Archive for the ‘Medien’ Category

4407: Streit bei der Aufarbeitung der DDR-Diktatur

Dienstag, Juli 11th, 2023

Ines Geipel war in der DDR eine Weltklassesprinterin, wurde selbst Opfer des Staatsdopings und beteiligt sich seit langer Zeit (u.a. mit mehreren Büchern) an der Aufarbeitung der DDR-Diktatur. Sie blickt besonders schonungslos auf den Arbeiter-und-Bauern-Staat. Inzwischen ist sie Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Bei anderen „Aufarbeitern“ ist sie nicht besonders beliebt. So bei Ilko-Sascha Kowalczuk und Rainer Eckert. Dessen letztes Buch

Umkämpfte Vergangenheit. Die DDR-Diktatur in der aktuellen Geschichtspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Leipzig 2023, 435 S., 40 Euro

ist besonders umstritten. Es zeigt nochmals, dass die DDR-Opposition keine homogene Gruppe war. Nach der Vereinigung brach sie wieder auseinander und ist heute an den verschiedensten Stellen, in Parlamenten und Parteien aktiv. Es ist von „Heimtücke“, „Verleumdung“ und „geringer Expertise“ die Rede. Umstritten sind die Gedenkstätte Hohenschönhausen und die Historische Kommission beim Parteivorstand der SPD. In manchen Aufarbeitungsgruppen dominieren Narrative über die DDR, die weniger die Diktatur als die „Heimat“ im Blick haben (Norbert F. Pötzl, SZ 10.7.23).

4404: Tageszeitungen fehlen.

Sonntag, Juli 9th, 2023

Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) rechnet vor, dass bis 2025 4.400 Kommunen in Deutschland gar keine Tageszeitung mehr haben werden. Das sind 40 Prozent. Schuld daran sind u.a. gestiegene Kosten bei Logistik, Papier und Energie. In den USA sieht es traditionell noch weit verheerender aus. Dort gibt es für 70 Millionen Bürger „News Deserts“. Die deutschen Verleger, auch die von Gratisblättern, drängen auf Unterstützung. „Fallen kostenlose Wochenzeitungen weg, ist dies aufgrund der ökonomischen Verflechtungen eine zusätzliche Gefaht für regionale Tageszeitungen.“ Der BDZV hat das Motto ausgegeben „Mehrwertsteuer Null“.

Die deutschen Verlag lassen sich aufgrund der Krisenlage zunehmend auf riskante Manöver ein. Sie lassen Pressereisen von Unternehmen finanzieren, veröffentlichen als Journalismus getarnte PR-Beiträge und verzichten auf Recherche. Dadurch verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Reformvorschläge wie öffentlich-rechtliche Tageszeitungen sind bisher über zögerliche Ansätze nicht hinaus gekommen. Die Ampelregierung hat in ihren Koalitionsvertrag geschrieben: „Wir wollen die flächendeckende Versorgung mit periodischen Presseerzeugnissen gewährleisten und prüfen, welche Fördermöglichkeiten dazu geeignet sind.“ Es ist allen Wohlmeinenden klar, dass Qualitätsjournalismus in vielfältiger Weise dem Gemeinwohl dient. Was würde unserer Gesellschaft blühen, wenn es bald keinen mehr geben sollte? (Leif Kramp/Stephan Weichert, SZ 6.7.23)

4402: Nationalpreis für Anselm Kiefer

Freitag, Juli 7th, 2023

Im Französischen Dom in Berlin erhielt der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer den Deutschen Nationalpreis. Er ist der erste bildende Künstler, der ihn erhält. Bisherige Preisträger waren etwa Wolf Biermann oder Vaclav Havel und andere. Laudatoren waren Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der Philosoph und Schriftsteller Florian Illies. Letzterer betonte Kiefers Verdienste um die deutsche Geschichte. Gerade als nach 1945 die deutsche Gesellschaft den Hang hatte, die Nazizeit unter den Teppich zu kehren, habe Anselm Kiefer zu denjenigen gehört, die auf der Auseinandersetzung damit bestanden hätten. Dies habe man zuerst im Ausland verstanden (Frankreich, Israel, USA), dann auch in Deutschland. Schließlich ging es auch um die Aussicht osteuropäischer Länder, eines Tages in die EU aufgenommen zu werden. Ganz im Sinne des Philosophen Karl Raimund Popper: Gerade wenn die Geschichte keinen Sinn habe, sei es an uns, ihr einen zu geben. In seiner Dankesrede sprach Anselm Kiefer über Sinn, Unsinn und die Dialektik von Grenzen (Peter Richter, SZ 7.7.23).

4401: Wolf Biermann-Ausstellung in Berlin

Freitag, Juli 7th, 2023

Im „Deutschen Historischen Museum“ in Berlin findet eine große Wolf Biermann-Ausstellung statt. Sie wird gespeist aus dem Vorlass Biermanns, der seit zwei Jahren in der Berliner Staatsbibliothek liegt: „Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher aus Deutschland“. Eine Ausstellung am richtigen Ort und zur rechten Zeit. Biermann war ja als 17-Jähriger in die DDR übergesiedelt, um beim Aufbau dieses Staates mitzuhelfen. Seinen Vater hatten die Nazis als Juden und Kommunisten in Auschwitz ermordet. Kurz nach Bertolt Brechts Tod 1956 kam Biermann als Regieassistent ans Berliner Ensemble und begann als Sänger und Liedermacher.

Das konnte in der DDR nicht lange gutgehen. Biermann bestand auf seiner Freiheit und künstlerischen Unabhängigkeit. Er wurde einer der fulminantesten Kritiker des deutschen Arbeiter- und Bauernstaats. Seine Lieder erschienen auch im Westen. Das war für die DDR besonders schmerzlich. In der Ausstellung können wir Biermann vollständig begreifen und verstehen. Nach dem Konzert in Köln 1976 kam es zur Ausbürgerung. Anders wusste die DDR sich nicht zu helfen. Biermann hatte wesentlich zum allmählichen Untergang beigetragen. Es gab den Protestbrief gegen seine Ausbürgerung von Sarah Kirsch, Jurek Becker und anderen. Es gab auch einen Protestbrief aus Paris von Romy Schneider. Biermann musste sich im Westen partiell neu erfinden. Etwa mit dem „Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ des in Auschwitz ermordeten Dichters Jizchak Katzenelson. Als die Mauer fiel 1989, wurde Biermann wieder der preußische Ikarus und hat sich verdient gemacht bei der Verhinderung der Vernichtung der Stasiakten. Davon profitieren wir heute noch (Hilmar Klute, SZ 7.7.23).

4397: Dürre und Flut – Deutschland vor dem Wassernotstand

Dienstag, Juli 4th, 2023

Uwe Ritzer beschreibt in seinem Buch

Zwischen Dürre und Flut – Deutschland vor dem Wassernotstand. Was jetzt getan werden muss. München (Penguin) 2023, 304 S., 20 Euro,

den gegenwärtig schon vorhandenen und den drohenden Wassernotstand in Deutschland. Der Klimawandel hat uns erreicht. Rekordtemperaturen, sinkende Grundwasserspiegel, ausgetrocknete und versiegelte Böden einerseits, andererseits gewaltige Niederschläge, die der Boden nicht aufnehmen kann und die zu Flutkatastrophen führen können. Seit 2000 hat Deutschland ein Fünftel seiner Wasservorräte verloren, das entspricht der Menge des Bodensees. Industrie, Landwirtschaft, Getränkehersteller und Haushalte entnehmen mehr, als natürlich nachkommt. Uwe Ritzer erzählt von der Gier der großen Schlucker wie Tesla im staubtrockenen Brandenburg. Kommunen kontingentieren Trinkwasser. Es ist wohl noch nicht ganz zu spät. Vorausgesetzt Politik und Gesellschaft handeln jetzt schnell (SZ 4.7.23).

4393: Ganz „normale Menschen“

Samstag, Juli 1st, 2023

Angesichts der sehr guten Umfrageergebnisse der AfD wird zunehmend diskutiert, ob sie tatsächlich, wie behauptet, nicht zuletzt auch von „normalen Menschen“ gewählt wird.

1. Schon zu Helmut Kohls Zeiten war stets auch von der „schweigenden Mehrheit“ die Rede.

2. Es ist eine Konstruktion, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft, die keinen Korridor der Normalität vorschreibt, „normale“ und „unnormale“ Menschen gäbe.

3. Das Angebot, sich selbst „normal“ zu finden und als das Maß aller Dinge zu betrachten, lädt Menschen ein, die sich ansonsten zurückgesetzt fühlen, sich psychologisch aufzuwerten.

4. Die politische Ansprache, ein Publikum als „normal“ zu loben, funktioniert sehr gut, wenn dieses Publikum sich ansonsten mit seinen Perspektiven politisch tabuisiert sieht – etwa mit rassistischen oder wissenschaftsfeindlichen Positionen.

5. Wir befinden uns in einer Krise, in der wir bisher sicher Geglaubtes in Frage stellen.

6. Von „Normaltät“ zu sprechen, ist ein Versprechen an eine bestimmte Wählergruppe, dass sie ihr Verhalten nicht ändern muss.

7. Das Grundmissverständnis der Union (CDU und CSU) ist, dass der Populismus Stimmungen in der Bevölkerung aufgreifen würde. Tatsächlich schüren die Populisten erst solche Stimmungen.

8. Was wir heute bei der AfD sehen, ist das, was in den USA bei den Republikanern unter Trump geschehen ist, bei den britischen Konservativen mit dem Brexit und aktuell in Italien mit Francesca Meloni.

4392: Matias Martinez über Literatur

Freitag, Juni 30th, 2023

Der Erzählforscher Matias Martinez lehrt an der Universität Wuppertal. In einem Interview mit Yannick Ramsel und Anna-Lena Scholz (Zeit 15.6.23) macht er bemerkenswerte Aussagen über Literatur. Ich bringe hier nur einige Thesen von Martinez.

1. Zuerst spricht er über Jonathan Lyttels „Die Wohlgesinnten“ (2007): „Der Roman wird von der Hauptfigur selbst erzählt. Das bringt den Leser in die schreckliche Situation, quasi aktiv an all den grausamen Planungen und Morden des Holocausts teilzunehmen. Ich fühlte mit dem SS-Offizier mit, war fasziniert von seinem Intellekt und spürte zugleich: Diese Identifikation ist moralisch prekär.“

2. „Aristoteles meinte, die Empfindungen von ‚Jammer und Schauder‘, die Tragödien in uns auslösen, führten zu einer letztlich lustvollen Reinigung von übermäßigen Affekten. Im 18. Jahrhundert erhofften sich die Autoren, dass Literatur das Mitleid in uns fördert – da sind wir dann bei Lessing, der in seiner Dramentheorie schrieb: ‚Wenn wir mit Königen mitfühlen, dann fühlen wir mit ihnen als Menschen und nicht als Könige.‘ Das war eine große Idee der Aufklärung: dass Literatur uns zu besseren Menschen und Bürgern macht. Dass wir durch sie lernen, kognitive Dissonanzen auszuhalten, uns hineinzuversetzen in fremde Erfahrungen und Standpunkte. Dass uns dies eine tolerantere, sozialere Gesellschaft ermöglicht.“

3. „Wenn es so wäre, müssten Autorinnen, Germanistikstudierende und Literaturprofessoren die besseren Menschen sein, oder? Keine sehr plausible These.“

4. „Die Weltliteratur ist ja voller Schrecklichkeiten: Mord, Vergewaltigung, Tod. Die Tendenz, die wir an den US-amerikanischen Universitäten, aber mehr und mehr auch bei uns beobachten, ist: Der akademische Unterricht soll ein safe space sein, ein sicherer Ort. Entsprechend lautet die Erwartung, vor dem Seminarbesuch vor möglicherweise anstößigen Inhalten zu warnen.“

5. „Mir fällt der Chauvinismus von Faust heute mehr ins Auge als noch vor 20 Jahren.“

6. „Ich glaube tatsächlich, wir leben in einem neuen, sensibilisierteren Zeitalter. Und wünschen uns von der Literatur, dass sie uns moralisch festigt.“

4391: Blake Baileys Philip Roth-Biografie: zu distanzlos

Donnerstag, Juni 29th, 2023

Blake Baileys Philip Roth-Biografie ist auf deutsch erschienen:

Philip Roth. Biografie. München (Hanser) 2023, 1.040 S.

Der große US-amerikanische Schriftsteller (Portnoys Beschwerden 1969, Mein Leben als Mann 1974, Zuckermans Befreiung 1981, Gegenleben 1986, Die Tatsachen 1988, Sabbaths Theater 1995, Amerikanisches Idyll 1997, Mein Mann, der Kommunist 1998, Der menschliche Makel 2.000, Verschwörung gegen Amerika 2.004) hatte Bailey 2018 seine Archive geöffnet. Das hat zu großer Nähe geführt. Da herrscht das Anekdotische vor. Wir erfahren mehr Einzelheiten über Roths studentische Dates als erforderlich. Dabei tritt Roths große schriftstellerische Leistung, neben Saul Bellow und Bernard Malamud die US-amerikanische jüdische Lebenswelt erschlossen zu haben, fast in den Hintergrund. Roth hatte zeitlebens mit der These vom jüdischen Selbsthass zu kämpfen. Bailey hat 200 Personen zu ihm befragt. Er nimmt für seinen Auftraggeber Partei. Roths beide Ehefrauen, Maggie Martinson und Claire Bloom, kommen schlecht weg. Ausführlich beschäftigt der Biograf sich mit dem sexuellen Eroberungszwang Roths. Über den Schriftsteller hatte der Psychotherapeut Hans J. Kleinschmidt 1967 die vollständige Krankheitsgeschichte in einem wissenschaftlichen Aufsatz publiziert.

4390: Jens Stoltenberg bleibt Nato-Generalsekretär.

Donnerstag, Juni 29th, 2023

Die Amtszeit des Norwegers Jens Stoltenberg als Nato-Generalsekretär wird ein weiteres Mal verlängert. Die Allianz konnte sich nicht auf einen geeigneten Nachfolger einigen. Stoltenberg führt die Nato seit Oktober 2014. Wegen des russischen Vernichtungskriegs gegen die Ukraine wurde seine Amtszeit bereits einmal verlängert. Traditionell stellen die USA den militärischen Oberbefehlshaber (Saceur), die Europäer stellen den politischen Führer (SZ 29.6.23).

4389: Razzia im Erzbistum Köln

Mittwoch, Juni 28th, 2023

Die Staatsanwaltschaft Köln hat die Räumlichkeiten des Erzbistums Köln durchsucht. Auch die einschlägigen Beschlagnahmen stehen im Zusammenhang mit dem Verdacht, dass Erzbischof Rainer Maria Woelki in einem presserechtlichen Verfahren einen Meineid geschworen haben könnte. Hintergrund sind Missbrauchsfälle (SZ 28.6.23).