Archive for the ‘Medien’ Category

3808: Die russische Propaganda wird plump und grob.

Mittwoch, März 30th, 2022

1. Spätestens seit Wladimir I. Lenin (1870-1924) ist das russische politische System ein Propagandasystem.

2. Russen sind es gewohnt, systematisch belogen zu werden und sind deswegen auch nicht besonders problembewusst.

3. Inzwischen ist die Putinsche Propaganda ziemlich plump geworden.

4. So soll das Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, eine große deutsche Forschungseinrichtung zur Bekämpfung von Tropenkrankheiten, gemeinsam mit der Ukraine an tödlichen Biowaffen auf der Grundlage des Hantavirus arbeiten, wie die russische Propaganda behauptet.

5. Die Stasi hatte 1966 die russischen Propagandamethoden voll übernommen.

6. Manche der dort ausgedachten Geschichten flogen erst 1989 nach der Wende auf. So das Märchen, dass der HIV-Aids-Erreger in einem US-Militärlabor gezüchtet worden sei.

7. Aufklärung darüber konnte man nach 1991 in Kiew erhalten, wo die dortigen riesigen KGB-Archive der Forschung weithin zugänglich gemacht wurden.

8. Drei Dinge sind entscheidend für Propaganda-Lügen: a) der wahre Absender darf nicht bekannt werden, b) erforderlich ist eine „gewisse“ Glaubwürdigkeit, c) vertieft werden sollen Spaltungen und Widersprüche im Westen.

9. Das Internet hat die Propaganda erleichtert und beschleunigt.

10. Das Vertrauen der Menschen im Westen in ihre Regierungen, die Wissenschaft und den Journalismus soll zerstört werden.

11. In Russland selbst funktioniert diese Art der Propaganda immer noch gut.

12. Die Machtmittel der Diktatur werden dort immer hemmungsloser eingesetzt.

13. „Das Ausmaß und die Methode der aus Russland stammenden Lügen sind in diesen Tagen so deutlich zu erkennen wie wohl selten zuvor. Man muss nur hinschauen wollen. Und man darf es nicht vergessen.“ (Georg Mascolo, SZ 30.3.22)

3807: Wie kam Putin an die Macht ?

Mittwoch, März 30th, 2022

In einer Rezension zu

Catherine Belton: Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste. Hamburg (Harper Collins) 2022, 704 S.,

liefert uns Franziska Davies einige klare Argumente darüber, wie Putin an die Macht kam. Frau Davies arbeitet als Osteuropahistorikerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München:

1. Putin entstammt dem KGB, wo man Verschlagenheit, Hinterlist und Lügen lernt.

2. Die Liste seiner außenpolitischen Verbrechen ist lang. Siehe Grosny (Tschetschenien) und Aleppo (Syrien).

3. Es gab „Russland-Versteher“ in deutschen Massenmedien, die desinformiert haben und mir stets vorkamen wie russische Propagandisten, wie jene Gabriele Krone-Schmalz, die heute außer mir keiner mehr kennt.

4. Bei denen wurde Russland-Romantik betrieben (russische Seele).

5. Bereits in den achtziger Jahren erkannten einige KGB-Kader, dass es mit der Sowjetunion zu Ende gehen könnte. Sie verbündeten sich deswegen mit westlichen Kapitalisten, die nur an der Rendite interessiert sind.

6. Boris Jelzins Familie glaubte, dass Putin ihr nichts anhaben würde.

7. Wichtig wurde der zweite Tschetschenien-Krieg 1999, in dem der nunmehr FSB genannte Geheimdienst 346 Menschen in russischen Städten umbrachte, um einen Vorwand für den Kampf gegen „Terroristen“ zu haben.

8. Freie Medien wurden beseitigt.

9. Bei den Oligarchen unterschied Putin zwischen den botmäßigen (wie Roman Abramowitsch, FC Chelsea) und den rebellischen (Michail Chodorkowski), die ins Lager kamen.

10. Ziel war die Großmacht Russland.

11. In völkischem Sinn wurde die „Einheit“ von Russen und Ukrainern beschworen mit den Ukrainern als Juniorpartner.

12. Bündnispartner für Putin waren westliche Finanzkapitalisten, denen nichts über ihre Rendite geht, wie diese auch zustandekommt.

13. Bei den Oligarchen und internationalen Finanzgrößen spielt Großbritannien eine besonders unrühmliche Rolle.

14. Haupt-Finanzier der russischen Aggressionen ist Deutschland mit seiner Energieabhängigkeit (die Fehler von Angela Merkel).

3806: Negev-Gipfel im Camp David-Format

Dienstag, März 29th, 2022

Israel schmiedet ein neues Bündnis gegen Iran. Gemeinsam mit den USA, Ägypten, Marokko, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der israelische Außenminister Jair Lapid: „Wir machen unseren gemeinsamen Feinden Angst und schrecken sie ab – vor allem Iran und seinen Verbündeten.“ Das ist ganz neu und dem neuen Sicherheitsdenken auf der Welt geschuldet. Bei der geplanten Neuauflage des Atomankommens mit Iran ziehen die USA und Israel allerdings nicht an einem Strang. Das ist äußerst bedauerlich. Die Zusammenarbeit ist geplant vom Gebiet der Geheimdienstinformationen bis hin zu Waffengeschäften. Leider waren die Palästinenser nicht eingeladen (Peter Münch, SZ 29.3.22).

3805: Die neue multipolare Welt

Dienstag, März 29th, 2022

Der Soziologe Andreas Reckwitz, Jahrgang 1970, ist Professor an der Humboldt Universität Berlin. Er analysiert die „Zeitenwende“ mit seinen Mitteln:

1. Seit 1990 erschien es so, als habe sich der Liberalismus auf der Welt endgültig durchgesetzt.

2. Das wurde als eine Folge der Aufklärung betrachtet. Insbesondere Georg Wilhelm Friedrich Hegels.

3. In der Zeit der Weltkriege (1914-18, 1939-45) war der liberale Fortschrittsoptimismus vollkommen zusammengebrochen.

4. Es konnte nach 1990 so scheinen, als seien parlamentarische Demokratie, Rechtsstaat, Marktwirtschaft, soziale Sicherung, Pluralismus und Individualismus selbstverständlich.

5. Den bisher rückständigen Gesellschaften wie der DDR schien nichts anderes übrig zu bleiben als „nachholende Modernisierung“.

6. Francis Fukuyama verfocht die These vom „Ende der Geschichte“, die sich in Fachkreisen aber nirgends durchsetzen konnte.

7. In dieser Weise wurde auch auf Russland geschaut.

8. „Mit dem Krieg in der Ukraine ist diese Illusion endgültig zerstoben.“

9. Dort haben sich Ideologen wie Alexander Dugin durchgesetzt, die sich auf Tradition, Religion und Volk berufen.

10. Das „Nation-Building“ des Westens im Nahen Osten ist gescheitert.

11. Selbst in der EU halten Staaten wie Polen und Ungarn sich nicht an die Regeln des liberalen Rechtsstaats.

12. China ist ökonomischer Gewinner der Modernisierung seit 1990.

13. Dort herrscht eine Kombination von Kapitalismus, starkem Staat und Konfuzianismus.

14. In den USA können wir einer freiheitlichen Ordnung seit dem Sturm auf das Kapitol (Anfang 2021) nicht mehr sicher sein.

15. Es verstärken sich Tendenzen der Entglobalisierung.

16. Eine Orientierung an innerer und äußerer Sicherheit („Zeitenwende“) verstärkt sich.

17. Es geht um den Kampf zwischen Liberalismus und Autoritarismus (z.B. Putin).

18. Unklar ist, ob und wie weit der Westen zu solch einem Systemwettbewerb überhaupt noch in der Lage ist.

19. Der Westen hat einen ökonomischen Strukturwandel (Postindustrialisierung) hinter sich und befindet sich mitten in einem neuen (Klimawandel).

20. Seit sich die USA mehr und mehr aus ihrer Führungsrolle in der Welt zurückziehen, treten zunehmend neue Akteure auf den Plan.

3803: Taliban verbieten Schulbesuch.

Montag, März 28th, 2022

Die Taliban, die seit August 2021 wieder an der Macht sind, haben mitgeteilt, dass Schülerinnen von der 7. Klasse an die Teilnahme am Unterricht bis auf Weiteres untersagt bleibt. Dagegen haben Frauen demonstriert. Die Proteste blieben friedlich. Bei früheren Protesten wurden Journalisten und Teilnehmerinnen eingeschüchtert und schikaniert. Künftig dürfen Afghaninnen nur noch mit einem männlichen Begleiter fliegen. In Afghanistan dürfen Freizeitparks nur noch nach Geschlechtern getrennt besucht werden (SZ 28.3.22).

Kaum auszudenken, dieser Schwachsinn.

3801: Wegen Korruption ist die russische Armee schwach.

Samstag, März 26th, 2022

Der ukrainische Schriftsteller und PEN-Präsident Andrej Kurkow hat in Osnabrück studiert und spricht fließend deutsch. Hilmar Klute (SZ 26./27.3.22) hat er ein Interview gegeben.

SZ: Die Europäer und ihre Verbündeten fürchten, dass sie den Dritten Weltkrieg auslösen, wenn sie dergestalt eingreifen.

Kurkow: Dieser Krieg wird ohnehin weitergehen. Das muss man endlich begreifen. Der Krieg wird nicht in der Ukraine bleiben. Putin will ja, dass auch Belarus seine Armeen dorthin schickt. Die zweite Front von Belarus wird in der Nähe Polens verlaufen. Und sicher werden auch einige Raketen auf polnisches Territorium fallen.

SZ: Was wird dann passieren?

Kurkow: Ich weiß es nicht, ich bin kein Kriegsanalytiker. Aber es gibt viele Menschen in Litauen und in Estland, die nicht darauf vertrauen, dass die Nato sie verteidigen wird, falls Russland sie angreift.

SZ: Sie haben einmal gesagt, Putin definiere bei jedem Konflikt den kommenden Konfliktort. Wo wird der sein?

Kurkow: Das kann Polen sein oder Litauen. Ich glaube, Moldawien ist auch in Gefahr. Man kann von Putin alles erwarten. Er ist alt und will endlich in die russischen Geschichtsbücher eingehen als jemand, der ein neues Imperium gebaut und dafür gesorgt hat, dass alle Welt Angst vior Russland hat.

SZ: Wie kann ein Staatspräsident eine derartige Gewalt über sein Volk gewinnen?

Kurkow: Wladimir Putin herrscht jetzt beinahe zwanzig Jahre. Die Opposition ist physisch zerstört. Entweder vergiftet, ermordet oder im Gefängnis. Alle, die Putin kritisieren, gelten als Vaterlandsfeinde. Es gibt sogar eine Liste der angeblich mit Russland verfeindeten Schriftsteller.

SZ: Wenn der Westen auf die Ukraine schaut, dann fragt er sich als Erstes: Was passiert mit uns? Haben wir zuviel Angst vor Putin?

Kurkow: Ich glaube, die Angst vor Putin kann viele westliche Länder paralysieren. Nur Leute, die keine Angst vor Putin haben, können die Lage der Ukrainer begreifen.

SZ: Überschätzen wir Putin?

Kurkow: Ich glaube, ihr überschätzt ihn. Vor allem hat die Welt, bevor dieser Krieg ausbrach, die russische Armee maßlos überschätzt. Die Armee ist schwach, übrigens dank russischer Korruption. Ich bin ja sehr zufrieden damit, dass Russland so korrupt ist und sogar das Geld vom eigenen Armeebudget geklaut hat.

3800: Presserat: Keine Rüge für „Lockdown-Macher“-Text der „Bild“

Freitag, März 25th, 2022

Am 4. Detember 2021 veröffentlichte die „Bild“ den Text „Die Lockdown-Macher“. Dagegen wurden beim Deutschen Presserat 94 Beschwerden erhoben. Auch aus der Wissenschaft. Die Universität des einen „Lockdown-Machers“ schrieb: „Diese Art der Berichterstattung ist weit entfernt von jeder journalistischen Redlichkeit.“ Ein breites Bündnis von Wissenschaftsorganisationen protestierte gegen den Text: die Leopoldina, die Max-Planck-Gesellschaft, die Leibnis-Gemeinschaft, die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die Hochschulrektorenkonferenz. Die Organisationen befürchteten, der „Bild“-Beitrag habe zu einem Meinungsklima beigetragen, „das an anderer Stelle bereitzs dazu geführt hat, dass Wissenschaftler sich demnach physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sahen oder bedroht wurden“.

Nun stellt der Presserat fest: „Die von der Redaktion vorgenommene Bezeichnung der drei Experten als ‚Lockdown-Macher‘ hat einen Tatsachenkern und verletzt deshalb nicht die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressecodex.“ Der Einfluss der genannten Wissenschaftler auf politische Entscheidungen über Corona.Maßnahmen lasse sich belegen. Der Begriff die „Lockdown-Macher“ sei eine zulässige Zuspitzung. Durch ihre Auftritte in den Medien hätten sich die Wissenschaftler freiwillig in die Öffentlichkeit begeben. Der neue „Bild“-Chefredakteur Johannes Boie hatte sich Ende Januar reumütig gezeigt und einen Fehler in der Berichterstattung eingeräumt.

Von den 60 ausgesprochnenen Rügen des Deutschen Presserats 2021 gingen 26 auf das Konto von „Bild“. Die übrigen Rügen betrafen 31 verschiedene Medien. Insgesamt erhielt der Deutsche Presserat 457 Einzelbeschwerden und prüfte 294 Artikel. Als schweren Verstoß gegen das Wahrhaftigkeitsgebot wertete der Presserat die Bild.de-Schlagzeile „Experten sicher: RKI-Zahlen stimmen nicht – es sterben weniger Menschen, als täglich gemeldet werden.“ (Anna Ernst, SZ 25.3.22)

3798: Martin Walser 95

Donnerstag, März 24th, 2022

Unter anderem für Martin Walser ist der Begriff des „Großschriftstellers“ geprägt worden. Er wird 95 Jahre alt. Eine Zeit lang ging er keinem Streit aus dem Wege und bezog auch eigentümliche Positionen. Manchmal kehrte er sein Inneres nach außen. Das stellen wir fest beim Streit um das Berliner Holocaust-Denkmal und bei Walsers Roman „Tod eines Kritikers“, wo er seinem Hass auf Marcel Reich-Ranicki freien Lauf ließ. Das brachte ihm u.a. den Vorwurf des Antisemitismus ein.

Inzwischen hat das Literaturarchiv in Marbach Walsers Privatbibliothek übernommen und 75 Bände seiner Tagebücher. Der Mann will öffentlich diskutiert werden. Sexualität spielt bei ihm eine große Rolle. Nun erscheinen seine „Postkarten aus dem Schlaf“. Da kann er nicht lügen, findet Martin Walser, weil die Geschichten aus dem Traum kommen. Von Sigmund Freuds Theorie des Traums hält er nichts, bezieht sich aber immer wieder darauf. „Man konnte nichts sagen, weil er immer schon wusste, was man sagen würde.“ „Meine Träume müssen nicht gedeutet oder gar nach den billigsten Schlüsseln übersetzt werden. Sie sind mir deutlich genug.“ Walser schreibt auch über Prominente wie Thomas Mann, Rudolf Augstein und Pete Sampras (Marie Schmidt, SZ 24.3.22).

3797: Michael Haneke 80

Mittwoch, März 23rd, 2022

Unter vielen ernstzunehmenden Cinéasten gilt der Österreicher Michael Haneke als der größte Filmregisseur der Gegenwart. Er hat den Oscar, zwei Goldene Palmen, zwei Golden Globes und zahlreich europäische Filmpreise gewonnen. Er wird 80 Jahre alt. Begonnen hatte er seine Karriere Ende der sechziger Jahre beim Südwestfunk (SWF) als Fernsehdramaturg. Die meisten Drehbücher gefielen ihm nicht. Also schrieb er selber welche. Mit dem „Siebenten Kontinent“ (1989) gelang ihm sein erster großer Erfolg. Er zeigt eine Familie, die in ihrer Wohnung alles zerstört und Selbstmord begeht. Schon hier bezieht Haneke das Publikum als ohnmächtige Zeugen und begierige Voyeure zentral ein.

Häufig protokolliert Haneke die Vorgänge in ihrer nackten, unerklärlichen Dimension. Immer wieder ist Gewalt das Thema. „Funny Games“ (1997) zeigt zwei Widerlinge, die eine bürgerliche Familie ohne jeden Grund einfach „zum Spaß“ beim Wochenendausflug überfallen und abschlachten. Die mediale Selbstreflexion macht alles nur noch schlimmer. In „Die Klavierspielerin“ (2001) nach Elfriede Jellinek (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film von Jane Campion) brilliert Isabelle Huppert.

„Das weiße Band“ (2009) (Goldene Palme in Cannes) spielt Anfang des 20. Jahrhunderts, einer gefährlichen Zeit, in einem norddeutschen Dorf und zeichnet nach, wie die Grausamkeiten der Welt im grausamen Umgang mit Kindern wurzeln. Für mich, der aus einem norddeutschen Dorf stammt, Hanekes bester Film. Auch ein Panorama des Protestantismus. „Liebe“ (2012, zweite Goldene Palme) zeigt das Siechtum und Sterben eines alten Ehepaares, er bringt sie am Ende um (die Hauptrollen gespielt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, in einer Nebenrolle Isabelle Huppert). Überwältigend. In seinem letzten Film „Happy End“ (2017) schaut Michael Haneke einer französischen Großbürgerfamilie bei ihrem Zerfall zu. Und viele Fragen bleiben offen (Philipp Stadelmaier, SZ 23.3.22).

3796: „Junge Welt“: eine „kommunistisch ausgerichtete Tageszeitung“

Dienstag, März 22nd, 2022

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden, dass die „Junge Welt“ eine „kommunistisch ausgerichtete Tageszeitung“ ist und insofern in Verfassungsschutzberichten auftauchen darf. Das hatte die Zeitung im Eilverfahren verhindern wollen. Dafür sah das Verwaltungsgericht keinen ausreichenden Grund. Es sei der Zeitung zuzumuten, das Hauptsacheverfahren abzuwarten (SZ 22.3.22).