Archive for the ‘Philosophie’ Category

4155: Mal wieder: Streit um § 218

Sonntag, Januar 8th, 2023

Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) möchte den Abtreibungsparagrafen 218 StGB abschaffen. Das trifft auf scharfe Kritik aus der Union. Auch das ungeborene Kind habe ein grundrechtlich geschütztes Lebensrecht. Der Lebensschutz für Haselmäuse und Krötenkolonien habe bei dieser Koalition „offenbar einen höheren Wert als der Schutz ungeborenen menschlichen Lebens“. Bisher ist eine Abtreibung grundsätzlich verboten, kann aber nach einer vorgeschriebenen  fachlichen Beratung genehmigt werden. Ein Schwangerschaftsabbruch ist nicht rechtswidrig nach einer medizinischen oder kriminologischen Indikation (Roland Preuß, SZ 7./8.1.23).

Grundsätzlich und hauptsächlich geht es natürlich um das Recht von Frauen, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Und es nicht verklemmten Religionsvertretern überlassen zu müssen.

4154: Wer wird Nachfolger Daniel Barenboims ?

Samstag, Januar 7th, 2023

Es zeichnete sich ab, und ist nun traurige Wirklichkeit geworden: der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, Daniel Barenboim, tritt zum 31.1.2023 aus Krankheitsgründen von seinem Posten zurück. 30 Jahre hatte er ihn inne. Der Dirigent, Pianist und unermüdliche Streiter für die Aussöhnung von Juden und Palästinensern hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Lindenoper auf höchstes Niveau geführt. Bravourös.

„Leider hat sich mein Gesundheitszustand im letzten Jahr deutlich verschlechtert. Ich kann die Leistung nicht mehr erbringen, die zu Recht von einem Generalmusikdirektor verlangt wird … Deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich zum 31. Januar 2023 diese Tätigkeit aufgebe.“

Barenboim hat zeitlebens „exzessiv musiziert“. „Seine poetische Ernsthaftigkeit, seine nie nachlassende Neugier, seine Leidenschaft und die Fähigkeit, sich mit seinen Hörern ganz tief in die menschlichen Abgründe vor allem bei Richard Wagner und Ludwig Van Beethoven zu verlieren, machten ihn bis zuletzt zu einem der aufregendsten und bewegendsten Musiker der Nachkriegszeit.“ (Reinhard Brembeck, SZ 7./8.1.2023)

Den von ihm ersehnten „Ring des Nibelungen“ zu seinem 80. Geburtstag konnte er schon nicht mehr selbst dirigieren. In zwei Zyklen übernahm das Barenboims Kollege Christian Thielemann (Dresden). Souverän. Er gilt deshalb als erster Anwärter auf die Barenboim-Nachfolge. An seiner musikalischen Kompetenz kann nun wirklich kein Zweifel bestehen. Aber er polarisiert. So wurde 2015 bei den Berliner Philharmonikern nicht der Favorit Thielemann ausgewählt, sondern Kirill Petrenko. Warten wir also ab.

4153: Rosi Mittermaier gestorben

Samstag, Januar 7th, 2023

Bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck gewann sie zwei Gold- und eine Silbermedaille im alpinen Skisport, Rosi Mittermaier. In der Saison entschied sie die Gesamtwertung des Weltcups für sich. Anschließend trat sie zurück. In der Öffentlichkeit blieb sie bekannt und beliebt als Werbeträgerin, Sportbotschafterin und Sachbuchautorin. Vielfach wurde sie „Gold-Rosi“ genannt. Verheiratet war sie mit dem Skirennläufer Christian Neureuther, ihr Sohn war Felix Neureuther. Rosi Mittermaier ist nach langer Krankheit im Alter von 72 Jahren gestorben.

4152: Hunderte Urteile in den USA gegen Kapitolstürmer

Samstag, Januar 7th, 2023

Wegen der Erstürmung des Kapitols in Washington am 6.1.2021 sind mehr als 950 Menschen festgenommen worden. 350 davon wurden verurteilt. Mehr als 190 zu Haftstrafen. Inzwischen wurde im 15. Wahlgang der Sprecher des Repräsentantenhauses, Kevin McCarthy (Republikaner), gewählt (SZ 7./8.1.23).

4151: Für die Armen ist es zu wenig.

Freitag, Januar 6th, 2023

Gegen die hohen Energiekosten hat sich die Bundesregierung ins Zeug gelegt. Sie hat Einmalzahlungen verteilt, Steuern gesenkt, den öffentlichen Nahverkehr vorübergehend verbilligt, das Wohn- und Bürgergeld reformiert, die Strom- und Gaspreisbremse aufgesetzt. Das hat 200 Milliarden Euro gekostet. Alle Achtung!

Trotzdem haben sich einige Menschen zuletzt ziemlich allein gefühlt. Die Mutter, die nicht mehr wusste, wie sie ihrer achtjährigen Tochter Obst und Gemüse kaufen sollte. Der Vater, der sich die Klamotten der Heranwachsenden nicht mehr leisten konnte. Die Seniorin, die ab Mitte des Monats bei ihrer Nachbarin aß, weil sie selbst nichts mehr hatte.

Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbunds belegen, dass die Armen im vergangenen Jahr kaum über die Runden kamen. Bei einer Inflation übers Jahr gerechnet von 7,9 Prozent. Vierköpfige Familien büßten schnell 1.600 Euro an Kaufkraft ein, Alleinstehende knapp 500 Euro. Für Facharbeiterinnen, Hochschullehrer und Ingenieurinnen mögen das verschmerzbare Beträge sein, für Arme sind sie eine Katastrophe. 2022 lag das Existenzminimum bei einem Regelsatz von 449 Euro. Das ist beschämend. Auf die Energiepauschale von 300 Euro hätten viele Besserverdienende gut verzichten können (Benedikt Peters, SZ 5./6.1.23).

4150: Karl Schlögel verurteilt die Herablassung der Pazifisten.

Donnerstag, Januar 5th, 2023

Karl Schlögel, geb. 1948, ist ein hoch angesehener Osteuropa-Forscher. In einem Interview mit Moritz Baumstieger (SZ 4.1.23) nimmt er sich bei Russlands Vernichtungskrieg in der Ukraine  die Russlandversteher und Pazifisten vor.

„Aber es ist umgekehrt, wer die Vorgänge nicht an sich heranlässt, sich nicht in die Situation hineinversetzt, hat große Schwierigkeiten, sie zu analysieren und zu verstehen. Das sage ich auch etwa mit Blick auf den

Text von Jürgen Habermas in Ihrer Zeitung,

der schon fast in herablassendem Ton über Leute sprach, die die Sache mitnimmt. Ich meine aber: Betroffenheit, Empathie, Empörung – das kann auch die Erkenntnis fördern, nicht nur von der Sache wegführen.“

„Man kann europäische Geschichte nicht schreiben ohne die osteuropäische Erfahrung. 1989 dachten wir, jetzt lösen sich alle Konflikte. Was gab es nicht alles an Projekten, Ausstellungen, Reisen, Städtepartnerschaften – die Köpfe waren voll mit Ideen. Dass das nun alles für lange Zeit zerstört ist, ist sehr schlimm. Für die Ukraine, für Russland, auch für uns.“

„Der Putinismus bedient sich aus einem eigenständigen historischen Fundus. Wohlbekannte Praktiken werden reaktiviert: Schauprozesse, erzwungene Selbstkritik, gezielte Tötungen, Entfesslung von Denunziation gegen ‚Volksfeinde‘ und ‚ausländische Agenten‘, Folter und das Lagersystem. Selbst die Mobilisierung lief nach alten Mustern. Massendeportationen, Umsiedlung, was die Nazis einmal ‚Umvolkung‘ genannt haben.“

„Man hat in Deutschland zu Recht eine Scheu, diesen Terminus zu benutzen, denn der Genozid, das ist hier die Schoah, das Ultimative. Aber man muss die Dinge beim Namen nennen. Es geht um Großverbrechen, um juristische Tatbestände, die geahndet werden können. Und müssen.“

 

4149: Randale mit Migrationshintergrund

Mittwoch, Januar 4th, 2023

Die meisten Randalierer der Silvesternacht waren junge muslimische Männer. Aus Berlin-Neukölln und Duisburg-Marxloh. Und anderswo. Sie führen quasi „Krieg gegen den Staat“, von dem sie ihrer Meinung nach nicht genügend Anerkennung bekommen. Sie gehören zur gesellschaftlichen Unterschicht, die wächst, ohne an Deutungshoheit zu gewinnen. Vielfach entstammen sie Erziehungsmustern der Gewalt. Ihre Sehnsucht nach der Demütigung von Autoritäten ist groß. Bei ihrer Gewalt verschonen sie auch ihre eigene ärmliche Nachbarschaft nicht. Es handelt sich also nicht um einen Aufstand gegen die Ungleichheit. Die Silvester-Randale dient der Selbstvergewisserung. Und das „juste milieu“ sieht von den Zuschauerbänken aus zu und fühlt sich bestätigt. Selbst will man natürlich keine Mülltonnen anzünden. Die stets auf den Plan tretende Forderung nach härteren Strafen ist nur ein Manöver der Selbstentlastung. Und so überlässt man es wieder den Lehrerinnen und Lehrern, den Erzieherinnen und Erziehern für Integration zu sorgen. Das kann so nicht gelingen (Constanze von Bullion, SZ 4.1.23).

4148: Innenministerin Faeser (SPD) spricht von „Verrohung“.

Dienstag, Januar 3rd, 2023

Nach den Ausschreitungen in der Silvesternacht, bei denen auch Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten angegriffen wurden, spricht Bundesinnenministern Nancy Faeser (SPD) von „Verrohung“. Das Ausmaß an Gewalt mache fassungslos und wütend. Die Strafvorschriften müssten „mit aller Konsequenz angewandt und durchgesetzt werden“. Allein in Berlin gab es fast 4.000 Einsätze und 100 Festnahmen. 33 Feuerwehrleute und Polizisten wurden verletzt. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke: „Jeder gezielte Angriff auf einen Menschen in Uniform muss zu Ermittlungen und zu einer Gerichtsverhandlung  mit hartem Urteil führen.“ Der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbands, Karl-Heinz Banse, forderte den Einsatz von „Dashcams“ und „Bodycams“, kleinen Kameras für Einsatzfahrzeuge und Rettungskräfte (RIKE, SZ 3.1.23).

4147: Kommunen wollen Tempo 30.

Montag, Januar 2nd, 2023

Die von den Kommunen Augsburg, Ulm und Freiburg in Gang gesetzte Initiative „Lebenswerte Städte“, die sich für Tempo 30 in Städten einsetzt, findet zunehmend Unterstützung. Mittlerweile haben sich mehr als 350 Städte, Gemeinden und Landkreise ihr angeschlossen. Die Kommunen wollen selbst entscheiden, welche Geschwindigkeiten bei ihnen erlaubt sind. Sie beklagen, dass sie bisher keine Unterstützung vom Bunesverkehrsministerium erhalten (W.S.: Na ja, bei den Ministern. Jetzt haben wir einen von der FDP.). Dies soll sich durch mehr öffentlichen Druck ändern (SZ 2.1.23).

 

4146: Ingrid Hägele: „Viele Frauen wollen keine Führung“.

Sonntag, Januar 1st, 2023

Ingrid Hägele, 32, ist Assistenzprofessorin für Ökonomie an der LMU München. Promoviert wurde sie in Berkeley. Kürzlich hat sie den Max-Weber-Preis der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewonnen. Sie forscht über Karriereplanung von Frauen und Männern und hat bereits hochrelevante Daten und Erkenntnisse geliefert. Ihre Forschung ist stark empirisch ausgerichtet und nutzt die Erkenntnisse von Praktikern. So kann sie zeigen, dass Frauenquoten höchst effektiv sind für diejenigen Frauen, die es direkt betrifft. „Wir wollen, dass mehr Frauen überhaupt nach oben kommen.“ Bei der ersten Beförderung bewerben sich allerdings weit weniger Frauen als Männer. Auch Frauen, die keine Kinder haben. Sie wechseln eher lateral, also auf gleicher Ebene. Aber viele wollen keine Führungsposition.

Männer sind risikofreudiger. Sie nennen die Zahl ihrer Mitarbeiter, ihren Titel oder ihren Verdienst. Frauen sind sehr interessiert am Wohlergehen ihrer Mitarbeiter. Das geht am besten in kleinen Teams. Wer keine Führungsposition einnimmt, braucht weniger unangenehme Dinge zu kommunizieren. Das gilt gerade in Zeiten des Fachlräftemangels. Ingrid Hägele betont, dass Frauen nicht so zu sein brauchen wie Männer, sie können auch ihren eigenen Weg gehen. „Das empfinde ich als Empowering. Man gewinnt dadurch neuen Freiraum. (Interview mit Martina Scherf. SZ 22.12.22).