Archive for the ‘Philosophie’ Category

4396: Kindergrundsicherung auf 2 Milliarden Euro begrenzt.

Montag, Juli 3rd, 2023

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Bundesfinanzminister Christian Lindner /FDP) haben durchgesetzt, dass die geplante Kindergrundsicherung auf 2 Milliarden Euro beschränkt bleibt. Und dann auch nicht erhöht wird. Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) hatte mit 12 Milliarden geplant. Scholz und Lindner wollen von 2024 an die Schuldenbremse für den Bundeshaushalt wieder einhalten. Die Frage ist, wie sich die 3 grünen Minister Anna-Lena Baerbock, Robert Habeck und Lisa Paus bei der Abstimmung im Kabinett verhalten. Stimmen sie mit „nein“, ist der Schaden für die Ampelkoalition groß.

Die Kindergrundsicherung soll Kindern aus finanzschwachen Familien dienen und ihre Chancen erhöhen. Darüber sollen Familien aus den Ämtern gezielt informiert werden. Das Kindergeld, das heute vom Gehalt der Eltern abhängt, soll durch einen einkommensunabhängigen Betrag ersetzt werden. Ärmere Familien erhalten dann noch eine Zusatzleistung. Interessant ist auch, wie die 100 Milliarden für den Wehretat bei den Haushaltsberatungen für 2025 behandelt werden. Olaf Scholz hatte versprochen, die von der Nato vorgesehenen 2 Prozent der Wirtschaftsleistung für das Verteidigungsbündnis zu schaffen. Eventuell muss der Wehretat von 2027 auf 2028 massiv erhöht werden (Claus Hulverscheidt, SZ 3.7.23).

4395: Monika Schnitzer fordert eine Willkommenskultur.

Montag, Juli 3rd, 2023

Die Leiterin des Sachverständigenrats der Bundesregierung, Prof. Dr. Monika Schnitzer, will mehr Zuwanderung. „Deutschland braucht 1,5 Millionen Zuwanderer im Jahr, wenn wir abzüglich der beträchtlichen Abwanderung jedes Jahr 400.000 neue Bürger haben und so die Zahl der Arbeitskräfte halten wollen.“

„Wir brauchen dringend eine Willkommenskultur.“

Das neue Fachkräftegesetz gehe in die richtige Richtung. „Allerdingsbraucht es noch mehr. Etwa Ausländerämter, die Ausländer nicht abschrecken, sondern Service bieten. Wir sollten nicht für jeden Job fordern, dass die ausländischen Fachkräfte Deutsch können. Sondern dafür sorgen, dass die Mitarbeiter der Ausländerbehörde Englisch können.“ Auch Kinder müssten besser gefördert werden. „Es ist doch ein Armutszeugnis, dass jeder vierte Viertklässler nicht richtig lesen kann.“ (SZ 3.7.23)

4394: SPD für höheren Mindestlohn

Montag, Juli 3rd, 2023

Der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil spricht sich für eine zusätzliche Erhöhung des Mindestlohns aus. „Wir werden dafür sorgen, dass Deutschland die Europäische Mindestlohnrichtlinie im nächsten Jahr umsetzt.“ „Bei einer vollständigen Umsetzung wären das laut Experten zwischen 13,50 und 14 Euro.“ „Ich bin erschrocken darüber, dass die Arbeitgeber-Seite nicht sieht, wie die Lebensrealität von vielen Millionen Arbeitnehmern in diesem Land ist: Die Inflation frisst die Löhne auf, sie müssen überlegen, was sie sich am Monatsende überhaupt noch leisten können. “ (SZ 3.7.23)

4393: Ganz „normale Menschen“

Samstag, Juli 1st, 2023

Angesichts der sehr guten Umfrageergebnisse der AfD wird zunehmend diskutiert, ob sie tatsächlich, wie behauptet, nicht zuletzt auch von „normalen Menschen“ gewählt wird.

1. Schon zu Helmut Kohls Zeiten war stets auch von der „schweigenden Mehrheit“ die Rede.

2. Es ist eine Konstruktion, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft, die keinen Korridor der Normalität vorschreibt, „normale“ und „unnormale“ Menschen gäbe.

3. Das Angebot, sich selbst „normal“ zu finden und als das Maß aller Dinge zu betrachten, lädt Menschen ein, die sich ansonsten zurückgesetzt fühlen, sich psychologisch aufzuwerten.

4. Die politische Ansprache, ein Publikum als „normal“ zu loben, funktioniert sehr gut, wenn dieses Publikum sich ansonsten mit seinen Perspektiven politisch tabuisiert sieht – etwa mit rassistischen oder wissenschaftsfeindlichen Positionen.

5. Wir befinden uns in einer Krise, in der wir bisher sicher Geglaubtes in Frage stellen.

6. Von „Normaltät“ zu sprechen, ist ein Versprechen an eine bestimmte Wählergruppe, dass sie ihr Verhalten nicht ändern muss.

7. Das Grundmissverständnis der Union (CDU und CSU) ist, dass der Populismus Stimmungen in der Bevölkerung aufgreifen würde. Tatsächlich schüren die Populisten erst solche Stimmungen.

8. Was wir heute bei der AfD sehen, ist das, was in den USA bei den Republikanern unter Trump geschehen ist, bei den britischen Konservativen mit dem Brexit und aktuell in Italien mit Francesca Meloni.

4392: Matias Martinez über Literatur

Freitag, Juni 30th, 2023

Der Erzählforscher Matias Martinez lehrt an der Universität Wuppertal. In einem Interview mit Yannick Ramsel und Anna-Lena Scholz (Zeit 15.6.23) macht er bemerkenswerte Aussagen über Literatur. Ich bringe hier nur einige Thesen von Martinez.

1. Zuerst spricht er über Jonathan Lyttels „Die Wohlgesinnten“ (2007): „Der Roman wird von der Hauptfigur selbst erzählt. Das bringt den Leser in die schreckliche Situation, quasi aktiv an all den grausamen Planungen und Morden des Holocausts teilzunehmen. Ich fühlte mit dem SS-Offizier mit, war fasziniert von seinem Intellekt und spürte zugleich: Diese Identifikation ist moralisch prekär.“

2. „Aristoteles meinte, die Empfindungen von ‚Jammer und Schauder‘, die Tragödien in uns auslösen, führten zu einer letztlich lustvollen Reinigung von übermäßigen Affekten. Im 18. Jahrhundert erhofften sich die Autoren, dass Literatur das Mitleid in uns fördert – da sind wir dann bei Lessing, der in seiner Dramentheorie schrieb: ‚Wenn wir mit Königen mitfühlen, dann fühlen wir mit ihnen als Menschen und nicht als Könige.‘ Das war eine große Idee der Aufklärung: dass Literatur uns zu besseren Menschen und Bürgern macht. Dass wir durch sie lernen, kognitive Dissonanzen auszuhalten, uns hineinzuversetzen in fremde Erfahrungen und Standpunkte. Dass uns dies eine tolerantere, sozialere Gesellschaft ermöglicht.“

3. „Wenn es so wäre, müssten Autorinnen, Germanistikstudierende und Literaturprofessoren die besseren Menschen sein, oder? Keine sehr plausible These.“

4. „Die Weltliteratur ist ja voller Schrecklichkeiten: Mord, Vergewaltigung, Tod. Die Tendenz, die wir an den US-amerikanischen Universitäten, aber mehr und mehr auch bei uns beobachten, ist: Der akademische Unterricht soll ein safe space sein, ein sicherer Ort. Entsprechend lautet die Erwartung, vor dem Seminarbesuch vor möglicherweise anstößigen Inhalten zu warnen.“

5. „Mir fällt der Chauvinismus von Faust heute mehr ins Auge als noch vor 20 Jahren.“

6. „Ich glaube tatsächlich, wir leben in einem neuen, sensibilisierteren Zeitalter. Und wünschen uns von der Literatur, dass sie uns moralisch festigt.“

4391: Blake Baileys Philip Roth-Biografie: zu distanzlos

Donnerstag, Juni 29th, 2023

Blake Baileys Philip Roth-Biografie ist auf deutsch erschienen:

Philip Roth. Biografie. München (Hanser) 2023, 1.040 S.

Der große US-amerikanische Schriftsteller (Portnoys Beschwerden 1969, Mein Leben als Mann 1974, Zuckermans Befreiung 1981, Gegenleben 1986, Die Tatsachen 1988, Sabbaths Theater 1995, Amerikanisches Idyll 1997, Mein Mann, der Kommunist 1998, Der menschliche Makel 2.000, Verschwörung gegen Amerika 2.004) hatte Bailey 2018 seine Archive geöffnet. Das hat zu großer Nähe geführt. Da herrscht das Anekdotische vor. Wir erfahren mehr Einzelheiten über Roths studentische Dates als erforderlich. Dabei tritt Roths große schriftstellerische Leistung, neben Saul Bellow und Bernard Malamud die US-amerikanische jüdische Lebenswelt erschlossen zu haben, fast in den Hintergrund. Roth hatte zeitlebens mit der These vom jüdischen Selbsthass zu kämpfen. Bailey hat 200 Personen zu ihm befragt. Er nimmt für seinen Auftraggeber Partei. Roths beide Ehefrauen, Maggie Martinson und Claire Bloom, kommen schlecht weg. Ausführlich beschäftigt der Biograf sich mit dem sexuellen Eroberungszwang Roths. Über den Schriftsteller hatte der Psychotherapeut Hans J. Kleinschmidt 1967 die vollständige Krankheitsgeschichte in einem wissenschaftlichen Aufsatz publiziert.

4390: Jens Stoltenberg bleibt Nato-Generalsekretär.

Donnerstag, Juni 29th, 2023

Die Amtszeit des Norwegers Jens Stoltenberg als Nato-Generalsekretär wird ein weiteres Mal verlängert. Die Allianz konnte sich nicht auf einen geeigneten Nachfolger einigen. Stoltenberg führt die Nato seit Oktober 2014. Wegen des russischen Vernichtungskriegs gegen die Ukraine wurde seine Amtszeit bereits einmal verlängert. Traditionell stellen die USA den militärischen Oberbefehlshaber (Saceur), die Europäer stellen den politischen Führer (SZ 29.6.23).

4389: Razzia im Erzbistum Köln

Mittwoch, Juni 28th, 2023

Die Staatsanwaltschaft Köln hat die Räumlichkeiten des Erzbistums Köln durchsucht. Auch die einschlägigen Beschlagnahmen stehen im Zusammenhang mit dem Verdacht, dass Erzbischof Rainer Maria Woelki in einem presserechtlichen Verfahren einen Meineid geschworen haben könnte. Hintergrund sind Missbrauchsfälle (SZ 28.6.23).

4388: Höhe des Mindestlohns: umstritten

Dienstag, Juni 27th, 2023

Seit 2015 wird er gesetzliche Mindestlohn von einer Kommission festgelegt, die aus drei Arbeitgebervertretern, drei Gewerkschaftern und der Vorsitzenden besteht. Von der letzten Erhöhung auf 12 Euro profitierten knapp sechs Millionen Beschäftigte. Jetzt schlägt die Mehrheit der Kommission vor, den Mindestlohn jeweils Anfang 2024 und 2025 um je 41 Cent und damit auf 12,82 Euro zu steigern. Das sind je gut drei Prozent und damit etwa die Hälfte der Inflation. Also viel zu wenig. Die Sozialverbände hatten 14 Euro vorgeschlagen (Alexander Hagelüken/Dimitri Taube SZ 27.6.23).

4386: Restitution von Raubkunst aus privatem Besitz

Sonntag, Juni 25th, 2023

Es findet wieder eine Debatte über die Restitution von Raubkunst aus privatem Besitz statt. Kein Land in Europa hat dafür bisher eine gesetzliche Regelung gefunden. Nach der Einigung auf die „Washingtoner Prinzipien“ 1998 haben Bund, Länder und Kommunen 1999 eine „Gemeinsame Erklärung“ zur „Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ abgegeben. Das verpflichtet öffentliche Museen zu Provenienzforschung und Restitution.

Bis heute ungeregelt ist die Restitution bei NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut aus privatem Besitz. Solche Kunstwerke sind de facto unverkäuflich. Im Idealfall einigen sich Privatbesitzer und Anspruchsteller dahingehend, dass entweder das Werk zur Auktion gegeben und der Erlös nach bestimmten Quoten aufgeteilt oder den anspruchstellenden Familien eine Zahlung angeboten wird. Je wertvoller die Arbeiten sind, desto schwieriger sind derartige Lösungen. Die früheren Eigentümer können ihre Ansprüche nach 30 Jahren nicht mehr geltend machen, weil sie dann verjährt sind. Die heutigen Besitzer argumentieren häufig damit, sie hätten die Werke vor mehr als zehn Jahren „in gutem Glauben“ erworben.

Wer eine Arbeit auf einer öffentlichen Versteigerung erwirbt, wird laut BGB Eigentümer auch wenn das Bild NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde. Nimmt man die moralische Verpflichtung ernst, geraubtes Kulturgut auch aus privater Herkunft zu restituieren, bleibt kein anderer Weg, als dass der Bund einen Fonds schaffen muss, durch den die Rückgabe erleichtert und ermöglicht wird. Der Eigentümer wird zur Rückgabe eher bereit sein, wenn der Kaufpreis, den er einst gezahlt hat, aus diesem Fonds erstattet wird. „Die Verpflichtung des Staates, Restitution von NS-entzogenem Kulturgut zu ermöglichen, gebietet es, die finanziellen Mittel aufzubringen, um den Weg zur Restitution von Kunst auch aus privatem Besitz zu ebnen. Käufe derartiger Arbeiten liegen häufig viele Jahrzehnte zurück, so dass der damals gezahlte Kaufpreis oft in keinem Verhältnis steht zu dem Wert, den die Arbeiten bedeutender Künstler heute haben.“ (Peter Raue/Felix Stang, SZ 22.6.23)

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt, dass die „Wiederherstellung von Recht und Eigentum“, also die Rückgabe geraubter Kunstwerke, vielleicht die einzige Kategorie sei, in der „wahrhaftig das erlittene Unrecht von Jüdinnen und Juden zumindest in diesem engen technischen Rahmen rückgängig gemacht werden kann“. Opferorganisationen und Erben dringen darauf, dass auch privater Kunstbesitz systematisch erforscht und restituiert werden muss. Sogar der Kunsthandel würde von der Aufarbeitung profitieren, weil sie endlich Rechtssicherheit schafft. Deutsche Kunsthändler und Auktionshäuser fürchten, dass sich der Handel sonst ins Ausland verlagern könnte (Catrin Lorch, SZ 6.6.23).