Archive for the ‘Philosophie’ Category

3406: Erich Fried 100

Sonntag, Mai 16th, 2021

Mit Erich Fried hatte ich immer Schwierigkeiten. Die waren aber nicht literarischer, sondern politischer Art. Etwa darin, dass er sich bemüht hatte, mit dem Neonazi Michael Kühnen (1955-1991) Freundschaft zu schließen. Oder dass er Israel einmal das Existenzrecht absprach. Das Werk des 1921 in Wien geborenen Österreichers ist für mich gekennzeichnet durch Wortspiele, ironische Figuren und eine plakative politische Didaktik. Und Liebesgedichte. 1938 musste er aus Österreich nach London fliehen. Sein Vater Hugo Fried war dort gerade an den Misshandlungen durch die Gestapo gestorben. Seine Großmutter wurde in Auschwitz ermordet. Erich Fried kam nie aus London zurück. Er starb dort 1988 an Krebs.

In seinem Nachruf unter dem Titel „Ein deutscher Dichter“ zählte Marcel Reich-Ranicki Fried zu den „bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern nach 1945“. 1966 war Frieds erster politischer Gedichtband „und Vietnam und“ erschienen, den man nicht vergisst. Von Ludwig Marcuse wurde der vehement abgelehnt. 1968 vollzog Fried eine Kehrtwende. Er wurde zum engagierten Lyriker der Studentenrevolte und reiste viel nach Deutschland. Seine Liebesgedichte verkauften sich 150.000 mal. 1983 erhielt Erich Fried den Bremer Literaturpreis, 1968 den Büchnerpreis.

Aber es gab auch harte Kritik. Jörg Drews nannte Erich Fried einen „Merkverselieferanten“. Und in seiner unnachahmlichen Schärfe charakterisierte Henryk M. Broder Fried als „Mutter Teresa für den kritischen Studienrat mit SDS-Erfahrung“. Da ist was dran. Die Linken hören so etwas natürlich nicht gerne. Erich Fried gebärdete sich als „Antizionist“. Aber Marcel Reich-Ranicki schrieb: „Der Name Erich Fried wird nicht in Vergessenheit geraten, darf nicht in Vergessenheit geraten.“ Das stimmt (Jan Süselbeck, taz 6.5.21).

3405: US-Republikaner leben mit Trump-Lüge.

Samstag, Mai 15th, 2021

Liz Cheney wurde von ihrem Posten als stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Republikaner im Repräsentantenhaus abgewählt. Die Tochter des ehemaligen Verteidigungsministers Dick Cheney hatte als einzige prominente Republikanerin der Lüge von Donald Trump widersprochen, er sei um den Wahlsieg bei den Präsidentschaftswahlen betrogen worden. Vielmehr sei er abgewählt worden und habe dann versucht, sich mit illegalen Methoden an der Macht zu halten, und seine Anhänger am 6. Januar 2021 zum Sturm auf das Kapitol aufgehetzt.

Ein beispielloser Angriff eines US-Präsidenten auf die amerikanische Demokratie.

Die Republikaner haben sich ihm unterworfen und wollen mit der Trump-Lüge leben. „Sie beschädigt die Legitimität jenes Verfahrens, durch das in einer Demokratie die politische Macht friedlich verteilt wird und ohne das es keine Demokratie gibt – Wahlen.“ Wenn in den USA eine von zwei Parteien den demokratischen Konsens aufkündigt, kann dann die Demokratie überleben? Jedenfalls stecken die USA in einer tiefen Krise.

„Donald Trump wurde zwar abgewählt, aber das Gift, das er verspritzt hat, bleibt. Es frisst sich weiter durch die Gesellschaft und die politischen Institutionen in Amerika. Die Wähler und die Wahrheit können es aufhalten. Aber es gibt keine Garantie, dass das tatsächlich gelingt.“ (Hubert Wetzel, SZ 14.5.21)

3404: Israel ist gespalten

Freitag, Mai 14th, 2021

Israel ist Kriege gewohnt. Hat bisher alle überstanden. Ist hochgerüstet. Aber der gegenwärtige Gaza-Krieg, der seinen Ursprung bei den Krawallen auf dem Tempelberg hat, in dem es um die Wegnahme von palästinensischen Häusern und Grundstücken ging, hat eine neue, hochgefährliche Dimension. Er hat sich ausgewachsen zu einem wüsten Kampf zwischen israelischen Juden und israelischen Arabern. Unter dem Eindruck der Raketenangriffe aus Gaza. Von den neun Millionen Israelis sind 20 Prozent arabisch. Die Bevölkerung ist also gemischt.

Jetzt hat ein arabischer Mob in Lod den Bürgerkrieg begonnen mit Brandstiftungen von Synagogen und Plünderungen von Geschäften. Die rechte jüdische Gewalt ließ nicht lange auf sich warten. „Tod den Arabern.“ Es war die Rede von der „Kristallnacht in Lod“. Das bedroht die Grundfesten des Staates Israel. Die gewalttätigen Araber in Israel ähneln den ultra-orthodoxen Juden. Sie sind unfähig zum Kompromiss. Verschärft hatte die Konfliktursachen die Regierung Netanjahu mit gezielter Hetze und dem Nationalstaatsgesetz von 2018, das die israelischen Araber zu Bürgern zweiter Klasse macht. Hinzu kam die falsche Politik der Trump-Administration (US-Botschaft nach Jerusalem etc.) (Peter Münch, SZ 14.5.21).

Die tieferen Ursachen für den Bürgerkrieg liegen darin, dass Israel sich von der zwei-Staaten-Theorie abgewandt hat, die der einzige Weg zu einer friedlichen Zukunft ist. Israel betreibt gegenüber den eigenen Arabern eine Diskriminierungs-, Besatzungs- und Enteignungspolitik. Die ist völkerrechtswidrig. Aber das ist Israel egal.

3402: Caren Miosga bekommt den Grimme-Preis.

Mittwoch, Mai 12th, 2021

Die diesjährigen Grimme-Preise sind von der Direktorin des Adolf-Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, vergeben worden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk schneidet dabei gut ab. „Angesichts der aktuellen Debatte um manipulierte Dokumentationen sind wahrhaftige Produktionen, die journalistische Standards strikt einhalten, wichtiger denn je.“ Für ihre Art, Nachrichten zu präsentieren, wurde die Tagesthemen-Moderatorin Caren Misoga besonders geehrt (Carolin Gasteiger, SZ 12.5.21). Sehr zu Recht!

3399: Jürgen Habermas lehnt einen Preis ab.

Montag, Mai 10th, 2021

Unabhängig davon, wie wir den deutschen Philosophen Jürgen Habermas, geb. 1929, betrachten, sofern wir uns überhaupt dazu ein Urteil erlauben, ist es eine Tatsache, dass er ein riesiges Werk geschaffen hat, das nahezu unüberschaubar ist und viele Fächer berührt („Strukturwandel der Öffentlichkeit“ 1962, „Erkenntnis und Interesse“ 1968, „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ 1973, „Theorie des kommunikativen Handelns“ 2 Bde. 1981, „Der philosophische Diskurs der Moderne“ 1985). Mein Fach, die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, war durch den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ unmittelbar berührt. Entsprechend ernst wurde Habermas bei uns genommen.

Das Erstaunliche bei Habermas war aber, sofern wir hier überhaupt kritisch herangehen wollen, dass es erstaunte, welcher Aufwand betrieben werden musste, um zu bestimmten Erkenntnissen zu gelangen. Die Bedeutung Europas hatten etwa Charles de Gaulle und Konrad Adenauer dreißig Jahre vorher ohne Philosophie erkannt.

Jürgen Habermas hatte den mit 225.000 Euro dotierten „Sheikh Zayed Book Award“ von Abu Dhabi zunächst angenommen. Dann abgelehnt mit der Begründung: „Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem dort bestehenden System habe ich mir nicht hinreichend klargemacht.“ Das berührt die alte Streitfrage, ob wir die Chancen höher bewerten, die ein Dialog verspricht, oder das Risiko, Autokraten bei der Verschleierung der wahren Natur ihrer Herrschaft zu helfen. Mit Verzögerung hat Jürgen Habermas für sich die Frage beantwortet. Klar. Auf dem Freiheits-Index der Organisation Freedom House steht Abu Dhabi mit 17 von 100 Punkten auf einer Stufe mit Iran und Swasiland.

Es versteht sich von selbst, dass Habermas‘ Entscheidung kritisiert wurde. Etwa von dem Übersetzer Stephan Weidner, der darin ein „Lehrstück für die moralische Überheblichkeit des Westens“ sieht. Sie zeige, dass es Araber und Muslime der westlichen Welt nie rechtmachen könnten. Abu Dhabi sei ein Staat, der mit Israel Frieden schließe und die Tauwetter-Politik am Golf mittrage.

Vermittelt hatte die Preisvergabe an Jürgen Habermas Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse. Er sagt: „Er (Habermas) hat sich über den Preis informiert und sich nach einigen Tagen Bedenkzeit entschieden, ihn anzunehmen.“ Boos ist der Meinung, dass wir demokratische Werte „besser vertreten, wenn wir Präsenz zeigen, als wenn wir die Distanz größer werden lassen“. Er unterstreicht, dass er von Abu Dhabi nur Reisekosten bekomme (Moritz Baumstieger, SZ 10.5.21).

3398: Pia Lamberty wird verfolgt.

Montag, Mai 10th, 2021

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty, 37, hat 2020 mit ihrer Kollegin Katharina Nocun veröffentlicht:

„Fake News – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen.“

Seither muss sie halb im Versteck leben, weil sie von Esoterikern, Homöopathen, Waldorfschulanhängern, Querdenkern, Neonazis und anderen Irren verfolgt wird. „Pia Lamberty, du Miststück, wir kriegen dich bald, dann Gnade dir Gott.“ Für ihre Verfolgung spielt Antisemitismus eine große Rolle („wieviel Geld sie von Soros bekommt“), die Tatsache, dass sie eine Frau ist (die 2020 geheiratet hat) und dass sie im Fernsehen auftritt.

Der Hass gegen Lamberty hat nochmals zugenommen durch die von nicht voll der Sache gewachsenen Schauspielern durchgeführte Aktion „Alles dicht machen.“ Manche, die da mitgemacht haben, waren sich anscheinend nicht darüber im Klaren, was das bedeutete. Besonders schlimm wird der Hass, so Lamberty, wenn Prominente Verschwörungserzählungen wiederkäuten. Pia Lamberty kennt junge Kolleginnen, die sich nicht mehr trauen, sich zu ihren Themen öffentlich zu äußern. „Das verändert den Diskurs.“

Pia Lamberty wird der Kriegsführung für unsichtbare staatliche oder metastaatliche Kräfte bezichtigt. Die zusätzliche Diskriminierung als Frau besteht darin, dass Männer wenigstens als „böse“, sie aber nur als „ahnungslos“ bezeichnet wird. Attila Hildmann, ein besonders penetranter Verschwörungserzähler, hat sogar Lambertys Mailadresse („Könnt ihr ja mal schreiben.“)  publiziert. Pia Lamberty hat ihn angezeigt. Inzwischen soll Hildmann in die Türkei geflohen sein.

Frau Lamberty schreddert ihren Büromüll. Sie überprüft regelmäßig, ob die Tür abgesperrt ist und die Fenster im Keller auch wirklich verschlossen sind.

Ende Mai soll (wiederum gemeinsam mit Katharina Nocun) erscheinen:

„True Facts. Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft.“

Da können wir nur die Daumen drücken (Philipp Bovermann, SZ 10.5.21).

3395: Humberto Maturana ist gestorben.

Samstag, Mai 8th, 2021

Im Alter von 92 Jahren ist in Santiago de Chile der Biologe und Philosoph Humberto Maturana gestorben. Als Erfinder des

„Konzepts der Autopoeisis“

ist er in den Wissenschaften und insbesondere in der Wissenschaftstheorie („Biologie der Kognition“ 1970) sehr wichtig. Seine Bedeutung geht weit über die Naturwissenschaften hinaus. Er hat den

Konstruktivismus

mit geschaffen und damit einen zentralen Beitrag zum Verständnis von Informationen, Nachrichten, Berichterstattung, zum Verständnis der Welt geliefert (die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien). 2021 wichtiger als je zuvor.

Seit 1948 hatte Maturana Medizin studiert. Ging 1956 zum Promotionsstipendium nach Harvard, wo er sich mit der Anatomie und dem Sehvermögen von Fröschen befasste. Unter anderem fand er heraus, dass der Frosch nach Eingriffen in sein Nervensystem beim Versuch, eine Fliege zu fangen, seine Zunge hartnäckig in eine Richtung warf, während die Fliege in der anderen zu finden war. Nicht die Fliege also koordinierte die Wahrnehmungen des Frosches, sondern sein Gehirn kordinierte seine Wahrnehmungen und Bewegungen. Der Frosch brachte seine Welt selbst hervor (Selbsterzeugung).

In der Kommunikationswissenschaft bedeutete das eine starke Erschütterung des Glaubens an die Objektivität, die Trennung von Nachricht und Meinung, nach der heute immer noch verfahren wird. Alles, was gesagt wird, wird von jemand gesagt. Wie Heinz von Foerster sagt: Die Anrufung der Objektivität ist gleichbedeutend mit der Abschaffung der Verantwortlichkeit. Darin liegt ihre Popularität begründet. Wie Humberto Maturana gemeinsam mit Francisco Varela („Der Baum der Erkenntnis“ 1984) herausarbeitete, ist es der Beobachter, der von seinem distanzierten Standpunkt aus Korrelationen herstellt. Konstruktionen von Wirklichkeit sind insofern indifferent gegen Fakten. Nichts, was sich beschreiben lässt, ist unabhängig von uns. Die Welt erscheint uns so, wie wir sie sehen wollen.

Wir befinden uns also in einem Dilemma: Auf der einen Seite droht die Gefahr, dass wir objektive Phänomene nicht wahrnehmen können, da es keinen Mechanismus gibt, der solch eine Information möglich macht. Andererseits sind wir von Willkür und Chaos bedroht, von einer Nicht-Objektivität, in der alles beliebig und möglich erscheint. Wir müssen lernen, auf der Mittellinie zu wandern, einmal das Extrem des Objektivismus zu vermeiden und andererseits das Extrem des Idealismus (Subjektivismus). Unsere Sprache (als Resultat liebevoller Kommunikation und nicht als Mittel des Kampfes) ermöglicht uns Problembewusstsein und Selbstreflexion. Nicht zuletzt das hat uns Humberto Maturana erschlossen und gezeigt.

Und viele Wissenschaftsfeinde, Propagandisten, Querdenker, Esoteriker und Nazis haben das noch nicht verstanden und wollen es nicht wahrhaben.

3392: Sophie Scholl – ein Vorbild

Mittwoch, Mai 5th, 2021

Anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl sind schon viele Beiträge erschienen. Natürlich von unterschiedlicher Qualität. Die meisten aber sehr ernst zu nehmen. Viele bemühen sich, hinter dem von Sophies älterer Schwester Inge Scholl, später Aicher-Scholl, gezeichneten Heiligenbild den Menschen Sophie Scholl erscheinen zu lassen. Alles in Ordnung, auch wenn wir uns bewusst sind, dass Inge Scholl ihr Buch „Die weiße Rose“ (1952) in einer Zeit geschrieben hat, als die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ in Deutschland noch ganz überwiegend als unbedarfte Schwärmer gesehen wurden, die in einer Aura der Unschuld blieben, sich nicht zum Vorbild eigneten. Das sehen wir heute ganz anders. Sophie Scholl starb am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim unter dem Fallbeil.

Ich stütze mich hier hauptsächlich auf zwei herausragende journalistische Quellen: Robert M. Zoske, taz 30.4/1./2.5.21 und Jörg Thomann, FAS 2.5.21. Der Theologe und Historiker Robert M. Zoske, 68, hatte 2014 mit einer Arbeit über Hans Scholl, Sophies Bruder, promoviert und 2020 „Sophie Scholl. Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen.“ veröffentlicht.

Sophie Scholl gehörte mit ihrem Bruder Hans, dem Kopf der Gruppe, zu einer sechsköpfigen Gemeinschaft von Widerständlern, die 1942/43 in München und anderen Großstädten insgesamt sechs Flugblätter gegen Hitler verteilt hatte und darin zum Widerstand, zur Sabotage und zum Umsturz aufrief. Sophie war die einzige Frau in der Gruppe. Der Name „Weiße Rose“ stammt von den Titeln der ersten vier Flugblätter.

1946 rief die Schriftstellerin Ricarda Huch unter dem Titel „Für die Märtyrer der Freiheit“ dazu auf, Briefe und Erinnerungen an den Widerstand zur Verfügung zu stellen. Sophie Scholls ältere Schwester Inge sandte Ricarda Huch 1947 eine 49-seitige Schrift, die sich aus heutiger Sicht als Rückprojektion und Selbstkonstruktion erweist. Inge Scholl hatte niemals zum Widerstand, geschweige zur „Weißen Rose“, gehört. Ihre Schrift war eine Vorstudie zu ihrem Buch über die „Weiße Rose“ (1952). Darin schildert sie das Kind Sophie trotz ihrer „wundersamen, unnennbaren Kindlichkeit“ als etwas Besonderes und „Reifes“. Allerdings marginalisierte Inge Scholl die Hitler-Jugendjahre ihrer Schwester, die anfangs eine glühende Nationalsozialistin (beim BDM) gewesen war. Für Inge Scholl war alles in Sophies Leben eine Vorbereitung auf die heroischen Widerstandswochen 1942/43.

In der DDR begann die Anerkennung Sophie Scholls als (antifaschistisch-sozialistische) Widerstandskämpferin sehr früh. Das erstreckte sich auch auf die „Weiße Rose“. Bereits 1949 gab es in Freiberg ein „Geschwister Scholl Gymnasium“. Die Deutsche Post der DDR publizierte 1961 die erste Briefmarke mit Sophie Scholl. Die Bundespost veröffentlichte 1964 eine Briefmarke mit acht Widerstandskämpfern, Sophie Scholl war dabei die einzige Frau. Möglicherweise hat dabei der Geschlechterproporz eine Rolle gespielt. 1991 folgte ein Einzelporträt Sophie Scholls.

Auf der Gedenkstätte bedeutender Deutscher, der Walhalla bei Regensburg, ist Sophie Scholl seit 2003 mit einer Marmorbüste die einzige Vertreterin der Münchener Gruppe. Nur von ihr gibt es in der Münchener Universität seit 2005 eine personalisierte Bronzebüste im Lichthof. Das Bild der „Weißen Rose“ wurde maßgeblich von drei Spielfilmen geprägt: Michael Verhoeven „Die Weiße Rose“ (1982), Percy Adlon „Fünf letzte Tage“ (1982), Marc Rothemund „Sophie Scholl – die letzten Tage“ (2005).

Seit langem haben sich Anekdoten um das Leben der „Weiße Rose“-Mitglieder und Sophie Scholls gerankt. So etwa die, dass sie einer jüdischen Mitschülerin beigestanden hätte. Und anderes. „Keine dieser erzählerischen Ausschmückungen ist haltbar.“ Sophie Scholl war als junges Mädchen eine begeisterte Nationalsozialistin. Sie neigte zu „elitären Gedanken“. Die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ waren auch keine Pazifisten, wie Zoske etwas erstaunt feststellt. Nach eigenem Bekunden einer Freundin gegenüber wäre Sophie Scholl bereit gewesen, Hitler zu erschießen. Verwunderlich ist das nicht. Wir sind uns doch klar darüber, dass es keine Pazifisten waren, welche die Nazis besiegt haben. Sophie Scholls Christentum hat ihren Widerstand bestärkt. Nach den Worten ihrer Freundin Susanne Hirzel war sie „überkandidelt religiös“.

Sophie Scholls Umkehr zum Widerstand beruhte wahrscheinlich hauptsächlich auf ihren Erfahrungen in einem Kinderhort in Blumberg im Schwarzwald, wo sie „Kriegshilfsdienst“ ableisten musste. Das war ein sozialer Brennpunkt. Dort agierten die Nazis seit Mitte der dreißiger Jahre rücksichtslos im Sinne ihrer Rassen- und Rüstungspolitik. Ohne Rücksicht auf Anwohner und Natur. Dort wurden Verschleppte, Kriegsgefangene und Straftäter eingesetzt. Ursprünglich war hier Erzförderung geplant, die aber 1942 eingestellt wurde. Sophie Scholl erhielt hier täglich Anschauungsunterricht über die Brutalität und Menschenverachtung der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Zwei Monate nach Ende des „Kriegshilfsdienstes“ lieh sie sich von ihrem Geliebten Fritz Hartnagel, einem Berufsoffizier, Geld für die Anschaffung eines Kopierers. Damit wurde sie schließlich zur Organisatorin des Widerstands, als ihre Mitstreiter als Soldaten zunehmend an der Front blieben.

Die Legendenbildung um Sophie Scholl erklärt sich überwiegend aus dem Wunsch, die Besonderheit ihres Handelns noch zu steigern. Der Mythos verschleierte die Wirklichkeit. Sophie Scholl wurde zur entrückten Heiligen. Das fiel im Land der vielen Mittäter auf fruchtbaren Boden. Wer hätte nicht gerne eine Schwester wie Sophie gehabt! Als ab 1968 die ersten entmythologisierenden Forschungen publiziert wurden, war beinahe kein Rezensent bereit, dem zu folgen. Aber Sophie Scholls Tagebuchhefte sprechen eine deutliche Sprache. Eines begann sie mit einem Gedicht Matthias Claudius‘. Sie beendet es mit einem Jesuswort über Trauer und Mut: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33).

Robert M. Zoske schreibt zu Recht: „Sie konnte umkehren, ihren Sinn ändern, eine Denkwende vollziehen – Fähigkeiten, die auch heute dringend gebraucht werden. Sie handelte nach ihrer Überzeugung und ging trotz der Gefahr in den Widerstand.“ Maren Gottschalk schreibt, dass Sophie Scholl „keine furchtlose Heldin“ war. „Wenn jedes Volk, wie man so sagt, die Helden hat, die es verdient, dann mag man sich nicht nur beim Blick auf unsere finstersten Jahre manchmal fragen, womit die Deutschen eigentlich Sophie Scholl verdient haben.“

 

3391: Ermittlungen gegen KSK-Chef

Dienstag, Mai 4th, 2021

Die Militärpolizei hat im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen der Munitionsaffäre beim Kommando Spezialkräfte (KSK) das Diensthandy und ein dienstliches Tablet des KSK-Kommandeurs Brigadegeneral Markus Kreitmayr beschlagnahmt. Kreitmayr soll im Frühjahr 2020 angeordnet haben, dass Soldaten einbehaltene Munition straffrei zurückgeben können. Die Staatsanwaltschaft Tübingen prüft den Anfangsverdacht eines Verstoßes gegen Paragraf 40 des Wehrstrafgesetzes (SZ 4.5.21).

3390: Eva Illouz erklärt uns Benjamin Netanjahus Propaganda.

Sonntag, Mai 2nd, 2021

Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem. 2011 war ihr Buch „Warum Liebe weh tut – eine soziologische Erklärung“ erschienen. Jetzt erklärt sie uns Bibi Netanjahus Propaganda (SZ 27.4.21).

1. „Israelische Nichtregierungsorganisationen, Akademiker, Künstler, Journalisten und auch viele andere, nichtorganisierte Bürger, die mit dem Entzug grundlegender Menschenrechte der Palästinenser durch die Regierung Netanjahu nicht einverstanden sind, werden als Verräter und Staatsfeinde bezeichnet.“

2. „Ein Kritiker der israelischen Regierung ist in der Logik dieser Regierung folglich: Antisemit.“

3. „Kein Anliegen ist gerechter als der Kampf gegen den Antisemitismus.“

4. „Der Kampf gegen den Antisemitismus sollte an der Spitze aller antirassistischen Kämpfe stehen, denn Antisemitismus ist eine der ältesten Formen des Gruppenhasses und eine der zerstörerischsten.“

5. Zwei Drittel der europäischen Juden wurden im Zweiten Weltkrieg ermordet.

6. Jetzt ist ein „neuer Antisemitismus“ zu Propagandazwecken erfunden worden.

7. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem bezeichnet die strikte Trennung der jüdischen und palästinensischen Bevölkerung in Israel als „Apartheid“.

8. Das könnte man auf Grund der genauen Analyse von Karten, Gesetzen und politischen Regimen überprüfen.

9. Stattdessen wird „Apartheid“ als antisemitisch gebrandmarkt.

10. Man verharmlost „die Opfer des Antisemitismus, wenn man eine gerade Linie von Kritikern israelischer Politik zu eingefleischten, gewalttätigen Antisemiten zieht“.

11. Viele Kritiker israelischer Regierungspolitik sind nicht antisemitisch, „sie rufen weder zur Vernichtung von Juden auf noch dazu, dass Juden bestimmte Länder oder Europa verlassen sollten“.

12. Man kann einigen dieser Kritiker vorwerfen, dass sie sich weigern, die israelischen Opfer terroristischer Anschläge zu sehen.

13. Man kann ihnen vorwerfen, die realen Gefahren zu ignorieren, welche die Existenz Israels bedrohen oder, dass sie Israel moralische Normen vorschreiben, die ihnen bei anderen Staaten offenbar weniger wichtig sind.

14. Aber wie fragwürdig solche Meinungen auch sein mögen, sie unterscheiden sich zutiefst vom Antisemitismus, der den Juden und Israel dämonischen Einfluss zuschreibt und sie vernichten will.

15. „Etliche sogenannte Kritiker Israels sind tatsächlich Antisemiten.“

16. „Was sollen jüdische Intellektuelle angesichts dieses Minenfeldes tun? Sie haben nur zwei gleichermaßen unerfreuliche Alternativen: entweder sie reihen sich bei denen ein, die für ein demokratischeres Israel kämpfen, und riskieren damit, als Antisemiten bezeichnet zu werden; oder sie machen den Kampf gegen den Antisemitismus zum primären moralischen Ziel und ignorieren dabei vollständig eine historische Ungerechtigkeit, die vom jüdischen Volk begangen wurde.“

17. Der Deutsche Bundestag hat eine Resolution verabschiedet, in der die BDS-Bewegung als antisemitisch definiert wird. „Man kann aber – wie ich – BDS ablehnen und dennoch deren Recht auf Meinungsäußerung verteidigen.“

18. „Mit dem rücksichtslos verwendeten Antisemitismus-Verdikt hat die israelische Rechte das Volk gespalten: denn sie stellt die politischen Interessen Israels über die Solidarität mit anderen und liberalen Juden.“

19. „Das hat erschreckende Auswirkungen. Viele Juden definieren sich bereits weniger über ihre Ethnie, dafür stärker über ihre politische Ausrichtung. Antisemitismus als politische Waffe wird die Spaltung innerhalb des jüdischen Volkes weiter vertiefen.“

20. Insofern verhindern Unterstützer der gegenwärtigen israelischen Regierungspolitik jede Debatte, da Antisemitismus unmoralisch ist.

21. „Unterstützer Israels werden damit automatisch zu Protofaschisten, also zu einer anderen bösen Wesensart.“

22. „Diese Debatte ist exemplarisch für die Schwierigkeiten, denen sich Intellektuelle zunehmend gegenübersehen. Es sind die moralischen Widersprüche komplexer Realitäten: In diesem Fall betreibt der Staat Israel eine inakzeptable Politik der Vorherrschaft in den besetzten Gebieten, während gleichzeitig der Antisemitismus überall auf dem Vormarsch ist.“

23. „Intellektuelle müssen daher tun, was sie am besten können: sich für die universalistische Position entscheiden und gleichermaßen gegen die Unterdrückung der Palästinenser wie den Antisemitismus kämpfen; darauf verzichten, andere Meinungen zur Blasphemie zu erklären; die Debattenklutur aufrechterhalten, anstatt auszugrenzen.“