Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2668: Das Christentum auf dem Weg nach Europa

Dienstag, Dezember 31st, 2019

Manchmal ist bei uns noch die Rede vom „christlichen Abendland“. Ich bin mir darüber klar, dass dieser Begriff häufig ironisch verwandt wird. Viele Menschen bei uns lehnen die Kirche gerade ab und machen sie für viele Fehlentwicklungen verantwortlich. Eine Gegenbewegung hat aber immer noch einen Bezug zur Kirche, wenn auch manchmal wenig Kenntnisse. Diese hat der Historiker und Archäologe Martin Kroker (Die Zeit 18.12.19). Er ist Leiter des LWL-Museums in der Kaiserpfalz in Paderborn. Wir bewegen uns mit seinem Text in einer Zeit, in der die Frage, ob das Christentum zu Europa gehöre, nicht abwegig schien (von Christi Geburt bis ins 15. Jahrhundert). Klar sind wir uns darüber, dass die Verbreitung des Christentums kein friedvoller pazifistischer Akt war, sondern mit Krieg, Mord und Totschlag geschah.

1. Im Matthäus-Evangelium steht: „Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Das unterscheidet das Christentum von anderen Religionen.

2. Christen verbreiteten sich im Imperium Romanum. Gleichzeitig wanderten das Judentum und der Islam aus dem Nahen Osten nach Europa.

3. Die Ursprungsorte des Christentums, Jerusalem, Galiläa und die Gegenden, in denen die Apostel missionierten, gehörten zur Zeit Jesu zum Römischen Reich. Dort gab es zunächst brutale Christenverfolgungen.

4. Kaiser Konstantin besiegte seinen Mitkaiser Maxentius 312 an der Milvischen Brücke in Rom. Vor der Schlacht soll ihm ein Kreuz erschienen sein. Konstantin machte die Kirche künftig zur Klammer zwischen dem Imperium und dem Kreuz.

5. Kaiser Theodosius I. erklärte 380 die Dreifaltigkeit aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist als verbindlich und wirkte damit gegen die Religionsfreiheit.

6. Um 500 herum drangen germanische Eroberer ins Römische Reich ein. Sie waren Bewunderer des römischen Reichtums und der römischen Kultur. Der griechische Theologe Wulfilas wurde zum „Bischof der Christen bei den Goten“ ernannt. Er übersetzte die Bibel ins Griechische. Ein Großteil der Westgoten, Ostgoten, Vandalen und Langobarden trat zum Christentum über.

7. Um 500 nahm der Frankenkönig Chlodwig den römisch-katholischen Glauben an. 496 schlug er die Alemannen in der Schlacht bei Zülpich.

8. Eine besonders erfolgreiche Rolle in der Christianisierung nimmt Irland ein. Es beginnt damit bei den Angeln, Sachsen und Jüten in England.

9. Um 600 lässt sich König Ethelberht taufen. Die Christianisierung geht in Friesland weiter.

10. 730 lässt Wynfred (Bonifatius) im nordhessischen Fritzlar die Donareiche fällen, um die Ohnmacht der heidnischen Opfer zu beweisen. Er wird 755 in Friesland erschlagen und gilt danach als Märtyrer.

11. Nach dem Tod Mohammeds 632 breitet sich der Islam nach Spanien aus. 711 überqueren islamische Berber die Meerenge von Gibraltar.

12. 732 plündert ein arabisches Heer Bordeaux. Es wird bei Poitiers von dem Frankenherzog Karl Martell geschlagen. Die Franken drängen die Araber über die Pyrenäen zurück.

13. Karl der Große, der Enkel Karl Martells,  lässt sich 800 in Rom zum Kaiser krönen. Er besiegt und christianisiert die Sachsen.

14. Diese stellen bald darauf eine große Zahl von Kaisern des heiligen Römischen Reichs deutscher Nation (Heinrich, Otto et alii).

15. Im 13. und 14. Jahrhundert wird das Baltikum christianisiert. Am Ende des 15. Jahrhunderts wird in der Reconquista die Iberische Halbinsel rechristianisiert.

Es war ein langer Weg voller Zufälle und Rückschläge.

2667: Manfred Stolpe ist gestorben.

Dienstag, Dezember 31st, 2019

Der erste Ministerpräsident des seinerzeit (1990) neu gegründeten Bundeslands Brandenburg, Manfred Stolpe (SPD), ist gestorben. Der 1936 in Stettin geborene Stolpe hatte Jura studiert und mehrere Jahrzehnte bei der Evangelischen Kirche in der DDR gearbeitet, zuletzt als Konsistorialpräsident. Er war bekannt und beliebt im Land, auch bei Gegnern. Stolpe hat dem Land Brandenburg Stimme und Gesicht gegeben, er war ein politisches Schwergewicht. In der DDR hatte er sich um Bedrängte und Kriegsdienstverweigerer gekümmert und dafür gute Kontakte zur SED-Führung aufgebaut. Seine Gegner behaupteten, er sei IM der Stasi gewesen. Das war nicht zu beweisen. Als Ministerpräsident behandelte er die PDS fair und moderat (Jens Schneider, SZ 31.12.19/1.1.20).

2665: Hohenzollern wollen Entschädigung und Rückgabe.

Montag, Dezember 30th, 2019

Die Hohenzollern haben den letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II., gestellt. Sie waren verstrickt in die Entfachung des Ersten Weltkriegs. Nun verlangen sie Entschädigung und Rückgabe.

1. Das bezieht sich auf Grundstücke, Herrenhäuser, Kunstsammlungen, Wohnrechte etc.

2. Dazu schreibt der Ordinarius für Geschichte Prof. Dr. Jörn Leonhard (Freiburg): „Wenn man über den Charakter der DDR als Unrechtsstaat und damit indirekt über die Anerkennung von generationellen Biografien streitet, dann wirken die Rückgabansprüche eines gewesenen Herrscherhauses auf den ersten Blick eigentümlich anachronistisch – wie ein Ruf aus einer Vorvergangenheit, die man längst hinter sich gelassen zu haben glaubte.“ (FAZ 21.12.19)

Ergo: die Hohenzollernforderungen sind anachronistisch (W.S.).

3. Inzwischen liegen dazu vier Gutachten vor. Das Land Brandenburg hat damit einmal Stephan Malinowski beauftragt, zum anderen Peter Brandt.

Die Hohenzollern haben Christopher Clarke als Gutachter bestellt.

Neuerdings liegt ein Gutachten von Wolfram Pyta und Rainer Orth vor.

4. Der Emeritus für Geschichte und Bestsellerautor Prof. Dr. Heinrich August Winkler (Berlin) schreibt über den Hohenzollernkronprinz Wilhelm, der 1932/33 geholfen hat, Adolf Hitler an die Macht zu bringen: „Er war ein reaktionärer Opportunist, der als Fernziel die Wiederherstellung der Monarchie anstrebte. Dafür wollte er Hitler instrumentalisieren. Aber es lief genau umgekehrt: Hitler hat den Kronprinzen für die Festigung seiner Herrschaft instrumentalisiert. Wer ihn nachtäglich zum Hitler-Gegner stilisiert, entlastet ihn zu Unrecht – und die antirepublikanischen Verbündeten und Steigbügelhalter Adolf Hitlers gleich mit.“ (Die Zeit, 12.12.19)

5. Leonhard: „Ganz sicher ist der Kronprinz in das Lager derjenigen einzuordnen, die in der Krisenphase der deutschen Demokratie nach Kräften den Weg in eine rechtsautoritäre Ordnung förderten, um die ungeliebte Republik zu überwinden. Wie genau diese Alternative aussehen sollte, ob neokorporativ oder nach dem Vorbild Mussolinis in Italien mit einer Restauration der Monarchie, mochte unklar sein. Aber dass man in den rechtskonservativen Milieus mit Energie und Ranküne daran arbeitete, die Republik von 1918 hinter sich zu lassen, daran besteht kein Zweifel. In diesen Kontext gehörte das opportunistische Agieren Wilhelms seit dem Frühjahr 1932, um die Monarchie wieder ins Spiel zu bringen: sei es zunächst mit Hitler, dann kurzfristig mit einem politisch schwachen General Schleicher und ab Januar 1933 erneut mit Hitler. Was man an Wilhelm wie an anderen Teilen der deutschen Eliten studieren kann, ist der aus Selbstüberschätzung entstandene instrumentelle Blick auf Hitler und die fatale Unterschätzung der Gewaltdynamik seiner Bewegung. Ebenso sicher nutzte der Kronprinz Bilder und Botschaften, um an diesem autoritären Projekt mitzuwirken und die monarchische Option zur Geltung zu bringen. All das trug zur Schwächung der Republik bei, und aus diesem Zusammenhang heraus gehört es zu den Bedingungen für den Aufstieg Hitlers.“

2662: Tempolimit spaltet Regierungskoalition.

Sonntag, Dezember 29th, 2019

Die SPD will 2020 wieder über ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen sprechen. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken: „Ein Tempolimit auf unseren Autobahnen ist gut für den Klimaschutz, dient der Sicherheit und schont die Nerven der Autofahrer.“ Außerhalb Deutschland sei ein Tempolimit der Normalfall. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (der mit der Maut) widerspricht: „Wir haben weit herausragendere Aufgaben als dieses hoch emotionale Thema wieder und immer wieder ins Schaufenster zu stellen – für das es gar keine Mehrheiten gibt.“ Der SPD hielt er vor, dass sie im Bundestag kürzlich einen Antrag der Grünen für ein solches Tempolimit mehrheitlich abgelehnt habe.

Verkehrsexperten und die Gewerkschaft der Polizei sprechen sich für eine Geschwindigkeitsbegrenzung aus, weil sie Zahl und Schwere der Unfälle auf den Autobahnen verringern könne (MBAL, SZ 27.12.19).

2661: Mehrheit für Böllerverbot

Samstag, Dezember 28th, 2019

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov mit 2.000 Teilnehmern für das Redaktionsnetzwerk Deutschland befürworten 57 Prozent der Deutschen ein Böllerverbot zu Silvester. 36 Prozent sind dagegen, sieben Prozent unschlüssig (SZ 28./29.12.19).

2659: Jens Söring wieder in Deutschland

Donnerstag, Dezember 26th, 2019

33 Jahre saß Jens Söring in den USA wegen eines angeblichen Doppelmordes im Gefängnis. Er hat bis zum Schluss geleugnet. Nun ist er zurück in Deutschland. Moritz Geier hat dazu den emeritierten Strafrechtler und Kriminologen Frieder Dünkel, 69, befragt (SZ 24./25./26.12.19).

SZ: Hätte ihm das in Deutschland auch passieren können?

Dünkel: Nein, aus deutscher Sicht ist sein Fall verfassungsrechtlich höchst problematisch, zumal er ja nicht rückfallgefährdet ist. Söring saß für ein in Anführungszeichen „normales“ Tötungsdelikt, das aus einer einmaligen Konfliktsituation entstand, er war damals 18 Jahre alt. In Deutschland hätte er maximal zehn Jahre nach Jugendstrafrecht bekommen und wäre nach sieben jahren vermutlich entlassen worden.

SZ: Ist es überhaupt möglich, nach so langer Zeit ein normales Leben zu führen?

Dünkel: Ja, das zeigt der vielleicht berühmteste Langzeithäftling der Geschichte, Nelson Mandela. Wenn man ein bestimmtes Umfeld und auch eine Aufgabe hat, kann auch die Wiedereingliederung nach so langer Zeit gelingen. Im Fall Söring stehen die Integrationschancen gut, weil er kein „Normalkrimineller“ ist, weder sozial entwurzelt noch arm. Und er hat ja wohl auch einen großen Unterstützerkreis, ein soziales Netz, das ihn auffängt.

SZ: Der offene Vollzug hat in Deutschland aber keinen guten Ruf und wird oft als „Hotelvollzug“ verspottet.

Dünkel: Das ist er aber nicht. Der offene Vollzug ist für den Übergang sehr wichtig, um den Schock der Entlassung abzufedern. Er wird in Deutschland zu wenig entwickelt. Nur Nordrhein-Westfalen und Berlin nutzen ihn in großem Umfang und arbeiten damit sehr sozialintegrativ. Der offene Vollzug bietet sich für Leute an, die in der Kindheit nicht komplett negativ sozialisiert wurden. Bayern ist beim offenen Vollzug leider äußerst rückständig. Da muss man schon Hoeneß heißen, um dort frühzeitig reinzukommen.

2657: Gabriele Tergit „Effingers“ (1951)

Dienstag, Dezember 24th, 2019

Die Schriftstellerin und Essayistin Thea Dorn, die auch zum Team des „Literarischen Quartetts“ gehört, empfindet es als einen Skandal, dass Gabriele Tergits „Effingers“ (1951, Neuauflage 2019) nicht längst Teil des Kanons der deutschen Literatur ist.

„Gabriele Tergit erzählt in ‚Effingers‘ die Geschichte zweier jüdischer Familien vom Kaiserreich bis zum Holocaust. Dabei gelingt der Autorin ein doppeltes Wunder: Sie verbindet den langen Erzählatem eines Honoré de Balzac mit dem Tempo der Gerichtsreprterin aus der Weimarer Zeit; und ihr Blick auf Deutschland – Tergit selbst floh vor den Nationalsozialisten ins Exil, in dem sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1982 blieb – ist so schonungslos entlarvend wie liebevoll erinnernd. Ein bestürzendes Leseglück sondergleichen.“ (SZ 20.12.19)

2655: Nordstream 2 kommt.

Montag, Dezember 23rd, 2019

Die USA wollen Deutschland ihr Fracking-Gas verkaufen. Deswegen sanktionieren sie einige Firmen, die am Bau von Nordstream 2 beteiligt sind. Das ist eine unerlaubte, relativ schwerwiegende Einmischung. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und den USA sind tiefgefroren. Außerdem müssen wir darauf achten, dass unsere Energiezufuhr nicht zu einseitig wird. Deshalb ist russisches Gas für uns richtig. Dass Polen und die Ukraine am russischen Gastransit über ihr Staatsgebiet verdienen möchten, ist verständlich. Europa ist sich hier nicht einig genug. Das ist ja nicht der einzige Punkt. Unsere deutsche Methode muss dabei immer bleiben Dialog und Interessenausgleich. Das verstehen die Amis einfach nicht.

2652: Einwandererkinder müssen besser Deutsch lernen.

Sonntag, Dezember 22nd, 2019

Wir können von den Pisa-Studien halten, was wir wollen, die letzte hat gerade gezeigt, dass in Deutschland die Lesekompetenz unter 15-Jährigen zurückgeht. Das liegt überwiegend an Einwandererkindern, in deren Familien wenig Deutsch gesprochen wird. Nach Deutschland wandern bevorzugt sozial schwache Migranten ein. So schaffen wir die Integration nicht. Die Einwandererfamilien sind kinderreich. Im Jahr 2000 hatten 22 Prozent der 15-Jährigen einen Migrationshintergrund, heute 36 Prozent. Die Einwanderer müssen Deutsch lernen nicht wegen der Deutschen, sondern weil sie sonst auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben (Thomas Kerstan, Die Zeit 5.12.19).

2651: Bundesbankchef Jens Weidmann zum Bargeld

Freitag, Dezember 20th, 2019

In einem Interview mit Nico Fried, Cerstin Gammelin und Markus Zydra (SZ 14./15.12.19) äußert sich Bundesbankchef Jens Weidmann zum Bargeld.

SZ: Herr Weidmann, wie haben Sie den letzten Wochenendeinkauf bezahlt?

Weidmann: Mit dem Handy. Das ist aber letztlich eine Kartenzahlung, weil eine Kreditkarte hinterlegt ist.

SZ: Wie lange wird es Bargeld noch geben?

Weidmann: Bargeld ist in Deutschland nach wie vor das beliebteste Zahlungsmittel. Rund drei Viertel aller Einkäufe im Laden werden bar bezahlt. Über die Zeit gesehen nimmt der Bargeldanteil nur langsam ab. Bargeld hat eben auch Vorteile, man gibt keine Daten preis und ist unabhängiger von Technik.