Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2539: Höcke (AfD) bricht interview ab.

Dienstag, September 17th, 2019

Nach den Migranten sind die Medien die Hauptgegner der AfD („Lügenpresse“). Das ist gerade in den ostdeutschen Bundesländern bizarr, wo es bis 1989 nur Propagandamedien („Propaganda, Agitation und Organisation“) gab. Und die Partei hat immer wieder Probleme mit dem freien Journalismus. So der Frontmann des „Flügels“, Björn Höcke. Ein Interview für die ZDF-Reihe „Berlin direkt“ hat er abgebrochen und dann dem Interviewer gedroht. „Ich kann Ihnen sagen, dass das massive Konsequenzen hat.“ Höcke wird im Interview zunächst gefragt, welche Anleihen es in seiner Sprache bei der NS-Terminologie gebe. Höcke erklärt sich wortreich, bis sein Pressesprecher eingreift und eine Wiederholung der Aufzeichnung verlangt. Dann bricht Höcke ab.

Dass Politiker mit dem Verlauf von Interviews nicht einverstanden sind, kommt immer wieder vor. 2017 verließ Wolfgang Bosbach (CDU) die Sendung „Maischberger“, im gleichen Jahr Alice Weidel (AfD) den „Wahltalk“. Helmut Kohl gab „Spiegel“ und „Stern“ keine Interviews. Etc.

Das ZDF hat das Interview-Fragment veröffentlicht (Elisa Britzelmeier/Jens Schneider SZ 17.9.19).

2537: „Weltspiegel“ vorziehen ?

Montag, September 16th, 2019

Vor der ARD-Hauptversammlung haben sich über hundert Auslandskorrespondenten der ARD und weitere Journalisten der Sender in einem Brief an ihre Intendanten gewandt. Sie protestieren dagegen, dass geplant ist, den „Weltspiegel“ sonntags zeitlich vorzuziehen, damit Sport vor der Tagesschau übertragen werden kann (FAZ 14.9.19). Gerade in Zeiten von Fake News und simplen Binsenweisheiten sollten Sendungen wie „Bericht aus Berlin“ und „Weltspiegel“ gestärkt werden und nicht marginalisiert. Schon vor einigen Jahren hätten die Politikmagazine (Monitor, Report München, Report Baden-Baden, Panorama, Fakt, Kontraste, Frontal und andere) zugunsten von Unterhaltung schlechtere Sendeplätze bekommen. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) schloss sich der Kritik an. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ralf Stockmann und ich haben Ähnliches herausgefunden: Zur Auslandsberichterstattung von „Weltspiegel“ und „Auslandsjournal“. In: Siegfried Quandt/Wolfgang Gast (Hrsg.): Deutschland im Dialog der Kulturen. Medien – Images – Verständigung. Schriftenreihe der DGPuK, Band 25, Konstanz 1998, S. 73-87.

2536: Die Stimmung in Ostdeutschland

Montag, September 16th, 2019

Zuletzt anlässlich der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen hat eine große Schar von Kritikern und Analytikern sich mit der Stimmung in Ostdeutschland befasst. Ohne allerdings sehr präzise Ergebnisse liefern zu können. Das sage ich auch selbstkritisch. Mehr oder weniger wurde abgestellt auf die Nicht-Anerkennung ostdeutscher Biografien, niedrige Löhne und Renten, drohende Altersarmut, Übernahme durch den Westen, Demütigungen, Verbitterung, Unmut, Fliehkräfte. Die Lage ist in dieser Hinsicht äußerst unbefriedigend. Bei einigen  dieser Unbestimmtheiten hat Frank Pergande (FAS 15.9.19) versucht, sie richtigzustellen:

1. In Ostdeutschland wachsen Wirtschaft, Lebensqualität und Einkommen.

2. Dort sind die Renten im Schnitt geringfügig höher als im Westen.

3. Altersarmut ist eher ein Westproblem.

4. Die Infrastruktur im Osten ist oft besser als im Westen.

5. Auch im Westen gibt es „abgehängte Regionen“.

6. Eine Ursache der schlechten Stimmung sind manche ostdeutschen Politiker wie Manuela Schwesig und Martin Dulig, welche die DDR kaum noch aus eigenem Erleben kennen.

7. Dafür aber den schwierigen Übergang in den neunziger Jahren, der den Ostdeutschen tatsächlich manches abverlangt hat.

8. Das gilt in ähnlicher Weise für junge Wissenschaftler wie Stefan Mau und Ilko-Sascha Kowalczuk, die durchaus bemerkenswerte Studien über den Osten vorgelegt haben, aber immer vernachlässigen, was schon geschafft ist.

Lassen wir die Kirche also im Dorf. Und wenn die Menschen mitgekriegt haben, dass die AfD an Lösungen gar kein Interesse hat, sondern nur daran, den Finger in die Wunde zu legen, wird auch dieses Problem nicht weiter wachsen, sondern geringer werden.

2535: Sahra Wagenknechts Burn out

Donnerstag, September 12th, 2019

In Christian Schneiders Biografie „Sahra Wagenknecht – Die Biografie“ ist zu lesen, dass der Rückzug von Frau Wagenknecht aus der Politik hauptsächlich auf einen Burn out zurückzuführen ist. Das ist zu bedauern. Denn zweifellos ist Sahra Wagenknecht weit mehr als nur ein politisches Talent. Auch für jemand, der wie ich weithin mit ihr politisch nicht übereinstimmt. Ihrem Biografen hat Sahra Wagenknecht Zugang zu ihrem engsten Kreis gewährt. U.a. zu ihrer Mutter. In dem Buch bekennt Frau Wagenknecht, dass ihr durch ihre Krankheit die Grenzen ihrer politischen Fähigkeiten bewusst geworden seien. Sie könne zwar Menschen gewinnen, aber letztlich sei ihr das politische Handwerk fremd. „Also, den Apparat zu beherrschen, das liegt mir nicht. Die Fraktion zu führen, das macht eigentlich Dietmar Bartsch. Und das gehört ja eigentlich zur Politik: Leute zusammenholen, zu strukturieren, mit Leuten umzugehen.“ (SZ 12.9.9)

Sahra Wagenknecht ist wissenschaftlich hochqualifiziert und eine exzellente Goethe-Kennerin. Das hat sie u.a. bewiesen in ihrer Rezension von Rüdiger Safranskis „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) vom 27. Oktober 2013, S. 46. Bitte, vergessen wir das nicht.

 

2534: Autoindustrie verteidigt SUVs.

Mittwoch, September 11th, 2019

Nach dem schweren SUV-Unfall in Berlin mit vier Toten verteidigt die Automobilindustrie die Geländewagen. „Sehr viele Kunden mögen die souveräne Fahrposition, vor allem Frauen schätzen das“, sagte Daimler-Chef Ola Källenius. Das zeigt, was die Public Relations der Autoindustrie insbesondere Frauen einredet. „Wenn SUVs verboten werden, was verbieten wir als Nächstes?“ fragt Continental-Chef Elmar Degenhart (SZ 11.9.19).

SUVs sind groß (hoch), schwer (verursachen dadurch schwere Unfälle), verbrauchen viel Treibstoff und stoßen sehr viel CO 2 aus. Verkehr von vorgestern. Die Verkehrspolitik in Deutschland ist angesichts der Minister, die versagen, und bei der Automobilindustrie, welche die technische Entwicklung verschlafen hat, eine Katastrophe.

2532: Wer In Thüringen AfD wählt, begünstigt die Kommunisten.

Samstag, September 7th, 2019

Wer bei der Landtagswahl in Thüringen am 27. Oktober 2019 AfD wählt, begünstigt den kommunistischen Ministerpräsidenten und seine Fraktion. Aber das ist der AfD wohl vollkommen egal. Hauptsache es geht gegen das System.

Das erinnert uns an die „Sozialfaschisten“-These der KPD 1932, wonach die SPD der gefährlichere Gegner war als die NSDAP, und an den Hitler-Stalin-Pakt 1939.

2531: Roboter kosten Arbeitsplätze.

Freitag, September 6th, 2019

Carl Benedikt Frey ist als Roboterexperte Mitarbeiter an der Oxford University. Er schreibt (SZ 22.8.19):

1. 1924 waren die Lampenanzünder in den westlichen Großstädten ein Opfer von Thomas Edisons Glühbirne geworden. Sie hatten ihren Arbeitsplatz verloren.

2. Neue Technologien (wie die Digitalisierung) bringen Vorteile für die Gesellschaft. Es gibt aber immer auch Verlierer.

3. Die um 1770 beginnende industrielle Revolution brachte Maschinen und Fabriken anstelle von Handwerksbetrieben.

4. Das Wirtschaftswachstum hat sich seither alle 50 Jahre verdoppelt.

5. Auch heute ist die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen durch Automatisierung völlig berechtigt.

6. Bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts ermöglichten gewöhnliche Fabrikjobs den Arbeitern einen bürgerlichen Lebensstil.

7. In den USA sind dort die sozialen Probleme und die Unzufriedenheit am größten, wo die Arbeitsplätze in der Produktion verschwanden.

8. Dort hauptsächlich gewinnt Donald Trump seine Stimmen.

9. In den USA befürworten 85 Prozent der Befragten Maßnahmen, die den Einsatz von Robotern über gefährliche Arbeiten hinaus einschränken.

10. 47 Prozent der US-amerikanischen Arbeitsplätze und 54 der europäischen könnten aufgrund der „künstlichen Intelligenz“ automatisiert werden.

2530: 4 von 10 Flüchtlingen sind beschäftigt oder in Ausbildung.

Donnerstag, September 5th, 2019

Es kann keine Frage sein, dass die Integration von Flüchtlingen stets eine große Herausforderung für die aufnehmende Gesellschaft ist, ein Risiko. Insbesondere gilt das für die Flüchtlingswelle 2015, in der die Bundeskanzlerin mit dem Satz hervortrat: „Wir schaffen das!“ Das war gewagt. Dem verdanken wir die hohen Stimmanteile der AfD. Tatsächlich möchten viele Menschen gar nicht, dass die Integration von Flüchtlingen funktioniert. Tatsächlich aber ist es weithin so.

Vier von zehn Flüchtlingen sind beschäftigt oder in Ausbildung. Manche von ihnen warteten lange auf ihre Asylentscheidung und durften anfangs nicht arbeiten. Ihre Integration klappt besser als in den neunziger Jahren bei den Zuwanderern aus dem ehemaligen Jugoslawien. Daran haben Firmen, Flüchtlingshelfer und deutsche Behörden ihren Anteil. Und das, obwohl Syrer, Iraker und Afghanen selten jene formalen Abschlüsse mitbringen, die in Deutschland üblich sind. Der Erfolg rührt her auch von dem langen deutschen Boom, mit dem es nun wohl bald vorbei ist.

Wir müssen weiterhin konzentriert am Integrationserfolg arbeiten. In den letzten dreißig Jahren war er gegeben trotz

Wiedervereinigung, Globalisierung, EU-Erweiterung, Digitalisierung, Euro- und Finanzkrise.

Künftig wird er schwerer zu erreichen sein. Den Deutschen wird noch manches abverlangt (Alexander Hagelüken, SZ 5.9.19).

2528: Polnischer Bürgerrechtskommissar: Warum die Polen der Regierung zustimmen

Mittwoch, September 4th, 2019

Für die SZ (3.9.19) hat Florian Hassel den polnischen Bürgerrechtskommissar Adam Bodnar befragt.

SZ: Warum fällt das Vorgehen gegen die Justiz der Regierung so leicht, und warum ist sie bei vielen Polen weiter populär?

Bodnar: Die Wirtschaft wächst, die Regierung hat neue Sozialleistungen wie mehr Kindergeld, Sonderzahlungen für Rentner oder Steuerfreiheit für Polen unter 26 eingeführt. Wenn sich Bürger sicher fühlen, sie Jobs haben und soziale Leistungen bekommen, sehen sie keine Gefahr für sich. Zudem misstrauen Polen vielen Institutionen, erst recht der Justiz, was etwa am schlechten Ruf aus kommunistischer Zeit oder an überlangen Verfahren liegt. Drei Viertel der Polen vertrauen ihrer lokalen Verwaltung, Polizei oder Feuerwehr, aber nur 35 Prozent den Gerichten. Viele Polen verstehen nicht, welche Rolle das Verfassungsgericht und andere Gerichte für ihr Leben haben können.

2527: Herfried Münkler über die EU-Osterweiterung

Mittwoch, September 4th, 2019

„Die EU ist mit jeder Erweiterung immer heterogener geworden, vor allem mit der Osterweiterung. Bei Sicherheit denken Polen und Balten an Russland, in Italien und Spanien denkt man eher an Afrika. Doch die Erweiterungen nach Osten haben im weiteren Sinn durchaus mit imperialer Logik zu tun. Denn dieser Raum war in der Zeit von 1919 bis 1938, also zwischen den Weltkriegen, unfriedlich. Polen führte drei Kriege gegen Sowjetrussland, Ungarn und Rumänien bekriegten sich, ebenso die Türkei und Griechenland. Die Probleme, die damals existierten, waren zum Teil nach 1990 noch vorhanden. Etwa, dass 40 Prozent der Ungarn jenseits der ungarischen Grenzen lebten. Was passieren kann, wenn latente Gewalt explodiert, konnte man in Jugoslawien sehen. Deshalb hat die EU viel getan, um dies zu verhindern. Das war einer der Imperative für die Ost-Erweiterung.“ (taz 31.8./1.9.19)