Archive for the ‘Philosophie’ Category

3035: Marija Kolesnikowa – die neue Jeanne d’Arc

Samstag, September 12th, 2020

Spätestens mit ihrer Verhaftung an der ukrainischen Grenze ist die weißrussische Musikerin Marija Kolesnikowa, 38, zur Ikone der Demokratiebewegung in ihrer Heimat geworden. Die Flötistin und Dirigentin tritt den Soldaten auf Demonstrationen mit dem Herzzeichen entgegen. Sie steht für friedlichen Protest. Kolesnikowa ist unverheiratet und kinderlos und daher schwerer erpressbar als andere Präsidiumsmitglieder des oppositionellen Koordinierungsrats. Vor zwölf Jahren ging sie nach Stuttgart und studierte dort Alte und Neue Musik. Als Kuratorin möchte sie disziplinenübergreifende Kunstformen entwickeln. Sie gilt als Expertin digitaler Kommunikation.

Kolesnikowa vergleicht die menschliche Gesellschaft mit einem Orchester. beide seien in Gruppen gegliedert, in beiden gebe es eine Elite von Stimmführern. Mittlerweile seien die einst männlich dominierten Ensembles weiblicher, diverser und demokratischer geworden. Marija Kolesnikowa ist aber durchaus in der Lage, sich in ein Team einzuordnen. Die Spitzenkandidatur bei der Präsidentschaftswahl in Belarus hatte sie gezielt Swetlana Tichanowskaja überlassen, der Frau des inhaftierten Bloggers Sergej Tichanowski, die sich inzwischen im litauischen Exil aufhält. Eine Stuttgarter Freundin von Kolesnikowa, die in ihrer Freizeit eine begeisterte Surferin und Kickboxerin ist, Viktoria Vitrenko, erkennt mittlerweile, dass Marija Kolesnikowa Teil von etwas geworden ist, das weit größer ist als sie selbst (Kerstin Holm, FAZ 12.9.20).

3033: Zusammenarbeit mit Allen und Polanski: Kate Winslet bereut.

Samstag, September 12th, 2020

2011 spielte Kate Winslet in Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels“, 2017 in Woody Allens „Wonder Wheel“. Beides bereut sie derzeit ungemein. „Ich kann kaum fassen, dass diese Männer so lange und so stark von der Filmindustrie geschätzt wurden. Das ist eine verdammte Schande.“ Beide Regisseure haben sich in der Auffassung weiter Teile des Publikums sexuell nicht korrekt verhalten (ceh., FAZ 12.9.20).

3032: Das Artensterben geht weiter.

Freitag, September 11th, 2020

Das Artensterben geht mit großer Geschwindigkeit weiter. Das zeigt der „Living Planet Report“ der Umweltorganisation WWF. Von dem Bestand an Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien sind in den letzten 50 Jahren 68 Prozent verlorengegangen. Es geht um das Überleben ganzer Ökosysteme, die das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Luft filtern und für sauberes Wasser zum Trinken sorgen. Es geht um das Überleben der Menschheit.

Es wäre gut, wenn bald bei allen Politikern die Erkenntnis ankäme, dass es in der Natur komplexe Netzwerke gibt, in denen fast alles mit allem zusammenhängt. Das vorhandene Wissen reicht längst aus, um sofort zu handeln. Ein guter Start wäre, weite Bereiche der Erde unter Schutz zu stellen. Gegenwärtig sind nur etwa 15 Prozent des Festlands und zwei Prozent der Meere geschützt. Es sollte aber die Hälfte des Planeten sein. Wissenschaftler haben kürzlich gezeigt, dass mit den bestehenden Reservaten leicht 50 Prozent der festen Erdoberfläche geschützt werden können. Das hilft auch dem Klima. Wälder, Savannen, Moore und andere Ökosysteme sind Lebensraum für die verschiedensten Arten. Sie filtern große Mengen Kohlendioxid aus der Luft (Tina Baier, SZ 11.9.20).

3029: Moria ist abgebrannt: Die EU schafft es nicht.

Donnerstag, September 10th, 2020

Das griechische Flüchtlingslager Moria ist abgebrannt. Wahrscheinlich durch Brandstiftungen. Geplant war es für 2800 Migranten, gehaust haben dort zuletzt 13000 Menschen. Wegen der Gleichgültigkeit der EU. Es herrschten dort Verzweiflung und Gewalt. Sie richteten sich in hohem Maß gegen Frauen und Kinder. Auch Griechenland selbst ist ein Opfer der EU-Gleichgültigkeit. Wie vorher schon Italien. Eine einigermaßen akzeptable Lösung könnte es nur geben bei einer entschlossenen, gemeinsamen humanitären Reaktion der EU.

Aber dazu wird es nicht kommen, weil die EU nicht einig ist. Kranke Kinder und einzelne Gruppen aufzunehmen, ist weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Beschönigung! Die europäische Migrationspolitik ist ein einziges Versagen und eine humanitäre Katastrophe. Die Menschen von Moria sind verloren. Die EU stellt sich moralisch auf eine Stufe mit Potentaten wie Putin, Lukaschenko und Assad. Und die Bundesrepublik Deutschland müssen wir vor Alleingängen warnen. Die brächten die AfD an die Macht.

3028: Grün-Rot-Rot geht gar nicht.

Mittwoch, September 9th, 2020

Boris Herrmann bemüht sich (SZ 9.9.20) wieder einmal zu zeigen, zu was die Linke in einer Bundesregierung beitragen könnte. Meine Intention ist das nicht, aber Herrmann sucht alle Argumente pro zusammen. Eines der Fundamentalprobleme der Linken ist es, dass sie nicht zugleich

staatstragend und staatsablehnend

sein kann. Solange sie sich an Putinfreunde und Autokratenversteher hängt, ist sie politisch nicht brauchbar. Die alten SED- und DKP-Wähler (7 bis 9 Prozent) und andere Alt-Kommunisten verteidigen Putin, Lukaschenko, Maduro und Assad. Das ist unmöglich. Damit disqualifizieren sich die Linken. Außenpolitisch. Das ist der Knackpunkt. Insofern kommt eine grün-rot-rote Koalition auf keinen Fall in Frage. Der Linken-Parteitag muss eine strategische Entscheidung fällen.

Es geht ja nicht darum, weil Donald Trump nicht zurechnungsfähig ist, den Westen abzuschaffen. Sondern es geht darum, den Westen zu reformieren, zu verbessern. Ohne Trump und Co.

Die Linke müsste eine Partei sein

der Mieter,

der Nahverkehrsfahrer,

der Corona-Verlierer,

der kleinen Frau (und des kleinen Mannes),

der Alleinerziehenden,

der Pflegekräfte und

der wohnungsuchenden Familien.

„Eine Partei, die aus falsch verstandener Solidarität Despoten unterstützt, braucht dagegen kein Mensch.“

 

3024: Demonstranten und ihre Weltanschauung

Sonntag, September 6th, 2020

1. An der Anti-Corona-Demonstration in Berlin haben mit 40.000 Teilnehmern

wenige Menschen

teilgenommen. Verglichen mit der Friedensdemo im Bonner Hofgarten 1981 oder den Demonstrationen 1989 (Philip Eppelsheim/Morten Freidel FAS 6.9.20).

2. 80 Prozent der Bundesbürger unterstützen die Corona-Politik der Bundesregierung und der Landesregierungen.

3. Die Demonstrations-Teilnehmer waren bunt gemischt. Friederike Haupt (FAS 6.9.20) schreibt: „Es waren Menschen, wie man sie auf Autobahnraststätten trifft, an Baggerseen, in Pizzerien, bei Vaters 75. Geburtstag. Heitere Männer in Karo, grauhaarige Damen mit klugen Brillen, bauchfreie Mädchen, muskulöse Jungs, Opas mit Bärten, Rasta-Frauen. Sie hatten Schilder und Flaggen dabei, von denen die meisten harmlos waren: Bekenntnisse zu Jesus, Frieden, Mut.“

4. Unter den Demonstranten waren viele Linke, Bürgerliche und Anhänger der FDP.

5. Allerdings wurde der Ton häufig von Rechtsextremisten bestimmt.

6. Infolgedessen könnte die Demonstration der AfD nützen, wenn sie sich nicht selbst zerlegt.

7. Der rechtslastige Politikwissenschaftler Werner Patzelt sah bei der Demo sogar Verbindungen zu 1968 und zu den Anti-Atom-Demonstrationen.

8. Nach einer repräsentativen Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung hat knapp ein Drittel der Deutschen einen Hang zu Verschwörungstheorien.

9. Elf Prozent meinen „Es gibt geheime Mächte, die die Welt steuern.“

10. 13 Prozent sehen als diese Mächte Wirtschaftsunternehmen, Banken oder das „Finanzkapital“.

Zwölf Protent Geheimdienste wie die CIA oder den Mossad.

Elf Prozent denken an „reiche Familien“ wie die Rothschilds, die schon in Fritz Hipplers Hetzfilm „Der ewige Jude“ (1940) vorkamen.

Fünf Prozent vermuten dahinter die Mafia oder kriminelle Clans.

Vier Prozent Geheimbünde wie die Freimaurer oder die „Illuminaten“.

Ein Prozent die Juden.

11. „Wir finden dies in Ost und West, bei Alt und Jung, Männern und Frauen.“

12. Nur bei der AfD glauben 56 Prozent an „geheime Mächte“.

13. Auch Nichtwähler nehmen „geheime Mächte“ an.

14. Von den Anhängern von Verschwörungstheorien werden „Systemmedien“ und die „Lügenpresse“ weniger genutzt.

15. Besser Gebildete glauben seltener an Verschwörungstheorien.

3023: Heribert Schwan muss Maike Kohl Auskunft erteilen.

Freitag, September 4th, 2020

Helmut Kohls ehemaliger Ghostwriter, Heribert Schwan, muss dessen Witwe, Maike Kohl, sagen, welche Inhalte er aus den langen Gesprächen mit dem Altkanzler noch in seinem Besitz hat. Das entschied der Bundesgerichtshof (BGH). Für Frau Kohl ist das Urteil die Voraussetzung, um im nächsten Schritt die Herausgabe von Tonbändern u.a. erstreiten zu können.

Kohl hatte Schwan als Ghostwriter vorgesehen. An mehr als 100 Tagen trafen sich die beiden Männer und führten lange Gespräche. So kamen auf mehr als 200 Tonbändern 630 Stunden Gespräche zusammen. Schwan hatte die Tonbänder mit nach Hause genommen und zusätzlich noch schriftliche Unterlagen erhalten. Dann überwarfen die beiden sich. 2010 erhielt Helmut Kohl sämtliche Unterlagen und davon angefertigte Kopien zurück.

2014 gab Heribert Schwan in einer Fernsehsendung an, dass er noch Kopien habe, die „in deutschen Landen und auch im Ausland“ verstreut seien. Der BGH urteilte, dass Helmut Kohl „Herr über seine Erinnerungen“ sei. Schwan habe ihn „vorsätzlich in die Irre geführt“ und „schuldhaft“ falsche Erklärungen abgegeben (dpa/epd, SZ 4.9.20).

3022: FDP und Grüne verlangen Ende für Nordstream 2.

Freitag, September 4th, 2020

Angesichts des Mordversuchs an Alexej Nawalny verlangen FDP und Grüne ein Ende von Nordstream 2. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner: „Ein Regime, das Giftmorde organisiert, ist kein Partner für große Kooperationsprojekte.“ Angela Merkel (CDU), die sich bisher stets für Nordstream 2 eingesetzt hatte, verurteilte tags zuvor scharf den „versuchten Giftmord“. Andererseits möchte sie den Giftanschlag auf Nawalny und Nordstream 2 „entkoppeln“. Genau wie CSU-Chef Markus Söder: „Das eine hat mit dem anderen aus unserer Sicht zunächst einmal nichts zu tun.“ Bei der SPD geht, wie so häufig, erst einmal alles durcheinander. Sie weiß nicht, was sie will.

Putin hat nur zwei Freunde im deutschen Parlament, die Linke und die AfD.

Falls Kanzlerin Merkel eine

gemeinsame Reaktion der EU

auf den Giftanschlag auf Nawalny will, muss sie Nordstream 2 preisgeben. Sonst tanzt Putin Europa weiter auf der Nase rum (Mike Szymanski, SZ 4.9.20; Stefan Cornelius SZ 4.9.20).

3021: Wolfgang Ruge: Stalinismus

Donnerstag, September 3rd, 2020

Wolfgang Ruge (1917 – 2006) entstammte einer kommunistischen Familie, die 1933, wie so viele andere auch, in die Sowjetunion geflohen war. Ruge verbrachte in der bekannten Tragik 15 Jahre in Lagern in Kasachstan und Sibirien. Die Familie konnte erst 1956 in die DDR ausreisen. Wolfgang Ruge war von 1958 bis zu seiner Emeritierung 1983 Historiker im Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. 2003 erschien seine Autobiografie.

Aber schon kurz nach der Wiedervereinigung 1990 war sein wichtiges Buch

Stalinismus – eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte

in Berlin erschienen. Es ist jetzt wieder aufgelegt worden (Verlag Die Buchmacherei, 192 S., 12 Euro). Zum Glück. Es ist der Beweis dafür, dass einzelne DDR-Wissenschaftler den Stalinismus schon früh kritisch analysiert hatten. Erkenntnisse, die wir heute dringend benötigen. Ruge stellt zwei Aspekte in den Mittelpunkt. Einmal Lenins verengte Sicht der Geschichte als determinierten Prozess (objektiver Gang der Weltgeschichte als Rechtfertigung von Massenverbrechen). Zum anderen die Verwurzelung des stalinschen Herrschaftssystems in der zaristischen Tradition von Autoritarismus, Gewalt, Willkür und einem furchtbaren Lagersystem (Rudolf Walther, SZ 31.8.20).

Wolfgang Ruges Sohn

Eugen Ruge

erhielt 2011 den Deutschen Buchpreis für „In Zeiten abnehmenden Lichts“, worin er die Geschichte der Familie Ruge in der DDR beschreibt. 2019 erschien mit „Metropol“ die Darstellung der Familiengeschichte in der UdSSR.

3018: QAnon – was ist das?

Mittwoch, September 2nd, 2020

Bei der Darstellung dessen, was QAnon ist, entschuldigt sich Tilman Baumgärtel (taz 28.8.20) für die Abwegigkeit dieser aus den USA stammenden Erzählung (Narrativ). Da wird nämlich behauptet, dass ein Ring von Kinderschändern Minderjährige foltern und sie Politikern, Schauspielern und Mitgliedern der „Elite“ zur Verfügung stellen würde. Donald Trump sei die Engelsgestalt, die uns davor bewahren könne. Der Corona-Lockdown sei inszeniert worden, um Kinder aus unterirdischen Tunneln im Central Park zu befreien. Zwölf republikanische Kandidaten haben sich zu dieser Verschwörungserzählung bekannt. Auch der Attentäter von Hanau ist diesen Linien gefolgt.

Baumgärtel schlägt vor, dieses Narrativ wie eine Psychose zu behandeln, die bei aller Abwegigkeit auch etwas über die wirklichen Probleme des Patienten verrät. Und er führt nochmals die riesigen Ungerechtigkeiten der US-amerikanischen Gesellschaft vor Augen, wo der reale Durchschnittslohn seit 40 jahren nicht mehr gestiegen ist. Und die Afroamerikaner weit überdurchschnittlich von Armut betroffen sind. Schuldig für QAnon sind die Eliten und die „Globalisten“, eine klar antisemitische Konnotation. Als Beispiel wird der Banker Jeffrey Epstein ins Feld geführt, der tatsächlich jahrzehnteland Minderjährige missbraucht hatte.

Bei all dem ist uns doch bewusst, dass es zivilgesellschaftliche Kräfte gibt, welche die neoliberale, profitorientierte Globalisierung bekämpfen, die für die weltweite Ausbeutung und Umweltzerstörung verantwortlich sei:

Attac

und andere. Eine fortschrittliche Politik hat hier durchaus Ansatzpunkte wie

höhere Steuern für Reiche,

die Abschaffung von Steuerparadiesen,

die Stärkung der Gewerkschaften,

eine Krankenversicherung für alle.