Nachdem der Versuch von Deniz Yücel in Gotha vor dreieinhalb Wochen gescheitert war, den deutschen PEN zu modernisieren und wirkungsvoller zu organisieren, warteten wir auf die weitere Entwicklung. Nun will Yücel mit vielen anderen einen „PEN Berlin“ gründen, eine NGO-Alternative zum alten PEN. Seine wichtigsten Helfer sind Ralf Nestmeyer und Joachim Helfer. Dabei sind aber auch die von mir außerordentlich geschätzten Schriftstellerinnen Eva Menasse und Elke Schmitter. Hauptziel von „PEN Berlin“ ist die Förderung von Meinungsfreiheit und offenem Diskurs. In der Führung sollen keine „Präsidenten“ und andere Titel eine Rolle spielen. Der Fokus der Arbeit von „PEN Berlin“ soll auf der materiellen und idellen Unterstützung verfolgter Kolleginnen und Kollegen liegen. Unterstützer des Projekts sind auch die von mir als Schriftsteller hoch geschätzten Christian Kracht, Thea Dorn, Judith Schalansky, Seyran Ates, Jan Fleischhauer, Feridun Zaimoglu und Julia Frank. Die Senioren Ursula Krechel und Herbert Wiesner sind auch dabei. Angestrebt wird die Anerkennung durch den internationalen PEN und die finanzielle Förderung durch den/die Beauftragte(n) der Bundesregierung für Kultur und Medien (Cornelius Pollmer, SZ 8.6.22).
Archive for the ‘Philosophie’ Category
3896: Deniz Yücel gründet „PEN Berlin“.
Mittwoch, Juni 8th, 20223895: Claus Peymann 85
Dienstag, Juni 7th, 2022Der große Regisseur und Theaterintendant Claus Peymann wird 85 Jahre alt. Nach einem Studium der Germanistik, Literatur- und Theaterwissenschaften in Hamburg setzte er wie kein anderer Akzente durch seine Arbeit am Theater am Turm, Frankfurt, als Schauspieldirektor in Stuttgart (1974-1979) und als Intendant am Bochumer Schauspielhaus (1979-1986). In Bochum kündigte er 44 Schauspielern und Mitarbeitern. Peymann war spezialisiert auf Uraufführungen von Thomas Bernhard, Peter Handke, Peter Turrini und Elfriede Jellinek. Als Direktor des Burgtheaters in Wien (1986-1999) focht er harte Kämpfe mit der Wiener Presse aus. Auch den Sozialdemokraten zugerechnete Schauspieler wie Fritz Muliar und Erika Pluhar argumentioerten öffentlich gegen Peymann und lehnten es ab, unter seiner Regie aufzutreten. Peymann führte Thomas Bernhards „Heldenplatz“ auf. Als Intendant des Berliner Ensembles (1999-2017) kam er durch einen Praktikumsplatz für den Terroristen Christian Klar in Bedrängnis. Rolf Hochhuth forderte die Absetzung Peymanns und strengte weitere Prozesse gegen ihn an. Jan Fleischhauer interviewte Peymann 2010 für den Dokumentarfilm „Unter Linken – der Film“. Dieser bezeichnete den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und den Kulturstaatssekretär Tim Renner (Linke) als eine kulturpolitische Katastrophe für Berlin. 2017 gab er seinen vielumjubelten Abschied.
3893: Gene bestimmen unser Leben.
Sonntag, Juni 5th, 20221. Immer noch heißt es vielmals, und nicht nur in der Psychologie, sondern auch in vielen Sozialwissenschaften, wir kämen als weißes, unbeschriebenes Blatt Papier auf die Welt. Das werde dann im Laufe des Lebens beschrieben (Stefanie Kara/Rudi Novotny, Die Zeit 19.5.22)
2. Diese Aussage ist falsch.
3. 2018 haben 3,2 Millionen Menschen einen Psychotherapeuten aufgesucht.
4. Die Seele ist heute mehr und mehr Menschen geläufig.
5. In Studien werden diejenigen, die weniger über psychische Gesundheit wissen, häufiger als depressiv eingestuft.
6. Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung, Arbeitslose, Kranke oder Alleinlebende leiden deutlich häufiger unter Depressionen als andere.
7. Wenn jedes denkbare Problem personalisiert wird, können gesellschaftliche Schwierigkeiten leichter auf den Einzelnen abgeschoben werden.
8. In Deutschland fällt es immer noch vielen Angehörigen pädagogischer Berufe schwer anzuerkennen, dass Schulleistungen mit der Veranlagung (Begabung) zu tun haben. Sie halten sich lieber an Ideologien.
9. Das „sozialökonomische Panel“, in dem 30.000 repräsentativ ausgewählte Deutsche regelmäßig befragt werden und das hervorragende Ergebnisse liefert, ist neuerdings durch ein Genprofil erweitert worden (Ulrich Bahnsen/Martin Spiewak, Die Zeit 19.5.22).
10. Dadurch kann die Ungleichheit unter den Menschen besser bestimmt werden.
11. Denn wer über soziale Unterschiede forscht, bleibt ohne genetische Informationen auf einem Auge blind.
12. Unsere Anlagen bestimmen nämlich unser Leben weit mehr, als wir bisher manchmal dachten.
13. Die Wissenschaft beginnt, die Blackbox der Vererbbarkeit zu öffnen.
14. Vererbt sind unsere Körpergröße, die Anlage zum Herzinfarkt, unsere Gewissenhaftigkeit, unser Egoismus und unser beruflicher Erfolg und vieles andere mehr.
15. Vieles, auf das wir stolz sind oder über das wir uns ärgern, ist unserem Einfluss entzogen. Wir haben unsere Gene nicht verdient.
16. Sprachprobleme sind zu 90 Prozent genetisch bedingt.
17. Trotzdem hat es natürlich einen Einfluss auf Menschen, ob mit ihnen wenig gesprochen oder wenig vorgelesen wird. Gene und Sozialverhalten ergänzen sich.
18. Gene beeinflussen zwar die Wahrscheinlichkeiten unseres Verhaltens, aber sie bestimmen sie nicht endgültig. Ihnen liegen hunderte bzw. tausende von Genvarianten zugrunde.
19. Genetische Unterschiede verschwinden nicht dadurch, dass wir sie ignorieren.
3892: Carolin Emcke: Wir hätten es wissen können.
Sonntag, Juni 5th, 2022Die Publizistin Carolin Emcke beklagt, dass wir Russlands militaristisches und verbrecherisches Potential hätten kennen können, es aber vorzogen, dies zu übersehen (SZ 4./5./6.6.22):
„Dabei gab es ja nicht nur den Krieg im Kaukasus, nicht nur die Annexion der Krim oder die entgrenzte Gewalt in Syrien. Es gab nicht nur die Finanzierung trollig-orchestrierter Diskurs-Subvention und neo-völkischer rechter Bewegungen in Europa und den Vereinigten Staaten. Sondern es gab auch die gnadenlose Repression im Innern, gegen politische Oppositionelle, gegen sexuelle Minderheiten, gegen kritische Journalistinnen und Journalisten. Sie wurden wahlweise erschlagen oder eingesperrt, vergiftet oder erschossen, verbrannt oder verhöhnt. Das geschah nicht im Verborgenen. Die Spuren wurden nicht verwischt. Das waren keine geheimen Taten. Das war immer schon zu sehen, aber es waren offensichtlich Körper, um die nicht getrauert wurde, es waren Minderheiten, denen nahegelgt wurde, sie müssten eben mehr Geduld haben mit ihrer Anerkennung oder ihrer Kritik, so eine Demokratie brauche eben etwas Zeit – …“
3891: Marcel Beyer über „prominente Intellektuelle“
Sonntag, Juni 5th, 2022Der Schriftsteller Marcel Beyer empört sich in der FAS (5.6.22) über die „prominenten Intellektuellen“, die auf Initiative von Alice Schwarzer in einem offenen Brief die Ukraine zur Kapituation aufgefordert haben:
„Sie betrachten sich als unhintergehbare Macht.“
3890: Faschismus aus der Perspektive von Timothy Snyder
Samstag, Juni 4th, 2022In einem Interview mit Konrad Schuller (FAS 5.6.22) erläutert der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder („Bloodlands“) seine Vorstellungen vom gegenwärtigen Faschismus.
FAS: Sie halten Russland für einen faschistischen Staat, warum?
Snyder: Gibt es etwas am russischen Staat, das heute nicht faschistisch ist? Hier eine Liste von Merkmalen des Faschismus, die auf Russland zutreffen:
Eins: Einparteienherrschaft.
Zwei: der Kult des Führers.
Drei: Kontrolle der Medien.
Vier: Kult des Imperiums, seiner Toten und seiner historischen Unschuld.
Fünf: Die Welt wird durch Verschwörungstheorien erklärt.
Sechs: ein Ständestaat nach dem Vorbild von Mussolinis Italien, nur noch radikaler.
Sieben: Vernichtungskrieg und Völkermord.
Acht: ein Kult des Willens und der Tat.
Russlands hybride Kriegsführung, diese Kombination aus Propaganda und Gewalt, kann als Triumph des Willens über die Realität gesehen werden. Und dann natürlich die Idee vom Feind. Der Ausgangspunkt des Faschismus ist der Begriff des Feindes, und der Feind Russlands in Putins Sicht ist der Westen. So hat
Carl Schmitt
das definiert: Politik heißt, zu bestimmen, wer der Feind ist.
…
FAS: Faschistische Denker glauben, dass Kompromisse immer nur Atempausen sind, die man hinnimmt, um für die Vernichtung des Feindes neue Kraft zu sammeln. Kann man mit Putin also einen dauerhaften Verhandlungsfrieden finden?
Snyder: Die westliche Idee vom Kompromiss lautet: Ich respektiere deine Interessen und du meine. Das ist mit Putin kaum möglich. Aber man kann trotzdem mit ihm verhandeln – wenn man zuvor einen Krieg gewonnen hat. Solange Putin glaubt, gewinnen zu können, ist das schwer denkbar.
…
FAS: Sie nennen Putin einen Faschisten. Würden Sie ihn mit Hitler vergleichen?
Snyder: Ich spreche vom Faschismus, weil Faschismus viele Gestalten hat. Es gibt britische, französische, italienische, deutsche oder amerikanische Faschisten, und alle sind ein wenig anders. Wenn ich jetzt sagen würde, Putin ist wie Hitler, dann wäre das zu eng gefasst. Außerdem würde es einen riesigen Aufschrei geben: Seht her, er bricht ein Tabu. Das wäre unglaublich langweilig. Trotzdem: Wo es um Ukraine geht, sind die Ansätze der Nazis und des heutigen russischen Regimes ähnlich. Dazu gehört, dass die Ukrainer als Kolonialvolk wahrgeommen werden, dessen Elite ausgelöscht werden muss.
…
FAS: Wie sah die deutsche Kolonialgeschichte in der Ukraine aus?
Snyder: Die Kolonisierung der Ukraine war Hitlers Hauptziel im Zweiten Weltkrieg. Er wollte ein deutsches Großreich, dessen Industrie von der Landwirtschaft der Ukraine getragen würde. Dabei sollten Millionen von Ukrainern dem Hungertod preisgegeben oder versklavt werden. Das war es, wofür deutsche Soldaten kömpften, aber ich glaube nicht, dass viele Deutsche das in Erinnerung haben.
…
FAS: Dem ukrainischen Botschafter hat ein deutscher Minister am ersten Tag des Krieges angeblich gesagt: Warum sollten wir euch helfen, wenn es euch in drei Tagen eh nicht mehr gibt?
Snyder: Und wegen dieser Fehlwahrnehmung müssen die Ukrainer heute ein absurdes Ausmaß von Leid ertragen. Aber niemand sollte einen Völkermord ertragen müssen, nur um seine Existenz zu beweisen. Die Deutschen hätten die Pflicht gehabt, das schon vor dem 24. Februar 2022 zu verstehen.
FAS: Und trotzdem haben Sie neulich geschrieben: „Deutschland ist die wichtigste Demokratie Europas, vielleicht sogar der Welt.“ Warum?
Snyder: Sehen Sie sich andere große Demokratien an. Amerika zum Beispiel ist zwar mächtiger als Deutschland, aber seine Demokratie ist schwächer. Wir haben gerade erst eine versuchten Putsch gehabt, und vielleicht kommt bald der nächste. Die Deutschen sollten nicht überrascht sein, wenn bald ganz neue Aufgaben auf sie zukommen.
FAS: Soll also wieder mal am deutschen Wsen die Welt genesen?
Snyder: Die Deutschen sollten so etwas nicht herumposaunen. Aber die deutsche Demokratie ist wichtig. Die EU ist ohne das demokratische Deutschland undenkbar. Für Berlin heißt das: Die Zeit ist vorbei, in der man sich die Welt vom Spielfeldrand aus anschauen konnte. Und für die Ukraine hat Deutschland als gewesene Kolonialmacht mehr Verantwortung als jeder andere Staat der westlichen Welt.
3889: Sozialausschüsse kritisieren die CDU/CSU.
Freitag, Juni 3rd, 2022Der Vorsitzende der Sozialausschüsse innerhalb von CDU und CSU (Arbeitnehmerflügel), Karl-Josef Laumann, kritisiert die Absicht der Unions-Bundestagsfraktion, sich am Freitag bei der Abstimmung über den gesetzlichen Mindestlohn der Stimme zu enthalten. „Ich halte diese Entscheidung für falsch, weil die CDU den Mindestlohn von zwölf (12) Euro ja eigentlich befürwortet.“ Das Abstimmungsverhalten hätten die Mitglieder des Wirtschaftsflügels erzwungen. Laumann rechnet 2024 mit einer erneuten Erhöhung: „Zwölf Euro für die nächsten 18 Monate bei diesen Preissteigerunegn? Das wird knapp.“ (CWE, SZ 3.6.22)
3888: Kroatien bekommt den Euro.
Donnerstag, Juni 2nd, 2022Kroatien ist seit einigen Jahren glücklicherweise Mitglied der EU. Mehr Europa als dort geht seit Joseph Roths „Radetzkymarsch“ nicht. Nun bekommt das Land zum 1.1.2023 den Euro und wird damit 20. Mitglied der Währungsunion. Das ist sehr gut so. Die EU-Kommission hat die dazu erforderliche positive Bewertung abgegeben. Nach der Meinung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dient das Kroatiens Wirtschaft und dem Euro (SZ 2.6.22).
EU und Nato müssen unbedingt bestrebt sein, alle Balkan-Staaten in Europa zu integrieren. Dazu bedarf es auch wirtschaftlicher Unterstützung. Ansonsten würden die bekannten Despotien (Russland, Türkei, Iran) zu viel Einfluss auf dem Balkan gewinnen.
3887: Nils Minkmar über den Rückzug des BDZV-Präsidenten
Mittwoch, Juni 1st, 2022Der SZ-Autor Nils Minkmar schreibt (1.6.22):
„Wenn man an die Vielfalt und Exzellenz der deutschen Presselandschaft denkt und dann daran, wie diese jahrelang repräsentiert wurde, bekommt man unweigerlich die schlimmste Laune. Der vorzeitige Abgang von Mathias Döpfner wirkt da wie jener Moment nach einem absurden Traum, in dem man noch voller Empörung wach wird und sich darüber ärgert, was das Traumbewusstsein einem so zugemutet hat. Seit den von Döpfner zu verantwortenden Skandalen im von ihm geleiteten Springer-Verlag über Sex, Machtmissbrauch und Vertuschung bei der Bild-Zeitung, die für alle deutschen Journalistinnen schwer zu ertragende internationale Berichte in der New York Times und der Financial Times inspiriert haben, war allen, die sich für das Thema interessieren, klar, dass an einem Rückzug Döpfners vom Posten des BDZV-Präsidenten kein Weg vorbeiführt. Mit seinem Festhalten am ehemaligen Bild-Chef Julian Reichelt, noch lange nachdem klar war, bewies Döpfner mangelhafte Führungsqualität und wurde zur Belastung für die Branche, die er als Verlegerpräsident repräsentieren sollte.“
3886: Die Ukraine braucht Waffen.
Dienstag, Mai 31st, 2022Daniel Brössler (SZ 31.5.22) schreibt:
„So sehr es im Einzelnen Gründe geben mag, diese oder jene Waffen nicht oder nicht sofort zu liefern: Im Ergebnis leistet – im Vergleich zu den USA oder zu den Osteuropäern – Deutschland einen viel zu geringen Beitrag zur Verteidigung der Ukraine.
Wer das als Besonnenheit lobt, verweigert sich der brutalen Wirklichkeit der Zeitenwende. Weniger Waffen schaffen nicht mehr Sicherheit und schon gar keinen Frieden. Diese Kernaussage der Rede des Kanzlers gilt auch für die Ukraine. Putin ist nur aufzuhalten durch eine Mischung aus massiver militärischer Gegenwehr und stetig steigendem wirtschaftlichen Druck. Erweist sich diese Mischung als zu schwach, wird das Versagen von heute morgen nicht mehr gutzumachen sein.“