Archive for the ‘Philosophie’ Category

3353: Sahra Wagenknecht über die Lifestyle-Linke.

Montag, April 12th, 2021

Sahra Wagenknecht ist mit 61 Prozent der Stimmen zur Spitzenkandidatin der Linken in Nordrhein-Westfalen für die Bundestagswahl nominiert worden. In ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten“ (Campus) rechnet sie mit den Lifestyle-Linken (wie Wagenknecht sie nennt) ab. Die FAS (11.4.21) hat ihr Gelegenheit gegeben, ihre zentralen Positionen darzustellen. Das muss uns nicht beunruhigen. Zufall ist es womöglich doch nicht. Ich versuche, Wagenknecht adäquat darzustellen, aber nicht immer wörtlich:

Zum Lifestyle gehört es heute, Zigeunersauce Paprikasauce ungarische Art zu nennen. Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau erscheinen als Rassisten. Es geht heute auf der Linken nicht mehr zuerst um Gerechtigkeit, soziale Sicherheit und das Aufbegehren gegen die oberen Zehntausend. Hautfarbe, Religion und Lebensweise stehen im Zentrum. „In Reinform verkörpern die grünen Parteien dieses lifestyle-linke Politikangebot.“ Viele tun so, als seien Nationalstaaten Auslaufmodelle und sie selbst Weltbürger. Leistung, Fleiß und Anstrengung erscheinen als uncool.

„Papas kleines Vermögen und Mamas Beziehungen geben zumindest so viel Sicherheit, dass sich auch längere unbezahlte Praktika oder berufliche Fehlschläge überbrücken lassen.“ Texte werden heute nach unziemlichen Wörtern durchsucht, Sternchen gesetzt. Wir nehmen Begriffe wie Cis-Frauen für weibliche Mitbüger, die keine Transsexuellen sind. Geschätzt werden Fremdsprachenkenntnisse und biologisch einwandfreie Ernährung. Das Ganze ist häufig gepaart mit der Selbstzufriedenheit des moralisch Überlegenen. Nicht wohl gelitten sind die, „die eher im kleinstädtischen Umfeld leben und die Zutaten für ihren Grillabend schon deshalb bei Aldi holen, weil das Geld bis zum Monatsende reichen muss.“

Verbreitet ist ein Mangel an Mitgefühl. Und der kleine Mann schätzt es nicht, „wenn ihm Leute Verzicht predigen, denen es im Leben noch nie an etwas gefehlt hat. Und über Zuwanderung als große Bereicherung für unsere Gesellschaft möchte man nicht ausgerechnet von Freunden des Multikulturalismus belehrt werden, die genau darauf achten, dass das eigene Kind eine Schule besucht, in der es mit anderen Kulturen nur im Literatur- und Kunstunterricht Bekanntschaft macht.“

2016 im US-Wahlkampf bezeichnete Hillary Clinton potentielle Trump-Wähler als „Ansammlung von Erbärmlichen“. „Wenig sympathisch macht den Lifestyle-Linken natürlich auch, dass er fortwährend eine offene, tolerante Gesellschaft einfordert, selbst aber im Umgang mit abweichenden Sichten oft eine erschreckende Intoleranz an den Tag legt, die sich mit der äußersten Rechten durchaus messen kann.“ „Wer vom Kanon ihrer Denkgebote abweicht, ist für Linksliberale daher auch kein Andersdenkender, sondern mindestens ein schlechter Mensch, wahrscheinlich sogar ein Menschenfeind oder gleich ein Nazi.“ (Sahra Wagenknecht, FAS 11.4.21)

Boris Herrmann (SZ 12.4.21) sieht in Wagenknechts Buch eine „Kriegserklärung“. Sie liefere ihr „Gegenprogramm“ gleich mit. Wagenknecht: „Die linken Parteien haben ihre frühere Wählerschaft im Stich gelassen.“ „Die Identitätspolitik läuft darauf hinaus, das Augenmerk auf immer kleinere und immer skurrilere Minderheiten zu richten, die ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und aus der sie den Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein.“ Sahra Wagenknecht bekunde Sympathie für die „couragierte Sozialpolitik“ der PiS, die Gelbwesten-Proteste und die Stürmer des Reichstagsgebäudes.

Nachbemerkung W.S.: Sahra Wagenknecht bedauert den Stimmenverlust der Linken. Im Wesentlichen kritisiert sie den Opportunismus der Grünen.

3352: Müssen wir Philip Roth canceln ?

Sonntag, April 11th, 2021

Im Zusammenhang mit einer Biografie über ihn ist in den USA die Debatte aufgekommen, ob wir den großen US-Erzähler und -Romancier Philip Roth (1933-2018) canceln müssen. Von ihm haben wir nicht nur „Der menschliche Makel“ (2000), sondern auch „Goodbye, Columbus“ (1959), „Portnoys Beschwerden“ (1969), „Mein Leben als Mann“ (1974), „Mein Leben als Sohn“ (1991), „Sabbaths Theater“ (1995), „Mein Mann, der Kommunist“ (1998) und die „Short Novels“ (2006-2010).

In seinen Büchern beschäftigte sich Philip Roth mit den Nachkommen europäischer Juden in den USA. Er schrieb häufig autobiografisch. Die meisten seiner Protagonisten sind Männer, Juden und Schriftsteller. In „Portnoys Beschwerden“ ging Roth ungezügelt obszön vor und sezierte das Leben eines Psychotherapie-Patienten. Harold Bloom hielt „Sabbaths Theater“ für Roths größtes Werk. Den Literaturnobelpreis hat er trotzdem nicht bekommen. Als den 2016 Bob Dylan erhalten hatte, sagte Philip Roth, im nächsten Jahr würden ihn Peter, Paul and Mary kriegen.

Was Roth bei den Fans der politischen und sexuellen Korrektheit zu schaffen macht, ist sein angeblicher Lebenstraum „Tagsüber in der Bibliothek, nachts bei den Frauen“. Roths Freund Steven Zipperstein, Professor für jüdische Kultur und Geschichte in Stanford, der ebenfalls eine Roth-Biografie vorbereitet, sagt im Interview mit Sarah Pines (Literarische Welt 10.4.21), dass er Roth bescheinigt habe: „Ich glaube, du liebst Frauen zu sehr.“ Das scheint heute gar nicht mehr erlaubt zu sein.

Auf Roths Beerdigung 2018 sprachen Frauen. Seine Ex-Frau Claire Bloom, eine Schauspielerin, hatte in ihrer Autobiografie „Leaving a Doll’s Hause“ (1996) versucht, Philip Roth als spießigen Choleriker darzustellen. Die Frauen in Roths Büchern sind außergewöhnlich stark. Steven Zipperstein: „Roth ist als Autor zu überragend, um irrelevant zu werden.“

3349: Merkel fordert Putin zum Truppenabzug auf.

Sonntag, April 11th, 2021

Russland hat an der Grenze zur Ukraine wieder Truppen zusammengezogen. Eine erneute russische Aggression droht. Deshalb hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Wladimir Putin aufgefordert, die russischen Soldaten abzuziehen (SZ 9.4.21).

3348: Erste Brexit-Folge: Massive Gewalt in Nordirland

Samstag, April 10th, 2021

Als eine der ersten Brexit-Folgen haben wir jetzt in Nordirland wieder so massive Gewalt wie vor dem Karfreitags-Abkommen. Hinter uns liegt eine gute Zeit des Austauschs und des Handels zwischen Irland und Nordirland. Die Grenze spielte dabei kaum noch eine Rolle. Das Absurde an den Vorgängen ist, dass die meisten Haupt-Gewalttäter Brexit-Gegner sind, welche die neuen Handelsgrenzen beklagen.

3345: Bundesweiter einheitlicher Lockdown

Donnerstag, April 8th, 2021

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Bundesregierung unterstützen den Gedanken eines bundesweiten einheitlichen Lockdowns (bis zum großen Impfen). Armin Laschet und Markus Söder haben den bereits vorgeschlagen. Die Politik ist richtig.

Auch die Grünen unterstützen eine solche Regelung.

Bei der SPD weiß man nie.

Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer: „Die Vielfalt der beschlossenen Regeln trägt im Moment nicht zur Sicherheit und zur Akzeptanz bei.“ Leider gebe es für einen einheitlichen bundesweiten Lockdown aber keine Mehrheit (SZ 8.4.21).

3344: Kür der Kanzlerkandidaten

Donnerstag, April 8th, 2021

1. Der Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner hat am 7.4.21 in einem Brief an die Landesvorsitzenden und den Parteirat mitgeteilt, dass die Grünen am

19.4.21

ihren Kanzlerkandidaten (Annalena Baerbock oder Robert Habeck) bekanntgeben wollen.

2. Damit wächst der Druck auf CDU und CSU immens, vor Pfingsten (23./24.5.21) ihren Kanzlerkandidaten zu benennen.

3. Viel hängt von der Klausurtagung des CDU/CSU-Fraktionsvorstands am 11.4.21 ab. Dafür war als dritter Mann noch Ralph Brinkhaus als Kanzlerkandidat benannt worden.

Ich sage voraus, dass Brinkhaus nicht kandidiert.

4. In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gibt es viele Mitglieder, die wieder in ihren Wahlkreisen für den Bundestag kandidieren wollen und deswegen eine schnelle Entscheidung wünschen.

5. Vielleicht gibt es in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine Kampfabstimmung wie 1979 (für den Verlierer Franz-Josef Strauß).

6. In Umfragen liegt Markus Söder (CSU) mit 54 Prozent klar vor Armin Laschet (CDU) mit 19 Prozent.

7. Laut Meinungsforschungsinstituten liegen die potentiellen grünen Kanzlerkandidaten Baerbock und Habeck teilweise vor dem SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz.

8. Formal beschließen die Grünen erst im Juni den Kanzlerkandidaten.

9. Armin Laschet hat mit dem Vorschlag des Brücken-Lockdowns nicht das Heft des Handelns in die Hand bekommen.

10. In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion stellt die CDU mehr als 80 Prozent der Mitglieder (Boris Herrmann, SZ 8.4.21; Nico Fried, SZ 8.4.21).

3343: Hans Küng ist tot.

Mittwoch, April 7th, 2021

Der weltbekannte Schweizer Pfarrer und Theologe Hans Küng ist im Alter von 93 Jahren in Tübingen gestorben. Hier war er von 1960 bis 1996 Professor für katholische Theologie. Er war ein höchst gebildeter Mann und ein entschiedener Kirchenkritiker. So lehnte er das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit ab. Dafür wurde ihm 1979 von dem polnischen Papst Johannes Paul II. die kirchliche Lehrbefugnis entzogen. 1989 legte Hans Küng vor der UNESCO das Basispapier für das Symposium „Kein Weltfriede ohne Religionsfriede“ vor.

3342: Gregor Gysi war Nomenklaturkader.

Dienstag, April 6th, 2021

Regina Schild, 63, war seit 1990 Leiterin der Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde in Leipzig. Bei ihrem Ruhestand wird sie im SZ-Magazin (18.12.2020) von Patrick Bauer interviewt.

SZ-Magazin: Vergangenes Jahr gab es Streit um Gregor Gysis Rede beim Leipziger Jahrestag am 9. Oktober. Wie sehen Sie das?

Schild: Ich fand unsäglich, dass Gysi da gesprochen hat. Und ich hätte gehofft, dass er selber gemerkt hätte, wie unpassend das ist. Er hat diese Diktatur mitgestaltet. Auch wenn er sagt, er habe sich gewandelt, war er doch ein Nomenklaturkader. Sich dann am Jahrestag der Friedlichen Revolution, während der Menschen befürchten mussten, die SED ließe sie beschießen, auf die Bühne zu stellen, war ein Hohn für alle, die dabei waren.

3341: Dokumentarismus stärkt Glaubwürdigkeit.

Montag, April 5th, 2021

Der NDR hat sich mit dem angeblich dokumentarischen Film „Lovemobil“ der Filmemacherin Elke Lehrenkrauss blamiert, in dem das Leben von Straßen-Prostituierten teilweise nach-inszeniert, fiktionalisiert und dadurch tatsächlich gefälscht wurde. Dadurch wird die Glaubwürdigkeit des ganzen öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ARD und ZDF) in Deutschland diskreditiert. Und die ist heute angesichts von Donald Trumps Lügen und der AfD wichtiger als je zuvor.

Der Regisseur Thomas Frickel schreibt dazu in der FAZ (3.4.21): „Die medienpolitische Dimension ihres Vorgehens hat Elke Lehrenkrauss, die Regisseurin des inkriminierten Films, weder bedacht noch verstanden, und der Versuch, den Betrug am Publikum mit Verweisen auf zu knappe Finanzen, Kunstfreiheit und Produktionsdruck schönzureden, macht nichts besser.“ Heute sehne sich das Publikum mehr als jemals zuvor nach Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit.

Tatsächlich haben sich Theorie und Praxis des Dokumentarfilm mühsam entwickelt in der Filmgeschichte bei

Robert Flaherty, John Grierson, Dsiga Vertov, Joris Ivens und Richard Leacock.

Es waren anfangs nicht zuletzt technische Probleme, die zu bewältigen waren. In den zwanziger Jahren gab es beispielsweise die Diskussion darüber, dass Joris Ivens für seinen Film „Borinage“ eine Arbeiterdemonstration wiederholen ließ, weil die zunächst gemachten Aufnahmen zu dunkel waren.

Klarheit in den Diskurs brachten dann Autoren wie

Klaus Wildenhahn: Über synthetischen und dokumentarischen Film. Zwölf Lesestunden. Berlin 1973 und

Bernward Wember: Wie informiert das Fernsehen? Ein Indizienbeweis. München 1976,

die beide selbst auch Dokumentarfilme drehten. Sie waren scharf in der Analyse und hart in ihren Anforderungen an Dokumentarfilmer, aber argumentativ überzeugend. Sie nutzten die neuen technischen Möglichkeiten der beweglichen Kameras. „Man darf keine Antworten in der Tasche haben – sonst lohnt sich die Reise nicht.“ Sie verlangten – zu Recht – die Ergebnisoffenheit der dokumentarischen Bemühungen.

Nur eines hatten sie noch nicht verstanden, was uns der Konstruktivismus klar vor Augen führt:

Alles, was gesagt wird, ist von jemand gesagt.

Hier von Wilfried Scharf aus Göttingen. Das dürfen wir nicht verwechseln mit dem Einsatz von Fake-News zur Machterringung und zum Machterhalt. So sehr ein naiver Begriff von Objektivität unangebracht erscheint, so falsch wäre der Verzicht auf die Objektivitätsforderung in den Massenmedien.

3340: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Montag, April 5th, 2021

1. In seiner zentralen Schrift „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945) verordnet Karl Reimund Popper uns Optimismus.

2. Es geht dabei um den Unterschied zwischen einer freiheitlichen und einer autoritären Gesellschaft. Abgelehnt werden Faschismus, Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus.

3. Die „offene Gesellschaft des „Westens“ ist gekennzeichnet durch Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Liberalismus, Toleranz, Pluralismus, Marktwirtschaft.

4. Die totalitären Mächte China und Russland wollen die offene Gesellschaft vernichten. Dem Absturz unter Trump sind die USA gerade noch einmal entronnen.

5. Ungarn und Polen gehen in der EU system-abweichende Wege.

6. Wird 2024 in den USA Trump oder ein ähnlicher Schwachkopf gewählt, droht das Ende des Westens.

7. Zum Konzept des Westens gehören unausweichlich die Kontrolle der Macht, freie Wahlen, der Schutz der Opposition und von Minderheiten, Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, Grundrechte, Rechtsstaat.

8. Heinrich August Winkler sagt: „Die größte Bedrohung kommt immer aus dem Westen selbst, von einem Westen, der seine Werte verleugnet.“

9. Die Mächte des Westens haben keinen Völkermord an den Juden zu verantworten, keine sowjetische Zwangskollektivierung, keinen chinesischen „Sprung nach vorne“. Und doch müssen sie sich wappnen und schützen vor Angriffskriegen und anderen völkerrechtswidrigen Praktiken.

10. „Doch Liberalismus und Demokratie reichen nicht. Nur ein sozialer Westen kann seinen Zusammenhalt, seine Attraktivität bewahren. Nur ein ökologischer Westen macht es vielleicht möglich, das System Erde zu erhalten, in dem er selbst lebt.“ (Stefan Ulrich, SZ 3./4./5.4.21)