Archive for the ‘Philosophie’ Category

2919: Bargeld lacht.

Dienstag, Juni 30th, 2020

1. Bargeld schwindet. Vor allem im Ausland (hier modelliert nach Alexander Hagelüken, SZ 27./28.6.20).

2. In Deutschland ist Bargeld beliebt. Hier wurde vor 500 Jahren der Taler eingeführt, der heute noch im Namen der Weltleitwährung Dollar vorkommt.

3. Mächtige Digitalkonzerne wie Apple und Google wollen das Bargeld verdrängen, um mehr Macht zu bekommen.

4. Amazon betreibt in den USA 20 kassenlose Läden, in denen Kameras erfassen, was jemand kauft. Danach wird es vom Konto abgebucht.

5. Facebook will die globale Digitalwährung Libra einführen.

6. Bargeld schützt uns ein Stück weit davor, dass die digitalen Großkonzerne unsere Daten ausbeuten.

7. Wir sind gezwungen, über unsere Währungen nachzudenken. Geld ist nichts als eine soziale Übereinkunft, die sich im Lauf der Geschichte immer wieder verändert hat.

8. 700 vor Christus gab es im Mittelmeerraum die ersten Goldmünzen. Im 13. Jahrhundert kam in China das Papiergeld auf.

9. Erst das Geld hat modernes Wirtschaften ermöglicht. Damit lässt sich alles umrechnen und direkt zahlen.

10. Es erfüllt drei Zwecke: a) Zahlungsmittel, b) Recheneinheit, c) Wertespeicher.

11. Im 17. Jahrhundert überflügelten die Niederlande die Habsburger, weil sich die erste Börse (in Brügge) mehr auszahlte als alles andere.

12. Kapitalismuskritiker liegen falsch, wenn sie die Abschaffung des Geldes fordern. Sie liegen richtig, wenn sie die Ungleichheit in geldbasierten Marktwirtschaften beklagen.

13. Neoliberale Politik hat riesige Spekulationen erlaubt und die Finanzkrise 2008 ausgelöst.

14. Bürger sollten selbst bestimmen, was aus ihrem Geld wird, und es nicht Digitalkonzernen überlassen.

15. Erst das Papiergeld hat gigantische Gebirgsketten aus Gold und Silber überflüssig gemacht.

16. Angesichts der Coronakrise Gold als Währung zu fordern, ist gefährlich gestrig.

17. Dass Bargeld verschwindet, heißt nicht, dass es verschwinden sollte.

18. Das Geschäftsmodell der Digitalkonzerne besteht darin, unsere Daten zu Werbungszwecken zu vermarkten.

19. Den unendlich langen Geschäftsbedingungen stimmen wir – schon aus Ungeduld – mit einem Klick zu.

20. Einwohner aus New York und San Francisco haben durch ihre Lokalpolitiker erreicht, dass Geschäfte wieder Bargeld akzeptieren.

21. Wenn Facebook sein globales Konzerngeld Libra startet, könnte durch die Followerpower von Whatsapp und Instagram tatsächlich eine Weltwährung entstehen.

22. Im Bankbetrieb sinken die Zinsen auch unabhängig von der Zentralbank, weil die Industriestaaten nicht mehr so stark wachsen, die ältere Bevökerung mehr spart und digitale Unternehmen weniger Maschinen kaufen als Industriekonzerne.

23. Durch Deficit Spending in der Coronakrise verhindern die Politiker und Notenbanker einen stärkeren wirtschaftlichen Absturz.

24. Sparbücher warfen schon immer relativ wenig ab. Wir müssen lernen, unser Geld besser anzulegen.

25. Als Kublai Khan im 13. Jahrhundert das Papiergeld einführte, wurden diejenigen, die sich weigerten, es zu benutzen, hingerichtet.

2918: Andreas Reckwitz: Der Staat muss regulieren.

Dienstag, Juni 30th, 2020

Prof. Dr. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Im Interview mit Peter Lindner (SZ 29.6.20) skizziert er seine Vorstellungen vom Staat:

„Moderne Gesellschaften wandeln sich ständig, das ist gewissermaßen ihr Normalzustand. Natürlich wird auch nach Corona manches anders sein. Ich bezweifle jedoch, dass die Coronakrise einen Epochenbruch markiert. Veränderungsprozesse in der Gesellschaft lassen sich kaum auf einzelne Ereignisse reduzieren. Der eigentliche Epochenbruch vollzieht sich nicht jetzt, sondern hat schon in den 1980er Jahren begonnen.“

„Sehr auffällig wird die Diskrepanz zwischen den Lebenswelten nach dem Ende der ’nivellierten MIttelstandsgesellschaft‘. Auf der einen Seite stehen die Wissensarbeiter aus der neuen Mittelklasse, die im Homeoffice arbeiten können. Und auf der anderen Seite jene Menschen, die im Bereich der sogenannten einfachen Dienstleistungen tätig sind. Dort haben sie es oft mit schlecht bezahlten und verletzlichen Beschäftigungsverhältnissen zu tun.“

„Wir haben in den 80er-Jahren einen Wandel vom Wohlfahrtsstaat zum Wettbewerbsstaat erlebt. Der Staat ist vor allem als Dynamisierer in Erscheinung getreten, der Märkte und Wettbewerb ermöglicht. … Bei der Finanzkrise wurde zum ersten Mal auch einer größeren Öffentlichkeit deutlich vor Augen geführt, dass dieser Staat Marktversagen nicht mehr regulieren kann. Es verdichten sich seitdem die Indizien, dass die spätmoderne Gesellschaft eben keinen Staat braucht, der sich noch weiter zurücknimmt oder noch mehr dereguliert, sondern vielmehr reguliert und stabilisiert.“

2917: Dieter E. Zimmer ist tot.

Montag, Juni 29th, 2020

Er galt als letzter „Universalfeuilletonist“, gesegnet mit einem „unendlich aufnahmefähigen Gehirn“, der Feuilletonchef der „Zeit“ (1973-1977), Dieter E. Zimmer, der im Alter von 85 Jahren in Berlin gestorben ist. Er erschien als „intellektuell unbestechlich“. Sein Nachfolger als Feuilletonchef der „Zeit“ war Fritz J. Raddatz. Zimmer war bereits 1959 zur „Zeit“ gekommen. Marcel Reich-Ranicki, der Zimmer als Kollegen sehr gut kannte, schrieb über ihn: „Wir verdanken ihm mehr als den meisten Lyrikern und Romanciers unserer Tage.“ Seit 2000 arbeitete Zimmer als freier Autor.

Er hatte Literatur- und Sprachwissenschaft in Berlin, Genf und den USA studiert und war ein anerkannter Übersetzer. Übersetzt hatte er u.a. Vladimir Nabokov, James Joyce und Jorge Luis Borges. Er ist Herausgeber der deutschen Gesamtausgabe Nabokovs. Zimmer begleitete die Gruppe 47 bis nach Princeton und auf den Mont Ventoux. Er verteidigte Hans Wollschlägers „Ulysses“-Version.

Seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Zimmer auch als Wissenschaftsautor tätig. Er beschäftigte sich mit Spracherwerb, Intelligenzforschung und Ökologie. Zwischendurch polierte er seine Übersetzungen immer wieder auf. Er trat für Nabokov ein, als dieser noch als Schmuddelautor galt. „Lolita“ ist auf deutsch sein Werk (Willi Winkler, SZ 29.6.20).

Einen Markstein setzte Dieter E. Zimmer in seiner Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, der er äußerst kritisch gegenüberstand. Er sprach von ihr als dem „Aberglauben des Jahrhunderts“ („Die Psychoanalyse hat den Wahrheitsbeweis für ihre Lehre nicht erbringen können.“, in „Die Zeit“ 5.11.1982, S. 17-21).

Er stützte sich nicht zuletzt auf den Begründer des „kritischen Rationalismus“, Karl Raimund Popper. „Den knappsten und schärfsten allgemeinen Einwand hat Karl Popper vorgebracht. Die Schwäche der Psychoanalyse bestehe eben in ihrer vermeintlichen Stärke: dass sie für alles eine Erklärung habe. Eine echte wissenschaftliche Theorie zeichne sich durch Falsifizierbarkeit aus: Sie formuliere riskante und widerlegbare Hypothesen. Die Psychoanalyse jedoch sei durch kein vorstellbares menschliches Verhalten widerlegbar. Ihr Status sei der eines Erweckungsglaubens oder der Astrologie – eine Sache für ‚Schwachköpfe‘.“ 1986 bezeichnete Zimmer die Psychoanalyse als „Wahrsagerei für Intellektuelle“ (Die Zeit 12.12.1986, S. 58). Im gleichen Jahr erschien sein Buch „Tiefenschwindel“.

In der Hirnforschung gilt es heute als ausgemacht, dass drei Annahmen Sigmund Freuds zutreffend sind. In den Worten des Neurobiologen Gerhard Roth: „Das Unbewusste hat mehr Einfluss auf das Bewusste als umgekehrt; das Unbewusste entsteht zeitlich vor den Bewusstseinszuständen; und das bewusste Ich hat wenig Einsicht in die Grundlagen seiner Wünsche und Handlungen.“ (Elisabeth von Thadden, Die Zeit 23.2.2006, S. 33-34)

2915: Marokkanischer Journalist ausgespäht

Freitag, Juni 26th, 2020

Wie die SZ (Moritz Baumstieger, Jannis Brühl, Max Muth, Frederik Obermaier) schon am 23.6. berichtet hatte, ist der preisgekrönte marokkanische Journalist Omar Radi, 35, von marokkanischen Behörden mit der von der israelischen Firma NSO entwickelten Software „Pegasus“ abgehört worden. Radi arbeitet u.a. für die BBC, Le Monde und Al-Jazeera. Die israelische Software ist eigentlich zur Kriminalitätsbekämpfung da. Sie wurde schon bei der Festnahme des saudi-arabischen Journalisten Jamal Kashoggi verwendet, der dann im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde.

Radi wird anscheinend Spionage („Verdacht der Annahme von Mitteln ausländischer Quellen in Verbindung zu nachrichtendienstlichen Gruppen“) vorgeworfen. Er ist mittlerweile sieben Stunden verhört worden. Zwischendurch tauchten seine Kontobewegungen detailliert im Netz auf. „Pegasus“ kann auf Smartphones aufgespielt werden, ohne dass der Nutzer dazu auf einen infizierten Link klicken muss. Das Handy muss nur in die Nähe einer manipulierten Funkzelle geraten sein (FO, JAB, MOB, MXM, SZ 26.6.20).

2913: Götz Alys Gelassenheit bei Straßennamen

Mittwoch, Juni 24th, 2020

In Zeiten des „antikolonialistischen Kampfes“, jedenfalls auf dem Papier, hat nun die Zeit der Denkmalsstürze und Umbenennung von Straßen und Gebäuden begonnen. Hilmar Klute unternimmt in der SZ (23.6.20) einen „erinnerungskulturellen Kassensturz“ zur Klärung der Lage. Dabei überzeugt mich am meisten die Haltung Götz Alys (geb. 1947).

Dieser wiederum war in seiner Karriere als Historiker durchgängig ein, wie ich finde, sehr anregender Außenseiter. Zwei Thesen Alys stehen insbesondere dafür:

1. Die Eroberungs- und Vernichtungspolitik der Nazis habe letzlich den Interessen des deutschen Bürgertums an Bereicherung und Machtzuwachs entsprochen.

2. Die 68er seien ihren Eltern von 1933 ähnlicher gewesen, als sie das selbst wahrhaben wollten.

Mit beiden Thesen hat sich Aly natürlich nicht beliebt gemacht in Deutschland. Bei der zweiten These mag die eigene Betroffenheit als 68er ausschlaggebend gewesen sein. Mit seiner Haltung zur Umbenennung von Straßen und Gebäuden macht sich Götz Aly vermutlich wiederum nicht beliebt in Deutschland. Und speziell bei seinen Gutmenschen:

1. „Die Vorstellung, man müsse Straßennamen grundsätzlich nach Vorbildern benennen, ist unsinnig. Der eine mag diese Geschichte erzählen, der andere jene. Ich finde das alles nicht so tragisch.“

2. Die einen mögen Otto von Bismarck nicht, die anderen Ernst Thälmann.

3. Götz Aly wohnt in Berlin-Mitte in der Mohrenstraße. Vor 300 Jahren wurde sie nach Negern benannt, die dort wohnten. Nach Alys Meinung hat das was Ehrendes gehabt. „Das benennt man nicht weg. Das sind Schriftdenkmäler in der Innenstadt.“

4. „Jetzt wollen sie auch den Generalszug in Kreuzberg umbenennen. Die Einbildung dieser Leute, sie würden besser werden, wenn sie so etwas tun, das finde ich bestürzend.“

5. In München steht sogar die Kästnerstraße zur Disposition, weil Erich Kästner (1899-1974), dessen Bücher 1933 verbrannt worden waren, nicht emigiert war.

6. Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) hat sich mehrfach frauenfeindlich geäußert. Müssen die Schopenhauerstraßen deshalb weg?

7. Können wir eine Straße nicht nach dem Schriftsteller Siegfried Lenz benennen, weil der als junger Mann in der NSDAP war? „Wenn man das zum Maßstab macht, können zehn Millionen Deutsche ihre Großeltern aus dem Stammbuch radieren. Das war eine Zustimmungsdiktatur, Dreiviertel der deutschen Intelligenz hat da mitgemacht.“

8. In den sechziger Jahren hat Wolf Biermann seine Moritat vorgetragen: „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens Stalinalle für die Stalinallee.“ Sie spiegelte Glanz und Elend, Furcht und Verdrängung, Vergangeheit und Zukunft in ihrem Namen. Biermann: „Und darum heißt sie auch Stalinallee. Mensch, Junge, versteh, und die Zeit ist passé.“

2912: Strukturen des Kolonialismus

Mittwoch, Juni 24th, 2020

Benno Schirrmeister möchte nicht, dass wir bei Christoph Kolumbus erfolgreichem Projekt von 1492 von der „Entdeckung Amerikas“ sprechen (taz 20./21.6.20). Er gehört zu den hartleibigen Anti-Kolonialisten, die uns nun Mores lehren wollen. Trotzdem führt er mehrere Fakten an, die mir bemerkenswert erscheinen:

1. Kolumbus‘ Projekt war motiviert von handfesten wirtschaftlichen Interessen (Bodenschätze) und militärisch ausgerichtet.

2. Kolumbus meldete dem spanischen König (Projekt: Reconquista), es sei ganz leicht gewesen, 50 Einheimische (heute: Indigene) zu überwältigen und sie dann dazu zu zwingen, das zu tun, was die Eroberer wollten.

3. Heute noch (2020) heißt ein Einkaufsviertel in Bremerhaven Columbus Center.

4. Die Einwohner Nordamerikas wurden vor 1492 auf 18 Millionen geschätzt, 400 Jahre später waren es noch 200.000.

5. Die Einwohner Südamerikas wurden auf gut eine Million geschätzt, nach zwölf Jahren 100.000.

6. Die Eroberer herrschten mit Verbrennungen, Plünderungen, Vergewaltigungen und Vernichtung durch Arbeit. Manche Techniken der Konzentrationslager des 19. und 20. Jahrhunderts wurden hier vorweggenommen.

7. Die Eroberer brachten ihren Auftraggebern in Spanien Gold, Gewürze und Sklaven.

8. Mit ihrer Schreckensherrschaft begann die Moderne (die Globalisierung).

9. Europa etablierte sich als Zentrum der Welt und universeller Maßstab.

10. Auf Kolumbus folgten der Sklavenhändler Vasco da Gama, der Vergewaltiger Magellan und der Mörder Vasco Balboa, blutig, sadistisch und erbarmungslos.

2911: Armin Laschet wird nicht Kanzlerkandidat der Union.

Mittwoch, Juni 24th, 2020

Die nordrhein-westfäische Landesregierung unter Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) zeigt sich dem erneuten Corona-Ausbruch bei der Firma Tönnies kaum gewachsen. Die neuen Beschränkungen kommen sehr spät. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Landesregierung keine Strategie hat. Damit begibt sich Armin Laschet der Chance, als Kanzlerkandidat der Union in den nächsten Bundestagswahlkampf gehen. Das macht dann wohl

Friedrich Merz.

Denn ein CSU-Kandidat kommt angesichts der Niederlagen von Franz-Joseph Strauß 1980 und Edmund Stoiber 2002 ja wohl kaum in Frage.

Ob das gut ist für die Union?

2910: Randale im Schwabenland

Montag, Juni 22nd, 2020

Unsere Schwaben gelten als fleißig und tüchtig. Und wahrscheinlich sind sie es. Alle Wirtschafts- und Pisadaten sprechen dafür. Um nicht noch mehr zu nennen. Nun haben sie zum ersten Mal etwas zutiefst Unordentliches bei sich selbst erfahren.

Ungefähr 500 randalierende junge Männer in der Stuttgarter Innenstadt. Bei 40 Geschäften wurden die Schaufenster eingeschlagen, in neun Läden kam es zu Plünderungen, 20 Polizisten wurden verletzt. 24 Personen wurden festgenommen, darunter sieben Minderjährige, 12 mit deutschem Pass. Sie entstammten der „Party- und Eventszene“. „Gewalt ist männlich und betrunken“. Auch da, wo die Grünen den Ministerpräsidenten (Winfried Kretschmann) und den Oberbürgermeister stellen (Fritz Kuhn). Ausgangspunkt war die Kontrolle eines 17-jährigen Deutschen, der unter Verdacht stand, Drogen zu besitzen. Mit ihm solidarisierte sich die Szene.

Die Randale begann um kurz vor Mitternacht und endete erst gegen halb fünf, als 100 Polizisten aus dem Umland eingetroffen waren. Insgesamt waren 300 Beamte im Einsatz. Es gibt zahlreiche Smartphone-Videos, auf denen die Gewalt zu sehen ist. Die Gewalttäter wurden von vielen Menschen angefeuert. Zentrum des Geschehens war der Schlossgarten, ein beliebter Treffpunkt am Wochenende. In Clubs und Diskotheken konnten die jungen Gewalttäter nicht, weil die noch geschlossen sind.

Befeuert wurden Kriminalität und Gewalt vom Alkohol. Stuttgarts Polizeipräsident Frank Lutz fügte hinzu, dass für einen Teil der Kriminellen Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber der Polizei offenbar zur Selbstinszenierung in den sozialen Medien gehören.

Im Stuttgarter Polizeipräsidium wurde eine 40-köpfige Ermittlungsgruppe für die Randale gebildet (Claudia Henzler, SZ 22.6.20).

2909: Journalistischer Kulturkampf bei der „taz“

Montag, Juni 22nd, 2020

In der „taz“ vom 15.6.20 hat Hengameh Yaghoobifarah in einem Meinungsbeitrag geschrieben, dass dann, wenn der Kapitalismus überwunden sei, die Polizei komplett abgeschafft werden könne. Es gebe für sie dann keine andere Verwendung als „die Mülldeponie“. Polizisten möchte man „streng genommen nicht einmal in die Nähe von Tieren (lassen)“.

Die Reaktionen innerhalb von CDU und CSU können wir uns vorstellen. Es gingen Beschwerden beim Deutschen Presserat ein, Polizeigewerkschaften kündigten Strafanzeigen an. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic schrieb an die „taz“: „Die Kolumne ist von einer Menschenverachtung geprägt, die ich sonst nur bei Nazis finde.“

Auf Twitter entbrannte ein Diskurs. Die neue „taz“-Chefredakteurin Barbara Junge (die ab August 2020 eine Doppelspitze mit Ulrike Winkelmann bilden soll) entschuldigte sich, betonte aber, dass Hengameh Yaghoobifarah zur Zielscheibe von Hass und Hetze gemacht worden sei. Es widerspreche fundamental den Grundsätzen der „taz“, „Menschen, egal welcher Berufsgruppe als Müll zu bezeichnen“.

Die vor mehr als 40 Jahren als „alternatives Projekt“ gegründete „taz“ wollte immer ein Forum für Informationen und Meinungen sein, die anderswo im deutschen Journalismus noch nicht genügend vorkamen. Sie erweiterte so das Spektrum und erwarb sich dadurch Verdienste. Über die Jahre orientierte sie sich aber zunehmend an klassischen journalistischen Kriterien, wie sie sich im Zuge des bürgerlichen Journalismus bewährt haben.

Im „taz“-Diskurs gab es dann auch solche Meinungen: „Autorinnen und Autoren, die selbst mehrfach zum Ziel rassistischer Beleidigungen und Bedrohungen geworden  sind, können gleichwohl ein anderes Verhältnis zu dem Thema haben und das in emotionalere und zugespitztere Wort fassen als Autorinnen oder Autoren ohne entsprechende Erfahrungen.“

Menschen und Journalisten ohne Migrationshintergrund sollten sich ganz heraushalten.

„Den Diskurs sollten diejenigen führen, die wirklich etwas zu struktureller Diskriminierung zu sagen haben.“, twitterte „taz“-Geschäftsführerin Aline Lüllmann (Elisa Britzelmeier/Jens Schneider, SZ 22.6.20)

Ja, das kann ich (W.S.) mir wunderbar vorstellen: Die „taz“ entscheidet darüber, wer im Sinne von

Identitätspolitik

genügend Stallgeruch hat, um an irgeneinem Streit teilnehmen zu dürfen, und wer nicht.

Ich selbst (W.S.) bin ein sehr geeignetes Beispiel:

Ein alter weißer Mann.

Ja, bei dem bringt es nichts mehr. Hat keinen Zweck. Er unterfällt der Zensur der Gutmenschen.

Zum Glück kann ich mich noch auf unsere Verfassung verlassen, auf unsere Presse- und Mediengesetze. Und darf noch ein bisschen weitermachen, solange es mir die „taz“ erlaubt.

2908: Kritik an J.K. Rowling

Sonntag, Juni 21st, 2020

Die „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling hat als Feministin scharfe Kritik auf sich gezogen, weil sie befürchtet, dass die Lebenswirklichkeiten von Frauen aus dem Diskurs verschwinden, wenn das Konzept des biologischen Geschlechts in Frage gestellt wird. Darüber schreibt Laura Sophia Jung in der „Welt“ (20.6.20).

Angeblich tut Rowling so, als wäre das Ziel von transidenten Aktivist*innen, aus dem Wort Frau ein neues Du-weißt-schon-wer zu machen. Der Artikel, auf den Rowling sich bezieht, hat den Titel „Creating a more equal post-COVID-19 world for people who menstrate“. Laut Frau Jung ist er so sensibel, anzuerkennen, „dass Menstruation nicht nur Frauen betrifft, sondern beispielsweise auch transidente Männer“.

Halt: bei menstruierenden Männern hört meine Kompetenz auf. Da kann ich nicht mehr mitreden (W.S.).