Archive for the ‘Philosophie’ Category

3861: Der Fall Uwe Tellkamp

Freitag, Mai 13th, 2022

Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ (2008) wurde als wahrheitsgetreue Innensicht der DDR, als „Wenderoman“ gelesen, gelobt und wurde ein Riesenerfolg. Dann kritisierte der Autor ab 2015 die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und den „linken Mainstream“. 95 Prozent der Flüchtlinge flöhen nicht vor Krieg, sondern in die Sozialsysteme der Bundesrepublik Deutschland. Und der Medienmainstream („Spiegel“, „Zeit“, „SZ“ et alii) begleite dies positiv. Noch heute sieht Tellkamp in den Grünen eine Splitterpartei, die der Gesellschaft ihre Weltsicht aufzwingt. Tellkamps Fortsetzung des „Turms“ in Form des Romans „Der Schlaf in den Uhren“, den ich noch nicht gelesen habe, wird von Marie Schmidt in der SZ (12.5.22) gekonnt total verrissen.

Schauen Sie sich am Mittwoch, 18.5.22, um 20.15 Uhr auf 3-Sat die Dokumentation „Der Fall Tellkamp. Streit um die Meinungsfreiheit“ an.

(Markus Pollmer, SZ 12.5.22; Interview Tellkamps mit Lothar Müller, SZ 12.5.22)

3860: EZB kündigt Leitzinserhöhung für Juli 2022 an.

Donnerstag, Mai 12th, 2022

Die EZB kündigt für Juli eine Leitzinserhöhung an. Die Inflationsraten steigen seit über einem Jahr. In den USA und Großbritannien haben die Notenbanken bereits die Zinsen erhöht. In der Eurozone lag die Inflationsrate im April 2022 bei 7,5 Prozent. Weit oberhalb der Marke von zwei Prozent, die sich die EZB als Obergrenze gesetzt hat. Hohe Inflationserwartungen können zu einer gefährlichen Lohn-Preis-Spirale führen. In Deutschland liegt die Teuerungsrate bei 7,4 Prozent, dem höchsten Stand seit 1981. Hauptsächlich wegen des Anstiegs der Energiepreise.

Die EZB hatte den Leitzins seit 2016 bei null Prozent gehalten. Bereits 2014 hatte die Institution begonnen, den Einlagezins der Banken in den negativen Zins zu bringen. Der Satz liegt bei 0,5 Prozent, was die Kreditwirtschaft auf die Kunden umlegt (Markus Zydra, SZ 12.5.22).

3859: Palästinensische Journalistin auf der Westbank erschossen

Donnerstag, Mai 12th, 2022

Die aus Jerusalem stammende, palästinensische Journalistin Schirin Abu Akleh, 51, ist in Dschenin erschossen worden. Seit 20 Jahren hatte sie für den aus Katar stammenden Fernsehsender Al Jazeera von der Westbank berichtet. Aktuell ging es um Razzien der israelischen Armee angesichts von Terrorangriffen. Israel und die Palästinenser beschuldigen sich gegenseitig, den tödlichen Schuss in den Kopf der Journalstin abgegeben zu haben, obwohl sie einen Helm getragen hatte. Über die Feuergefechte mit Terroristen berichtet Israel von 17 Toten, die Palästinenser von 30. Die Journalistin hatte eine Splitterschutzweste mit der deutlich sichtbaren Aufschrift „Presse“ getragen. Sie wurde von einem palästinensischen Kollegen begleitet, der in den Rücken geschossen wurde, aber überlebte.

Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas sprach von einer „Hinrichtung“. Premierminister Naftali Bennett stellte sich hinter die israelischen Soldaten, die im Einsatz seien, „um eine tödliche Terrorwelle zu brechen“. Israels Außenminister Jair Lapid bot den Palästinensern eine gemeinsame Untersuchungskommission an und betonte, dass Journalisten in Gefechten geschützt werden müssten (Peter Münch, SZ 12.5.22).

3858: Die dritte Bundesrepublik

Mittwoch, Mai 11th, 2022

1. Die erste Bundesrepublik war am Ende dadurch gekennzeichnet, dass Helmut Kohl davon sprechen konnte, dass der nächste russische Panzer nur wenige hundert Kilometer von seinem Schreibtisch entfernt stehe.

2. Die zweite haben wir Michael Gorbatschow zu verdanken mit der Wiedervereinigung. Deswegen wird er von den Russen so gehasst.

3. Die dritte, nun kommende, verdanken wir dem Massenmörder Putin, der uns die Realität vor Augen geführt hat. Wenn wir uns nicht verteidigen, übernimmt er das Kommando.

4. Die Illusionen der Ära Merkel sind zerstoben.

5. Eine Zeit lang erschien es ja – perverserweise – beinahe so, als seien wir vor Donald Trumps irrsinniger Politik durch einen verlässlichen Partner in Moskau geschützt.

6. Wenn deutsche Intellektuelle in Talkshows den ukrainischen Botschafter belehren, dann lernen wir daraus, wie es nicht geht.

7. In der ersten Bundesrepublik schien es so, als sei ein Mensch dann zufrieden, wenn er materiell abgesichert und privat gut aufgehoben war. Mit Werten und Trieben wollte man sich nicht befassen. Ein Fehler.

8. Es ist für Russland klassischerweise so, dass den jeweiligen Despoten die Zukunft ihrer Landsleute vollkommen gleichgültig ist. Und diese stimmen dem dann noch zu.

9. Die dritte Bundesrepublik wird wegen der hohen Kosten für die Bewältigung der großen aktuellen Aufgaben ärmer werden.

10. Die Superreichen auf der ganzen Welt, darunter die russischen Oligarchen, müssen demokratisch an die Kandarre genommen werden.

(Nils Minkmar, SZ 11.5.22)

3857: Christian Schultz-Gerstein, der „lodernde Verreißer“

Dienstag, Mai 10th, 2022

Willi Winkler rezensiert in der SZ (10.5.22) den von Klaus Bittrermann herausgegebenen Band von Kritiken Christian Schultz-Gersteins:

Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten. Porträts, Essays, Reportagen, Glossen. Berlin (Tiamat) 2021, 448 S., 26 Euro.

Christian Schultz-Gerstein ist bei uns als derjenige bekannt, der Marcel Reich-Ranicki als „furchtbaren Kunstrichter“ bezeichnet hatte. Seit 1970 arbeitete er bei der „Zeit“, weil „ich nicht mehr wusste, wie es mit mir weitergehen sollte“. Er identifizierte sich mit Bernward Vesper, dem Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper. Keine guten Voraussetzungen für ein befriedigendes Leben. In seinem Kritiker-Urteil erscheint uns Schultz-Gerstein heute noch als klarsichtiger Analytiker. Das arbeitet Willi Winkler heraus.

Verblüffend, dass Schultz-Gerstein schon vor 40 Jahren das „Herrenreitertum“ eines Botho Strauß erkannt hat. Rainald Goetz betrachtete er als „rasenden Mitläufer“. Das Verschwinden von Karin Struck bedauerte er zutiefst. Peter Sloterdijk apostrophierte er schon 1983 als „philosophierenden Busengreifer“. Ein zentraler Punkt für Schultz-Gerstein war es immer, dass Reich-Ranicki am Lob Wolfgang Koeppens festhielt, obwohl dieser gar nichts mehr schrieb. Schriftsteller wie Gerhard Zwerenz nahm unser Kritiker gar nicht erst ernst. Er hat mit Peter Handke Fußball geschaut und von Jean Améry gelernt, was es heißt, im Konzentrationslager gefoltert worden zu sein.

Schließlich landete er beim „Spiegel“ und war mit Rudolf Augstein befreundet. Aber auch mit dem verkrachte er sich: „Du und deine Karaseks können einfach nicht ertragen, dass es auf Gottes Erdboden möglicherweise noch klügere, noch findigere, noch gerissenere Menschen gibt als Spiegel-Redakteure.“ Christian Schultz-Gerstein starb 1987 mit 41 Jahren. „Es heißt, er habe sich zu Tode getrunken, Liebeskummer soll auch dabei gewesen sein. Märchen aus uralten Zeiten, aber leider auch noch wahr.“

3856: Sinn Fein gewinnt in Nordirland.

Montag, Mai 9th, 2022

Bei den Regionalwahlen in Nordirland hat erstmals in der 100-jährigen Geschichte des Landesteils, der zu England gehört, die katholisch-republikanische Partei Sinn Fein gewonnen. Sie will die Loslösung von Großbritannien und die Vereinigung mit Irland. Das geht zwar politisch in die richtige Richtung, wird aber so nicht kommen, weil die Briten eher alles blockieren und zerstören, ehe sie einer guten Lösung zustimmen. Wie uns der unfassbar dumme Brexit gezeigt hat (SZ 9.5.22).

3855: Sloterdijk: „Baerbock und Habeck tragen … die graue Kutte der Machtpolitik.“

Montag, Mai 9th, 2022

Der Philosoph Peter Sloterdijk, 74, von dem ich fürchte, dass zu viele Menschen ihn nicht verstehen, hat ein Buch über die Farbe grau geschrieben. Im Gespräch mit Peter Neumann (Zeit 28.4.22) kommt er auf die Bedeutung des Grauen für die Politik der Grünen zu sprechen. Er sagt:

„Baerbock und Habeck tragen ab jetzt die graue Kutte der Machtpolitik. Die Grünen müssen gerade etwas nachvollziehen, was im innerparteilichen Streit mit dem Realo-Flügel seit jeher für Spannungen gesorgt hat. Die Reinheit der Farbe lässt sich nur wahren, wenn man im programmatischen Stadium verharrt. Dann genießt man noch die Ohmacht und die Reinheit. Sobald jemand nach den Hebeln der Macht greift, färbt das Praxisgrau ab. Bei grünen Politikern kommt es unweigerlich zu einer Grün-Grau-Verschiebung, so wie es im 20. Jahrhundert zu der epochalen Rot-Grau-Verschiebung kam, von der ich im Buch im Blick auf die DDR und die Sowjetunion ausführlich spreche.“

3853: Neuer Dokumentarfilm über Sigmund Freud

Sonntag, Mai 8th, 2022

Von Billie Wilder ist die Anekdote überliefert, wie er 1926 als Berliner Journalist Sigmund Freud in der Berggasse 19 interviewen wollte und direkt herauskomplimentiert wurde. Freud mochte wohl keine Journalisten. Daraus machte Wilder den Satz, dass Freuds ganze Theorien auf der Analyse sehr kleiner Leute beruhte. Ein Gespräch zwischen Sigmund Freud und Billie Wilder wäre natürlich Pflichtlektüre auf der ganzen Welt geworden. Dass Freud als Erzähler (mindestens in Schriftform) ein großer Entertainer war, bestreitet heute keiner mehr.

Der französische Dokumentarist David Teboul verwendet in seiner Dokumentation („Sigmund Freud, un Juif sans Dieu“, 2020, 97 Minuten) nur Originalquellen. Sehr viel Neues hat er trotzdem nicht zu bieten, dazu ist Freud zu gut erforscht und dokumentiert. Die legendäre 1.000-seitige Biografie von Peter Gay bleibt unübertroffen. Und Anna Freud bekommt in Tebouls Film die ihr zustehende große Rolle. Es wird gezeigt, dass Freud sehr auf den Zeitgeist bezogen agierte. So erschien die „Traumdeutung“ erst 1900, obwohl sie vorher fertig war, weil Freud sich bewusst war, dass damit eine neue Epoche eingeleitet wurde. Wie recht er hatte. Der Film enthält beeindruckende Dokumente des späten, bereits nach London emigrierten Freud. Dabei spielen auch seine Zigarren die gebührliche Rolle. Und der Gaumenkrebs, der einen Verwesungsgeruch verströmte, der sogar Freuds geliebten Hund Yofie abschreckte (David Steinitz, SZ 5.5.22).

3852: CSU in der Krise

Samstag, Mai 7th, 2022

Früher war die CSU die Partei der Skandale: FIBAG, Onkel Aloys, Old Schwurhand, HS 30, Spiegel-Affäre etc. Offensichtlich will die Partei mit einem unfähigen Verkehrsminister (Andreas Scheuer) und Maskenaffären (Monika Hohlmeier, Georg Nüßlein, Alfred Sauter) diesen Zustand wieder erreichen. Einen neuen Generalsekretär hat sie schon. Auf Mayer folgt Huber. Durch die vorangegangene Personalpolitik hatte sich die CSU-Landtagsfraktion vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) düpiert gefühlt. Die schlechten Wahlergebnisse bei den letzten Wahlen hatten ihr Übriges getan. Bundestagswahl: 31,7 Prozent. Daran dachte die CSU früher nicht im Traum.

Dass der Rücktritt des Generalsekretärs seine Ursache in der Beschimpfung eines „Regenbogenpresse“-Reporters von der „Bunten“ (Burda Verlag) (Franz-Josef Strauß: „Ratten und Schmeißfliegen“) gehabt hatte, spricht für sich. Der Reporter hatte herausgefunden, dass Stephan Mayer ein un eheliches Kind hat, für das er angeblich nicht bezahlt. Nun, Mayer ist unverheiratet und kann insofern so viele uneheliche Kinder haben wie er will. Das ist nur nicht von der reaktionären Familienpolitik der CSU gedeckt. Mayer daraufhin: „Ich werde Sie vernichten. Ich werde Sie ausfindig machen, ich verfolge Sie bis ans Ende ihres Lebens. Ich verlange 200.000 Euro Schmerzensgeld, die müssen Sie mir noch heute überweisen.“ Ja, dann kann man nicht Generalsekretär bleiben.

Bei Horst Seehofer war es ähnlich. Auch er hat ein uneheliches Kind. Aber nicht das war das Schlimme, sondern sein ursprüngliches Leugnen dazu. Die CSU hat es aber auch nicht so leicht. Aber Stephan Mayer wird von einem sehr guten Presseanwalt vertreten, Christian Schertz.

(Roman Deiniger, Andreas Glas, Johann Osel, Klaus Ott, SZ 5.5.22; Katja Auer, SZ 5.5.22; Gerhard Matzig, SZ 7./8.5.22; Andreas Glas, SZ 7./8.5.22)

3850: Offener Brief für Waffenlieferungen an die Ukraine

Donnerstag, Mai 5th, 2022

In einem offenen Brief ermutigen zahlreiche Literaten, Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zur Lieferung von Waffen an die Ukraine. In dem Schreiben heißt es:

„Auf der Maikundgebung in Düsseldorf haben Sie gegen Pfiffe und Protestrufe ihren Willen bekräftigt, die Ukraine auch mit Waffenlieferungen zu unterstützen, damit sie sich erfolgreich verteidigen kann. Wir möchten Ihnen auf diesem Weg Beifall für ihre klaren Worte zollen und Sie ermutigen, die Entschließung des Bundestags für Waffenlieferungen an die Ukraine rasch in die Tat umzusetzen.

Es gibt gute Gründe, eine direkte militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden. Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass die Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine nicht unsere Sache sei. Sie ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem deutschen ‚Nie wieder‘ ist. Die deutsche Geschichte gebietet alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern. Das gilt erst recht gegenüber einem Land, in dem Wehrmacht und SS mit aller Brutalität gewütet haben.

Heute kämpft die Ukraine auch für unsere Sicherheit und die Grundwerte des freien Europas. Deshalb dürfen wir, darf Europa die Ukraine nicht fallen lassen.“

U.a. haben bisher unterschrieben:

Gerhart Baum, Marieluise Beck, Maxim Biller, Marianne Birthler, Mathias Döpfner, Michel Friedman, Ralf Fücks, Rebecca Harms, Wolfgang Ischinger, Wladimir Kaminer, Dimitrij Kapitelman, Daniel Kehlmann, Gerald Knaus, Gerd Koenen, Ilko-Sascha Kowalczuk, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Sascha Lobo, Ahmad Mansour, Marko Marin, Jagoda Marinic, Carlo Masala, Markus Meckel, Eva Menasse, Herta Müller, Armin Nassehi, Hedwig Richter, Karl Schlögel, Peter Schneider, Constanze Stelzenmüller, Sebastian Turner, Marina Weisband, Deniz Yücel. Und viele andere.

Unterschreiben kann man: http://www.change.org/KanzlerfuerUkraine   !!!