andere.
5. Theater/Theaterkritik: Max Reinhard, Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Siegfried Jacobsohn, Alfred Kerr, Fritz Kortner, Erwin Piscator, Alfred Polgar, Ernst Toller und viele andere (insbesondere Schauspieler und Kabarettisten).
6. Wissenschaft: Alfred Adler, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Albert Einstein, Sigmund Freud, Max Horkheimer, Ernst Kantorowicz, Julius H. Schoeps, Fritz Stern und viele andere.
7. Philosophie: Moses Mendelssohn, Karl Marx, Theodor Lessing.
8. Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer.
9. Im deutschen Film bis 1933 arbeiteten unzählige Juden.
Alles in allem lagen hier sehr große Potenzen, die wir zensiert und weithin selbst aus dem Land getrieben haben.
2586: Gescheiterte US-Syrien-Politik
Dienstag, Oktober 22nd, 2019Wir haben uns daran gewöhnt, dass die US-Außenpolitik scheitert. Präsident Trump hat kein gutes Verhältnis zur Nato und zur EU. Das einzige Kriterium, das sein Verhalten bestimmt, sind seine – hier und da etwas beschränkten – Stammwähler. Sie sind empfänglich für „America first!“, was in Zeiten der Globalisierung nichts bringt.
Besonders eklatant und gefährlich ist das Scheitern der US-Syrienpolitik. Es verändert das Machtgefüge im Nahen Osten und setzt Europa unter Druck.
Der überstürzte Abzug der USA in Syrien
1. lässt die Kurden, wieder einmal, im Stich, die sich große Verdienste im militärischen Kampf gegen den IS erworben haben,
2. er bestärkt den IS, der teilweise schon aus den Gefängnissen entflohen ist,
3. er bestärkt das iranische Mullah-Regime, das kein Interesse an Menschenrechten kennt, und seine Hisbollah-Miliz wieder gegen Israel ins Feld schicken kann,
4. er bestärkt das massenmörderische Assad-Regime in Syrien,
5. er bestärkt Russlands Einfluss in der Region, auch militärisch,
6. er bestärkt das Erdogan-Regime in der Türkei.
Die US-Außenpolitik bestärkt also die Gegner der USA. Begonnen hat diese falsche Politik schon unter Obama. Und Europa, die EU, ist wieder einmal handlungsunfähig und hat keinen Einfluss auf die Entwicklung. Wir beklagen die Umstände, rufen „Frieden, Frieden, Frieden“ und lassen andere die Drecksarbeit (Irakkriege) machen. Bestimmt nicht zu Europas Gunsten.
Insofern ist der Vorschlag von Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) für eine international garantierte Schutzzone in Nord-Syrien überraschend und – im Grunde – richtig. Aber da werden Grüne und Linke niemals mitmachen. Ihre Analyse der Nahost-Konflikte ist schon falsch. Außerdem fehlt eine europäische Armee. Militärtechnisch ist Europa auf eine Beteiligung bei der Lösung des Konflikts nicht vorbereitet. Außerdem hat der türkische Potentat Erdogan ja damit gedroht, 3,6 Millionen Flüchtlinge nach Europa durchzulassen. Was wollen wir da machen (Vorschläge erbeten!)?
2585: Erhard Eppler ist gestorben.
Montag, Oktober 21st, 2019Im Alter von 92 Jahren ist Erhard Eppler gestorben. Er war ein grüner Sozialdemokrat, der bis ins hohe Alter in seinem Garten in Schwäbisch-Hall werkelte. Der evangelische Christ und demokratische Sozialist (Godesberger Programm) hatte seine politische Karriere Anfang der fünfziger Jahre in Gustav Heinemanns Gesamtdeutscher Volkspartei (GdP) begonnen. Von 1968 bis 1974 war Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit unter Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Willy Brandt (SPD). Helmut Schmidt (SPD) entließ ihn. Auch Herbert Wehner (SPD) hatte Probleme mit dem belesenen und gradlinigen Eppler. Er nannte ihn „Pietcong“.
Erhard Eppler war prädestiniert für das Amt des Vorsitzenden der Grundwertekommission der SPD. Manche nannten ihn das „Gewissen der Partei“. Er war die Verkörperung der Nachhaltigkeit in der Politik. Seine Autobiografie „Links leben“ erschien 2015. „Das Wichtigste ist Glaubwürdigkeit.“ In den Kommissionen, die Eppler leitete, wurde akribisch gearbeitet. Er sagte über sich selbst, er sei einer, „der viel von Karl Marx gelernt hat, der aber versucht, vom Neuen Testament her zu leben, zu denken und zu handeln“. Zweimal war er Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchtags. 2003 hat er dazu beigetragen, dass Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 durchkam (Heribert Prantl, SZ 21.10.19).
2583: Die SED und die westdeutsche Linke bekämpften Israel.
Sonntag, Oktober 20th, 2019Jeffrey Herf forscht und lehrt an der Universität von Maryland. Er hat sich auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert spezialisiert. In seinem neuesten Buch,
Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche Linke 1967-1989. Göttingen (Wallstein) 2019, 560 S., 39 Euro,
arbeitet er heraus, dass die SED und die westdeutsche Linke (zunächst DKP, SDS, in den siebziger Jahren zusätzlich KPD-ML, KDP-AO, KBW) seit dem Sechstagekrieg (Juni 1967) Israel vehement bekämpft haben. Das lief „theoretisch“ nach dem Motto Zionismus = Rassismus und ging bei der SED (in Form der DDR) bis hin zu Waffenverkäufen (seit 1965). Aus der DDR kamen u.a. MIG-Jagdflugzeuge und Kalashnikows. Es kam vor, dass palästinensischen Terrororganisationen Waffen geschenkt wurden. Das Existenzrecht Israels wurde in Frage gestellt. Das schürte bei den palästinensischen Untergrundorganisationen (PLO, PFLP usw.) die Hoffnung, dass Israel militärisch besiegt werden könnte. Dieser Krieg fand sein Ende mit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Zerfall der Sowjetunion.
Herf schreibt: „Die Sowjetunion, die DDR und die westdeutschen linksradikalen Gruppen tragen .. eine schwere Verantwortung im Nahost-Konflikt, weil sie einer Kompromisslösung zwischen Israel und seinen Gegnern im Wege standen.“ Nach der Aufnahme beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen (UN) 1973 setzte die DDR ihre Politik fort. Die SED und ihre westlichen Verbündeten nannten ihren Kampf gegen Israel „antifaschistisch“. Damit setzten sie Israel gleich mit Nazi-Deutschland. Als palästinensische Terroristen im September 1972 bei den Olympischen Spielen in München Israelis ermordeten, feierte Ulrike Meinhof von der RAF das als großartige revolutionäre Tat. Die Flugzeugentführungen nach Entebbe 1976 und nach Mogadischu 1977 wurden propagandistisch von der Linken unterstützt. In Entebbe trennten die deutschen Terroristen die jüdischen von den nicht-Jüdischen Passagieren (Rainer Hermann, FAZ 12.10.19).
2581: Tempolimit im Bundestag abgelehnt
Samstag, Oktober 19th, 2019Deutschland ist der einzige Staat in der EU (28 Staaten) ohne ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Laut einer Umfrage würden 56,5 Prozent der Bevölkerung eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung aber befürworten. Nur 16,8 Prozent lehnen eine Maximalgeschwindigkeit auf Autobahnen generell ab. Unter den Ablehnenden vermute ich vor allem solche Autofahrer, die nicht wie ich jedes Jahr mit dem Auto durch die Schweiz nach Italien oder durch Belgien nach Frankreich fahren. Sie können nicht wissen, wie angenehm der dort per Limit (120 bzw. 130 km/h) regulierte Verkehr verläuft. Und auch die Inländer zahlen (dies an die Adresse der Befürworter der rechtswidrigen Ausländermaut). Die Ausländermaut wird der Union (CDU/CSU) wegen der schon vor Vertragsschluss eingegangenen Verpflichtungen noch zu einem Problem. Dem unfähigen CSU-Verkehrsminister sowieso.
Die Grünen sind im Bundestag nun mit dem Antrag gescheitert, ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen einzuführen. Bei einer namentlichen Abstimmung haben mehrheitlich
CDU/CSU, SPD, AfD und FDP
insgesamt mit großer Mehrheit den Antrag abgelehnt. Für die Grünen zeigen lokale Tempolimits, dass die Zahl der bei Unfällen Getöteten und Verletzten bei einem Limit deutlich sinkt. Zugleich führt eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu Einsparungen von CO 2-Emissionen. Auch der Verkehrssicherheit allgemein dient ein Tempolimit. Außerdem zeigt eine Studie der Denkfabrik Agora Verkehrswende, dass ein Tempolimit von 130 km/h von 2020 an die Kohlendioyxyd-Emissionen des Autoverkehrs in Deutschland um 1,1 bis 1,6 Prozent senken würde. Um die gleiche Reduktion mit weniger Autos zu erreichen, müssten 500.000 Mittelklassewagen auf einen Schlag aus dem Verkehr gezogen werden. Die ganze Maßnahme kostet nicht mehr als die Montage von ein paar Schildern. Günstiger kann ein Beitrag zum Klimaschutz nicht sein (epd/dpa 18.10.19; Christina Kunkel, SZ 18.10.19).
2578: Juan Moreno: „Tausend Zeilen Lüge“
Mittwoch, Oktober 16th, 2019Der freie „Spiegel“-Mitarbeiter Juan Moreno (47) analysiert in seinem Buch, wie es dazu kommen konnte, dass der Reporter Claas Relotius über Jahre so vielfältig gefälschte Beiträge im „Spiegel“ unterbringen konnte:
Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus. Berlin (Rowohlt) 2019, 285 Seiten.
Das Buch hat 18 Kapitel, denen je ein Motto vorangestellt ist, das sich meistens direkt auf den Konflikt um Relotius bezieht. So schreibt „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann vor der Einleitung (S. 22): „Worauf ich häufig angesprochen werde: das Buch, das Juan schreiben wird. Ich kann und will ihm das nicht verbieten (er ist freier Mitarbeiter), und ich will das auch gar nicht. Ein Buch über den Fall wird es so oder so geben. Und da ist es mir lieber, es schreibt einer, der wirklich nah dran war, und nicht irgendein Honk.“
Juan Moreno hat den Fall des Fälschers Claas Relotius ziemlich allein aufgeklärt. Gegen den „Spiegel“, insbesondere gegen die Ressorts „Dokumentation“ und „Gesellschaft“. Die Chefs der „Gesellschaft“ waren seinerzeit Ullrich Fichtner und Matthias Geyer. Die sind mittlerweile weg. Auch der Chef der Dokumentation und der zuständige Sachbearbeiter haben das Blatt verlassen. Der Grund für die Schwierigkeiten lag darin, dass Relotius im Hause so überaus beliebt war, ein „Jahrunderttalent“ (S. 31). Er galt als bescheiden, zurückhaltend, sachbezogen. So hat ihn auch Moreno erlebt. Aber er war nur ein Hochstapler und raffinierter Fälscher. Das zog sich über Jahre. Mehr als fünfzig Relotius-Beiträge waren ganz oder in Teilen gefälscht. Meist begnügte sich der Reporter mit der Vorrecherche, um dann im journalistischen Kämmerlein um so süffiger zu formulieren. Das, was die Leser lesen wollten (heute Blase genannt).
Moreno schreibt dazu: „Ob es nur eine Frage der Zeit war, bis er aufgeflogen wäre? Ich bin davon nicht überzeugt. Claas Relotius stand wie gesagt kurz davor, Ressortleiter zu werden.“ (S. 223).
Verständlicherweise wird viel darüber nachgedacht, ob die Gattung der „Reportage“ anfällig ist für Hochstapler, „Menschenfänger“ (S. 245) und Betrüger. Das tut auch Moreno. Dabei wissen wir doch seit Egon Erwin Kisch (1885-1948) („Schreib das auf, Kisch!“), dass jede Art von Information im Kern Werbung ist und dass Kisch nicht etwa die Wirklichkeit beschrieben hat, sondern lange und intensiv an seinen Texten feilte. Jede journalistische Auswahl ist Parteinahme. Das besagt noch lange nicht, dass das System des westlichen Journalismus falsch ist mit der Objektivitätsforderung an Nachrichten und der Trennung von Nachricht und Meinung. Die Alternative sind Agitation und Propaganda (Lenin).
Wir wissen auch, dass in Zeiten zurückgehender verkaufter Auflagen und Werbeerlöse selbst ein heute immer noch mächtiges Blatt wie „Der Spiegel“ an Verkaufsförderung (S. 260) denken muss. An gut lesbare Geschichten. Die trotzdem wahr erscheinen. Das alles hat die Fälschungen von Relotius befördert. Und das Publikum tut so, als sei es ausschließlich an der Wahrheit interessiert, fährt aber auf gefälschte Geschichten ab. Moreno hält trotzdem an den üblichen journalistischen Grundsätzen fest und bekennt sich als Fan der Reportage. Muss er das?
Was die Problemlage verschärft, sind die unzähligen Journalistenpreise in Deutschland. Über 500 sollen es sein. Sie bringen den Trend zu gefälligen, passenden, letztlich beruhigenden Geschichten, die unsere Vorurteile bestätigen, mit sich. Wir schauen jetzt vorsichtshalber nicht, wer in den einschlägigen Jurys saß. Elke Heidenreich (76) hat gerade mitgeteilt, dass sie Journalistenpreise ablehnt und deswegen nie in einer Jury war.
Moreno schreibt: „Die Verbreitung der Falschmeldungen wird durch Algorithmen und sogenannte Bots unterstützt. Mit anderen Worten: Propaganda im digitalisierten Zeitalter. Das Phänomen ist nicht neu. Hannah Arendt schrieb, dass der ‚Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat – die teuflischste Variante, die man sich denken kann – nämlich: das Wahrlügen.'“ (S. 272) Das gilt um so mehr in einer Zeit, in der Menschen wie Donald Trump und Boris Johnson die Agenda bestimmen.
Deswegen brauchen wir heute mehr als je zuvor im Journalismus Typen, die sich von den Verlockungen der Fake-News nicht verleiten lassen. Die so „grau“ sind wie die Welt, so schreibt es Moreno, weder schwarz noch weiß (S. 36). Und er nennt deutsche Beispiele von seriösem Journalismus: „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Das trifft zu. Aber wir wissen, das auch sie schon von Fälschungen betroffen waren. Wir denken außerdem an die „Hitler-Tagebücher“ („Stern“ 1983) und Tom Kummer (2000). An dieser Stelle kann unser Problembewusstsein gar nicht hoch genug sein. Damit Claas Relotius als „Problem“ des schwierigen zeitgenössischen Journalismus gesehen wird und nicht als dessen „Lösung“ (S. 281). Juan Moreno hat dazu einen faktengesättigten Beitrag geleistet. Einen nicht unbedingt wissenschaftlichen, aber einen geeigneten.
„Ein Kollege im ‚Spiegel‘ erreichte Relotius einige Monate nach dem Ende des Skandals. Relotius behauptete, dass er gerade in einer Klinik in Süddeutschland sei. In Behandlung. Ihm werde da geholfen. Die Ärzte würden Fortschritte sehen. Es sei ihm immer nur darum gegangen, die Kollegen, seine Freunde, nicht zu enttäuschen. Das sei das Wichtigste überhaupt. Tags darauf traf dieser Kollege eine ‚Spiegel‘-Sekretärin. Die Frau hatte Relotius gerade auf dem Fahrrad gesehen. In Hamburg.“ (S. 284 f.)