Archive for the ‘Literatur’ Category

205: Konflikte zwischen Urhebern und Verwertern

Sonntag, Juni 3rd, 2012

Die Schriftsteller und Übersetzer Julie Zeh und Ilja Trojanow beschäftigen sich mit Sicherheitswahn und Überwachung und haben 2009 gemeinsam „Angriff auf die Freiheit“ veröffentlicht. Jetzt beschäftigen sie sich mit dem Aufruf von rund 6.000 „Kulturschaffenden“ gegen die Abschaffung des Urheberrechts („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, 3. Juni 2012). Nach der Meinung von Zeh und Trojanow soll das Urheberrecht aber gar nicht abgeschafft werden. Außer vielleicht von den Piraten. Für Zeh und Trojanow besteht das politische Bewusstsein von deutschen Intellektuellen hauptsächlich in der Angst, durch das Internet finanzielle Einbußen zu erleiden.

Die beiden Autoren geben uns einen, wie ich finde, sehr interessanten Einblick in das Leben und die finanzielle Situation von Schriftstellern. Die meisten leben nach Zeh/Trojanow gar nicht vom Buchverkauf. In Deutschland sei ein belletristisches Werk, das sich 3.000 Mal verkaufe, kein Flop. Fünftausend verkaufte Exemplare seien ein Achtungserfolg, zehntausend ein richtiger Erfolg. Mit 20.000 Exemplaren werde man „Bestsellerautor“. Bei branchenüblichen Tantiemen von zehn Prozent und einem Ladenpreis von rund zwanzig Euro liege der Gesamtverdienst eines „normalen“ Autors also – vor Steuern – zwischen 6.000 und 40.000 Euro. Gehe man von zwei bis drei Jahren Arbeitszeit für die Fertigstellung eines Romans aus, komme man auf ein Monatsgehalt zwischen „fast nicht vorhanden“ und „äußerst bescheiden“. 

Die meisten Autoren lebten tatsächlich von einem gut ausgebauten Subventionssystem: Literaturpreise (etwa 1.500), Arbeits- und Aufenthaltsstipendien, Sozialleistungen (Künstlersozialkasse), Auftragsarbeiten von Theatern und Rundfunk (öffentlich-rechtlich), Poetikvorlesungen und Gastprofessuren sowie den weit verbreiteten Lesungen, die ebenfalls öffentlich gefördert würden. Zeh und Trojanow sind der Meinung, dass in Deutschland Künstler keineswegs geringgeschätzt werden.

Der Aufruf der sechstausend „Kulturschaffenden“ leide daran, dass nicht klar genug zwischen Urhebern und Verwertern unterschieden würde. Schon vor zehn Jahren sei es aber darum gegangen, die Urheber gegenüber den Verwertern zu stärken. Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ habe 2007 vorgeschlagen, den urhebervertragsrechtlichen Schutz gegenüber den Verwertern zu verbessern. Geschehen sei aber nicht viel, Übersetzer nagten am Hungertuch und Zeitungskonzerne nähmen freiberuflichen Journalisten mithilfe von Buyout-Verträgen ihren „Content“ ab, um ihn im Internet in alle Himmelsrichtungen zu verkaufen, ohne die Urheber am Erlös zu beteiligen. „Ohne einen Krieg zwischen Künstlern und ‚Content-Mafia‘ heraufbeschwören zu wollen, zeigt ein nüchterner Blick auf die politische Realität, dass die Unterzeichner des Aufrufs einen fremden Karren ziehen.“

Es gäbe keine einzige Gesetzesinitiative zur Abschaffung des Urheberrechts, aber sehr viele Ansätze zur Überwachung des Internets. Alles Mögliche werde mühelos mit dem „Schutz von Urheberrechten“ begründet. Die Überwachung von Kunden durch ihre Provider, Kinderpornographiebekämpfung, Terrorismusverfolgung und anderes mehr. „Die Politik ins Blaue hinein zum Handeln aufzufordern, führt bestenfalls dazu, dass irgendwelchen absurden Gesetze erlassen werden, die in der Praxis mehr Schaden als Nutzen stiften. Zukunftsangst und Kulturpessimismus sind schlechte Ratgeber.“

 So ist es tatsächlich.

203: Film über Georg Trakl (1887-1914) kommt ins Kino.

Sonntag, Juni 3rd, 2012

Christoph Starks Film „Tabu – es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“ (mit Lars Eidinger, Peri Baumeister, Rainer Bock) über einen der größten deutschsprachigen Lyriker, Georg Trakl (1887-1914), kommt ins Kino. Hier in meinem Blog habe ich nur die beiden Trakl-Gedichte „Verklärter Herbst“ und, das bekannteste, „Grodek“ abgedruckt. Aber schon dieses Gedicht enthält die vielsagende Zeile „Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain“.

Verständlicherweise wendet sich der Film in erster Linie den plakativ zu zeichnenden Zügen des Dichters zu: seiner Impulsivität, seiner Drogensucht, seinem Kettenrauchen. Trakl hat sich Anfang des Ersten Weltkriegs als Sanitätssoldat im Osten aus Verzeiflung umgebracht. Permanent wurde das wohl inzestuöse Verhältnis zu seiner Schwester Grete thematisiert. Im Film spielt das Gedicht „Blutschande“ eine zentrale Rolle. „Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse. Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld? Noch bebend von verruchter Wollust Süße. Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld.“

Ich schreibe hier das Gedicht „An die Schwester“ hin:

„An die Schwester

Wo du gehst wird Herbst und Abend/Blaues Wild, das unter Bäumen tönt/Einsamer Weiher am Abend.

Leise der Flug der Vögel tönt/Die Schwermut über deinen Augenbogen/Dein schmales Lächeln tönt.

Gott hat deine Lider verbogen/Sterne suchen nachts, Karfreitagskind/Deinen Stirnenbogen.“

194: Johann Gottlieb Fichte, der Philosoph des „deutschen Idealismus“, bleibt politisch umstritten.

Samstag, Mai 19th, 2012

Zum 250. Geburtstag Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814) sind zwei neue Biographien erschienen, die ausführlich und kundig besprochen worden sind. Allerdings, wie sich denken lässt, nicht gleichartig:

Wilhelm G. Jacobs: Johann Gottlieb Fichte. Eine Biographie. Berlin (Insel) 2012, 251 S., 24,95 Euro

und

Manfred Kühn: Johann Gottlieb Fichte. Ein deutscher Philosoph. München (C.H. Beck) 2012, 682 S., 29,95 Euro.

Fichte, der als der zentrale Philosoph des deutschen Idealismus gilt und der vor allem durch seine „Reden an die deutsche Nation“ (1807/08) besonders bekannt ist, war stets sehr umstritten. Der deutsche philosophische Idealismus in der Nachfolge Immanuel Kants (1724-1804) tritt uns auch in Friedrich Schelling (1775-1854), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1771-1831) und Friedrich Hölderlin (1770-1843) entgegen. Aber auch Frauen wie Caroline Schlegel und Rahel Varnhagen stehen dafür. Eine Zeit lang galt Jena neben Weimar und Berlin als der zentrale Ort, am Anfang der deutschen Romantik. Dort war Fichte Professor bis zum „Atheismus-Streit“ 1799, in dem er entlassen wurde. Es war die Zeit nach der Französischen Revolution und der Eroberungen  Napoleons. Und des Widerstands dagegen. Auch in Preußen. Die Zeit der Salons und einer sich formierenden bürgerlichen Öffentlichkeit.

Fichte, der aus kleinen Verhältnissen in der Oberlausitz stammte und dem von Gönnern das Studium ermöglicht wurde, galt damals als ein Star unter den Professoren. Zeit seines Lebens blieb er ein Einzelgänger, verschlossen, trotzig abgekapselt und dem Alkohol zugetan. Kompromisse waren seine Sache nicht. Lange Zeit war er, wie es seinerzeit üblich war, als Hauslehrer tätig in Zürich, Königsberg und bei Danzig. Ursprünglich ein geradezu jakobinischer Anhänger der Französischen Revolution wandelte er sich später zum Ultranationalisten. Das kam hauptsächlich durch das Blutvergießen in der Revolution, den „Terreur“, die Guillotine und die Hinrichtung Ludwigs XVI. 1794. Fichte endete mit dem Lob der „Deutschheit“, die offenbar eine andere Beschreibung der Gesellschaft verhinderte.

Fichtes akademischer Start mit dem „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ 1792 war trickreich. Die Schrift erschien nämlich in Königsberg und Umgebung mit Namensnennung, im übrigen Deutschland aber anonym. Deswegen wurde sie Immanuel Kant zugeschrieben. Der stellte richtig, dass sie von einem Hauslehrer bei dem Herrn Grafen von Krockow in Krockow (Westpreußen) geschrieben worden war, Johann Gottlieb Fichte. Das machte diesen zu einer Berühmtheit. Doch wurde er in Jena des Atheismus verdächtigt, damals ein schlimmer, nicht wieder gut zu machender Vorwurf, und entlassen. Später bekam er eine Professur in Erlangen und wurde 1810 der erste Rektor der neu gegründeten Berliner Universität.

Fichte verhielt sich häufig taktisch ungeschickt. Wie Jens Bisky (SZ, 19./20.5.12) schreibt, waren Fichtes Schwächen zugleich seine Stärken. „Auf seinen Wegen wie seinen Irrwegen zeigte er Mannesmut, Streitlust, Stolz und Starrsinn.“ Heinrich Heine glaubte, dass Fichte damit auf die Jugend einen „heilsamen Einfluss“ ausgeübt habe. Friedrich Engels betonte, dass die deutschen Sozialisten besonders stolz darauf seien, dass sie auch von „Kant, Fichte und Hegel“ abstammten. Und Kurt Huber, der Münchener Professor und Meinungsführer der „Weißen Rose“, berief sich 1943 vor dem „Volksherichtshof“ auf Johann Gottlieb Fichte.

Fichte hatte insbeondere die Philosophie Kants studiert und daran seinen emphatischen Freiheitsbegriff entwickelt. Er arbeitete eine klare Vorstellung des bürgerlichen Individuums aus. Bei allem kam ein Zug zur Unbedingtheit zum Ausdruck, der einmal als Prinzipientreue verstanden und bis ins 20. Jahrhundert hinein gelobt wurde. Andererseits stieß insbesondere Fichtes Nationalismus gerade nach 1945 auf Bedenken. In seiner Rezension nimmt Jens Bisky diese ernst. Er fragt auch nicht als erster: „War Fichte Antisemit?“ Um zu antworten, dass darauf ein wissenschaftlich geklärte Antwort noch fehle. Die umfangreiche Biographie von Manfed Kühn arbeite hier unerlaubter Weise mit Insinuationen.

Das sieht Micha Brumlik (Literarische Welt, 19.5.12) anders. Er zitiert aus Fichtes jakobinischer Schrift „Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution“: „Fast durch alle Länder von Europa verbreitet sich ein mächtiger, feindlich gesinnter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Kriege steht, und der in manchen fürchterlich schwer auf die Bürger drückt: das Judentum.“ So könnte es sein, dass der deutsche Idealismus und Nationalismus und die deutsche Romantik von vornherein mit antisemitischen Beigaben belastet waren. Das war ein schweres Erbe im 20. Jahrhundert. Für Micha Brumlik arbeitet die Biographie von Manfred Kühn den politischen Denker Johann Gottlieb Fichte sehr gut heraus, während Wilhelm G. Jakobs auf den eigenwilligen Charakter und den „heiklen Ehemann“ abstelle.

Für uns sind die „Reden an die deutsche Nation“ (1807/08) und der „Geschlossene Handelsstaat“ (1800), in dem es auch um die „innere Sicherheit“ geht, heute noch von Belang. Möglicherweise gerade um zu erkennen, wie gefährlich es sein kann, die eigene Gruppe, die eigene Religion, die eigene Nation zu loben und zu erhöhen, wenn es auf Kosten anderer geschieht.

187: Ines Geipel: Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens erschienen

Sonntag, Mai 6th, 2012

Die aus der DDR stammende ehemalige Weltklasse-Sprinterin Ines Geipel legt ihr neues Buch vor:

Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens. Verlag Klett-Cotta. Stuttgart 2012, 343 Seiten, 19,90 Euro.

Es îst ein einziger Beleg für die Austauschbarkeit der Fälle und die sehr großen Ähnlichkeiten. Geipel behandelt einen Fall aus Tasmanien (1996), die drei deutschen Fälle Erfurt (Robert S.), Emsdetten (Sebastian B.), Winnenden (Tim K.) und den norwegischen Fall von Utöya (Anders B.). Das Buch gleicht einer Blaupause für Amokläufer. Und ein Amokläufer lernt vom anderen. Unterstützt wird das von den modernen Massenmedien und im Netz. Geipel hat sehr viel Material gesammelt und ist in ihrer Darstellung überwiegend differenziert. Sie hat das psychiatrische Gutachten über Anders B. ausgewertet, dem inzwischen ein zweites anderslautendes gefolgt ist.

Was immer wiederkehrt: Die kleinbürgerliche Welt der Eltern, der Erfolgsdruck der Väter, eine Außenseiter-Rolle und ein einsames Leben in einer Fantasy-Welt und mit Online-Medien, Schulversagen und Schulschwänzen, die Faszination von Theater und Rollenspielen, ein Faible für Waffen und Schießen, das Zurechtlegen von Verschwörungstheorien, das große Schweigen in der Familie, die lange und akribische Vorbereitung der Tat, die Selbsttötung am Ende.

Geipels Buch demonstriert, wie nah solche Erwartungen, Handlungsweisen und Verdrängungsmechanismen auch vielen von uns sind.

185: Göring-Eckardt plädiert für aufgeklärten Protestantismus.

Samstag, Mai 5th, 2012

Die Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Mitglied der Grünen, ist in der „Welt“ (28.4.12) von Mathias Kammann interviewt worden. Die Präsidentin des Kirchentags in Dresden von 2011 nimmt dabei teilweise auch Stellung zu Aussagen Martin Mosebachs in Blog 184.

Für sie ist der Atheismus Ostdeutschlands überwiegend auf die „DDR-Zeit“ zurückzuführen, weil religiöse Sozialisation sich vor allem über die Eltern und Großeltern vollziehe. Hinzu komme, dass der politische Widerstand in der DDR vor allem unter dem Dach der evangelischen Kirche stattgefunden habe. Aber nicht, weil die Opposition gläubig war, sondern weil sie Freiheit wollte.

Mosebachs Behauptung, dass der Protestantismus mit seinem Hang zur Säkularisierung fast notwendig zur Schwächung des Glaubens führen müsse, hält Göring-Eckardt für absurd. „Er scheint zu meinen, dass die Ästhetisierung des Glaubens im Sinne der alten lateinischen Messe das ist, was das Christentum festigt, aber so etwas hat nichts mit der realen Situation im Kernland der Reformation zu tun.“

Göring-Eckardt verweist darauf, dass die Menschen in den katholisch geprägten Ländern Frankreich und Tschechien dem Gottesglauben im Durchschnitt ferner stehen als die Menschen in Deutschland. „In der lateinisch geprägten Welt, in der Herr Mosebach geistig zu leben scheint, dürfte es in den letzten Jahrzehnten sehr viel weniger Veränderung und Kreativität gegeben haben als in Ostdeutschland.“ Fragen nach dem Glauben würden ihr meistens in dem Sinne gestellt, was das mit dem „realen Leben“ zu tun habe. „Für uns ist dieser Eindruck der Irrelevanz für die theologischen Aussagen eine große Herausforderung.“

Für Frau Göring-Eckardt ist es wichtig, dass Religion eben nicht Privatsache sei. Sie stützt sich dabei auf das Matthäus-Evangelium. Dort heißt es: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Im Reformationsjubiläum 2017 gehe es nicht in erster Linie um Martin Luther. Zu sprechen und streiten sei über die Geschichte der Reformation, ihre Errungenschaften und ihre Schattenseiten. „Zweitens müssen wir das Freiheitsversprechen der Reformation verdeutlichen. Freiheit ist in Ostdeutschland ein hoher Wert.“ Drittens wünscht sich Göring-Eckardt Zuwendung zum biblischen Text. Damit sollten die Menschen angerührt werden. „Wir stehen in neuer Form vor Luthers Aufgabe. Wir haben die Bibel zu übersetzen, nicht mehr ins Deutsche, sondern ins Leben der Menschen in ganz Deutschland.“

Die Positionen von Martin Mosebach und Katrin Göring-Eckardt verdeutlichen die ganze Bandbreite christlichen Denkens in der Gegenwart. Ich meine, dass sie manchmal auch nicht mehr viel miteinander zu tun haben und Gegenpositionen darstellen. Göring-Eckardt wendet sich an den einzelnen Christen und betont seine Freiheit, während Mosebach nach der Glaubenskongregation ruft und nach der lateinischen Messe. Sie wollen nicht das Gleiche. Insofern erscheinen die Hindernisse für die Ökumene plausibel, wie sie gerade in der katholischen Kirche immer wieder betont werden. Können wir uns darüber freuen?

184: Martin Mosebach hat ein ordentliches Weltbild. Für ihn gehört der Islam nicht zu Deutschland.

Montag, April 23rd, 2012

Wenn wir angesichts der Unübersichtlichkeit der Welt wieder einmal unsicher sind, suchen wir gerne Sicherheit bei jemand, der den Überblick hat. Dazu eignet sich der in letzter Zeit häufig ausgezeichnete deutsche Schriftsteller Martin Mosebach. Für diesen „konservativen Katholiken“ hat es seine Logik, dass ausgerechnet der Osten Deutschlands, die Heimat der Reformation, immer gottloser wird. In einem Interview mit der „Welt“ (21.4.2012) gibt Mosebach Auskunft über sein Weltbild.

„Es gibt sehr viel mehr Christen auf der Welt als noch vor hundert Jahren und erst recht als noch vor 500 Jahren.“ Die Kirche, jeder einzelne Getaufte, habe die Aufgabe, für den Glauben zu werben. „Nicht nur dadurch, dass er über seinen Glauben spricht, sondern indem er ein Leben führt, das auf Ungläubige so überzeugend wirkt, dass sie nachdenklich werden.“

Ein Leben in der Abkehr von Gott sei eine „reduzierte Existenz“. „Die seelische und auch die rationale Fülle des Menschseins ist dann nicht gegeben, wenn die Verbindung zum Schöpfer verödet ist.“ Der reale Sozialismus sei zwar sehr eifrig in der sehr strammen atheistischen Erziehung gewesen. Aber in Russland, Polen und Rumänien sei die Kirche wieder erstarkt. Im Gegensatz zu Ostdeutschland. Verantwortlich macht Martin Mosebach dafür Friedrich II. von Preußen, eine nicht überall verbreitete Lesart. „Friedrich II., dessen religiöse Toleranz in diesem Jahr so gefeiert wurde, war ja nur deswegen so tolerant, weil er die Religion verachtete, sich geradezu vor ihr ekelte.“ Auch Johann Wolfgang Goethe stehe für einen Protestantismus, „der die Verbindung zu Sakrament und lebendiger Christus-Beziehung verlassen hat“.

Deutschland sei immer ein geteiltes Land gewesen. „Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch-beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte.“ Die Reformation sei aber nicht Voraussetzung für den Atheismus. Schließlich gäbe es den evangelikalen Protestantismus in den USA. Und bei uns Bewegungen wie die Pietisten oder die Herrnhuter. Ihnen fühlt sich Mosebach eher verbunden.

Dann macht Mosebach darauf aufmerksam, dass die Religion bei uns gegenwärtig dort stabiler sei, wo der wirtschaftliche Erfolg sei, wo es ein etabliertes Bürgertum gäbe. „Die Erfolgreichen, die mit der modernen Welt Zurechtkommenden sind heute eher auch die Gläubigen.“ Wenn die Kirche „die Wahrheit“ besitze über das Wesen des Menschen , seine Herkunft und sein Ziel, könne man nicht über sie sprechen wie über einen  Kaufhoffiliale, der die Kunden abhanden gekommen seien. „Die Wahrheit unterliegt nicht einer Mehrheitsabstimmung. Es ist gut für den, der sie erkennt, es ist schlecht für den, der sie nicht erkennt. Die Wahrheit ist auf Zustimmung nicht angewiesen.“

Martin Mosebach, so sagt er selbst, ist ein Muslim näher als ein Atheist. Und der Kirche sei keineswegs der historische Erfolg geweissagt. Heute sei die Kirche aus den Kernregionen, aus denen sie stamme, vollständig verschwunden (Nordafrika, Zentralanatolien). „Dafür gibt es heute in Ländern Christen, die man in der Antike nicht einmal kannte. … Die Kirche wandert über den Erdkreis. Jetzt entwickelt das Christentum zum Beispiel eine große Strahlkraft in China. Das dürfte politisch gesehen die interessantere Nachricht sein als die, ob in Cottbus die Kirche voll ist.“

Für Martin Mosebach ist der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ (von einem katholischen Bundespräsidenten formuliert) „eine verantwortungslose und demagogische Äußerung“. Was habe der Islam schon zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen? Wenn die muslimischen Deutschen die kulturelle Kraft besitzen sollten, der deutschen Kultur islamische Wesenszüge einzuflechten, dann möge man in hunder Jahren vielleicht einmal sagen: „Der Islam gehört zu Deutschland.“

Nun, das ist jedenfalls ziemlich klar Wir können wissen, wohin die Reise gehen würde. Und ich nehme an, dass im Vatikan und gerade von Bendekt XVI. ähnlich gedacht wird. Da geht es dann nicht so sehr um den einzelnen Gläubigen und sein Gewissen, sondern um kirchliche Macht. Kommt sie demnächst aus China?

180: Wer ist Wim Wenders? Über die Folgen des Bologna-Prozesses.

Mittwoch, April 18th, 2012

Die meisten Angehörigen des wissenschaftlichen Personals an Universitäten äußern sich nicht zum Bologna-Prozess, also im Wesentlichen der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge. Überwiegend gewiss aus der Erkenntnis heraus, dass sie als Angehörige eines neuen Systems in diesem nun funktionieren sollen. Und nicht Kritik üben. Das wäre in einem Machtspiel an der Alma Mater möglicherweise sogar gefährlich.

Anders der Bayreuther Literaturwissenschaftler Joachim Schultz, 63. Er verlässt die Universität vorzeitig wegen Bologna (SZ 4.4.12). Er hat den Eindruck, dass er nicht mehr das machen kann, was er als seine Aufgabe sieht: Studenten zu kreativer Arbeit anzuleiten. „Der Stundenplan in den Geisteswissenschaften ist nach der Bologna-Reform verschult und abgezirkelt, die Spielräume sind eng. Zusammen mit den Studiengebühren, die es in Bayern ja immer noch gibt, bleibt den Studenten für Kreatives kaum Zeit. Sie müssen schließlich Geld verdienen.“

Studenten der Literaturwissenschaft hätten manchmal nicht einmal Interesse an einer Exkursion zum Literaturarchiv nach Marbach. „An einem Werktag, sagen mir Studenten, verpassen sie zu viele wichtige Seminare, und alles ist prüfungsrelevant.“ Unter Studenten hat sich eine Mentalität entwickelt, wie sie möglichst schnell zu den für sie wichtigen Leistungspunkten kommen. Für Schultz ist das größere Problem aber, und das sagen alle seine Kollegen: Was man früher in fünf Jahren gemacht habe, müsse man heute in drei machen.

„Das primäre Problem ist: Die Studenten bekommen an der Hochschule kaum noch das Rüstzeug, das sie für einen Job brauchen. … Ich habe den Eindruck, dass wir hier nur noch das akademische Prekariat ausbilden.“

Die beiden Hauptziele der Bologna-Reform,

1. eine Studienzeitverkürzung und

2. die europaweite Durchlässigkeit

würden nicht erreicht.

Der Mentalitätswandel bei den Studenten werde durch Studiengebühren verstärkt. „Sie zahlen, und dadurch erwarten sie offenkundig auch, dass geliefert wird. Bildung aber kann man nicht liefern. Das Wichtigste, das eigene Arbeiten und Forschen, kommt zu kurz. Dafür ist zu wenig Zeit. Und zu wenig Lust.“ Er, Schultz, habe ein Seminar gehalten, in dem gefragt wurde, was die Klassiker in unserem täglichen Leben bedeuteten. Zum Beispiel im Film. „Ich spreche eine Wim-Wenders-Verfilmung an – und das Gemurmel geht los: Wenders? Wer ist das?“

Nach Schultz‘ Meinung wären in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts bei Einführung von Studiengebühren die Universitäten lahmgelegt worden. „Die Studenten heute sind lammfromm, die lassen sich das alles bieten.“

Marion Brasch schreibt über ihre Familie in der DDR

Donnerstag, Februar 23rd, 2012

Über die höchst verwickelte Geschichte ihrer Familie hat Marion Brasch ein Buch geschrieben:

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie. Frankfurt am Main (S. Fscher) 2012, 398 Seiten, 19,99 Euro.

Es geht um die jüdische Familie Brasch, die nach Großbritannien emigiert war und in die DDR ging. Dort wurde Horst Brasch als überzeugter Kommunist stellvertretender Kulturminister. Seine drei Söhne Thomas, Klaus und Peter wurden Künstler und lieferten ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Familie, der SED und der DDR ab. Sie gehörten zu den führenden Köpfen der Opposition. Thomas Brasch kann als einer der potentesten deutschen Schriftstellern nach 1945 gelten („Vor den Vätern sterben die Söhne“). Klaus war Schauspieler (z.B. in Konrad Wolfs „Solo Sunny“). Peter trat mit Kinderhörspielen hervor.

Die Rundfunkjournalistin Marion Brasch nimmt in ihrem Buch fast eine Kinderperspektive ein. Sie fand sich weithin übersehen im Vergleich mit ihren Brüdern. Und sie erzählt ihre Geschichte einfach und nachvollziehbar. Nachdem die Mutter an Krebs gestorben war, heiratete der Vater ein zweites Mal, eine Stasi-Mitarbeiterin, die auf ihn angesetzt war. Seine Karriere litt unter den Eskapaden der Söhne. Marion Braschs Buch, das leicht daherkommt, zeigt auch für den Vater Verständnis. Die DDR wird als Heimat geschildert.

T.C. Boyle für völlige Freigabe von Drogen

Mittwoch, Februar 22nd, 2012

Der international sehr erfolgreiche US-amerikanische Romancier T.C. Boyle, dessen Hauptprogramm offensichtlich der Umweltschutz ist, hat sich in einem Interview mit der SZ für die völlige Freigabe von Drogen ausgesprochen (Martin Wittmann, 18./19.2.12). Boyles Erfolgsromane heißen: „Wassermusik“, „World’s End“, „Willkommen in Wellville“, „América“, „Drop City“, „Dr. Sex“ und „Die Frauen“. Gerade erschienen ist „Wenn das Schlachten vorbei ist“ (Hanser).

Im Interview sagt Boyle:

„Aber wenn Sie mich schon fragen: Ich hätte Drogen längst legalisiert.“

„Alle. Sie sollten in der Drogerie angeboten werden. Ich würde sie höllisch besteuern und sie wären immer noch billiger als auf der Straße. Die Kriminellen würde man damit aus dem markt drängen. In Kalifornien sind mehr Leute im Gefängnis als auf dem College. Die Hälfte von ihnen sitzt wegen Drogendelikten ohne Gewaltanwendung. ich würde ihre Strafen einfach aufheben.“

„.. wenn jemand daheim raucht oder Drogen nimmt, ist das ein individuelles Freiheitsrecht.“

„Wenn Sie und ich wollten, könnten wir jetzt runtergehen und im Supermarkt eine Gallone Gin kaufen und trinken, bis wir blind sind. Würden wir aber wahrscheinlich nicht tun. Genauso würde es sich mit Drogen verhalten. Manche würden sie missbrauchen, klar. Aber mit den Steuereinnahmen könnte man die besten Kliniken der Welt bauen.“

„Mit dem ganzen Geld hätten wir kein Staatsdefizit. Wir wären auf einen Schlag in den schwarzen Zahlen. Hunderte Millionen Dollar, jedes Jahr. So würde ich es den Republikanern verkaufen: als praktische Maßnahme. Aber für die ist das keine Frage der Vernunft, sondern der Moral.“

(Zu den Präsidentschaftswahlen in den USA): „Die Republikaner haben keine Chance. Die haben die kommende Wahl abgeschrieben und schauen schon, was in vier Jahren geht. Die Kandidaten, die sie gerade ins Rennen schicken, das sind doch Clowns. Es ist absurd, lächerlich, geradezu widerlich.“

(Zu Mitt Romney): „Dieses scheinheilige Wiesel, das wie ein Gebrauchtwagenhändler auftritt? Zahlt 15 Prozent Steuern bei einem Jahreseinkommen von 200 Millionen Dollar. Nicht einmal die Republikaner werden ihn wählen, zumindest die unentschiedenen. Weil er Mormone ist.“

Europa braucht die Dichter und Denker. Abitur und duale Ausbildung sind keine Alternativen.

Mittwoch, November 23rd, 2011

In der SZ vom 22. November äußert sich der Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks, Otto Kentzler, zum deutschen Bildungssystem. Es geht um einen Vergleich des Abiturs mit dem dualen System der beruflichen Bildung in Betrieb und  Schule. Im „Deutschen Qualifikationsrahmen“ soll nämlich das Abitur auf Stufe 5 (von 8 Stufen), das duale System aber nur auf Stufe 4 gesetzt werden, wenn es nach den Kultusministern der Länder geht. Kentzler ist hier ganz anderer Meinung. Er setzt sich für die gleiche Einstufung ein. Das ist sehr verständlich. „Die Abiturienten sind doch nicht besser als andere. Das ist Diskriminierung im höchsten Sinne.“

Vorsicht: hier dürfen wir uns von der Tagespolitik nicht in eine falsche Alternative hineintreiben lassen. Denn zweifellos gehört das duale System zu Deutschlands Stärken gerade auch wirtschaftlich. Und den Stand, den wir hier erreicht haben, dürfen wir auf keinen Fall auf’s Spiel setzen. Das wäre ganz falsch. Aber auch Kentzler hat bestenfalls zur Hälfte Recht, vielleicht ein bisschen weniger. Er sagt: „Das deutsche Abitur ist reine Wissensvermittlung. Gesellen sind da schon weiter.“ Ich kann nur hoffen, dass er hier in Bezug auf das Abitur nicht richtig liegt. Denn z.B. der im strikt naturwissenschaftlichen Sinne nüchterne Unterricht in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie erzieht ja gerade auch zu einer Haltung, die den Anforderungen unserer technisch-wissenschaftlichen Welt genügt. Wer das begriffen hat, der wird nicht so leicht zum Opfer von Ideologen, die heute Esoterik und morgen etwas anderes verkündigen.

Im Sinne von Otto Kentzler dürfen die „Facharbeiter, die Deutschland stark gemacht haben“, nicht an den Pranger gestellt und der akademischen Bildung geopfert werden. Kentzler verweist darauf, dass 7 Prozent der deutschen Auszubildenden Abiturienten sind. Die würden bei der von den Kultusministern vorgesehenen Einstufung von 5 auf 4 sogar heruntergesetzt. Kentzler: “ Wir brauchen beides, berufliche Ausbildung und das Abitur. Die Welt besteht aber nicht nur aus Dichtern und Denklern. Gerade für junge Menschen aus bildungsfernen Familien sind Ausbildungen oft der richtige Weg.“ Otto Kentzler weist darauf hin, dass viele Länder unsere erfolgreiche duale Ausbildung kopieren wollen. Alle anderen europäischen Staaten hätten das Abitur auf 4 eingestuft. Die Niederlande seien mit dem Versuch gescheitert, dem Abitur die Stufe 5 zuzuweisen. Und er kann zu Recht behaupten, dass die Bundesregierung und sowohl die Gewerkschaften als auch die Arbeitgeber hinter dem Zentralverband des deutschen Handwerks stehen.

Hier ist es am Platz, einmal genauer zu überlegen, wie manche Fehlentwicklungen in Deutschland zustande gekommen sind (das tut Tanjev Schultz in der gleichen Ausgabe der SZ). Und dass manche Ratgeber wenig Weiterführendes zur Debatte beigetragen haben. So etwa die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die für PISA verantwortlich ist und nach deren Meinung wir heute noch zu wenig Abiturienten haben. Gegenwärtig macht jeder zweite Schüler eines Jahrgangs Abitur (50 Prozent). Das ist selbstverständlich mit einer Abwertung des Abiturs verbunden. 1965 machten ca. 5 Prozent eines Jahrgangs Abitur. Da gab es natürlich einen ganz anderen, nämlich viel besseren Leistungsdurchschnitt. Und ein anderes Bewusstsein. Die damaligen Abiturienten und Hochschulanfänger sahen sich nämlich als künftige Führungskräfte, die entsprechend auch für sich selbst und ihre Ausbildung Verantwortung übernahmen. Der heutige Sachbearbeiter-Typus und Lebenslauf-Optimierer erfüllt diese Anforderungen weithin nicht mehr. Auch von daher sind Otto Kentzlers Thesen zu verstehen.

Wir müssen uns einiges über den Wert bestimmter Qualifikationen möglicherweise neu überlegen. Ist es richtig, den Doktortitel grundsätzlich bei 8 einzustufen? Auch dann, wenn es sich um eine medizinische Dünnbrettbohrer-Version handelt? Hat ein belesener Handwerksmeister, der mit betriebswirtschaftlichem Geschick seinen Betrieb führt, den gleichen Level wie ein in Mathematik und Literatur beschlagener Abiturient? Oder handelt es sich hier um ganz verschiedene Wege? Formale Qualifikationen sind heute wichtiger als je zuvor. Da wollen wir natürlich schon wissen, was sie für Aussichten mit sich bringen. Für das Einkommen, für ein Stipendium, für die Chance, im Ausland zu arbeiten.

Und sind wir uns über den Wert von Bildung wirklich im Klaren? So lange wir allein auf die Nützlichkeits-Apostel hören, ist das nicht der Fall. Auf diejenigen, die den Nutzen nur in ökonomischen Kriterien erfassen wollen, die Schulzeit-Verkürzer und Bologna-Designer. Was sie anrichten, erleben wir ja gerade. Und davon ist auch Otto Kentzlers Argumentation nicht ganz frei. In einigen Fällen habe ich den Eindruck, dass hier nicht gesehen wird, dass Bildung nicht nur eine betriebs- und volkswirtschaftliche Kategorie ist. Dies ist sie auch, aber nicht in erster Linie. Hauptsächlich kommt sie dem Einzelnen selbst zugute, sie ist nicht angewiesen auf Rang und Namen, sie macht den Menschen urteilsfähig und frei. Sie lässt sich nicht pressen in Zeugnisse und Qualifikationsraster. Wie Tanjev Schultz so treffend formuliert: Bildung ist „unermesslich“.

Bei uns in Europa (und in Nordamerika), und das unterscheidet uns wahrscheinlich doch von den Verhältnissen in Asien, Afrika und Ozeanien, wo unsere aktuellen Konkurrenten sitzen, ist sie stets bezogen auf die beiden Quellen unserer Identität: die griechische Mythologie und Philosophie und das Christentum (einschließlich seiner jüdischen Wurzeln). Davon erfahren wir etwas im akademischen Studium. Insofern sind gerade die Theologie und die Philosophie wichtig. Und selbstverständlich ist die Geschichte weiter gegangen mit der Renaissance, der Reformation, der Aufklärung, der Erklärung der Menschenrechte. Wir gewinnen einen Überblick über die gewundenen Pfade unserer Geistesgeschichte. Über die vielen Konflikte und Widersprüche, die zentralen Diskurse. Und wir erwarten, dass die Leiter unserer Unternehmen, Verbände, Universitäten, ja, gerade auch unsere Politiker dies verinnerlicht haben und in ihr Handeln einfließen lassen. Das schließt ökonomische Rationalität ein (aber nicht das Vagabundieren der Finnzmärkte), bleibt dabei nicht stehen, sondern erstreckt sich auch auf soziale Gerechtigkeit und Ökologie. Und dafür bedarf es der Bildung.

In einer etwas kanonisierten Form hat Dietrich Schwanitz um die Jahrtausendwende versucht, dies in zwei Büchern komprimiert zu verbreiten:

Bildung. Alles, was man wissen muss. Frankfurt am Main 1999.

und

Die Geschichte Europas. Frankfurt am Main 2000.

Diese beiden Bücher sind auch heute noch ganz und gar lesenswert. Wir sollten sie unseren jungen Leuten empfehlen, wenn sie danach fragen. Schwanitz überzieht sein Konto nicht und bemüht sich um Lesbarkeit und äußerste Pragmatik.

Die Begeisterung, die Bildung entfachen kann, drückt Tanjev Schultz in seinem Beitrag in der SZ vom 22.11.11 treffend aus: „Wahre Bildung entzieht sich .. dem ökonomischen Kalkül. Bildung ist keine Ware, für die man einen Preis und den Profit angeben könnte. Sie ist bereichernder, als sich in Cent und Euro ausdrücken lässt. Und das Schönste ist: Bildung ist beständig. Niemand kann sie einem Menschen mehr nehmen. Das ist ein Trost in unsicheren Zeiten. Wissen kann verfallen, bestimmte Fertigkeiten können nicht mehr nachgefragt werden. Doch Bildung im Sinne von Reife und Reflexion vergeht nicht so schnell. Ihr Kurs ist fest. Bildung ist sicherer als Gold und Immobilien.“

Wir brauchen unsere Dichter und Denker also noch. Verachten und unterschätzen wir sie nicht!