„Indem er den Eindruck erweckt, erobertes Territorium stehe fortan unter Russlands nuklearem Schutzschirm, versucht er, die konventionelle Unzulänglichkeit seiner Streitkräfte und seine eigene Unfähigkeit als Militärstratege mit der atomaren Erpressung wettzumachen. Der Westen sieht sich im Kreml einem scheinbar vollends enthemmten Imperialisten und routinierten Massenmörder gegenüber, dessen Willkürherrschaft im Innern keine erkennbaren Grenzen mehr gesetzt sind. Natürlich ist nun äußerste Vorsicht das Gebot. Nur: worin besteht sie ?
Jeder, der Putin nun nachgeben möchte, muss ehrlicherweise auch sagen, wie weit: Bis Charkiw? Bis Kiew? Bis Lemberg? Oder gleich bis Warschau und Dresden? Gefährlicher als die nukleare Erpressung ist nur die Kapitulation vor ihr. So gute Gründe es geben mag, der Ukraine diesen oder jenen Waffenwunsch zu verweigern, so trügerisch ist die nicht zuletzt in Deutschland anzutreffende Sehnsucht, Putin durch weniger oder vielleicht auch gleich durch gar keine Waffen mehr für die Ukraine zur Raison zu bringen. Für den Despoten wäre es nur der Beweis, dass er mit seinen Drohungen mehr zuwege bringt als seine hochdekorierten Generäle mit Panzern und Haubitzen.“ (Daniel Brössler, SZ 8./9.10.22)