Die Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Mitglied der Grünen, ist in der „Welt“ (28.4.12) von Mathias Kammann interviewt worden. Die Präsidentin des Kirchentags in Dresden von 2011 nimmt dabei teilweise auch Stellung zu Aussagen Martin Mosebachs in Blog 184.
Für sie ist der Atheismus Ostdeutschlands überwiegend auf die „DDR-Zeit“ zurückzuführen, weil religiöse Sozialisation sich vor allem über die Eltern und Großeltern vollziehe. Hinzu komme, dass der politische Widerstand in der DDR vor allem unter dem Dach der evangelischen Kirche stattgefunden habe. Aber nicht, weil die Opposition gläubig war, sondern weil sie Freiheit wollte.
Mosebachs Behauptung, dass der Protestantismus mit seinem Hang zur Säkularisierung fast notwendig zur Schwächung des Glaubens führen müsse, hält Göring-Eckardt für absurd. „Er scheint zu meinen, dass die Ästhetisierung des Glaubens im Sinne der alten lateinischen Messe das ist, was das Christentum festigt, aber so etwas hat nichts mit der realen Situation im Kernland der Reformation zu tun.“
Göring-Eckardt verweist darauf, dass die Menschen in den katholisch geprägten Ländern Frankreich und Tschechien dem Gottesglauben im Durchschnitt ferner stehen als die Menschen in Deutschland. „In der lateinisch geprägten Welt, in der Herr Mosebach geistig zu leben scheint, dürfte es in den letzten Jahrzehnten sehr viel weniger Veränderung und Kreativität gegeben haben als in Ostdeutschland.“ Fragen nach dem Glauben würden ihr meistens in dem Sinne gestellt, was das mit dem „realen Leben“ zu tun habe. „Für uns ist dieser Eindruck der Irrelevanz für die theologischen Aussagen eine große Herausforderung.“
Für Frau Göring-Eckardt ist es wichtig, dass Religion eben nicht Privatsache sei. Sie stützt sich dabei auf das Matthäus-Evangelium. Dort heißt es: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Im Reformationsjubiläum 2017 gehe es nicht in erster Linie um Martin Luther. Zu sprechen und streiten sei über die Geschichte der Reformation, ihre Errungenschaften und ihre Schattenseiten. „Zweitens müssen wir das Freiheitsversprechen der Reformation verdeutlichen. Freiheit ist in Ostdeutschland ein hoher Wert.“ Drittens wünscht sich Göring-Eckardt Zuwendung zum biblischen Text. Damit sollten die Menschen angerührt werden. „Wir stehen in neuer Form vor Luthers Aufgabe. Wir haben die Bibel zu übersetzen, nicht mehr ins Deutsche, sondern ins Leben der Menschen in ganz Deutschland.“
Die Positionen von Martin Mosebach und Katrin Göring-Eckardt verdeutlichen die ganze Bandbreite christlichen Denkens in der Gegenwart. Ich meine, dass sie manchmal auch nicht mehr viel miteinander zu tun haben und Gegenpositionen darstellen. Göring-Eckardt wendet sich an den einzelnen Christen und betont seine Freiheit, während Mosebach nach der Glaubenskongregation ruft und nach der lateinischen Messe. Sie wollen nicht das Gleiche. Insofern erscheinen die Hindernisse für die Ökumene plausibel, wie sie gerade in der katholischen Kirche immer wieder betont werden. Können wir uns darüber freuen?