Archive for the ‘Philosophie’ Category

2710: Katholischer Reaktionär beschädigt die Kirche.

Freitag, Februar 7th, 2020

Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, setzte den „synodalen Weg“, die Reformbemühungen der katholischen Kirche, gleich mit dem Ermächtigungsgesetz der Nazis von 1933. Mit dem Ermächtigungsgesetz, dem „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ vom 24. März 1933, erteilte der Reichstag Adolf Hitler die pauschale Befugnis, ohne Zustimmung Gesetze zu erlassen. So wurde der Weg zur NS-Diktatur geebnet. Anscheinend weiß Müller das nicht. Er ist auf unsachliche und polemische Äußerungen spezialisiert. Als 2010 die zahlreichen Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche bekannt wurden, bezichtigte Müllere Journalisten einer kirchenfeindlichen Haltung ähnlich der der Nazis. Müller will anscheinend zurück in die schlimmen alten Zeiten.

Müller repräsentiert die katholische Kirche nicht, sondern nur ihren reaktionären Flügel. In der Kirche gibt es sehr viele kluge, fromme und menschenfreundliche Gläubige, die von Reaktionären wie Müller bekämpft werden (Annette Zoch, SZ 6.2.20).

2709: Jeder zweite Flüchtling arbeitet nach fünf Jahren.

Freitag, Februar 7th, 2020

Knapp die Hälfte der seit 2013 nach Deutschland Geflüchteten geht fünf Jahre nach ihrer Ankunft einer geregelten Arbeit nach. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Die Arbeitsmarktintegration erfolgt damit etwas schneller als bei Geflüchteten früherer Jahre.“ Mehr als zwei Drittel der Flüchtlinge, die einen Job haben, arbeiten Vollzeit. (dpa, SZ 5.2.20)

2708: Ministerpräsidentenwahl: abgekartetes Spiel

Donnerstag, Februar 6th, 2020

Die Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten war von langer Hand von CDU, FDP und AfD in Thüringen abgekartet. Moralisch unmöglich. Das gibt unserer Demokratie einen kräftigen Tritt. Es bleibt nur ein Ausweg: Neuwahlen.

In Berlin sieht es ganz anders, aber nicht viel besser aus. Hier scheitern Neuwahlen bekanntlich an der Angst von Hinterbänklern der SPD und der Union.

2706: Alfred Bauer war Nazi.

Sonntag, Februar 2nd, 2020

Der Gründungsdirektor der Berlinale (1951-1976) Alfred Bauer (1911-1986) war Nazi (NSDAP-Mitglied, SA-Mann, Mitglied in der Reichsfilmintendanz unter Fritz Hippler). Das haben Recherchen u.a. der „Zeit“ ergeben. Einen nach ihm benannten Filmpreis auf der Berlinale darf es künftig nicht mehr geben (Claudius Seidl, FAS 2.2.20). Eigentlich hätte es vorher schon jeder wissen können (Interview von Hanns-Georg Rodek mit Armin Jäger, Die Welt 1.2.20). Aber darum hatte sich keiner gekümmert (im Folgenden Ironie beachten, die nicht von allen verstanden wird).

Meine lieben Leserinen und Leser, was wir wissen, ist, dass alle, die nach 1945 im deutschen Film (West) tätig waren, vorher im Nazifilm gearbeitet hatten (also Nazis waren oder deren opportunistische Mitläufer), außer Hans Abich und Rolf Thiele von der Filmaufbau Göttingen (bis 1962). Diejenigen, auf die das nicht zutraf, waren emigriert (hauptsächlich Juden), ermordet worden oder hatten Selbstmord begangen (z.B. Joachim Gottschalk, Herbert Selpin). Marlene Dietrich und Emil Jannings waren schon vor 1933 in Hollywood.

Erst im Oberhausener Manifest von 1962 erklärte der „junge deutsche Film“ (Alexander Kluge, Edgar Reitz, Peter Schamoni u.a.), dass er mit „Opas Kino“ nichts mehr zu tun haben wollte.

Aber auch danach ging es mit Opas Kino noch munter weiter. Über den Nazi-Film können wir uns gut informieren in

Francis Courtade/Pierre Cadars: Geschichte des Films im Dritten Reich. München 1975, 336 Seiten.

Ich vergesse nicht darauf hinzuweisen, dass der Reichsfilmintendant Fritz Hippler, der Vorgesetzte Alfred Bauers, den antisemitischen Hetzfilm „Der ewige Jude“ (1940) gemacht hatte (Regisseur), der heute anscheinend noch in manchen Köpfen herumgeistert. Hippler publizierte 1981 (!!)

Die Verstrickung. Einstellungen und Rückblenden. Düsseldorf 1981, 300 Seiten.

Auf der Rückseite dieses Buchs befindet sich eine Fotografie Fritz Hipplers mit Bundespräsident Walter Scheel (FDP) von 1975.

Wir müssen heute darauf bedacht sein, dass nicht jeder allein deshalb zum modernen Helden wird, weil er die Akten eines alten Nazis ausgebuddelt hat.

 

2705: Großbritannien gehört leider nicht mehr zur EU.

Sonntag, Februar 2nd, 2020

Großbritannien gehört leider nicht mehr zur EU. Das hat negative Folgen für das United Kingdom sowohl als auch für die EU. Vor allem wirtschaftliche. Es könnte aber auch das Ende der EU eingeläutet sein. Dann könnten wir China, Russland und die USA nicht mehr bändigen.

Eine Analyse des US-Außenministers Dean Acheson hatte 1962 ergeben, die Briten hätten „ein Empire verloren, aber noch keine neue Rolle gefunden“. „.. viel ist faul im Staat der Briten. Sie sind fast vier Jahre lang nicht mehr ordentlich regiert worden, während der Brexit-Bürgerkrieg tobte, und dem Zustand des Landes sieht man es an, die Vernachlässigung der heimischen Agenda hat sich auf vielen Feldern krisenhaft zugespitzt. An der Bewältigung dieser Aufgaben wird der Bürger ablesen können, was die viel beschworene Souveränität ihm bringt.“ (Thomas Kielinger, Die Welt 1.2.20)

Was wird aus Nordirland? Schottland strebt wieder in die EU. Europa braucht die britischen Atomwaffen. Hoffentlich nehmen der Nationalismus und die Fremdenfeindlichkeit nicht noch zu! Wenn keine polnischen und rumänischen Arbeiter mehr ins Land kommen, bricht die Wirtschaft an einigen Stellen ein, z.B. in der Landwirtschaft.

Ein Berater des britischen Verteidigungsministeriums schrieb schon 1949: „Wir haben von uns selbst das Bild einer Großmacht, die nur zeitweilig durch ökonomische Schwierigkeiten gehandicapt ist. Wir sind aber keine Großmacht mehr und werden niemals wieder eine sein. Wir sind eine große Nation, aber wenn wir uns weiter wie eine Großmacht aufführen, werden wir bald aufhören, auch eine große Nation zu sein.“

Trotzdem ist jetzt nicht die Zeit für Hass und Streit. Englisch bleibt die lingua franca auf dem Globus. Wir brauchen auch bei uns etwas von der britischen Selbstironie. In der Literatur bleiben William Shakespeare und Harry Potter, in der Musik die Beatles und die Rolling Stones. Dann können unsere künftigen Handelsbeziehungen zu Großbritannien auch manches Produktive und Weiterführende enthalten.

Ich erinnere daran, dass Großbritannien schon sehr früh Kodifizierungen persönlicher Freiheits- und Menschenrechte kannte, als anderswo noch der Untertanengeist herrschte: Magna Charta Libertatum 1215, Entstehung des Parlaments im 14. Jahrhundert, Petition of Rights 1628, Habeas Corpus Akte 1679, Bill of Rights 1689. Viel davon ist in die US-amerikanische Verfassung (1776) eingeflossen, die wir heute noch weltweit dringend zur Regelung menschlicher und staatlicher Beziehungen brauchen.

2704: CDU-Vorsitzende gegen Zölibat

Sonntag, Februar 2nd, 2020

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer spricht sich gegen den Zölibat aus. Das könne helfen, „mehr Menschen für diesen Dienst zu begeistern“. „Die Lebensentscheidung, ohne Familie zu leben, ist für viele eine zu große Hürde.“ Zudem wünsche sie sich „viel mehr Frauen in der Kirche“. In einem „ersten Schritt“ sollten deswegen Frauen als Diakoninnen zugelassen werden. Annegret Kramp-Karrenbauer ist Mitglied im Zentralkomitee deutscher Katholiken (AFP, FAS 2.2.20).

Das ist nicht der einzige gute Vorschlag von Frau Kramp-Karrenbauer. Auch wenn sie rhetorisch nicht brilliert und kein Englisch kann, ist sie die beste Unions-Kanzlerkandidatin. Sie spaltet nicht. CSU-Kandidaten sind, wie mehrere Bundestagswahlen gezeigt haben, nicht als Kandidaten für ganz Deutschland geeignet. Und Friedrich Merz spaltet. Wenn er Kanzlerkandidat wird, kriegt die Union meine Stimmen nicht.

2703: Alfred Grosser 95

Samstag, Februar 1st, 2020

1933 musste der jüdische Arztsohn mit seinen Eltern nach Frankreich emigrieren. Er fühlte sich bald als Franzose. Er studierte Germanistik und ging in den Untergrund. Nach 1945 widmete er sein Berufsleben der deutsch-französischen Aussöhnung. Ab 1956 am Pariser Institut Sciences Po, das er später zwanzig Jahre leitete. Schon in seinem ersten Buch 1953 unterstrich er, dass die Deutschen nicht nur aus Nazis bestanden hatten, sondern auch aus Antifaschisten, Exilanten, Widerstandskämpfern und Opfern. Dabei war Grosser in seinen Aussagen stets völlig klar und unmissverständlich. Der überzeugte Europäer kritisierte Israels Regierung wegen ihrer völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik. In seinen Memoiren bezeichnete er sich als gar nicht unglücklichen Sisyphus. Im Gegensatz zu Albert Camus betonte er, dass der Stein nie ganz bis unten zurückrolle. Alfred Grosser wird heute 95 Jahre alt (Joseph Haniman, SZ 31.1.20).

2702: Evonne Goolagong statt Margaret Court ?

Freitag, Januar 31st, 2020

Margaret Court (früher: Smith), 77, ist 24-malige Grand Slam-Siegerin. Nach ihr ist bei den Australian Open in Melbourne ein Platz benannt. Dort hat sie besonders häufig gewonnen. In diesem Jahr wurde sie dafür speziell geehrt. Trotzdem gab es Protest und die Forderung, den Margaret Court-Platz in „Evonne Goolagong Arena“ umzubenennen. Evonne Goolagong hat indigene australische Wurzeln. Sie hat sieben Mal einen Grand Slam gewonnen. Sie ist nach Meinung von Martina Navratilova, 63, und John McEnroe, 60, beide mehrfache Wimbledon-Sieger, eine weitaus würdigere Namensgeberin für einen Platz in Melbourne als Margaret Court. Diese hat in Perth eine freikirchliche Gemeinde gegründet und ist durch Polemiken gegen gleichgeschlechtliche Ehen, gegen die LGBTQ+Community und religiös motivierte, homophobe Predigten aufgefallen (Barbara Klimke, SZ 29.1.20).

2701: Werde ich durch Bildung ein besserer Mensch ?

Mittwoch, Januar 29th, 2020

Mit dieser Frage beschäftigt sich sehr kundig Jan Ross, Journalist bei der „Zeit“ (16.1.20), für die er u.a. längere Zeit aus Indien berichtet hat:

1. Macht Bildung uns zu besseren Menschen?

2. „Wir alle kennen belesene, kunstsinnige und intellektuell brillante Wichtigtuer, Egoisten oder Zyniker.“

3. Bildungsdünkel grenzt „die da unten“ und „die da draußen“ aus.

4. Ein gebildeter (Geistesbildung) und guter (Herzensbildung) Mensch zu sein, hängt nur sehr bedingt miteinander zusammen.

5. Wir Deutschen, das „Volk der Dichter und Denker“, haben das schlimmste völkerrechtliche Massenverbrechen begangen, den Holocaust.

6. „Die Hoffnung auf Bildung als historische Fortschrittsenergie, aber auch schlicht als Garantie menschlicher Anständigkeit und Zivilisiertheit, scheint durch die Erfahrung gründlich widerlegt.“

7. Dass Bildung moralische Kraft besitzt, ist aber keine komplette Illusion. Den Imperialismus charakterisiert Joseph Conrad in seiner 1899 erschienenen Erzählung „Herz der Finsternis“. 1979 hat Francis Ford Coppola daraus den Film „Apocalypse Now“ gemacht.

8. „Geisteswerke schicken uns auf intellektuelle Abenteuer und machen uns mit außerordentlichen Frauen und Männern bekannt (…). Sie brechen den Käfig unserer Routine und Beschränktheit auf, sie erweitern unser Einfühlungsvermögen und unsere moralische Fantasie. Bildung ist das Gegenprogramm zu einer Mentalität, die satt und träge um sich selbst kreist. Zum geistigen und seelischen Daumenlutschertum. Zum Narzissmus.“

9. Für die britische Schriftstellerin George Eliot (Mary Ann Evans) ist „Kunst“, „die Sache, die dem Leben am nächsten kommt; sie ist ein Weg, die Erfahrungen zu mehren und unseren Kontakt mit unseren Mitmenschen über die Grenzen unserer persönlichen Bekanntschaft hinaus auszuweiten“ (1856).

10. Heute ist an die Stelle der Klassengesellschaft eine Blasengesellschaft getreten, ein Nebeneinander verschiedener Peergroups und Milieus, die sich bestens darauf verstehen, „sich in ihren Lieblingsvorstellungen behaglich einzurichten und das Unerfreuliche draußen zu lassen“.

11. Bildung beruht auf der Relativierung unserer Vorlieben und unserer Selbstgenügsamkeit, sie steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass wir das „Maß aller Dinge“ seien.

12. Wir können selbst herausfinden, dass viel gepriesene Werke nichts taugen oder dass sie uns nichts sagen.

13. „Der schlimmste Feind – der wahre Gegenspieler – des gebildeten Menschen ist nicht der Barbar: Es ist der Spießer, der alles auf sich bezieht, alles schon zu wissen meint und selbstzufrieden in seinem Denken und Dasein ruht.“

14. Sigmund Freud hat die großen Kränkungen benannt, welche die Psychoanalyse (Wir sind nicht die Herren im eigenen Haus.) und große wissenschaftliche Erkenntnisse wie der Heliozentrismus (Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt.) und die Evolutionstheorie (Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.) darstellen.

15. Ein zentraler Bestandteil von Bildung ist die Fähigkeit zur Bewunderung. „Bewunderung macht nicht klein. Ebenso wie Achtung oder Verehrung hat sie nichts mit Unterwürfigkeit zu tun und nichts mit Gehorsam; man schuldet sie niemandem und keiner Sache, sie wird freiwillig gegeben. Sie ist ein Ausdruck innerer Größe: davon, dass man gelten lässt und gönnen kann.“

2698: „Der Verrat des ADAC“

Sonntag, Januar 26th, 2020

Der ADAC vertritt 21 Millionen Mitglieder. Er ist die stärkste Interessenvertretung von Autofahrern in Deutschland. Seit langem hat er die Vorstöße für ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen abgelehnt. Nun ändert er seine Position vor dem 58. Verkehrsgerichtstag in Goslar. Er ist nicht mehr grundsätzlich gegen ein Tempolimit, weil seine Mitglieder dazu etwa fifty-fifty stehen. Der ADAC fordert eine Versachlichung der Diskussion und spricht sich für eine umfassende Studie aus. „Diese würde eine belastbare Entscheidungsgrundlage liefern.“ Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass durch ein Tempolimit die Zahl der Verkehrsunfälle zurückgehe und der CO 2-Ausstoß verringert werde.

Der Autoherstellerverband VDA lehnt ein Tempolimit ab.

Deutschland ist das einzige Land in der EU, in dem kein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen gilt. Überall sonst gibt es Begrenzungen zwischen 120 und 130 km/h. Als bei einem Test 2012 auf einem 63 km langen Abschnitt in Brandenburg das Höchsttempo 130 km/h eingeführt wurde, sank dort die Anzahl der Unfälle und Verletzten um 50 Prozent. Für ein Tempolimit von 130 km/h sind die SPD, ihre Umweltministerin Svenja Schulze, Umweltorganisationen und die Polizeigewerkschaften (Markus Balser, SZ 25./26.1.20).

Dazu schrieb der Chefredakteur der „Welt“ und Porschefahrer Ulf Poschardt: „Der Verrat des ADAC.“ (Welt 25.1.20)