Archive for the ‘Philosophie’ Category

3938: Moralischer Bankrott der Documenta-Verantwortlichen

Samstag, Juli 9th, 2022

Die Documenta-Verantwortlichen, allen voran Geschäftsführerin Sabine Schormann, haben zuerst antisemitische Machwerke zugelassen. Dann zu spät beseitigt. Nun behindern sie die Aufarbeitung des Skandals. Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, ein israelisch-deutscher Pädagoge, hatte angeboten, die anderen Kunstwerke der Ausstellung auf weitere Problemfälle zu überprüfen. Mit ihrer Antwort hielt Frau Schormann ihn so lange hin, bis er sich zurückzog (Kia Vahland, SZ 9./10.7.22).

Die Documenta ist gescheitert.

Hoffentlich ist sie nicht insgesamt gefährdet.

Bitte gehen Sie nicht zur Documenta. Sie würden damit die Falschen unterstützen.

3937: Bildung wird immer noch vernachlässigt.

Samstag, Juli 9th, 2022

Es unterliegt keinem Zweifel mehr, dass die Lernleistungen in der Zeit der Pandemie zurückgegangen sind. Das gilt alters-, fächer- und milieuübergreifend. Psychosoziale Entwicklung und körperliche Verfassung haben gelitten. Und die Bildungsungerechtigkeit hat sich im gesamten Bildungssystem verschärft. Diese Entwicklung hat schon vor der Pandemie begonnen. Dabei geht es nicht nur um die Digitalisierung, so wichtig sie ist. Sondern Bildung bedeutet die Erweiterung der Gedanken. Auf drei zentralen Feldern muss es zu entscheidenden Verbesserungen kommen:

1. Der Lehrermangel muss beseitigt werden. Für diesen Beruf kommen aber auch nicht alle Personen einfach in Frage. Deren Qualifikation ist gefragt und muss gefördert werden.

2. Es muss eine Lehrplanreform durchgeführt werden, die a) zu Straffungen und Streichungen führt und b) die Lebenswelt der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Exkursionen und Klassenfahrten sollten das Gelernte vertiefen.

3. Verstärkt werden muss die individuelle Förderung des einzelnen Kindes. Wir können es uns nicht leisten, verantwortungslos auf Kompetenzen zu verzichten. „Hierfür ist ein Austausch zwischen Lernenden, Eltern, Lehrpersonen, Wissenschaft, Bildungsverwaltung, -politik und -öffentlichkeit nötig – aber nicht nur als Feigenblatt oder als Alibiveranstaltung, sondern mit aller Wucht und Verbindlichkeit. Unsere Kinder und Jugenlichen haben mehr Aufmerksamkeit verdient.“

(Klaus Zierer, SZ 8.7.22)

3936: Weil warnt vor sozialer Krise.

Samstag, Juli 9th, 2022

Am 9. Oktober sind in Niedersachsen Landtagswahlen. Da fordert der niedersächsische Ministerpräsident die Ampel in Berlin auf, die Bürger noch dieses Jahr mit weiteren Hilfen finanziell zu unterstützen. „Wir müssen aufpassen, dass aus einer Energiekrise nicht auch noch eine soziale Krise wird.“ Weil schlägt vor, auch Rentnern ein Energiegeld von 300 Euro zu zahlen. Olaf Scholz (SPD) hatte sich bisher zurückhaltend gezeigt (MSZ, SZ 8.7.22).

3935: Woody Allens vorläufig letzter Fim „Rifkin’s Festival“ erscheint.

Freitag, Juli 8th, 2022

Jahrtehntelang erschien von Woody Allen pro Jahr ein Film. Darunter künstlerisch und ökonomisch hoch erfolgreiche Titel wie „Der Stadtneurotiker“, „Manhattan“, „Hannah und ihre Schwestern“, „Matchball“. Bis sich in der letzten Zeit dem Zeitgeist gemäß die Kampagne von Mia Farrow (seit 1992) durchsetzte. Danach hat Allen die gemeinsam Adoptivtochter Dylan missbraucht. Bewiesen ist nichts. In der HBO-Dokumentation „Allen v. Farrow“ wurden Akzente pro Farrow gesetzt.

Allens vorläufig letzter Film „Rifkin’s Festival“ war bereits 2019 fertig, fand aber zunächst keinen Verleiher. Und er zeigt ein Problem, das es in all den Jahren bei Allen nie gegeben hatte: Die Schauspieler sind nicht alle erstklassig. Während sie früher Allen dankten, wenn er sie besetzte, und für eher geringe Gagen spielten, so hatte Allen stets ein Starensemble am Start, genügen dieses Mal die Schauspieler nicht durchgängig höchsten Anforderungen. Sie vermitteln das Gefühl, dass Allen selbst nicht so richtig Bock hatte, als er sich seine Story ausdachte. So können Schmutzkampagnen wirken. Letzte Woche kündigte Woody Allen in einem Instagram-Interview mit Alec Baldwin an, der sich demonstrativ auf Allens Seite gestellt hatte, dass er noch einen Film, seinen letzten, machen werde (David Steinitz, SZ 7.7.22).

Darauf warte ich.

3934: Diktatoren und Autokraten sind heute flexibler als früher.

Mittwoch, Juli 6th, 2022

Diktatoren und Autokraten können sehr wohl lernen. Sie betreiben ein Management der öffentlichen Meinung. Sie sind heute „Spin Dictators“. Ihnen ist bekannt, dass es nicht immer die „großen“ Medien sind, die entscheiden, sondern häufig die lokalen. Deswegen investieren sie dort. Dazu benötigen sie halbwegs plausible Wahlen. Allzu große Mehrheiten sind dabei nicht gewünscht. Stalin hatte einmal bei den Wahlen zum Moskauer Stadtparlament 131 Prozent.

Bestimmte Schritte sind weit verbreitet: Angriffe auf die Justiz, Diffamierung freier Medien, Verbreitung von Fake-News, Hetze gegen Minderheiten. Die Regierungskunst nennen wir heute „soft autoritär“. Insofern können wir Bolsonaro und Modri mit Recht so betrachten wie Putin. Die Menschen sind den Repressionen der herrschenden nicht mehr so ungeschützt ausgesetzt wie früher. Unzufriedene Ungarn finden schnell einen Arbeitsplatz in der EU. Putin wird sich wohl freuen, dass vier Millionen Bürger das Weite gesucht haben. Für Russland eine Katastrophe, für Putin weniger Opposition. An den Machenschaften der Diktatoren und Autokraten haben auch viele Banker, Anwälte und Immobilienmakler im Westen sehr gut verdient (Jan-Werner Müller, Zeit 23.6.22).

3933: Herrschaft einer Minderheit

Mittwoch, Juli 6th, 2022

Das Urteil des Supreme Courts gegen die Abtreibung dokumentiert die Herrschaft einer rechten, religiösen Minderheit. Für die Trump-Anhänger war es ein Jubeltag. Richter Clarence Thomas, 74, kündigte bereits an, um was die rechten Populisten sich demnächst kümmern wollen: die gleichgeschlechtliche Ehe, die Straffreiheit von Sex unter Männern und die Empfängnisverhütung. Das ist die Linie von verklemmten Männern, die um ihre Herrschaft fürchten. In Polen ist es ja kaum anders. Dort unterstützt die katholische Kirche die Beschneidung der Menschenrechte. Besonders von Frauen. Verheerend ist es, wie solch eine moralisch verkommene Organisation Macht über andere ausübt. Sie liegt auf der Linie von Jerry Falwell, einem Evangelikalen, der für die Rassentrennung eintrat (Annika Brockschmidt, taz 1.7.22; Andrian Kreye, SZ 2./3.7.22; Katharina Riehl, SZ 6.7.22).

3932: Was verspricht sich Martin Walser von der Überlassung seines Vorlasses ?

Dienstag, Juli 5th, 2022

Der 95 Jahre alte Schriftsteller Martin Walser hat seinen Vorlass komplett an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar übergeben. In Frühjahr hatte das Literaurarchiv diesen großen Vorlass für eine nicht genannte große Summe erworben (mit großzügiger Unterstützung durch viele Institutionen). Vorlässe schon zu Lebzeiten sind eine relativ junge Erscheinung. 75.000 Manuskriptseiten hat Walser nach Marbach gegeben, dazu seine Bibliothek und 75 Tagebücher. Daraus sind bisher nur Auszüge publiziert. Hinzu kommen Briefwechsel mit Verlegern und berühmten Schriftstellern wie Alfred Andersch, Rudolf Augstein, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll und Uwe Johnson. In der Nachbarschaft von Walsers Vorlass befindet sich der Nachlass Marcel Reich-Ranickis. Walser hat sehr viel geschrieben. Und sehr viel politisch Umstrittenes (etwa seine Paulskirchenrede 1998). Wahrscheinlich kann man aus dem Walserschen Vorlass viel über andere Autoren erfahren. Etwa aus der Gruppe 47. Walsers „Tod eines Kritikers“ steht heute noch im Mittelpunkt literarischen Interesses (Lothar Müller, SZ 5.7.22)

3931: Humboldt-Universität cancelt Biologin.

Dienstag, Juli 5th, 2022

Die Humboldt-Universität Berlin hat den für die „lange Nacht der Wissenschaften“ geplanten Vortrag der Verhaltensbiologin Marie-Luise Vollbrecht („Geschlecht ist nicht Ge/schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt“) abgesagt. In den sozialen Medien hatte es Tage vorher schon Proteste gegeben, etwa vom „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“. Und Gegenproteste. Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hatte sich mahnend in der „Bild“-Zeitung zu Wort gemeldet: „Wissenschaft lebt von Freiheit und Debatte. Das müssen alle aushalten.

Die HU steht nun im Ruf, sich Aktivisten der „Cancel Culture“ gebeugt zu haben. Ihr Sprecher sagte: „Dass die Diskussion so eskaliert, das haben wir tatsächlich unterschätzt.“ Marie-Luise Vollbrecht hatte Wochen zuvor als Coautorin in der „Welt“ schon heftige Debatten ausgelöst, wo sie ARD und ZDF dafür kritisierte, dass sie in zahlreichen Sendungen die „Tatsache“ leugneten, dass es zwei Geschlechter gebe. Vollbrecht bezeichnete sich als „sehr links“. „In der Biologie ist es ein evolutionärer Fakt, dass es nur zwei Geschlechter gibt.“ (Jan Heidtmann, SZ 5.7.22)

3930: Franziska Giffey (SPD) schwankt.

Montag, Juli 4th, 2022

Die Euphorie nach dem Wahlsieg der SPD in Berlin ist verflogen. Im Juni bekam die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey auf dem Landesparteitag nur 59 Prozent der Stimmen. Das Bündnis von Mieterschützern und Wohnungswirtschaft verfing nicht. Der Mieterverein etwa wollte nicht zustimmen. Dann folgte die gefakte Videokonferenz mit einem angeblichen Viltali Klitschko. In Wirklichkeit wurde Franziska Giffey von zwei russischen Satirikern vorgeführt. Frau Giffey ist mitten in der Wurschtigkeit der Berliner Landespolitik abgekommen. Dabei passt das Amt der Regierenden Bürgermeisterin eigentlich gut zu ihr. Sie kann mit Menschen besser als mit der Wissenschaft. Und sie hat beim Ausbruch des russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine gezeigt, dass Berlin 200.000 ukrainische Flüchtlionge aufgenommen hat. Das hatte 2015 nicht geklappt. In der Partei passt sie nicht so recht zur linken Mehrheit. Ihre Stärke ist ihre Popularität (Jan Heidtmann, SZ 1.7.22).

3929: Neuwahl in Israel

Montag, Juli 4th, 2022

Israel bezeichnet sich stolz als einzige Demokratie im Nahen Osten. Zu Recht. Das wird aber nicht besser, wenn man oft wählt. Wie jetzt. Es ist die fünfte Wahl innerhalb von dreieinhalb Jahren. Die Acht-Parteien-Koalition von Ministerpräsident Naftali Bennett, der sogar eine arabische Partei angehörte, hat keine Mehrheit mehr. Es wird wohl einer der schmutzigsten Wahlkämpfe der israelischen Geschichte, weil der langejährige Regierungschef Benjamin Netanjahu, dem wegen Korruption eine Verurteilung droht, wieder an die Macht drängt. Dieser enge politische Weggefährte von Donald Trump bedroht das land Israel. Der noch amtierende gegenwärtige Ministerpräsident Jair Lapid spricht im Zusamenhang mit Netanjahu von den „Kräften der Finsternis“. Für den Staat Israel wird es eine Richtungswahl, vielleicht sogar eine Schicksalswahl (Peter Münch, SZ 1.7.22).