Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

1142: Bei Fracking: Erdbeben

Samstag, Januar 23rd, 2016

Beim Fracking wird Flüssigkeit unter hohem Druck in tiefe Erdschichten gepumpt, um dort gelagertes Erdgas oder – öl zu fördern. In den USA wird das so intensiv betrieben, dass die unterirdischen Druckveränderungen auch Erdbeben auslösen. Bedeutender als die eingesetzte Frack-Flüssigkeit ist dort die Entsorgung anfallenden Abwassers. Bei den Bohrungen kommen Millionen Kubikmeter belastetetes Wasser aus dem Untergrund zu Tage. Um Geld zu sparen, pumpen die US-Firmen dieses Abwasser in tiefe Erdschichten, statt es in die ursprüngliche Lagerstätte zurückzuführen.

Der Geologe Georg Meiners ist Fracking-Gutachter für das Umweltbundesamt und für das nordrhein-westfälische Umweltministerium. Er hält Erdbeben auf Grund von Fracking auch in Deutschland für möglich. „Weil jedoch die eingesetzten Mengen an Frack-Flüssigkeit und Abwasser hier viel kleiner sind, würden diese in geringerer Intensität erwartet. Ob ein Erdbeben ausgelöst wird, hängt davon ab, um wieviel Flüssigkeit es sich handelt, wie tief unten sie eingepresst wird und wie stark die natürliche Spannung im Gestein ist. Ist sie stark, erhöht die injizierte Flüssigkeit den Druck und wirkt wie ein Schmiermittel.“ (taz 14.1.16)

1110: Wir wollen dem Klima eine Chance geben.

Sonntag, Dezember 13th, 2015

Gegenüber Kopenhagen (2009) war der Pariser Klimagipfel schon ein Erfolg. Ob er zur Erhaltung des Klimas reicht, bezweifle ich. Trotzdem sollten wir alles tun, dieses Ziel zu erreichen.

1. Der Pariser Vertrag ist erstmals für fast alle Staaten der Welt verbindlich.

2. Die Erderwärmung soll auf weniger als 1,5 Grad begrenzt werden.

3. Die Treibhausemissionen müssen so schnell wie möglich sinken.

4. Die nationalen Klimaziele werden alle fünf Jahre überprüft.

5. Die Industrieländer sollen für den Kampf gegen den Klimawandel an die Entwicklungsländer zahlen. Dieses von mir für besonders wichtig gehaltene Ziel ist schwer zu erreichen.

Sicher sein können wir in einem: Wenn die Ziele des Pariser Klimagipfels nicht konsequent und zügig verfolgt werden, gibt es die von den Ökologen seit sehr langem angekündigte Katastrophe.

1102: Wett-Kultur in Deutschland

Dienstag, Dezember 1st, 2015

Der Europäische Gerichtshof hat 2010 das Staatsmonopol bei Sportwetten beseitigt. Daraufhin wurde in Deutschland 2012 der Glücksspielstaatsvertrag geschlossen, mit dem das Staatsmonopol erhalten bleiben und zugleich private Sportwetten zugelassen werden sollten. Das hat anscheinend nicht gut funktioniert. Denn ob ein Wettanbieter illegal ist, ist dem Staat offenbar nicht so wichtig, wenn er Steuern einnehmen kann.

Das Wettgeschehen vollzieht sich in Deutschland seither in einer rechtsstaatlichen Grauzone. Und wir wissen darüber zu wenig. Es gibt wohl etwa 10.000 teils illegale Wettbüros (plus die Wettseiten im Netz). Aber die Kriminalität wird bisher nicht geahndet. Eine Gefahr gerade für junge Menschen und für Männer; denn Frauen beteiligen sich am Wetten kaum. Besonders gefährdet sind junge Männer mit viel Zeit und wenig Geld. 4,5 Milliarden Euro wurden 2014 umgesetzt (Jan Willmroth, SZ 21.22.11.15). Mit steigender Tendenz.

Wie viele der Wettbüros ordentlich Steuern zahlen, ist nicht bekannt. Von den 18 Bundesligaklubs haben 16 mindestens einen privaten Wettanbieter als Sponsor. Hertha BSC beispielsweise „bet-at-home“. Besonders schwer zu übersehen ist das Wettgeschehen, das vom Rechner zu Hause aus zu bedienen ist. Fachleute für Suchtkrankheiten schätzen den Anteil von Spielsüchtigen an den Wettern auf 25 Prozent. Das kann den Staat nicht kalt lassen.

1076: Wettlauf nach Peking

Freitag, November 6th, 2015

Es passiert Demokraten immer wieder, dass sie bei der Verfolgung ihrer Ziele auch mit Despoten und Diktatoren sprechen müssen. Weil sie sonst nicht weiterkämen. Das war etwa bei der „neuen Ostpolitik“ Willy Brandts der Fall, wo versucht werden musste eine Regelung mit der Sowjetunion zu erreichen. Dies darf aber nicht zur Appeasement-Politik ausarten, sondern der Westen muss an seinen Werten erkennbar bleiben. Flüchtlinge jedenfalls erkennen diese Werte und fliehen zu ihnen. Dazu gehört selbstverständlich auch Wohlstand.

Dies steht andererseits ständig bei der Chinapolitik westlicher Staaten auf der Tagesordnung. Dieser größte und bevölkerungsreichste Staat ist ein sehr großer und attraktiver Markt. Das sagt wohl alles. Von den westlichen Verhandlungspartnern werden da gerne die Menschenrechte, die Umweltkatastrophen und die Unterdrückung nicht-chinesischer Völker vergessen.

Besonders weit in der Liebedienerei gehen die britischen Konservativen unter Premierminister David Cameron. Zur Rivalität um Chinas Gunst schreibt Kai Strittmatter in seinem Kommentar (SZ 29.10.15): „Londons Ziel ist klar: Es will Deutschland als Chinas Partner Nummer eins in Europa ablösen. Es ist bei Angela Merkel schon auf Grund ihrer Geschichte und Persönlichkeit nicht anzunehmen, dass sie den Weg David Camerons geht, nur um ein paar Punkte zu machen. Täte sie es dennoch, wäre es fatal. Camerons knallhart kalkulierte Liebedienerei ist nicht nur ein Verzicht auf Werte und Würde, es ist

der Verzicht auf Außenpolitik überhaupt.

Kurzfristig mag das profitabel sein, langfristig ist es dumm.“

1056: Entwicklungshilfe hilft nichts gegen Flüchtlingsströme.

Sonntag, Oktober 18th, 2015

Die Flüchtlingswelle nach Europa, hauptsächlich Deutschland, ändert manches. Menschen, die sich noch nie um Entwicklungshilfe gekümmert haben und denen die Menschen „weit hinter der Türkei“ ziemlich gleichgültig waren, entdecken sie jetzt als Allheilmittel gegen den Flüchtlingsstrom. Mit der Zauberformel „die Fluchtursachen bekämpfen“.

Das ist Unfug.

Darüber klärt uns der frisch gekürte Nobelpreisträger für Wirtschaft auf,

Angus Deaton, 69.

Der britische und US-amerikanische Staatsbürger lehrt in Princeton.

In seinem Buch „The Great Escape“ (2013) demonstriert Deaton, dass es ein Mittel gibt, das am besten gegen Armut hilft: die Migration. Von daher ist es logisch, dass die vernünftigste Politik gegen Armut ist, Migration zuzulassen. „Migranten, denen es gelingt, von armen Ländern in reiche zu ziehen, verbessern ihre eigene Lage, und das Geld, das sie überweisen, hilft ihrer Familie, sich zu Hause besser zu stellen.“ Die Empfänger dieses Geldes bekämen mehr Macht dazu, ihre Regierung zu Verbesserungen zu zwingen.

Die Entwicklungshilfe könne tatsächlich einem autokratischen Regime helfen, an der Macht zu bleiben oder sich zu bereichern. Ihre Mittel kämen bei weitem nicht immer an der richtigen Stelle an. „Wenn die Voraussetzungen für eine gute Entwicklung gegeben sind, ist Hilfe nicht notwendig.“ „Wenn die Voraussetzungen vor Ort aber entwicklungsfeindlich sind, dann bringt Entwicklungshilfe nichts, und sie kann sogar schädlich sein, wenn sie dazu beiträgt, dass diese Bedingungen weiter bestehen.“

Der überzeugendste Beleg für Deatons These sind die afrikanischen Staaten von Mitte der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre. In dieser Zeit wuchs die Entwicklungshilfe überproportional an, gleichzeitig sank das ohnehin schwache Wachstum auf Null. Nach Ende des kalten Kriegs wurde die Entwicklungshilfe zurückgefahren. Prompt stiegen die Wachstumsraten in Afrika wie noch nie vorher.

Deaton schlägt nicht vor, die Entwicklungshilfe abzuschaffen. „Eine hilfreiche Art der temporären Migration ist es, dass der Westen Stipendien anbietet für Studenten, insbesondere afrikanische.“ Im Idealfall gingen diese in ihre Heimat zurück und hülfen ihren Staaten. Gerade im Kriegsfall gäbe es keine humanere und effektivere Lösung für Flüchtlinge, als sie im Westen aufzunehmen.

Ob das dem Westen selber nützt, darüber sagt Deaton nichts (Ralph Bollmann und Lisa Nienhaus, FAS 18.10.15).

 

1055: Gefährdet die DFB-Krise Olympia in Hamburg ?

Sonntag, Oktober 18th, 2015

In der Darstellung von Anno Hecker und Christoph Becker (FAS 18.10.15) stammen die Hinweise auf die schwarze Kasse des DFB wohl von Theo Zwanziger, dem ehemaligen DFB-Präsidenten. Er ist dem gegenwärtigen Präsidenten Wolfgang Niersbach in tiefer Abneigung verbunden, seit der DFB Niesbach bei seinem Aufstieg vom Generalsekretär (etwa 300.000 Euro im Jahr) zum Präsidenten zum Ausgleich eine vorzeitige Auszahlung seiner Betriebsrente gewährte.

Die Sportausschuss-Vorsitzende des Deutschen Bundestages, Dagmar Freitag (SPD), sieht gravierende Folgen der DFB-Krise. „Die Fußballfans sind hart im Nehmen, aber der Sport wird, wenn das mit den Schlagzeilen so weitergeht, seine Akzeptanz verlieren. Ich fürchte, die Menschen werden sich auf Dauer abwenden. Der Angriff auf die phantastischen Werte, die der Sport zu bieten hat, wird gleichzeitig dazu führen, dass die Gegner von Großereignissen des Sports Argumente erhalten. Solche Affären können also auch eine Auswirkung auf die Olympia-Bewerbung von Hamburg haben.“

1048: Deutsche Leitkultur

Samstag, Oktober 10th, 2015

Es versteht sich für mich von selbst, dass die Flüchtlinge, die zu uns kommen, unsere politische Kultur übernehmen müssen. Und sich integrieren. Allerdings hat Bassam Tibi schon 2006 gemeint: „Das Problem ist: Deutschland kann den Fremden keine Identität anbieten, weil die Deutschen selbst kaum eine haben. Das ist wohl einen Folge von Auschwitz.“

Wenn wir uns auf die Suche nach unserer Identität machen, stoßen wir auf die Grundrechte (Art. 1-19 Grundgesetz) und unsere deutsche Sprache. Die Grundrechte beinhalten in Kurzfassung nach Grundgesetz-Artikeln geordnet folgendes:

1: Schutz der Menschenwürde, 2: Freiheit der Person, 3: Gleichheit vor dem Gesetz, 4: Glaubens- und Gewissensfreiheit, 5: Freie Meinungsäußerung, Informations-, Presse- und Rundfunkfreiheit, 6: Schutz von Ehe und Familie, 7: Elternrecht, staatliche Schulaufsicht, 8: Versammlungsfreiheit, 9: Vereinigungsfreiheit, 10: Brief- und Telefongeheimnis, 11: Recht auf Freizügigkeit, 12: Freie Berufswahl, 12 a: Wehrdienst/Zivildienst, 13: Unverletzbarkeit der Wohnung, 14: Eigentumsgarantie, 15: Überführung in Gemeineigentum, 16: Staatsangehörigkeit, Auslieferung, 16 a: Asylrecht, 17: Petitionsrecht, 19: Rechtsweggarantie.

Diese Grundrechte finden wir in rudimentärer Form erstmals 1215 in der Magna Charta Libertatum in Großbritannien, damals ein Abwehrrecht des Adels gegen den König. In Europa kämpften einige Menschen für die Religionsfreiheit. Daraus erwuchs der Wunsch zur Meinungs- und Publikationsfreiheit, schließlich die Wissenschaftsfreiheit. Usw. 1776 wurden die Virginia Bill of Rights erklärt. Im gleichen Jahr die Menschenrechte mit der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. 1789 die Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich. Das Grundgesetz gilt seit 1949. Es wurde einge Male ergänzt und geändert. 1953 kam die Europäische Menschenrechtskonvention hinzu.

Die deutsche Sprache wird repräsentiert von Schriftstellern wie Gotthold Ephraim Lessing, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Georg Büchner, Heinrich Heine, Theodor Fontane, Thomas Mann, Heinrich Mann, Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Erich Maria Remarque, Wolfgang Koeppen, Günter Grass, Siegfried Lenz, Uwe Johnson und Martin Walser. Keine schlechte Liste.

Deutschsein und Weltoffenheit sind lange keine Gegensätze mehr (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2 Aufl. 2009, S. 183-194).

1034: Flüchtlingslager auf der Welt

Freitag, September 18th, 2015

Durch die aktuelle Flüchtlingskrise ist Europa ins Zentrum des Interesses gerückt. Flüchtlinge gibt es aber anderswo auf der Welt in noch größerem Ausmaß. Ursachen sind meistens Kriege, Bürgerkriege oder der Kampf um Rohstoffe und Bodenschätze.

1. Seit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan fliehen Menschen von dort. Der Strom ist in letzter Zeit wieder größer geworden, weil die USA und andere westliche Sicherheitsmächte sich von dort zurückziehen wollen.

2. Der muslimische Sudan und der christliche Südsudan haben zwei Staaten gebildet. Im ölreichen Südsudan herrscht seit 2013 ein mörderischer Bürgerkrieg. Sieben Waffenstillstandsabkommen haben nichts genützt.

3. Somalia hat seit den neunziger Jahren fast keine staatlichen Strukturen mehr. Dort herrschen Milizen.

4. Der an Bodenschätzen reiche Ostkongo ist seit Jahrzehnten Spielball von mörderischen Milizen.

5. Der Bürgerkrieg in Burundi hat eine Flüchtlingswelle ausgelöst.

6. Die Kämpfe in Irak und Syrien haben vielfältige und hochkomplexe Ursachen. Die erkennbar wichtigsten sind der verfehlte Einmarsch der USA 2003 in Irak und die permanente Unterstützung Russlands für das alewitische Assad-Regime in Syrien, wo neuerdings das russische militärische Engagement noch vergrößert wird. In Jordanien und Libanon bestehen Flüchtlingslager schon seit den Nahostkriegen 1948, 1956, 1973 und 1981.

7. Im UN-Sicherheitsrat werden beabsichtigte Sanktionen häufig von den Veto-Mächten blockiert. Sehr häufig von Russland.

Die Staaten, die am meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, sind 1. die Türkei (1 938 999), 2. Pakistan (1 505 525), 3. Libanon (1 113 941), 4. Iran (982 027), 5. Äthiopien (659 524), 6. Jordanien (629 266), 7. Kenia (551 352), 8. Tschad (452 897), 9. Uganda (385 513), 10. China (301 052). Dass die meisten Flüchtlinge dort keine Perspektive sehen, liegt auf der Hand.

Die größten Flüchtlingslager sind

Daadab, Kenia (332 455),

Gambella, Äthiopien (219 620),

Dollo Ado, Äthiopien (208 331),

Nyarugusu, Tansania (151 258),

Adjumani, Uganda (112 620) und

Rwamwanja, Uganda (61 016).

Nicht immer werden aus großen Flüchtlingsströmen große Lager. Vor allem in der Türkei und in Pakistan, den aktuell wichtigsten Aufnahmestaaten, kommen die meisten Vertriebenen nicht in Camps unter, sondern leben dezentral in Dörfern und Städten (SZ 17.9.15).

1030: Putin gießt in Syrien Öl ins Feuer.

Mittwoch, September 16th, 2015

Wladimir Putins gegenwärtige Außenpolitik besteht im Wesentlichen darin, bei Konflikten Öl ins Feuer zu gießen (siehe Krim, Donbas, Ukraine) und zu versuchen, den Westen zu spalten. Manchmal gelingt ihm das fast. Intern sind sowohl die NATO als auch die EU uneins genug, wie die nicht abgestimmte Flüchtlingspolitik der Europäer zeigt.

Nach Russland wollen anscheinend keine Flüchtlinge.

Nun mischt sich Putin verstärkt in Syrien ein, wo Assads Armee nicht aufgehört hat, die eigene Bevökerung mit Flächenbombardements und Fassbomben zu terrorisieren. 250 000 Todesopfer dieses „Kampfes“ sind zu beklagen. Putin hat an der russischen Marinebasis in Tartus (Syrien) festgehalten. Nun plant er anscheinend eine russische Militärbasis in Jableh bei Latakia weiter im Norden Syriens. Dort sollen auch Kampfbomber stationiert werden. Ein Einsatz ist geplant. In Assads zerfallendem Staat will Putin die russischen Interessen wahren, wie er sie sieht. Und er möchte als gleichberechtigter Partner der USA zurückkehren (Julian Hans, SZ 14.9.15).

Damit haben wir in Syrien zwei unberechenbare Herrscher,

Putin und Assad.

Das bedeutet Gefahr.

1025: Fremdenfeindlichkeit in Ostmitteleuropa

Donnerstag, September 10th, 2015

Die aktuell nach Europa schwappende Flüchtlingswelle (in Deutschland waren 2015 bis zum 31. August im Jahr 413 535 Flüchtlinge registriert) erscheint kaum zu bewältigen. Und zu bezahlen. Die von der Bundesregierung locker gemachten 6 Milliarden extra reichen gewiss bei weitem nicht aus. Eine EU-weite Quotenregelung muss her. Wahrscheinlich kommen in diesem Jahr in Deutschland monatlich noch jeweils 100 000 Flüchtlinge dazu. Auch die Verteilung auf die Bundesländer muss gerecht sein.

Am meisten Widerstand gegen die Flüchtlinge in Europa kommt aber aus Ostmitteleuropa (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn). Dazu hat Jens Bisky für die SZ (10.9.15) Philipp Ther interviewt, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Der hat für sein Buch

„Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“

im Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

SZ: In der aktuellen Flüchtlingskrise scheint sich eine neue Trennlinie zwischen Westeuropa, vor allem Frankreich und Deutschland, und Osteuropa herauszubilden. Was passiert da eigentlich?

Ther: Man darf nicht vergessen, dass auch Großbritannien erst keine Flüchtlinge aufnehmen wollte, Spanien und Portugal wollten es eigentlich auch nicht. Die Trennlinien verlaufen durch die gesamte europäische Union, zwischen verschiedenen Ländern, nicht nur zwischen Ost und West.

SZ: Aber gibt es nicht im Osten jetzt einen besonderen Widerstand?

Ther: Nun, innerhalb des ostmitteleuropäischen Blocks muss man auch wieder unterscheiden. Konkret geäußert haben sich die Staaten der

Visegrad-Gruppe,

aber auch in dieser Gruppe muss man differenzieren. Ungarn ist ja Transitland und hat jetzt auch relativ viele Flüchtlinge aufgenommen und Asylverfahren bearbeitet und positiv entschieden. Das passt erst einmal gar nicht zum Image der rechtspopulistischen Regierung von Victor Orban. Bei Tschechien, der Slowakei und Polen sind die Bedingungen jeweils spezifisch. In der Slowakei steht der Wahlkampf bevor. In Tschechien gibt es einen populistischen Präsidenten. Und wo Populisten an der Regierung sind, bedienen sie dann xenophobe Reflexe. In Polen dagegen gibt es die kritischste Debatte über die Verweigerung der Aufnahme von Flüchtlingen.

SZ: Wie kann man die Unterschiede erklären?

Ther: Wahrscheinlich ist in Polen die Erinnerung an die Situation nach der Verhängung des Kriegsrechts im Jahr 1981 frischer. Insgesamt ist dort die Zivilgesellschaft stärker und kritischer. Ich finde es beschämend, dass man sich in Tschechien und der Slowakei so schwertut mit Fremden, die von weiter herkommen. Es existiert noch die veraltete Vorstellung, dass es sich um ethnisch homogene Gesellschaften handle. Das stimmt aber gar nicht mehr. In Tschechien gibt es einige Hunderttausend ukrainischer Gastarbeiter und russische Zuwanderer. Aber das sind sozusagen „nahe Ausländer“, zu denen man historische Verbindungen hat, die sich auch schnell integrieren wollen.

SZ: Hat man in Osteuropa Angst vor Muslimen? Wie wird dort über Islam diskutiert?

Ther: Gerade weil man mit Menschen aus dem Nahen Osten bisher wenig Kontakt hat, ist die Furcht vor Muslimen besonders groß, ein bisschen ähnlich wie in Ostdeutschland. Populisten fällt es leicht, diese Ängste auszuschlachten. Deswegen sind die antiislamischen Äußerungen dort schärfer. Hinzu kommt, dass Tschechien sich traditionell als eine prononciert philosemitische Gesellschaft versteht. Da spielt die Sorge eine Rolle, welche Menschen da kommen. Das ist eine Debatte, die in Deutschland noch nicht geführt wird: Wie antisemitisch sind denn die, die gerade zu uns kommen? Es kommt immer darauf an, auf welche Traditionen man sich besinnt. Polen war der einzige größere europäische Staat, der in der frühen Neuzeit tatsächlich in der Lage war, eine muslimische Minderheit, die aus dem Südosten zugezogenen Tataren, auf verschiedenen Wegen und für alle Seiten gewinnbringend zu integrieren.