Archive for the ‘Philosophie’ Category

2933: Hagia Sophia wird Moschee.

Sonntag, Juli 12th, 2020

Mehr als 900 Jahre war die Hagia Sophia eine Kirche in Konstantinopel/Istanbul, fast 500 Jahre eine Moschee und die letzten 86 Jahre ein säkulares Museum. Nun hat Präsident Erdogan das Oberste Verwaltungsgericht dazu gebracht, den Beschluss von 1934, wonach die Hagia Sophia ein Museum sei, zu annullieren. Zur Begründung hieß es, dass die Hagia Sophia seit 1453 eine Stiftung zur Nutzung als Moschee sei (FAZ 11.7.20; Matthias Drobinski, SZ 11./12.7.20) Das offenbart ein hinterwäldlerisches Religionsverständnis, wie es typisch ist für die gegenwärtige Türkei. Sie gehört deswegen nicht nach Europa. Zur Freude der Fundamentalisten beider Seiten (Christen und Muslime) werden die religiösen Gräben vertieft.

2932: Willi Holdorf ist tot.

Samstag, Juli 11th, 2020

Willi Holdorfs überraschender Olympiasieg im Zehnkampf 1964 in Tokio war die Sternstunde des deutschen Zehnkampfs. Seine Trainingspartner Hans-Joachim Walde und Horst Beyer wurden Dritter und Sechster. Der in einem Dorf bei Glückstadt/Schleswig-Holstein geborene Holdorf triumphierte nach einem harten Zweikampf mit dem Letten Rein Aun (Sowjetunion).Danach arbeitete er als Sportlehrer und Trainer (u.a. von Fortuna Köln).

Der Olympia-Zweite im Zehnkampf von 1996 in Atlanta/USA, Frank Busemann, sagt über ihn: „Er hat mit seinem Olympiasieg im Zehnkampf das geschafft, was alle wollen. Doch er ist immer Mensch geblieben, hatte immer einen Spruch auf den Lippen.“ Willi Holdorf war mit 18 Jahren zu Bayer Leverkusen gekommen und hatte sich dort in der Leichtathletik vervollkommnet. Der ehemalige DLV-Präsident Clemens Prokop sagt über Holdorf: „Die Begegnungen mit ihm waren immer bereichernd, sein norddeutscher Humor ansteckend und seine Gradlinigkeit sehr beeindruckend.“ Willi Holdorf ist im Alter von 80 Jahren gestorben (Saskia Aleythe, SZ 7.7.20).

2930: Klaus Wagenbach 90

Samstag, Juli 11th, 2020

Der Berliner Kleinverleger Klaus Wagenbach ist 90 Jahre alt geworden. Mit Mut, Beharrlichkeit und einer großen Portion Eigensinn hat er die deutsche Verlagsszene mit geprägt. Die in seinem Verlag erscheinende Zeitschrift „Freibeuter“ konnte sich mangels Auflage nicht lange halten. Wagenbach nahm häufig keine Rücksicht auf die angesagten Ideologien. Er machte sich sowohl bei den Berliner Linken unbeliebt als auch bei manchen Germanistik-Größen. „Mit dem Nachbarstaat DDR hat er sich, schon wegen Biermann, in die Nesseln gesetzt, bis hin zum Hausverbot.“ Gemeinsam mit Walter Höllerer hat er sich um Stipendiaten aus Polen und dem europäischen Osten verdient gemacht. Das Kolloquium am Wannsee gibt es heute noch (Hans Magnus Enzensberger, FAZ 11.7.20).

2928: Widerstand gegen Wehrpflicht

Sonntag, Juli 5th, 2020

Die neue Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) sieht die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 als „Riesenfehler“. Die Maßnahme war unter der Ägide des Verteidigungsministers und Betrügers (Plagiat bei der Doktorarbeit und Aberkennung des Titels) Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) beschlossen worden. Zweifellos hat Frau Högl recht, aber aus allen Fraktionen des Bundestags bis auf die AfD kommt Widerstand. Er wird begründet einmal mit dem „High Tech“-Charakter der Armee, mit fehlenden Ressourcen  und mit Zweifeln an der These, eine Wehrpflichtarmee verkörpere besser den Querschnitt der Bevölkerung (FAS 5.7.20).

Ich habe selbst als Panzeroffizier in der Wehrpflichtarmee gedient (1965-1968) und erlebt, dass unsere Soldaten in der Praxis die Bevölkerung repräsentierten. Tendenzen, davon abzuweichen, gab es eher im Offizierskorps. Ich habe mich in der Armee wohlgefühlt. Und die Bundeswehr hat sehr viel getan, um mich dort zu halten. Aber ich wollte studieren.

Die Linken heute sind noch der Nationalen Volksarmee (NVA) verpflichtet, die in der Tradition der Roten Armee agierte.

2927: Technische Universität Eindhoven fördert Frauen.

Samstag, Juli 4th, 2020

Das Institut für Menschenenrechte in Utrecht hat die Frauenförderung der Technischen Universität Eindhoven (TUE) gerügt. Dort werden seit einem Jahr für feste Dozentenstellen nur Frauen eingestellt. Das beruht auf einem auf fünf Jahre angelegten Programm, das 150 feste Arbeitsplätze betrifft.

Die Politik der TUE „geht .. zu weit und verletzt damit die niederländische Gesetzgebung zur Gleichbehandlung“. „Die Universität gibt weiblichen Kandidaten praktisch absoluten Vorrang.“ Die TUE habe ihre Vorgehensweise nicht deutlich machen können. Beschwerde hatte die Antidiskriminierungsstelle „Radar“ eingelegt, die eigentlich Gleichberechtigung fördert.

In Eindhoven ist die Frauenquote von 22,3 auf 25 Prozent gestiegen. Der Frauenanteil in der Studentenschaft liegt nach Angaben der stark technisch geprägten Universität bei 27 Prozent (smo, FAZ 4.7.20).

2926: USA schwächer

Samstag, Juli 4th, 2020

Eine Studie im Auftrag des German Marshall Fund, des Instituts Montaigne und der Bertelsmann Stiftung, bei der 6.000 Personen in Deutschland, Frankreich und den USA befragt worden sind,  ergibt, dass die USA – insbesondere durch die Corona-Krise – immer schwächer wahrgenommen werden. Militärisch, wirtschaftlich und kulturell. Das gilt schon seit der Obama-Administration.

Der geschätzte Einfluss der EU sinkt leicht. Darin steigt Deutschlands wahrgenommene Macht weiter, Frankreich fällt durch sein Vorgehen in der Corona-Krise zurück. Russland verliert wie die USA. Als neue Weltmacht wird China wahrgenommen. Aber es wird zugleich in hohem Maße gefürchtet. Seine Defizite sehen die Befragten bei Klimawandel, Menschenrechten und Cybersicherheit (Francesca Polistina, SZ 30.6.20).

2925: Verkleinerung des Bundestags erneut gescheitert.

Samstag, Juli 4th, 2020

Der Bundestag ist in der Sommerpause. Eine Verkleinerung hat er wieder nicht geschafft. Normgröße sind 598 Abgeordnete. Gegenwärtig sind es 709, demnächst könnten es über 800 sein. Die Parteien der großen Koalition betrachten das hohe Haus wohl doch als „Selbstbedienungsladen“. Ein Bundestag mit 800 Abgeordneten bedeutet auch, dass man mit 15 Prozent der Stimmen so viele Sitze bekommt wie sonst mit 20 Prozent.

Seit sieben Jahren scheitern die Versuche der Bundestags-Verkleinerung. Was dringend her muss, ist eine Reduzierung der Zahl der Wahlkreise. FDP, Grüne und Linke hatten sich schon lange auf einen gemeinsamen Gesetzentwurf geeinigt. Verhindert haben ihn die Abgeordneten von CDU/CSU und SPD (Robert Rossmann, SZ 4./5.7.20; Eckart Lohse, FAZ 4.7.20).

2924: VR China übernimmt Hongkong.

Freitag, Juli 3rd, 2020

Mit dem neuen „Sicherheitsgesetz“ übernimmt die VR China weiter die Macht in Hongkong. Als Höchststrafe ist lebenslänglich vorgesehen. Die VR China kann künftig in Honkong eigenmächtig Ermittlungen durchführen. Bei „komplizierten“ Fällen werden Gerichte in der Volksrepublik zuständig. In Hongkong wird ein chinesisches Sicherheitsbüro eingerichtet. Es unterliegt nicht den Behörden aus Hongkong (dpa, LDE – SZ 2.7.20).

Gute Nacht für das freie Hongkong.

2922: CSU-Maut kostet Millionen.

Freitag, Juli 3rd, 2020

Die von der CSU initiierte PKW-Maut hat der Europäische Gerichtshof im letzten Jahr für europarechtswidrig erklärt. Schon vor dem Urteil hatte Bundesverkehrsminister Scheuer (CSU) milliardenschwere Betreiberverträge geschlossen. Deren Partner verlangen nun Schadensersatz. Das geheime Schiedsverfahren dazu läuft seit Monaten. Dabei wird das Verkehrsministerium von einer Kanzlei vertreten, deren Top-Anwalt dafür 675 Euro pro Stunde verdient (rechnerisch gut 100.000 Euro pro Monat, das fünffache Gehalt eines Bundesministers). Wie teuer Schiedsverfahren werden können, hat schon der verpatzte Start der Lkw-Maut gezeigt: 253,6 Millionen Euro. „Problematisch ist, dass Schiedsverfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden – anders als Verfahren vor öffentlichen Gerichten.“ (Prof. Dr. Wolfgang Seibel, Konstanz) (Markus Balser, Martin Kaul, SZ 3.7.20)

2921: Peter Suhrkamps deutscher Weg

Mittwoch, Juli 1st, 2020

Dem 70-jährigen Bestehen des Suhrkamp Verlags wird heute meistens im Sinne von Siegfried Unseld (1924-2002) gedacht. Dagegen ist wenig einzuwenden. Auch wenn mich dessen Jaguar stört. Viel wichtiger aber ist für den Verlag Peter Suhrkamp selbst, der einen einmaligen und zugleich typisch deutschen Weg beschritten hat von 1891 bis 1959. Suhrkamp ist relativ früh gestorben an den gesundheitlichen Schäden, die ihm in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen und im Gestapogefängnis in Berlin 1944/45 zugefügt worden sind.

Der in Kirchhatten geborene und durch die Jugendbewegung geprägte oldenburgische Bauernsohn hatte gegen den Willen seiner Eltern den Lehrerberuf ergriffen. Da werden dann gerne die Odenwaldschule, von der wir wissen, wie sie gescheitert ist, und die freie Schulgemeinde in Wickersdorf genannt. Aber viel wichtiger für Peter Suhrkamp war seine Lehrerzeit in „normalen“ Schulen. U.a. in Munderloh/Oldenburg, wo in den sechziger Jahren meine Schwägerin, Barbara Diepold,  ebenfalls Lehrerin war.

1932 war Peter Suhrkamp in den S. Fischer Verlag eingetreten, seit 1933 hatte er die Redaktion der Hauszeitschrift „Neue Rundschau“ übernommen. Er hatte dann gemeinsam mit dem Schwiegersohn des Verlagsgründers Samuel Fischer, Gottfried Bermann Fischer, die Verlagsleitung inne. Bis dieser 1936 ins Exil ging und seinen Exilverlag zuerst in Wien, dann in Stockholm und schließlich in den USA begründete. Peter Suhrkamp verstand seine alleinige Verlagsleitung seither als „Treuhänderschaft“. Die Nazis zwangen ihn 1942, den Namen „S. Fischer“ zu löschen. Damit ist Suhrkamp Zeit seines Lebens nicht fertig geworden.

Nach 1945 trafen dann Bermann Fischer und Suhrkamp aufeinander als Vertreter einmal der Exil-Autoren und andererseits als Verleger der in Deutschland gebliebenen Autoren. Der Anspruch auf Rückübertragung stand der „Treuhänderschaft“ gegenüber. Die Witwe des Verlagsgründers, Hedwig Fischer, erhob Rückerstattungsklage. 1950 kam es bei allen Schwierigkeiten zu einer Einigung. Die von Suhrkamp betreuten Autoren konnten selbst entscheiden, welchem der beiden Verlage sie ihre Rechte übertragen wollten. 33 von 48 entschieden sich für Suhrkamp. Darunter Hermann Hesse, Bertolt Brecht, ein Freund Suhrkamps, George Bernard Shaw und (sic!) Max Frisch. Schon im Herbst 1950 erschienen die ersten Bücher im Suhrkamp Verlag. Etwa Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“.

In dem auf eine Idee des kürzlich verstorbenen, langjährigen Suhrkamp-Lektors Raimund Fellinger zurückgehenden Buch

Peter Suhrkamp: Über das Verhalten in der Gefahr. Essays. Berlin 2020, 420 Seiten

können wir erschließen, wie Peter Suhrkamp seine „Treuhänderschaft“ verstanden hat. Treu. 2016 war bereits der vom Leiter des Literaturarchivs der Frankfurter Universität, Wolfgang Schopf, herausgegebene Briefwechsel (1935-1959) zwischen Peter Suhrkamp und seiner Frau, Annemarie Seidel, erschienen. Hedwig Fischer hatte bis 1939 im Grunewald gelebt. Sie kam aus dem Exil zurück und starb 1952.

Bei Suhrkamp erschienen Heimkehrer wie Theodor W. Adorno und dauerhaft Emigrierte wie Siegfried Kracauer („Von Caligari zu Hitler, 1947). Dabei waren „Intellektuelle“ Peter Suhrkamp eigentlich suspekt. Er hatte sich aber auch auseinanderzusetzen mit Zu-Kurz-Gekommenen wie dem deutschen Außenminister, Heinrich von Brentano, den die späte Lyrik Bertolt Brechts an Horst Wessel erinnerte. Für Unwissen können wir anderen keine Verantwortung übernehmen. Kreiert wurde die „edition suhrkamp“, die im besten Sinne fortschrittliche Schriftsteller und Wissenschaftler versammelte.

Peter Suhrkamp hatte in der Nacht des Reichstagsbrands (27./28. Februar 1933) Bertolt Brecht und Helene Weigel beherbergt, die auf dem Weg in die Emigartion waren. Er selbst hatte permanent Schwierigkeiten mit den Nazis. Ein Denunziant brachte ihn ins Konzentrationslager. Diesen Repressionen entzog sich einer seiner Freunde, Wilhelm Ahlmann, durch Selbstmord. Erst kurz vor Kriegsende kam Suhrkamp aus dem KZ. Nicht zuletzt durch die Fürsprache von Menschen wie Arno Breker. Im Frühjahr 1944, als er ins Männerlager des KZs Ravensbrück eingeliefert wurde, starb im Frauenlager Franz Kafkas Freundin Milena Jesenska (Lothar Müller, SZ 1.7.20).