Alexander Fahrenholtz ist am Montag zum neuen Documenta-Geschäftsführer bestimmt worden. Die Gesellschafter seien froh, einen so erfahrenen und renommierten Kulturmanager gefunden zu haben, hieß es. Er werde seine Aufgabe bereits am 19.7.2022 übernehmen. Sein Vertrag sei bis zum 30.9. befristet. Fahrenholtz war an der Realisierung der Documenta 9 beteiligt und Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes. Der Bund soll wieder in den Aufsichtsrat der Documenta einziehen (SZ 19.7.22).
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3950: Alexander Fahrenholtz ist neuer Documenta-Geschäftsführer.
Dienstag, Juli 19th, 20223948: Documenta-Chefin Angela Schormann wird entlassen: endlich.
Montag, Juli 18th, 2022Der Documenta-Aufsichtsrat hat beschlossen, die Leiterin der Ausstellung, Angela Schormann, zu entlassen. Wegen des antisemitischen Kunstwerks „People’s Justice“ der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi und der mangelnden Aufklärung der Vorgänge. Die Aufarbeitung wurde verschleppt. Es war wohl viel Dilettantismus im Spiel. Nach Meinung des Aufsichtsrats handelte es sich um eine „klare Grenzüberschreitung“. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hat der Entscheidung zugestimmt. Ebenso Grüne und FDP. Der kulturpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Helge Lindt, sprach von einem „überfälltigen Befreiungsschlag aus einem Teufelskreis von Missmanagement und Misskommunikation“.
So weit, so gut.
Aber reicht das? Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kommt die Entscheidung viel zu spät. „Es sind noch sehr viele Schritte zu gehen.“ Nach Meinung des Documeta-Aufsichtsrats soll die Aufklärung „wissenschaftlich begleitet“ werden. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, nutzte Schormanns Absetzung für eine Ausweitung des Bundestagsbeschlusses gegen die anti-israelische Boykottbewegung BDS.
Schormann hatte wohl bis zum Schluss die Unterstützung von Kassels OB, Christian Geselle. Ohnehin lässt die SPD hier Unklarheiten über ihre Haltung zu. Eine Rolle scheint der „postkolonialistische Ansatz“ in der Kunst gespielt zu haben. In dem Beschluss des Aufsichtsrats werden keine Namen genannt, obwohl die Probleme seit mindestens einem Monat bekannt sind. Wahrscheinlich weiß man noch keine. Kein gutes Zeichen. Schormann hatte ihr Verhalten stets mit der „Kunstfreiheit“ begründet. Eine Kaschierung von Verantwortungslosigkeit (Sonja Zekri, SZ 18.7.22; Jörg Häntzschel, SZ 18.7.22).
Immerhin: eventuell kann trotz des Versagens Einzelner die Documenta insgesamt gerade noch einmal gerettet werden. Hoffen wir es!
3946: GfK geht an Nielsen.
Samstag, Juli 16th, 2022Wer in Deutschland etwas über das Konsumverhalten wissen will, ist auf Daten der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) in Nürnberg angewiesen. Das geht hin bis zu Fernseh-Marktanteilen. Anfang des Jahrtausends war die GfK noch sehr erfolgreich (13.000 Beschäftigte, 1,5 Milliarden Umsatz), aber das ist vorbei. Nun wird das Unternehmen an den US-Konkurrenten Nielsen verkauft. Für 2,7 Milliarden Euro. Hauptquartier wird Chicago. Die GfK hat heute noch 8.000 Mitarbeiter. Gegründet worden war die Firma 1934 von Hochschullehrern. Darunter Ludwig Erhard, dem späteren Bundeswirtschaftsminister und Bundeskanzler. Man wollte damals, „die Stimme des Verbrauchers zum Klingen bringen“. Auf dem internationalen Feld der Marktforschungsinstitute sind auch andere Fusionspläne bekannt. Überleben werden nur die Firmen, die globalen Kunden auch globale Daten liefern. Nielsen und GfK wollen ihre Tools zusammenbringen. Die GfK ist stark in der Datenerhebung, Nielsen in der Analyse des täglichen Komsumverhaltens. In den letzten Jahren musste die GfK in großem Umfang Stellen abbauen (Uwe Ritzer, SZ 13.7.22).
3945: Armutsbericht stimmt nicht.
Samstag, Juli 16th, 2022Der Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands (DPWV) spricht von 13,8 Millionen Armen in Deutschland. Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider sieht einen „Armutsrekord“. Das sehen Wissenschaftler anders. Markus Grabka vom Wirtschaftsforschungsinstitut DIW sagt: „Der Paritätische malt ein Szenario an die Wand, das es nicht gibt.“ „Es gibt nicht 13,8 Millioen Arme in diesem Land.“ In dem Bericht würden Jahre verglichen, die man nicht vergleichen könne, so Judith Niehaus vom Institut der deutschen Wirtschaft. „Die Rekordarmut ist eine Botschaft, die nicht belegt ist, wenn man genauer hinsieht,“ sagt der sozialpolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Martin Rosemann (RPR, SZ 15.7.22).
3943: Johannes Willms ist tot.
Mittwoch, Juli 13th, 2022Johannes Willms ist tot, einer der hervorragendsten Journalisten der Bundesrepublik. Er wurde 74 Jahre alt. Er war Redaktionsleiter des ZDF-Magazins „Aspekte“ und ein Anhänger von Karl Poppers Idee der „offenen Gesellschaft“. Ein Feuilletonist und Anti-Spießer. Interesse an Geschichte und Literatur war für ihn selbstverständlich. Mit politischer Korrektheit hielt er sich nicht lange auf, weil er an das Wichtige heranwollte. Willms hat das
„Literarische Quartett“
erfunden, das uns heute noch mit Sigrid Löffler, Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek klar vor Augen steht. Willms machte dadurch Literatur gesellschaftsfähig. Von 1993 bis 2000 war er Feuilleton-Chef der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ). Populäre Kultur, klassische Rezensionen und poltisches Feuilleton bildeten die soliden Stanbeine der Berichterstattung. Willms hatte wenig Interesse für Ansätze und Methoden, bei ihm standen die Inhalte im Mittelpunkt. Der Frankreich-Kenner hat viele Bücher über unseren westlichen Nachbarn geschrieben und dazu beigetragen, dass das gegenseitige Verständnis stieg (Alexander Gorkow/Nils Minkmar, SZ 13.7.22).
3942: Chemie-Präsident Christian Kullmann über Energiepolitik
Mittwoch, Juli 13th, 2022In einem Interview mit Caspar Busse und Judith Wittwer (SZ 12.7.22) skizziert der Chemie-Präsident Christian Kullmann seine Energiepolitik.
SZ: Muss die Industrie gegenüber den Privathaushalten bevorzugt werden?
Kullmann: Die Sicherung der Arbeitsplätze und damit das Einkommen für die Familien ist sehr wichtig. Sie steht für die Gesellschaft höher als die vollständige Sicherstellung der privaten Gasversorgung. Was nützt es, wenn die Haushalte weiter Gas bekämen, es aber nicht mehr bezahlen könnten?
SZ: Aber die Industrie hat doch auch einiges versäumt.
Kullmann: Wir haben uns in diesem Land alle etwas vorgemacht, auch die Industrie, auch ich persönlich. Wir brauchen in Zukunft deutlich mehr Elektrizität, aber die Energiewende steht noch sehr am Anfang. Man redet sich seit Jahren die Köpfe heiß, etwa über den Bau von Hochspannungsleitungen. Im vergangenen Jahr haben wir gerade mal 100 Kilometer davon gebaut, bis 2030 brauchen wir aber 10.000 Kilometer. In dem Tempo schaffen wir das nie.
SZ: Was muss passieren?
Kullmann: Wir müssen jetzt schnell Einspruchsrechte von Bürgern gegen solche Projekte mit der Axt einkürzen. Sonst wird es uns nicht gelingen, die regenerativen Energien wie geplant schnell auszubauen. Durch den Krieg in der Ukraine werden jetzt wie durch ein Brennglas unsere Versäumnisse der Vergangenheit deutlich. Wir haben noch eine Chance, es zu schaffen. Wir müssen investieren.
Es reicht nicht aus, wie Herr Söder Bäume zu umarmen.
Man muss Windräder bauen, auch in Bayern.
SZ: Wer ist schuld an dem Dilemma?
Kullmann: Wir sind in Deutschland auf unserem Wohlstandskissen in den vergangenen Jahrzehnten zu bequem und zu satt geworden. Jetzt stehen Wohlstand und wirtschaftliches Wachstum auf der Kippe. Dieses Land ist nicht darauf vorbereitet, Verzicht zu üben. Wir müssen jetzt wieder härter arbeiten, um den Status quo zu verteidigen. Das größte Problem, das wir momentan in der Öffentlichkeit diskutieren, ist die Frage, ob die Flugzeuge pünktlich starten können, um die Menschen in den Sommerurlaub zu bringen. Das ist doch symptomatisch.
3938: Moralischer Bankrott der Documenta-Verantwortlichen
Samstag, Juli 9th, 2022Die Documenta-Verantwortlichen, allen voran Geschäftsführerin Sabine Schormann, haben zuerst antisemitische Machwerke zugelassen. Dann zu spät beseitigt. Nun behindern sie die Aufarbeitung des Skandals. Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, ein israelisch-deutscher Pädagoge, hatte angeboten, die anderen Kunstwerke der Ausstellung auf weitere Problemfälle zu überprüfen. Mit ihrer Antwort hielt Frau Schormann ihn so lange hin, bis er sich zurückzog (Kia Vahland, SZ 9./10.7.22).
Die Documenta ist gescheitert.
Hoffentlich ist sie nicht insgesamt gefährdet.
Bitte gehen Sie nicht zur Documenta. Sie würden damit die Falschen unterstützen.
3937: Bildung wird immer noch vernachlässigt.
Samstag, Juli 9th, 2022Es unterliegt keinem Zweifel mehr, dass die Lernleistungen in der Zeit der Pandemie zurückgegangen sind. Das gilt alters-, fächer- und milieuübergreifend. Psychosoziale Entwicklung und körperliche Verfassung haben gelitten. Und die Bildungsungerechtigkeit hat sich im gesamten Bildungssystem verschärft. Diese Entwicklung hat schon vor der Pandemie begonnen. Dabei geht es nicht nur um die Digitalisierung, so wichtig sie ist. Sondern Bildung bedeutet die Erweiterung der Gedanken. Auf drei zentralen Feldern muss es zu entscheidenden Verbesserungen kommen:
1. Der Lehrermangel muss beseitigt werden. Für diesen Beruf kommen aber auch nicht alle Personen einfach in Frage. Deren Qualifikation ist gefragt und muss gefördert werden.
2. Es muss eine Lehrplanreform durchgeführt werden, die a) zu Straffungen und Streichungen führt und b) die Lebenswelt der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Exkursionen und Klassenfahrten sollten das Gelernte vertiefen.
3. Verstärkt werden muss die individuelle Förderung des einzelnen Kindes. Wir können es uns nicht leisten, verantwortungslos auf Kompetenzen zu verzichten. „Hierfür ist ein Austausch zwischen Lernenden, Eltern, Lehrpersonen, Wissenschaft, Bildungsverwaltung, -politik und -öffentlichkeit nötig – aber nicht nur als Feigenblatt oder als Alibiveranstaltung, sondern mit aller Wucht und Verbindlichkeit. Unsere Kinder und Jugenlichen haben mehr Aufmerksamkeit verdient.“
(Klaus Zierer, SZ 8.7.22)
3935: Woody Allens vorläufig letzter Fim „Rifkin’s Festival“ erscheint.
Freitag, Juli 8th, 2022Jahrtehntelang erschien von Woody Allen pro Jahr ein Film. Darunter künstlerisch und ökonomisch hoch erfolgreiche Titel wie „Der Stadtneurotiker“, „Manhattan“, „Hannah und ihre Schwestern“, „Matchball“. Bis sich in der letzten Zeit dem Zeitgeist gemäß die Kampagne von Mia Farrow (seit 1992) durchsetzte. Danach hat Allen die gemeinsam Adoptivtochter Dylan missbraucht. Bewiesen ist nichts. In der HBO-Dokumentation „Allen v. Farrow“ wurden Akzente pro Farrow gesetzt.
Allens vorläufig letzter Film „Rifkin’s Festival“ war bereits 2019 fertig, fand aber zunächst keinen Verleiher. Und er zeigt ein Problem, das es in all den Jahren bei Allen nie gegeben hatte: Die Schauspieler sind nicht alle erstklassig. Während sie früher Allen dankten, wenn er sie besetzte, und für eher geringe Gagen spielten, so hatte Allen stets ein Starensemble am Start, genügen dieses Mal die Schauspieler nicht durchgängig höchsten Anforderungen. Sie vermitteln das Gefühl, dass Allen selbst nicht so richtig Bock hatte, als er sich seine Story ausdachte. So können Schmutzkampagnen wirken. Letzte Woche kündigte Woody Allen in einem Instagram-Interview mit Alec Baldwin an, der sich demonstrativ auf Allens Seite gestellt hatte, dass er noch einen Film, seinen letzten, machen werde (David Steinitz, SZ 7.7.22).
Darauf warte ich.
3932: Was verspricht sich Martin Walser von der Überlassung seines Vorlasses ?
Dienstag, Juli 5th, 2022Der 95 Jahre alte Schriftsteller Martin Walser hat seinen Vorlass komplett an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar übergeben. In Frühjahr hatte das Literaurarchiv diesen großen Vorlass für eine nicht genannte große Summe erworben (mit großzügiger Unterstützung durch viele Institutionen). Vorlässe schon zu Lebzeiten sind eine relativ junge Erscheinung. 75.000 Manuskriptseiten hat Walser nach Marbach gegeben, dazu seine Bibliothek und 75 Tagebücher. Daraus sind bisher nur Auszüge publiziert. Hinzu kommen Briefwechsel mit Verlegern und berühmten Schriftstellern wie Alfred Andersch, Rudolf Augstein, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll und Uwe Johnson. In der Nachbarschaft von Walsers Vorlass befindet sich der Nachlass Marcel Reich-Ranickis. Walser hat sehr viel geschrieben. Und sehr viel politisch Umstrittenes (etwa seine Paulskirchenrede 1998). Wahrscheinlich kann man aus dem Walserschen Vorlass viel über andere Autoren erfahren. Etwa aus der Gruppe 47. Walsers „Tod eines Kritikers“ steht heute noch im Mittelpunkt literarischen Interesses (Lothar Müller, SZ 5.7.22)