Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

274: Rating-Agenturen handeln nicht im öffentlichen Interesse, sondern im eigenen.

Mittwoch, Oktober 17th, 2012

Rudolf Hickel ist für seine offenen Worte bekannt. Wir kennen sie z.B. aus dem „Presseclub“. Der eher linke Ökonom spricht in der Regel klar Ross und Reiter an und die Interessen, die sie vertreten. Nun lobt er in einer Rezension Werner Rügemers neu erschienenes Buch über Rating-Agenturen.

Rügemer nimmt sich darin die „organisierte Geheimniskrämerei“ vor. Er gibt „Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart“ (SZ 16.10.12). Die drei großen Agenturen sind Standard & Poor’s (40 % des Gesamtumsatzes), Moody’s (40 %) und Fitch (15 %). Letztere gehört einem französischen Geschäftsmann, die anderen beiden US-amerikanischen Hedgefonds und Investmenbanken. Diese üben auch den entscheidenden Einfluss auf die Untersuchungen und Publikationen der Agenturen aus. Rügemer präsentiert dazu erstmals bisher weitgehend unbekannte Detailinformationen.

Henry Vanrum Poor, dessen Name die 1941 verschmolzene Rating-Agentur Standard & Poor’s trägt, hatte 1868 Anlegern Informationen über die zu erwartende Wirtschaftlichkeit von US-Eisenbahngesellschaften geliefert. Heute umfasst das massiv ausgeweitete Angebot Informationen zur Bonität von Krediten, Aktien, Anleihen, Finanzmarktprodukten und von Staaten. Oft ohne Auftrag und deswegen kaum zu überschauen. Der Widerspruch dieser Tätigkeiten liegt in der scheinbar öffentlichen Funktion einerseits und der strikten Profitorientierung der auftraggebenden Hedgefonds andererseits.

1. Es wird belegt, dass der von der neoliberalen Politik (Ronald Reagan, Margaret Thatcher) beförderte Aufschwung der Rating-Agenturen die Entfesselung der Finanzmärkte (ohne Haftung für Fehlurteile) ausgelöst hat.

2. 1995 erfolgte die Umstellung in der Bezahlung. Nicht die Kunden , sondern die Kreditgeber und die Produzenten von komplexen Finanzmarktinstrumenten zur Verschleierung der Risiken zahlen die Beratungsgebühr und versuchen, Einfluss auf die Notenvergabe zu nehmen.

3. Die Politik hat festgelegt, dass von den Agenturen vergebene Mindestnoten in entsprechenden Gesetzen und Verordnungen berücksichtigt werden müssen.

Für die großen drei Agenturen zeigt Rügemer, wie deren Eigentümer auch Miteigentümer der großen Banken und multinationalen Konzerne sind. So gehört Standard & Poor’s dem Großkonzern Mc Graw Hill. Dessen Eigentümer sind Hedgefonds wie „Capital World“. Diese Hedgefonds gehören wieder Investmentbanken und anderen Hedgefonds. Die Interessen der Bevölkerung tauchen hier nirgendwo auf. Die Eigentümerstruktur macht es möglich, zum Beispiel für höchst risikoanfällige Anlageprodukte beste Noten zu vergeben.

Rudolf Hickel nennt die Rating-Agenturen deswegen auch Brandbeschleuniger.

271: Der grüne Strom ist nicht alleine schuld an den Preiserhöhungen.

Mittwoch, Oktober 10th, 2012

Es liegt auf der Hand, dass diejenigen, die noch am alten Energiesystem verdienen wollten, nun die beschlossene Energiewende mit allen Mitteln behindern. Z.B. durch Preiserhöhungen und Drohmeldungen. Wir erinnern uns, dass CDU und CSU ein Jahr vor dem Wendebeschluss noch beschlossen hatten, die Laufzeit von Atomkraftwerken zu verlängern. Nun soll die grüne Energie für die am 15. Oktober kommenden Preiserhöhungen verantwortlich gemacht werden. Aber das ist falsch. Am 9.10.12 hatte der Chef der Bundesnetzagentur Jochen Homann in einem Interview mit der SZ erst erklärt, wie die absehbaren Preiserhöhungen zustande kommen. Und dass einiges noch nicht bekannt ist. Die Ökostrom-Umlage hatte er mit über 5 Cent beziffert.

Gut 20 Milliarden Euro zahlen die Deutschen 2013 für die Förderung umweltfreundlicher Energie. So viel wie nie zuvor (Markus Balser, SZ, 10.10.12). Konzerne klagen über die Kosten des Umbaus. Verbände sagen den Verlust von vielen Arbeitsplätzen voraus. Und Politiker warnen, dass sozial Schwache ihre Energierechnung nicht mehr bezahlen können. Tatsächlich muss hier vorgebeugt werden. Aber machen wir uns auch klar, wer die Strompreise festlegt, dass Kraftwerke und Stromnetze fehlen. Die bekommen wir nicht zum Nulltarif.

Das Anwachsen des Strompreises hat nichts mit dem beschleunigten Ausstieg aus der Atomenergie zu tun. Seit der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 ist der Strompreis für Privathaushalte von damals 15 Cent auf 26 Cent gestiegen. Der Ausbau erneuerbarer Energien steht gerade mal für die Hälfte des Strompreis-Anstiegs. Andere Gründe sind etwa die gestiegenen Brennstoffkosten für Gas oder Kohle.

Auch erzeugt der gewachsene Grünstrom-Anteil nicht nur Preissteigerungen, sondern trägt auch zur Senkung bei. Denn je mehr Strom aus Windparks und Solaranlagen in die Haushalte fließt, desto stärker fallen die Großhandelspreise an der Strombörse. Kohle- und Gaskraftwerke werden stillgelegt. Die Verbraucher spüren davon bisher nichts, weil die Energieversorger zwar die Erhöhungen an den Kunden weitergeben, aber nicht die Preisnachlässe. Außerdem sind viele der größten Stromverbraucher, Industrieunternehmen nämlich, von der Ökostrom-Finanzierung befreit. Das mag politisch gewollt sein, trägt aber jedenfalls zur Preissteigerung für den Endverbraucher bei. Die Anteile der Großunternehmen müssen kleinere Unternehmen und Privathaushalte übernehmen. So kommt eine klare Berechnung zustande.

270: Drohne über Israel abgeschossen

Dienstag, Oktober 9th, 2012

F 16-Kampfbomber der israelischen Luftwaffe aus Ramon in der Negevwüste haben am letzten Samstag eine Drohne über Israel abgeschossen (SZ 8.10.12). Sie war vom Mittelmeer kommend über den Gaza-Streifen nach Israel eingedrungen. Die F 16 hatten mit dem Abschuss gewartet, bis sie unbewohntes Gebiet überflog. Die israelische Armee meldete den Erfolg sogleich samt Video der Weltpresse.

Expertenkreise vermuten, dass die Drohne von der Hisbollah in Libanon abgefeuert worden war. Ein der Hisbollah nahestehender libanesischer Fernsehsender hat das ebenfalls gemeldet. Wir erinnern uns daran, dass schon 2006 von Libanon aus mit Sprengstoff beladene Drohnen nach Israel geschickt wurden. Deren Abschuss gelang rechtzeitig. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hatte erst kürzlich verkündet, dass die Hisbollah mit Drohnen alle möglichen Ziele in Israel treffen könne, einschließlich des Atomreaktors in Dimona. Wahrscheinlich diente die jetzt abgeschossene Drohne nicht dem Angriff auf ein Ziel, sondern der Ausspähung von möglichen Zielen.

Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, „wir werden weiter unsere Grenzen zur See, auf dem Land und in der Luft verteidigen, um die Sicherheit unserer Bürger zu gewährleisten“. Israel gilt als der Welt größter Exporteur von Drohnen. Auch die Bundeswehr nutzt in Afghanistan geleaste „Heron 1“-Drohnen aus Israel und erwägt nun den Kauf bewaffneter Flugkörper. Anscheinend arbeitet auch Iran mit Hochdruck an der Entwicklung moderner Drohnen. Die kürzlich präsentierte „Schahed 129“ hat eine Reichweite von 2000 Kilometern und kann Israel erreichen.

260: Der Kapitalismus ist sehr anpassungsfähig.

Freitag, September 28th, 2012

Birger Priddat lehrt Politische Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke. Er hält den Kapiatlismus für „ungeheuer durchsetzungsfähig“ (SZ 28.9.12). Markus Balser hat ihn interviewt.

SZ: Seit Beginn der Finanzkrise schwindet das Vertrauen der Menschen in die freien Märkte rapide. Immer mehr suchen nach Alternativen, arbeiten an Visionen und Utopien. Haben neue Wirtschaftsformen jetzt eine größere Chance?

Priddat: Die Marktwirtschaft dient jedenfalls nicht mehr als gesellschaftlicher Hoffnungsträger. Lange glaubten die Menschen, mit Arbeit und Investitionen mehr Wohlstand schaffen zu können. Diese Hoffnung auf ein besseres Leben hat den Kapitalismus getragen – vor allem in den unteren Schichten der Gesellschaft. Sie hat auch Gewerkschaften und Sozialdemokraten über viele Jahre beflügelt und den Mittelstand entstehen lassen. Die große Hoffnung auf ein breites Wachstum des Wohlstands scheint nun aber endgültig vorbei.

SZ: Warum?

Priddat: Wir erleben gerade eine einschneidende Wende in der Wahrnehmung unserer Wirtschaftsordnung. Das hat nicht allein mit der Krise zu tun. In unserer modernen Industriegesellschaft entwickelt sich zum ersten Mal eine Generation, die nicht mehr davon ausgehen kann, dass ihre materielle Situation besser ausfallen wird als die ihrer Eltern. Das ist neu und wird zu einem Umdenken führen. Die Marktwirtschaft verliert damit an Zugkraft. Das Wohlstandsniveau wird bleiben, aber als Hoffnungswert könnte der Kapitalismus bald ausgedient haben. In diese Leere können neue Vorschläge treten, aber es wird für Visionäre schwer, das System zu ändern.

SZ: Was meinen Sie?

 Priddat: Es gibt viele Utopien, aber wenig, was dem Kapitalismus aus heutiger Sicht realistischerweise Konkurrenz machen kann. Wir müssen aufhören, zu glauben, dass wir die Marktwirtschaft ablegen können wie einen alten Hut. Sie hat unser Leben so stark durchdrungen, dass sie sich nicht einfach ersetzen lässt. Veränderungen werden sich eher in kleinen Schritten vollziehen.

SZ: Evolution statt Revolution?

Priddat: Ich glaube nicht an einen schnellen radikalen Wandel. Der Kapitalismus ist ein ungeheuer durchsetzungsfähiges System. Es ist sehr geschmeidig und passt sich rasch an. Und wir dürfen nicht vergessen: Für weite Teile der Menschheit, im Moment vor allem in Schwellenländern, ist die Chance auf mehr Wohlstand durch den Kapitalismus nach wie vor groß. Aber wir werden immer mehr Veränderungen in der Marktwirtschaft selbst erleben, alleine durch die Anforderungen der Schulden, des Klimas, der neuen Technologien.

SZ: Was genau erwarten Sie?

Priddat: Nehmen Sie nur das Anbieten von Gratissoftware im Internet: Die Idee, die Gesellschaft gemeinschaftlich zu organisieren, wird eine Renaissance erleben. Klar ist: Die großen Probleme und Risiken unseres Wirtschaftens, die Finanzrisiken, ökologische Risiken, Klima- und Umweltrisiken, zwingen uns dazu. Wir werden unsere Wirtschaftsordnung in jedem Fall verändern müssen, mit mehr Bankenregulierung und Umweltschutz etwa – und hoffentlich auch mit mehr Moral.

SZ: Sie glauben wirklich an mehr Moral?

Priddat: Ich hoffe. Wirtschaftsethik hat Konjunktur. Aber man muss einräumen, die Wirkung der schönen Worte auf das Handeln der Manager, Politiker wie der Bürger ist gering. Moral ist keine Lösung, sondern eher ein – wichtiger – Indikator für Probleme, die dann aber rechtlich, politisch, wirtschaftlich geklärt werden müssen. Und immer wieder neu.

SZ: Sie haben im Frühjahr in einem öffentlichen Aufruf mit 100 Kollegen eine neue Streitkultur in der Ökonomie gefordert. Warum trauen sich viele Ökonomen nicht, über den Tellerrand zu schauen?

Priddat: Die Grundzüge des Wirtschaftens stehen heute zu selten in Frage. Viel zu viele Forscher denken sehr stromlinienförmig. Wer Karriere machen will, darf nicht ausbrechen. Der Wissenschaftsbetrieb macht es Querdenkern schwer. Er hat sich zu einer Massenproduktion von Varianten Desselben entwickelt. Wer aber Fortschritt will, muss neues Denken erlauben.

258: Hat der Marxismus doch recht?

Sonntag, September 23rd, 2012

Franziska Augstein ist eine der besten und vielseitigsten Journalisten in Deutschland. Dass sie die Tochter Rudolf Augsteins ist, darf nach den Kriterien der politischen Korrektheit wahrscheinlich gar nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Mir erscheint es doch erwähnenswert. Augstein schreibt für die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ). In viele ihrer Berichte und Reportagen fließen sehr viel Allgemeinwissen und wissenschaftliche Erkenntnisse ein. Sie interessiert sich für die Ursachen von Erscheinungen und beleuchtet häufig die Hintergründe von Gegebenheiten.

Nun widmet sich Augstein (SZ 21.9.12) der europäischen Schuldenkrise mit der These „Warum Marx recht hat“. Ihr widerspricht auf der gleichen Seite Nikolaus Piper. Und ich kann nur sagen, dass beide auf sehr hohem Niveau argumentieren, auch wenn beide Fehler machen. Diesen Fehlern widme ich mich hauptsächlich. Das ist natürlich ungerecht. Aber sonst wird das hier zu lang.

Augstein möchte die Annahme belegen, dass Marx‘ Gesellschaftstheorie großes analytisches Potential hat und geeignet ist, die gegenwärtige Schuldenkrise in Europa zu erklären und sie zu bekämpfen. Das ist nun an einigen Stellen der Fall, an anderen nicht. Schon im Titel „Warum Marx recht hat“ ist – möglicherweise unbewusst –  eine Auffassung enthalten, die ich zurückweise. Hier erscheint es so, als ob Marx noch eine treffende Analyse anstellen konnte, einige seiner Nachfolger wie Lenin, Stalin, Mao aber nicht. Marx soll von diesen abgesetzt und für sakrosankt erklärt werden. Das ist unberechtigt, weil sich alle Genannten auf ihn bezogen und teilweise ausdrücklich erklärt haben, dass sie seine Theorie nicht erweitern wollten, sondern auf eine spezielle Lage anwendeten. So beispielsweise Lenin, der die Marxsche Theorie auf Russland bezog. Am deutlichsten wird das an der Gewaltfrage. Marx wie Engels haben ausdrücklich die Anwendung von Gewalt im politischen Kampf befürwortet. Dies unseren lieben Pazifisten ins Stammbuch.

Augstein gelingt es andererseits zu zeigen, dass Marx‘ Analyse vielfach heute noch stichhaltig ist. Sie setzt dazu gezielt bestimmte Begriffe ein, z.B. den des „Fetischcharakters“. Augstein: „Der Fetisch-Charakter der Ware zeigt sich an den Produkten der Finanzmarktindustrie viel deutlicher als an industriell erzeugten Gütern, die man anfassen kann. Erstere haben jenseits des Marktes keinen erdenklichen Nutzen mehr.“ Das stimmt. Es ist aber nicht richtig, dass Marx ökologisch argumentiert hat. Vielmehr war er ein Anhänger des Wachstums (der Produktivkräfte) und hat den Kapitalismus für dessen anfängliche Wachstumsdynamik bewundert.

Augstein findet in zeitgenössischen Bootsflüchtlingen die Verkörperung des Begriffs des Proletariers. Warum nicht. Er hat kein Vaterland mehr und nichts zu verlieren als seine Ketten. Augstein: „Die heutige Krise gilt vielen als größte Krise des Kapitalismus. Die Deregulierung der Finanzmärkte, die um 1980 begann und bis über das Jahr 2000 fortgesetzt wurde, hat diese Krise erwirkt.“ Richtig. Den Begriff des Klassenkampfs wendet Augstein so, dass es den wohlhabenden Ländern nicht gelingen werde, auf Dauer die armen Nachbarn in Schach zu halten. Eigenwillig interpretiert, aber vielleicht hinnehmbar. Augstein behauptet, Marx habe sich Massenmord und Gulag nicht vorstellen können. Das mag sein. Aber Marx‘ Apodiktik hat sie vorbereitet.

Es darf nicht übergangen werden, dass Augstein Marx kritisch sieht. „Marxens Konzept, warum eine Revolution kommen müsse, war falsch.“ Das sieht Augstein sehr richtig. Und hier kommen nun zwei Wörter aus Augsteins Artikel ins Spiel, die nicht unterschätzt werden sollten. „Was tun?“ Das ist tasächlich die Frage. Sie hat sich Lenin in seiner Schrift „Was tun?“ von 1903 auch gestellt. Er ist darin zu dem Schluss gekommen, dass die Proletarier die von den marxistischen Theoretikern ausgedachte Revolution gar nicht wollen, sondern von Berufsrevolutionären dazu gezwungen werden müssen. Von hier an wurde die Demokratie im Sozialismus abgeschafft. Der Gewalt, dem Mord an den Kulaken in den zwanziger Jahren, dem Archipel Gulag wurden Tür und Tor geöffnet. Stalin hat mehr deutsche Kommunisten umgebracht als Hitler.

Nikolaus Piper versucht, Franziska Augstein zu widerlegen. Auch er erkennt zunächst an, dass mit der Marxschen Methode viele Krisen bis in die Gegenwart erklärt werden können. Als Ursache sieht er hauptsächlich unkontrollierte Spekulation. „Seither ist es guter Brauch unter Marxisten, jede schwere Krise als die finale des Kapitalismus zu deuten.“ Lenin schrieb dazu 1916 „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Piper stört sich zu recht am Historischen Materialismus, der alle Epochen in den vorgeschriebenen Gang der Geschichte einordnet und dann vom „Spätkapitalismus“ spricht. Karl Raimund Popper nannte dies das „Elend des Historizismus“. Piper hat recht damit zu behaupten, dass bisher alle Krisen überwunden worden sind. Aber zu welchem Preis? Und wer hat ihn bezahlt?

„Marx war gut, wenn er beschrieb. Aber er irrte fast immer, sobald er die Geschichte voraussagen wollte. … Er irrte auf spektakuläre Weise, als er die ‚Verelendung‘ des Proletariats vorhersagte. Seit Marx‘ Zeiten hat sich die Weltbevölkerung fast versiebenfacht, trotz Krise leben die Arbeiter in den alten Industrieländern in vergleichsweise großem Wohlstand, der Anteil der Armen in der Welt war noch nie so gering wie heute.“ Gute Argumente. Piper kritisiert die Marxsche Arbeitswertlehre, wonach allein die menschliche Arbeit produktiv ist. Piper kommt nicht klar mit dem „Klassenkampf“. Aber der findet statt, egal was Stalin oder Mao für Gewalt daraus entfacht haben.

Wir sehen also, dass an einigen Stellen Augstein, an anderen Piper recht hat. Was wir aber vor allem erkennen können, ist, dass der real existierende Sozialismus 72 Jahre lang, von 1917 bis 1989, wirtschaftlich völlig ineffektiv war und die Armut und die soziale Rückständigkeit nicht beseitigen konnte. Marx hatte sich vorsichtshalber gar nicht damit beschäftigt, wie die sozialistische Wirtschaft einmal aussehen könnte. Er war stark in der Analyse, die partiell heute noch gültig ist, und schwach in der Konstruktion. Er hat einen Staat wie die Sowjetunion vorbereitet, in dem es weder Demokratie gab noch Menschenrechte anerkannt wurden. Er hat den Archipel Gulag möglich gemacht. Und Gewalt schien den Kommunisten immer erforderlich. Bis hin zum Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 in Peking. Egon Krenz, der seinerzeitige SED-Vorsitzende, hat es ausdrücklich gelobt. Erinnern wir uns noch daran, was Gregor Gysi als damaliges SED-Mitglied dazu gesagt hat?

Der Kommunismus, der tatsächlich auf Marx zurückgeführt werden kann, hat total versagt. Er anerkannte keine Menschenrechte, war undemokratisch, korrupt und am Ende pleite. Zu schweigen von den vielen Menschen, die von ihm geopfert worden sind. Der Kommunismus hat uns Staaten hinterlassen wie Weißrussland, wo heute noch der KGB herrscht. Deswegen hat im Ergebnis Franziska Augstein unrecht, wenn sie über Marx sagt, dass er recht habe. Seine Analyse hat fürchterliche Folgen gehabt. Das beruhte daruf, dass er alle Erscheinungen auf Vorgänge in der ökonomischen Basis zurückgeführt und dies damit zum Dogma erhoben hat. Diese Erklärung aus einem Grund ist die Ursache für das Versagen des Kommunismus.

Im demokratischen Sozialismus hat es durchaus Alternativen gegeben. So in Eduard Bernsteins „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ von 1899. Dort heißt es u.a.: „Der Eklektiszismus – das Auswählen aus verschiedenen Erklärungen und Behandlungsarten der Erscheinungen – ist oft nur die natürlich Reaktion gegen den doktrinären Drang, alles aus einem herzuleiten und nach einer und derselben Methode zu behandeln. Sobald solcher Drang überwuchert, wird sich der eklektische Geist immer wieder mit elementarer Gewalt Bahn brechen. Er ist die Rebellion des nüchternen Verstandes gegen die jeder Doktrin innewohnende Neigung, den Gedanken ‚in spanische Stiefel einzuschnüren‘.“ Bernstein war der Begründer des Revisionismus, den die SPD stets praktiziert hat, auch wenn Bernstein sich zunächst nicht durchsetzen konnte. Dadurch wurden Marxsche Fehler vermieden.

252: Rolf Dobelli versteht das Finanzsystem nicht.

Sonntag, September 9th, 2012

Rolf Dobellis Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ führt seit Monaten die Bestsellerlisten an. Endlich einmal jemand, der etwas gegen die „Querdenker“ tut, denen meistens das Wissen fehlt und die dann anfangen zu spekulieren.

Nun hat Dobelli im Interview mit Christine Meffert eingeräumt, dass sein Studium der Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen der größte Fehler seines Lebens war und dass er das internationale Finanzsystem nicht versteht („Zeitmagazin“, 23.8.12).

ZM: .. haben Sie dort nicht eine gewisse Art zu denken gelernt?

D.: Nein, das Studium hatte damals nichts mit Denken zu tun, eher war es ein Wiedergeben von belanglosen Metaphern, was Wirtschaft ist.

Zwischenbemerkung W.S.: Das ist ja vermutlich auch heute noch so.

ZM: Ist die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften so schön, weil es da immer richtig oder falsch gibt?

D.: Bei Physik und Mathematik trifft das zu. Bei der Chemie fängt es schon an zu wackeln. Und jetzt interessieren mich Bereiche, wo es wirklich wackelt, wie etwa die Psychologie. Ein Thema, das mich extrem interessiert, ist die Frage: Gibt es so etwas wie eine vernünftige Ethik?

ZM: Was meinen Sie damit?

D.: Den uralten Traum der Menschheit, die Moral von der reinen Gefühlsebene abzulösen und ihr so etwas wie einen stabilen logischen, aber auch empirischen Boden zu geben. Da haben sich schon viele dran die Zähne ausgebissen. Aristoteles, Hume, Kant, Rawls. Erwarten Sie keinen Durchbruch von mir in dieser Frage, ich erwarte es auch nicht von mir – und doch interessiert mich das Thema.

ZM: In Ihren Texten verbinden Sie Erkenntnisse aus der Psychologie und Ökonomie mit Anekdoten, um die Leser vor Denkfehlern zu warnen. Wo sehen Sie die häufigsten Fehler?

D.: Der Vater aller Denkfehler ist der „Bestätigungsirrtum“. Wir alle haben Lieblingstheorien im Kopf – über den Euro, den Sinn des Lebens oder unseren Nachbarn. Unser Hirn filtert Informationen systematisch aus, die diesen Lieblingstheorien widersprechen. Das ist gefährlich.

ZM: Die meisten Menschen fürchten in der Euro-Krise um ihr Geld. Verstehen Sie das Finanzsystem?

D.: Nein. Wir verstehen die Wirtschaft nicht. Wir haben eine Welt geschaffen, die wir nicht mehr verstehen. Wir können ein paar Tricks anwenden, wie ich sie in meinen Büchern beschreibe. Aber unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, das Finanzsystem vollständig zu erfassen. Unser Gehirn ist da, um möglichst viele eigene Gene in die nächste Generation zu katapultieren.

ZM: Es ist ziemlich schwer, gegen Gefühle anzudenken.

D.: Ja, Gefühle kann man nicht oder nur sehr schwer steuern. Abschalten können wir sie schon gar nicht. Aber mit Training können wir sie wenigstens ein bisschen kontrollieren.

ZM: Kann man sich glücklich denken?

D.: Nein, ob man glücklich ist, ist zu 90 Prozent Veranlagung. Ich bin von der Disposition her kein besonders glücklicher Mensch. Ich bin wahrscheinlich Durchschnitt. Aber ich kann zumindestens verhindern, dass ich dumme Fehler mache, die mich noch unglücklicher machen.

245: Liao Yiwu (Friedenspreis-Träger des Deutschen Buchhandels) über Sinologie

Mittwoch, August 29th, 2012

Der Staat China ist gewiss nicht leicht zu beurteilen. Wegen seiner Größe. Und der vielen Menschen. Auf Grund seiner langen und reichen Geschichte. Wegen seiner Vielfalt, die sich bis zu den Muslimen im Westen erstreckt. Und doch haben sich seit der kommunistischen Machtübernahme 1949 viele Strukturen erhalten. Die Diktatur der kommunistischen Partei. Die großen sozialen Unterschiede. Das Fehlen der Menschenrechte. Die Millionen von rechtlosen Wanderarbeitern. Die Zensur. Der Turbokapitalismus seit Deng Hsiao Ping. Die nicht eingetretene „Liberalisierung“ seit den Olympischen Spielen von Peking 2008. Und vieles mehr.

Angela Merkel will bei ihrem Besuch um chinesische Hilfe bei der Lösung der Euro-Schulden-Krise bitten. Wegen der chinesischen Festgeldkonten. Gleichzeitig soll Merkel protestieren gegen die Gängelung und Drangsalierung der deutschen Korrespondenten in China. Sie werden von der Polizei und vom Geheimdienst abgeschöpft, ermahnt, bedroht und verhört. In einem Brief haben sie sich an die Bundeskanzlerin um Hilfe gewandt. Die Repression betrifft nicht nur die deutschen Journalisten. Melissa Chan von „Al Dschasira“ musste gerade das Land verlassen.

In dieser Lage interviewt die SZ (29.8.12) den chinesichen Friedenspreis-Träger des Deutschen Buchhandels, Liao Yiwu, einen hier noch ziemlich unbekannten Autor und Musiker, der seit 2011 in Deutschland lebt. Er hat die Gesprächsprotokolle „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ und seine Gefängniserinnerungen unter dem Titel „Für ein Lied und hundert Lieder“ veröffentlicht. Der Preisträger erinnert sich an seine schwierige Kindheit zu Zeiten von Maos „Großem Sprung nach vorne“. Der bedeutete vor allem Hunger und eine dadurch verlangsamte Entwicklung von Liao. 40 Millionen Menschen starben. Liaos „Lehrmeister“ waren der Hunger, die Obdachlosigkeit, die Schande und das Gefängnis.

Liao ist glücklich, in Deutschland leben zu dürfen. „Oh nein, ich bin glücklich, ein derartig bösartiges Land verlassen zu haben. Das chinesische Außenministerium hat Deutschland dafür kritisiert, einem Schwerverbrecher wie mir den Friedenspreis verliehen zu haben. Ich bin so froh, hier sein zu dürfen. sonst säße ich wieder im Gefängnis. So etwas wie ein Vaterland kenne ich ohnehin nicht, ich habe nur eine Heimatverbundenheit zu meiner Provinz Sichuan.“

Liao erinnert sich gut an das Massaker auf dem Tianamen-Platz 1989, wo hunderte von Demonstranten von Panzern niedergewalzt wurden. Egon Krenz (SED) sprach der chinesischen Obrigkeit seinerzeit seine Anerkennung aus. Danach wurden sehr viele Menschen angeklagt und teilweise zum Tode verurteilt. Deng Hsiao Ping hatte den Befehl zum Massaker gegeben. Er wird heute, und das erbost Liao, von vielen Sinologen auf der ganzen Welt verteidigt. Liao spricht über den Harvard-Sinologen Ezra Vogel. „Er schreibt, Deng habe sich auch am 4. Juni 1989 richtig verhalten. Er habe schweren Herzens den Schießbefehl geben müssen, sonst wäre sein Lebenswerk, die Modernisierung Chinas in Gefahr gewesen. Das ist skandalös. Ein Harvardprofessor verteidigt diesen Schlächter.“

Liao selbst, der Einladungen zu Lesungen hatte, etwa in Auckland (Neuseeland),  ist wieder ausgeladen worden. „Die Sinologen weltweit sind längst Teil der chinesischen Kulturpolitik.“ Zu den vielen neu gegründeten Konfuzius-Instituten sagt Liao: „Es ist unglaublich! Die Regierungsbeamten, die in diesen Instituten arbeiten, sind kulturelle Analphabeten, die Konfuzius‘ Namen in Geiselhaft genommen haben. … diese Institute, …, sind nichts als Propagandainstitute, die Lügen und Klischees verbreiten.“

232: ManU hat beim Börsengang 515 Millionen Euro Schulden

Samstag, August 11th, 2012

Manchester United ist der beliebteste Fußball-Klub der Welt mit 660 Millionen Fans weltweit und 19 Meistertiteln. Trotzdem verlief der Börsengang am Freitag holprig. Geplant war ein Ausgabepreis von 16 bis 20 Euro pro Aktie, herausgekommen ist einer von 14 Euro. Darüber berichtet Harald Freiberger in der SZ (11./12.8.12).

Die Einnahmen muss sich der Klub mit der Eigentümerfamilie Glazer teilen, die den Verein 2005 übernommen hat. Danach halste die Familie dem Klub Schulden auf. Beim Börsengang waren es 515 Millionen Euro. Schon im Vorfeld hatte es Unstimmigkeiten geben. Die Investmenbank Morgan Stanley stieg aus dem Konsortium der betreuenden Banken aus, weil man sich mit dem Verein über den Preis nicht einig wurde. Da half es auch nichts, dass vor ein paar Tagen der Werbevertrag mit General Motors bekannt wurde. Die Firma zahlt ManU 451 Millionen Euro, um sieben Jahre lang auf den Trikots für Chevrolet zu werben.

Die niedigeren Einnahmen aus dem Börsengang bedeuten auch, dass weniger Geld für neue Spieler da ist. So soll Manchester United für den niederländischen Nationalstürmer Robin van Persie (Arsenal London) 19 Millionen Euro geboten haben. Ähnlich wie der FC Bayern unternimmt der Klub also energische Schritte, um wieder Erfolg zu haben.

Der Börsengang von ManU ist der größte eines Sportvereins, den es je gab. 2000 nahm Borussia Dortmund 125 Millionen Dollar ein, 2001 Juventus Turin 128. Die Aktie von Borussia Dortmund kam 2000 für 11 Euro auf den Markt. Heute ist sie nur noch 2,50 Euro wert. „An der Börse kommt es nicht gut an, dass die Borussen den Beweis internationaler Klasse bislang schuldig geblieben sind.“

225: Chinesischer Investor bei Inter Mailand

Montag, August 6th, 2012

Für 55 Millionen Euro übernimmt der chinesische Baukonzern China Railway Construction Corporation (CRCC) 15 Prozent der Anteile von Inter Mailand. Die „Gazetta dello Sport“ kommentiert: „Inter – die chinesische Revolution“. Präsident Massimo Moratti, dessen Familie bisher 98 Prozent von Inter hält, will den Verein konkurrenzfähig machen gegenüber Klubs wie Real Madrid und Manchester United und in sehr gute Spieler investieren. Der 68-jährige Ölmagnat hatte den Verein 1995 gekauft. Er soll in den vergangenen 17 Jahren über eine Milliarde Euro investiert und bisher noch keinen Gewinn gemacht haben. Die Bilanz 2011/12 soll ein Defizit von 80 Millionen Euro aufweisen.

Nach Moratti behält seine Familie die Kontrolle im Aufsichtsrat. Bis 2017 soll in Mailand ein neues Stadion das „Giuseppe-Meazza-Stadion“ im Stadtteil San Siro ablösen. Das kann dann gleich CRCC bauen. Warum die Chinesen, CRCC ist ein Staatskonzern, in Mailand investieren, erklärt ein Professor aus Peking: „Die größte Motivation für die CRCC ist es, ihre eigene Marke aufzubauen. Inter Mailand kann dabei helfen, weil er zu den berühmtesten Klubs der Welt zählt.“ CRCC rangiert auf Platz 133 der 500 größten Konzerne auf der Welt. Seit 2008 ist das Unternehmen börsennotiert (Schanghai und Hongkong). Vor zwei Jahren war CRCC schon mit dem FC Liverpool in Verbindung gebracht worden. Diese Verbindung scheiterte.

220: Milton Friedman 100

Sonntag, Juli 29th, 2012

100 Jahre wäre Milton Friedman, der „Papst“ des Neoliberalismus, am 31.7.2012 geworden. Er ist 2006 gestorben. Gehasst von allen sozialdemokratisch-gewerkschaftlich orientierten Wirtschaftswissenschaftlern und Ideologen. Denn Friedman war tatsächlich ein radikaler Liberaler, der gegen Ende seines weithin in der Öffentlichkeit stattfindenden Prominentenlebens, relativ kompromisslos in seinen ökonomischen Ratschlägen geworden war. Sein Rat war in der ganzen Welt gefragt. Die SZ (Nikolaus Piper) widmet Friedman am 28./29.7. ihre „Seite drei“.

Milton Friedman wuchs als Kind armer jüdischer Einwanderer aus der Karpatho-Ukraine in ärmlichen Verhältnissen in New York auf. Er wurde neben John Maynard Keynes, seinem theoretischen Widersacher, und August von Hayek zum einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Und manche Aussage Friedmans kommt uns unter dem Druck der Euro-Krise schon fast prophetisch vor. „Eine Währungsunion, die unter ungünstigen Bedingungen oktroyiert wird, wird sich als Hindernis für das Erreichen von politischer Einheit erweisen.“

Friedmann war dadurch ausgezeichnet, dass er sich auch Nicht-Ökonomen verständlich machen konnte. Sein „Schlüsselerlebnis“ war wie für viele andere Wissenschaftler und Politiker auch die Weltwirtschaftskrise 1929. An der Universität von Chicago fand er 1932 seine weltanschauliche und wissenschaftliche Heimat. Hauptmerkmal der Chicago-Schule war der Glaube, dass der Preis die Wirtschaft effizient steuern könne. Vorausgesetzt der Staat mischte sich nicht ein. Nach Friedmann ist der Kapitalismus „inhärent stabil“.

Friedman vertrat tatsächlich die Meinung, dass der Staat sich aus den Schulen zurückziehen solle. Dafür könne er „Bildungsgutscheine“ ausgeben. Friedman wollte die „Wohlfahrt“ abschaffen und durch eine „negative Einkommenssteuer“ ersetzen. Er war gegen die Wehrpflicht und für die Freigabe von Drogen. Für Friedmanns Gegner, die Keynesianer, ist der Kapitalismus „inhärent instabil“ und braucht die Hilfe des Staates. 1933 startete Fraklin Delano Roosevelt, der US-Präsident, seinen „New Deal“.

Friedmans Hauptwerk ist die „Monetäre Geschichte der Vereinigten Staaten 1857-1960“, das er 1963 mit der Wirtschaftshistorikerin Anna Schwartz veröffentlichte. Danach sollen die Notenbanken dafür sorgen, dass die Menge des umlaufenden Geldes permanent wächst (Monetarismus). Friedman, der 1976 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekam, hat auch heute noch viele bekannte und einflussreiche Anhänger. Der gegenwärtige Präsident der US-Notenbank, Bernard Bernanke, sagte 2002 zum neunzigsten Geburtstag Friedmans: „Was die Weltwirtschaftskrise betrifft. Sie hatten Recht, wir (die Notenbanker) waren die Schuldigen. Aber dank Ihnen werden wir den Fehler nicht nochmals begehen.“

1964 beriet Friedman den reaktionären republikanischen Senator Barry Goldwater und mobilisierte eine neue Generation von „Konservativen“. Margaret Thatcher in Großbritannien (seit 1979) und Ronald Reagan in den USA (seit 1980) ließen sich programmatisch von Friedman inspirieren und wirtschaftspolitisch beraten. Es begann das, wie wir heute wissen, brandgefährliche Programm der Privatisierung und Deregulierung, das uns wieder in eine Weltwirtschaftskrise geführt hat.

Der dunkelste Punkt in Friedmans öffentlichem Leben ist aber die Unterstützung des 1973 an die Macht gekommenen chilenischen Diktators Augusto Pinochet. Der ließ sich von den „Chicago Boys“ beraten, „Schülern“ von Friedman. Dieser selbst war kein Berater von Pinochet, aber er besuchte Chile 1975 und wurde auch von dem Dikatator empfangen. Das Programm der „Chicago Boys“ bedeutete Privatisierung von staatlichen Unternehmen und der Sozialversicherung, Senkung von Zöllen und Steuern, Unterdrückung der Gewerkschaften, Abschaffung staatlicher Vorschriften wie des Mindestlohns. Das klingt wie ein Programm zur Bereicherung der Reichen und zur weiteren Verarmung der Armen.