Archive for the ‘Medien’ Category

3960: Abbruch der Documenta gefordert

Freitag, Juli 29th, 2022

Nach dem Auftauchen neuer antisemitischer Exponate auf der Documenta wird nun der Abbruch der Ausstellung gefordert.

Vom Zentralrat der Juden in Deutschland und von der FDP.

Der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, meinte: „So offenen Antisemitismus auf deutschem Boden, das hätte ich mir 2022 nicht vorstellen können.“ Das Plakat der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi hatte Juden in übler Manier als widerliche Ausbeuter gezeigt. Nun fordern die Gesellschafter der Documenta, das Land Hessen und die Stadt Kassel, die neuen umstrittenen antisemitischen Kunstwerke „bis zu einer angemessenen Kontextualisierung“ aus der Ausstellung zu nehmen. Ebenso die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne). Josef Schuster: „Dass diese Documenta wirklich bis zum 25. September laufen kann, erscheint kaum mehr vorstellbar. … Diese Documenta wird als antisemitische Kunstschau in die Geschichte eingehen.“ (Annette Zoch, SZ 29.7.22)

3959: Neue antisemitische Stücke auf der Documenta

Donnerstag, Juli 28th, 2022

Auf der Documenta sind neue antisemitische Bilder aufgetaucht. „Ein Bild zeigt einen roboterartigen Soldaten mit Davidstern auf dem Helm, der einen erschrockenen Jungen an den Kopf greift. Im Hintergrund sind Arme und Beine erkennbar, die schlaff aus dem Boden ragen – wohl ein Massengrab. Auf einem anderen Bild nimmt eine Frau einem Soldaten mit Hakennase und einem Davidstern auf dem Helm ihr Knie in den Bauch.“ (Jörg Häntzschel, SZ 28.7.22) Die „Kunstwerke“ stammen von einer algerischen Gruppe aus dem Jahr 1988. Geschäftsführer Alexander Fahrenholz teilte mit, dass eine Frau schon vor drei Wochen auf die Stücke aufmerksam gemacht habe. Behörden und Documenta-Leitung seien aber zu dem Schluss gekommen, dass „es nicht um die Diffamierung von jüdischen oder vermeintlich jüdischen Personen geht“. Deswegen liegen die Stücke im Fridercianum weiter öffentlich aus. Leider sei die Besucherin, die darauf aufmerksam gemacht habe, nicht informiert worden. Fahrenholz: „Was ich in den Bildern gesehen habe, waren nur die israelischen Soldaten, die möglichst unsympathische Darstellung von militärischer Gewalt gegen die, an deren Seite sich die algerischen zeichner fühlten.“ Nun soll es einen erklärenden Text zu dem Vorgang geben. Die Serie „Guernica Gaza“ und die Pro-Palästina-Filme von Subversive Film sind beide noch auf der Documenta zu sehen.

3957: Tour de France – Mythos und Verhängnis

Montag, Juli 25th, 2022

In diesem Jahr hat es bei der Tour de France keine Dopingfälle gegeben. Wer das glaubt, befindet sich in der Sphäre zwischen Traum und Propaganda. Schon Bertolt Brecht wusste ja: „Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein.“ Das tut der Attraktivität der Veranstaltung offenbar keinen Abbruch. Auch wenn Asphalttemperaturen von 60 Grad üblich geworden sind. Das Peloton führt reichlich Nahrungsergänzungsmittel mit sich. Das Bild der Tour wird beim Publikum (hauptsächlich dem Fernsehpublikum) vom Leiden der Fahrer, der Volkshelden, bestimmt. Sie verkörpern Warnung und Werbung zugleich. Und die Werbung ist es, welche die Tour am Leben erhält. Ich sehe tagelang die gleichen Fahrer und Teams, ich sehe auch die gleichen Schaumweine und Weichkäse (Holger Gertz, SZ 25.7.22).

3953: Uwe Seeler ist gestorben.

Freitag, Juli 22nd, 2022

Mit 85 Jahren ist Uwe Seeler gestorben. Er war ein Klassefußballer, kam 1954 mit 18 Jahren in die Nationalelf und absolvierte dort viele Spiele und schoss viele Tore. Obwohl Seeler Angebote aus dem Ausland hatte, blieb er in Deutschland und sogar beim HSV, den er 1960 zur Meisterschaft geführt hatte. Legendär sind Seelers Beteiligungen an den Fußballweltmeisterschaften 1966 (Großbritannien) und 1970 (Mexiko). Nebenbei arbeitete er als Sportartikelvertreter. Dabei verkörperte stes das „Normale“. Bodenständige, Einfache. Seinerzeit riefen die Fans bei Länderspielen „Uwe, Uwe“. Ich habe Uwe Seeler einige Male in unserem Weserstadion (gegen Werder Bremen) erlebt und auf dem Oldenburger Donnerschwee (wo der VfB Oldenburg spielte). Seeler blieb es nicht erspart, sich angesichts des Missmanagements beim HSV in den neunziger Jahren in die Pflicht nehmen und zum Präsidenten wählen zu lassen, wo er scheiterte. Das tut seinem guten Ruf keinen Abbruch. Er passte wohl nicht mehr ganz zum modernen Kommerzfußball.

3950: Alexander Fahrenholtz ist neuer Documenta-Geschäftsführer.

Dienstag, Juli 19th, 2022

Alexander Fahrenholtz ist am Montag zum neuen Documenta-Geschäftsführer bestimmt worden. Die Gesellschafter seien froh, einen so erfahrenen und renommierten Kulturmanager gefunden zu haben, hieß es. Er werde seine Aufgabe bereits am 19.7.2022 übernehmen. Sein Vertrag sei bis zum 30.9. befristet. Fahrenholtz war an der Realisierung der Documenta 9 beteiligt und Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes. Der Bund soll wieder in den Aufsichtsrat der Documenta einziehen (SZ 19.7.22).

3949: Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchandels an die deutschen Pazifisten

Montag, Juli 18th, 2022

In diesem Jahr erhält der ukrainische Dichter Serhij Zhatlan den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (Zeit 7.7.22). Er richtet seine politische Botschaft an die deutschen Pazifisten:

„Darin liegt der größte Fehlschluss der deutschen Intellektuellen: Die Russen wollen nicht mit uns verhandeln, sie wollen uns vernichten. Und wenn die deutschen Intellektuellen andeuten, eine allzu große Unterstützung für die Ukraine lohne nicht, weil die Ukrainer sowieso keine Chance hätten, lassen sie es zu, dass durch den russischen Chauvinismus und Revanchismus Normen und Gesetz verletzt werden und das ukrainische Volk ausgelöscht wird.

Indem sie einem falsch verstandenen Pazifismus anhängen – der nach zynischer Gleichgültigkeit stinkt – legitimieren die Verfasser die Putinschen Propaganda-Narrative, die besagen, dass die Ukraine kein Recht auf Freiheit, kein Recht auf eine eigene Stimme hat, weil ihre Stimme den großen und schrecklichen Putin womöglich reizen könnte. Dazu möchte ich den verehrten Experten auf dem Gebiet der unergründlichen russischen Seele Folgendes sagen: Sie haben recht, Putin ist schrecklich, aber nicht groß. Und wenn weiterhin etliche deutsche Intellektuelle Angst vor ihm haben, müssen sie das mit ihrer Selbstachtung und ihrem Gewissen vereinbaren.

Die Verfasser des Briefes schreiben: ‚Die Fortführung des Krieges mit dem Ziel eines vollständigen Sieges der Ukraine über Russland bedeutet Tausende weitere Kriuegsopfer, die für ein Ziel sterben, das nicht realistisch zu sein scheint.‘ Was sie sich nicht trauen zu sagen: Wenn die Ukraine verliert, gehen die Opfer nicht in die Tausende, sondern in die Hunderttausende. Das Blut dieser Toten haben jene auf dem Gewissen, die immer noch unbeirrt mit dem Bösen spielen und dabei allen Wohlergehen und Frieden wünschen.“

3948: Documenta-Chefin Angela Schormann wird entlassen: endlich.

Montag, Juli 18th, 2022

Der Documenta-Aufsichtsrat hat beschlossen, die Leiterin der Ausstellung, Angela Schormann, zu entlassen. Wegen des antisemitischen Kunstwerks „People’s Justice“ der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi und der mangelnden Aufklärung der Vorgänge. Die Aufarbeitung wurde verschleppt. Es war wohl viel Dilettantismus im Spiel. Nach Meinung des Aufsichtsrats handelte es sich um eine „klare Grenzüberschreitung“. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hat der Entscheidung zugestimmt. Ebenso Grüne und FDP. Der kulturpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Helge Lindt, sprach von einem „überfälltigen Befreiungsschlag aus einem Teufelskreis von Missmanagement und Misskommunikation“.

So weit, so gut.

Aber reicht das? Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kommt die Entscheidung viel zu spät. „Es sind noch sehr viele Schritte zu gehen.“ Nach Meinung des Documeta-Aufsichtsrats soll die Aufklärung „wissenschaftlich begleitet“ werden. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, nutzte Schormanns Absetzung für eine Ausweitung des Bundestagsbeschlusses gegen die anti-israelische Boykottbewegung BDS.

Schormann hatte wohl bis zum Schluss die Unterstützung von Kassels OB, Christian Geselle. Ohnehin lässt die SPD hier Unklarheiten über ihre Haltung zu. Eine Rolle scheint der „postkolonialistische Ansatz“ in der Kunst gespielt zu haben. In dem Beschluss des Aufsichtsrats werden keine Namen genannt, obwohl die Probleme seit mindestens einem Monat bekannt sind. Wahrscheinlich weiß man noch keine. Kein gutes Zeichen. Schormann hatte ihr Verhalten stets mit der „Kunstfreiheit“ begründet. Eine Kaschierung von Verantwortungslosigkeit (Sonja Zekri, SZ 18.7.22; Jörg Häntzschel, SZ 18.7.22).

Immerhin: eventuell kann trotz des Versagens Einzelner die Documenta insgesamt gerade noch einmal gerettet werden. Hoffen wir es!

3947: Caren Miosga über Nachrichtensendungen

Sonntag, Juli 17th, 2022

Caren Miosga moderiert seit 15 Jahren die „Tagesthemen“. In einem Interview mit Johanna Adorjan gibt sie Auskunft über ihre Perspektiven auf Fernsehnachrichten (SZ 16./17.7.22).

SZ: Seit 15 Jahren befassen sie sich intensiv mit der Weltlage. Täuscht der Eindruck, dass alles immer schlimmer wird?

Miosga: Ich würde dem gerne widersprechen, aber es fällt gerade schwer. Denn über allem liegt eine Klimakrise und die lässt nicht nach. Dazu kommt, dass die Erschütterungen der vergangenen Jahre – Finanzkrise, Donald Trump, Brexit – gezeigt haben, dass die Stabilitäten, die wir jahrzehntelang kannten, ins Wanken geraten. Das sieht man ja auch daran, dass sich das Parteiensystem immer mehr wandelt. Es wird nicht mehr ein ganzes Leben lang dieselbe Partei gewählt, die politische Landschaft zersplittert zunehmend. Und wer hätte es für möglich gehalten, dass es in Europa noch mal einen Angriffskrieg geben würde?

SZ: Sie lesen vom Teleprompter, oder?

Miosga: Ja. Und zwar, wenn ich das erklären darf, weil jede Sendung eine feste Zeit unbedingt einhalten muss. Alles ist zeitlich genau getaktet. Würde ich frei sprechen, würde ich es nie hinkriegen, da immer auf den Punkt zu sein.

SZ: In den vergangenen 15 Jahren hat sich auch die Sprache weiterentwickelt. Gendern Sie?

Miosga: Ich habe überhaupt nichts gegen Gendern, aber ich habe es noch nicht verinnerlicht. Ich formuliere eher „Ärztinnen und Pfleger“. Oder „Polizistinnen und Beamte“, in einem Satz. Das mit dem Binnen-I kommt mir noch nicht natürlicherweise über die Lippen.

3946: GfK geht an Nielsen.

Samstag, Juli 16th, 2022

Wer in Deutschland etwas über das Konsumverhalten wissen will, ist auf Daten der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) in Nürnberg angewiesen. Das geht hin bis zu Fernseh-Marktanteilen. Anfang des Jahrtausends war die GfK noch sehr erfolgreich (13.000 Beschäftigte, 1,5 Milliarden Umsatz), aber das ist vorbei. Nun wird das Unternehmen an den US-Konkurrenten Nielsen verkauft. Für 2,7 Milliarden Euro. Hauptquartier wird Chicago. Die GfK hat heute noch 8.000 Mitarbeiter. Gegründet worden war die Firma 1934 von Hochschullehrern. Darunter Ludwig Erhard, dem späteren Bundeswirtschaftsminister und Bundeskanzler. Man wollte damals, „die Stimme des Verbrauchers zum Klingen bringen“. Auf dem internationalen Feld der Marktforschungsinstitute sind auch andere Fusionspläne bekannt. Überleben werden nur die Firmen, die globalen Kunden auch globale Daten liefern. Nielsen und GfK wollen ihre Tools zusammenbringen. Die GfK ist stark in der Datenerhebung, Nielsen in der Analyse des täglichen Komsumverhaltens. In den letzten Jahren musste die GfK in großem Umfang Stellen abbauen (Uwe Ritzer, SZ 13.7.22).

3941: Tories suchen Nachfolgerin/Nachfolger für Johnson.

Mittwoch, Juli 13th, 2022

Die britische Kulturminsterin Nadine Dorries gilt als enge Unterstützerin von Boris Johnson. Sie hat sich den Soitznamen „Boris-Cheerleader“ erworben. Zu dessen Nachfolge sagt sie: „Die Höllenhunde wurden losgelassen. Die Leute werden sich jetzt in den Medien gegenseitig zerreißen, es wird ein Blutbad werden.“ Mehrere Kandidaten sollen Dossiers über ihre parteiinternen Gegner an die Labour Party geleakt haben. Elf Kandidaten haben sich bisher gemeldet. Als Favoriten gelten Außenministerin Liz Truss und Finanzminister Rishi Sunak. Genannt wird auch die frühere Verteidigungsministerin Penny Mordaunt (Michael Neudecker, SZ 12.7.22).