Archive for the ‘Literatur’ Category

641: Friedrich Sieburg – der gebildete Melancholiker

Samstag, Juli 19th, 2014

Mit Tilman Krauses 1990 bei der FU Berlin eingereichten Dissertation, die 1993 unter dem Titel

„Mit Frankreich gegen das deutsche Sonderbewusstsein. Friedrich Sieburgs Wege und Wandlungen in diesem Jahrhundert.“ Berlin (Akademie), 339 Seiten,

erschienen ist, habe ich stets gerne in meinen Lehrveranstaltungen gearbeitet, in denen es um die deutsche Publizistik nach 1945 ging. Sieburg war in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts unter Studenten weithin unbekannt. Nun hat Tilman Krause zwei neue Bücher über Friedrich Sieburg rezensiert (Literarische Welt 19.7.14). Anlass des zweiten Bandes von Klaus Deinet ist der 50. Todestag Sieburgs am 19. Juli 2014. Krause rezensiert weniger, als selbst nochmals einen Rückblick auf den Literaturchef der FAZ Anfang der sechziger Jahre zu geben.

Sieburg, der aus dem Umkreis von Stefan George stammte, hat von 1926 bis zum Krieg für die „Frankfurter Zeitung“ aus Frankreich berichtet. Dort saßen auch ihm gut bekannte Kollegen wie Joseph Roth und Kurt Tucholsky. Für diese Zeit steht Sieburgs Klassiker

„Gott in Frankreich“ (1929).

Der Opportunist und Lebemann Sieburg arrangierte sich mit den Nazis, machte in den vierziger Jahren sogar für sie in Paris Kulturpropaganda. Tilman Krauses Buch enthält ein Kapitel mit dem etwas umständlichen Titel

„Sieburgs Hedonismus im Vergleich zum introvertierten Heroismus Gottfried Benns“.

Aus Carl Zuckmayers „Geheimreport“ wissen wir, dass Friedrich Sieburg den Nazis seine Seele verkaufte und daran beinahe zugrundeging. Aber er hatte Glück mit der Restauration der Adenauer-Jahre (ca. 1949-1963).

Denn in diese Zeit fällt Sieburgs wichtigste Zeit, u.a. als Literaturchef der FAZ. Er lieferte den Konservativen ihre Stichwörter mit „Die Lust am Untergang“, die „deutschen Dunkelheiten“ und „machtgeschützte Innerlichkeit“. Sieburg kritisierte den „deutschen Sonderweg“ und spielte seine überlegene Bildung gegen andere aus, die nicht wie er kein wirkliches Interesse an Aufklärung über die schlimmen deutschen Jahre 1933-1945 hatten. Sieburg bezeichnete sich selbst als „schweren Melancholiker“. Offen stellte er sich gegen die Gruppe 47. Das war seinerzeit selten.

Einige der bewegten jungen Intellektuellen der Bundesrepublik fielen immer mal wieder mit „ungebildetem Indianergeheul“ über ihn her. Wohl nicht ganz ohne Grund. Sieburg begegnete dem mit „gönnerhaftem Darüberstehen“, was nicht gut ankam. Über Hans Magnus Enzensberger schrieb Sieburg: „Ist dieser scharfe Junge , immer zu einem Späßchen aufgelegt und mit der glücklichen Gabe ausgestattet, jäh auf moralischen Zorn umzuschalten, ist dieser Hans Dampf etwa eine Null? Keineswegs, wir müssten ihn und seinesgleichen erfinden, wenn es sie nicht so unverkennbar gäbe. Denn sie halten den Betrieb aufrecht.“ Es war die Zeit, als Enzensberger noch für Fidel Castro schwärmte.

1960 griff Franz Schonauer Sieburg frontal als „alten Nazi“ an, was er in einem Essay 1980 wortreich bedauerte und bereute. Aber Sieburg hatte sich am Anfang der sechziger Jahre seinen Ruf als Reaktionär sorgfältig erarbeitet. Zu einem Schuldbekenntniks konnte er sich nicht durchringen. Tilman Krause macht eindeutig klar, dass es nicht weltanschauliche oder politische Überzeugungen waren, die Sieburg zum Nazi werden ließen, sondern private und karrieretechnische Gründe.

In der Literatur förderte der Literaturchef der FAZ die, wie er sie nannte, „Gebrauchsliteratur“ der Alfred Andersch, Hans Bender und Siegfried Lenz. Aber er begrüßte 1962 auch jubelnd Alexander Kluges Debütband, die Erzählungen „Lebensläufe“. Wie lange ist das nun schon her!

Auch wenn wir nicht daran vorbeikommen, Friedrich Sieburg politisch recht eindeutig zu identifizieren, so finden wir bei ihm immer wieder Sentenzen, über die es sich lohnt, nachzudenken: „Wir sind das aufgeregteste und lauteste Volk der Welt, aber uns plagt das Verlangen statuarisch und kühl aufzutreten. So taumeln wir hin und her, einmal sind wir das radikalste Volk der Erde, das alle äußeren Formen siegreich überwunden hat und keine Tradition braucht, und dann wieder, oft im gleichen Augenblick, leiden wir bitterlich, fast kindlich an unserer gesellschaftlichen Unzulänglichkeit und an unserer konstitutionellen Unfähigkeit, Maß zu halten, nicht aufzufallen und uns in der menschlichen Familie mit Sicherheit zu betragen.“

632: Gerhard Schröder unterliegt „Bild“.

Freitag, Juli 11th, 2014

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat die Medienrechtsprechung des

Landgerichts Hamburg,

des Oberlandesgerichts Hamburg,

des Bundesgerichtshofs und

des Bundesverfassungsgerichts

gerügt (Wolfgang Janisch, SZ 11.7.14).

Zugrunde lag ein Bericht der „Bild“-Zeitung vom 12. Dezember 2005. Darin fragte das Blatt „Was verdient er wirklich beim Gas-Pipeline-Projekt?“ Gemeint war der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Dieser hatte im Mai 2005 vorzeitige Neuwahlen angekündigt, die er im September 2005 verlor. Am 9. Dezember wurde offiziell bestätigt, dass Schröder den Vorsitz der „Nordeuropäischen Gaspipeline“ übernommen habe, eines Konsortiums von Gazprom. Am 11. April 2005 wurde der Vertrag über den Bau der „Ostsee-Pipeline“ unterzeichnet. Ein von Schröder gefördertes Projekt.

Es bestand nun der Verdacht, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder persönliche Gründe gehabt hatte, als er in relativ aussichtsloser Lage Neuwahlen herbeiführte. Nämlich einen lukrativen Vertrag mit Gazprom.

Die genannten deutschen Gerichte sahen darin die Äußerung eines ehrenrührigen und nicht durch Fakten gedeckten Verdachts. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dagegen betrachtet die Entscheidungen der deutschen Gerichte als eine Verletzung der Pressefreiheit. Denn ein Bundeskanzler müsse nun einmal mehr aushalten als ein Privatmensch. Das Straßburger Gericht weist auf die Rolle der Presse als „Watchdog“ hin. Dazu gehöre die Verbreitung von Informationen über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse. Publikationsverbote hätten einen „abschreckenden Effekt auf die Meinungsfreiheit“.

616: Briefwechsel John M. Coetzee – Paul Auster

Samstag, Juni 28th, 2014

John M. Coetzee (geb. 1940), der Literatur-Nobelpreisträger von 2003, und Paul Auster (geb. 1947), der große New Yorker Schriftsteller, haben sich 2008 in einer Jury kennengelernt und danach einen Briefwechsel begonnen (Lothar Müller, SZ 26.6.14; Hubert Spiegel, FAZ 28.6.14).

J.M. Coetzee/Paul Auster: Von hier nach da. Briefe 2008-2011. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2014, 286 S., 14,99 Euro.

Darin gibt es viele Überraschungen und verblüffende Fragen, vor allem von Coetzee, der ein brillanter Intellektueller ist. Seine Fragen eröffnen meistens neue Perspektiven. Die Briefe kreisen um das Schreiben, die Identität, die Politik. Beide sind etwa von Benjamin Netanjahus Nahostpolitik sehr enttäuscht.

Die Autoren beschäftigen sich aber auch mit Sport. In seiner Jugend war Paul Auster ein ziemlicher Crack im Basketball und Football. Beide Schriftsteller sehen sehr viel Sport im Fernsehen. Coetzee berichtet davon, wie er die Lektüre von drei wichtigen Büchern einstellte, um „den dritten Tag eines fünftägigen Kricketspiels zwischen den Nationalmannschaften von Australien und Südafrika zu verfolgen“. Er bewundert Roger Federer. Und er fragt: „Ist Sport einfach wie Sünde: Man missbilligt es, doch man erliegt der Verlockung, weil das Fleisch schwach ist.?“ Oder: „Im Sog der Fußballweltmeisterschaft (2010, W.S.) habe ich mir Gedanken über die Frage gemacht, warum Du und ich, Du nicht mehr so jung wie einst und ich definitiv bejahrt, so viel Zeit damit verbringen, uns Sport, den wir selbst nicht mehr ausüben können, anzuschauen.“

Wir anderen Sportfreunde finden uns in dem Briefwechsel wieder.

 

607: Gregor von Rezzori 100

Sonntag, Juni 22nd, 2014

Im Mai 2014 wäre Gregor von Rezzori 100 Jahre alt geworden. Der Journalist, Schriftsteller und Drehbuchautor war eine singuläre Erscheinung in der deutschen Literatur und verkörperte etwas, das heute nicht mehr politisch korrekt ist. Attraktive Maskulinität. Er war ein sehr guter Schreiber, was allein ihn ja schon bei einigen verdächtig macht. Rezzoris Familie stammte ursprünglich aus Sizilien und landete in Wien. In der k.u.k.-Monarchie dienten sein Großvater und sein Vater dem Staat. Geboren wurde Gregor von Rezzori in Czernowitz in der Bukowina, die 1918 Rumänien zugeschlagen wurde (heute: Moldawien).1940 annektierte Stalin diesen Landstrich. Da wäre Rezzori ein Bürger der UdSSR geworden. Aber er war schon seit 1938 in Berlin. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Kunst arbeitete er hauptsächlich als Drehbuchautor.

Nach dem Krieg fand Rezzori sich beim NWDR in Hamburg wieder. Er stand für das Schreiben mit leichter Hand, für große Unterhaltung, und galt als Lebemann und Dandy. Später scheute er sich nicht, für den „Playboy“ und „Elle“ zu schreiben. Rezzori arbeite einige Male auch als Schauspieler. So 1965 zwischen Brigitte Bardot und Jeanne Moreau in Louis Malles „Viva Maria“.

Als Schriftsteller hatte Gregor von Rezzori seinen Durchbruch mit den

„Maghrebinischen Geschichten“ (1953),

in dem er den fiktiven Balkanstaat Maghrebinien so überzeugend konstruierte, das dieser als fester Begriff in die deutsche Sprache Eingang fand. Weitere literarische Erfolge Rezzoris waren

„Ödipus siegte bei Stalingrad“ (1954),

„Ein Hermelin in Tschernopol“ (1958),

„Der Tod meines Bruders Abel“ (1976),

„Memoiren eines Antisemiten“ (1979) und

„Greisengemurmel“ (1994).

Gregor von Rezzori starb 1998 auf dem Gut seiner driten Frau in Mittelitalien, wo er 30 Jahre lang als Bauer und Viehzüchter gelebt hatte. Unvergessen der Handkuss, den er Alice Schwarzer in einer deutschen Fernseh-Talkshow Mitte der siebziger Jahre applizierte.

602: Das „Apperzeptionsgenie“ war ein großer Feuilletonist.

Sonntag, Juni 15th, 2014

Noch bei keinem Journalisten, der gestorben war, habe ich eine solche Flut von Nachrufen, Würdigungen, Elogen, Lobreden, Freundschaftsbekundungen gelesen wie bei Frank Schirrmacher. Und wie der Mann sind einige Stellungnahmen außergewöhnlich. Nicht nur in der FAZ und der FAS, sondern auch in anderen Blättern. Schirrmacher war ein großer Feuilletonist.

„Dass er viele abhängte, viele verletzte und von vielen auch verlassen wurde, gehörte für ihn dazu.“

Franziska Augstein, Andrian Kreye und Gustav Seibt, SZ 13.6.14

„Der Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer hat für einen solchen Menschen den Begriff ‚Apperzeptionsgenie‘ geprägt. Das ist jemand, der in Sekundenbruchteilen Zusammenhänge und Schwingungen erspürt, die andere Menschen in Jahren nicht mitkriegen. Ohne Frank Schirmmacher gekannt und erlebt zu haben, ist es schwer, sich dises Phänomen in all seiner Pracht, aber auch seiner Gefährdung überhaupt vorzustellen.“

Dirk Schümer, FAZ 14.6.14

„Die leichte Floskel vom Genie, das womöglich mit einem Gespür für Themen und Texte zur Welt kam, verkennt, dass er irre fleißig, ein zu sich selbst gnadenloser Arbeiter war. Nächtelang las und schrieb er und animierte dann wieder den ganzen Tag dieses Feuilleton und die ganze Republik.“

Nils Minkmar, FAZ 14.6.14

„Menschlich war es mit ihm vor allem deshalb nicht einfach, weil er im Grunde schüchtern war. Er fürchtete sich gleichermaßen vor Schmeichelei wie vor Hochverrat.“

Eva Menasse, FAZ 14.6.14

„.. seit er – und zwar lange vor Snowdens Enthüllungen! – die Gefahren von Big Data erkannte, hat er einen heroischen Kampf geführt, einen absolut ernsthaften Kampf gegen jenen Teil des digitalen Kapitalismus, der drauf und dran ist, unsere Freiheit zu vernichten. Und das macht Frank Schirrmachers Tod, abgesehen von der menschlichen Tragik, politisch zu einer echten Katastrophe.“

Eva Menasse, FAZ 14.6.14

„Die geduckte Haltung, die wir von unseren Voreltern ererbt haben, war ihm fremd und unverständlich. Weit und breit ist niemand zu sehen, der seinen Platz einnehmen könnte.“

Hans Magnus Enzensberger, FAZ 14.6.14

„Der große Benn schrieb einmal: ‚Wenn ich denke, spüre ich Asche im Mund.‘ Wahrscheinlich konnte niemand so genau wie Frank Schirrmacher nachempfinden, was der von ihm so über alle Maßen verehrte Benn damit beschrieb. Denn das war auch der Grund, weshalb er immer so schnell war, wenn er ein Thema groß machte: weil er als einziger schon den unangenehmen Geschmack der Asche im Mund spürte.“

Florian Illies, FAS 15.6.14

582: Der Analphabetismus kommt.

Dienstag, Mai 27th, 2014

Fragen Sie mal jemand, welches Buch er/sie gerade liest. Das setzt sehr viele unter Druck, weil sie zur Zeit überhaupt kein Buch lesen. Kennen Sie jemand, der Ihnen noch ganze, durchformulierte Briefe schreibt? Dies sind kleine Anzeichen dafür, dass der große, alles verschlingende Analphetismus kommt. Markus Günther (FAS 25.5.14) beschäftigt sich mit dem Phänomen.

Keineswegs argumentiert er nur kulturkritisch, wenn er auf die Möglichkeiten zu sprechen kommt, dass Sie heute schon bei Ihrem Smartphone nicht mehr schreiben können müssen, sondern dort hineinsprechen. Auch nicht mehr lesen können müssen, sondern sich daraus vorlesen lassen. Günther lobt durchaus die Ersetzung von ellenlangen Gebrauchsanweisungen durch Videos. „Piktogramme, Blink- und Piepsignale zeigen dem Pommes-Frites-Brater im Schnellrestaurant genau, was er zu tun hat. Aber auch ein guter 90-Minuten-Lehrfilm über die Bauchspeicheldrüse trägt mehr zur medizinischen Ausbildung bei als ein dreitägiges Studium des entsprechenden Lehrbuches. Audiovisuelle und interaktive Didaktik sind der Textlektüre in vielen Bereichen überlegen. Auch das wird die Schriftkultur weiter zurückdrängen.“

Unsere Schriftsprachen sind zwar Jahrtausende alt, doch von den letzten 150 Jahren abgesehen, waren sie immer nur einer kleinen Oberschicht zugänglich. In seinem berühmten Buch

„The Disappearence of Childhood“

hat Neil Postman darauf aufmerksam gemacht, wie sehr das Lesen- und Schreibenkönnen erst zur Entstehung der Kindheit beigetragen hat (diejenigen, die es konnten, nannte man die Erwachsenen) und wie die audiovisuelle Fernsehkultur zum Verschwinden der Kindheit beiträgt. Das Kind und der Großvater vor dem Fernseher und angesichts audiovisueller Medien werden gleich. Sie sind gleich angezogen. Etc.

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, der starke Formulierungen bevorzugt, sagt uns: „Die Welt ist in (wenige) Programmierer und (allzu viele) Programmierte zerfallen. Die Programmierer können noch lesen und schreiben, wenn auch nur Quellcode. Die Analphabeten sitzen in meinen Seminaren.“ Das ist der Anfang des Niedergangs der alphabetisierten Welt. Die Schönheit und Struktur der Literatur verschwindet. Auf dem Vormarsch sind die, wie ich sie nenne, einfachen Rechenknechte. Maschinenbauer, Ingenieure, IT-Spezialisten. Die aber Georg Büchner nicht mehr kennen. Muss man den kennen?

Markus Günther nimmt kein Blatt vor den Mund: „Man muss weder Marxist noch Volkswirt sein, um zu verstehen, dass der Kapitalismus an gebildeten Menschen kein Interesse haben kann. Er bemisst die Qualifikation der Menschen funktional und nicht kulturell.“

Große Teile der Pädagogik folgen sogleich, wie immer, wenn es um die Banalisierung von Lernen geht. Sie schaffen Handschrift und Rechtschreibung ab. Dazu treten das Abitur nach acht Jahren und der Bachelor-Studiengang. Dann haben wir den Salat. Die stärksten Befürworter dieser Entwicklung sind wohl diejenigen, die wahrscheinlich zu Recht von sich den Eindruck haben, dass in ihren eigenen Köpfen nicht allzu viele Möglichkeiten stecken.

„Ray Bradbury hat in ‚Fahrenheit 451‘ eine Horrorwelt vorausgesehen, in der Bücher verboten sind. Da er sich 1953 als Trägermedium nur Papier vorstellen konnte, bekämpfen bei ihm die Herrscher, die Angst vor den denkenden Bürgern haben, jedes Buch und jede Zeitung mit dem Einsatz von Flammenwerfern. Vor 60 Jahren war das schön schaurig, aber so unrealistisch wie eine Reise in der Zeitmaschine. Heute kommen wir der Welt Bradburys, in der die Masse dumm gehalten, zur reinen Funktionalität erzogen und zugleich mit Unterhaltung fortwährend betäubt wird, bedrohlich nahe.“

578: Navid Kermani und unser Grundgesetz

Samstag, Mai 24th, 2014

In seiner Rede auf das Grundgesetz hat Navid Kermani, der Schriftsteller und Islamwissenschaftler, die deutsche Asylpolitik kritisiert und Deutschland gelobt. Nils Minkmar schreibt dazu in der FAZ (24.5.14):

„Navid Kermani erinnerte während des Festakts zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes daran, wozu man Intellektuelle braucht: um Reden zu halten, in denen etwas gesagt wird. Da war nicht nur seine feinsinnige und kluge Analyse der Sprache des Grundgesetzes, die er in ihrer Wirkmächtigkeit mit jener der Lutherbibel verglich. Da war vor allem der Gedanke, dass die historischen Fortschritte der Nachkriegszeit nicht möglich gewesen wären, hätten die damaligen Politiker so manisch auf die Umfragen geschaut, wie das heute der Fall ist. Kermani setzte, was Klugheit, Mut und Herzensbildung angeht, Maßstäbe für Reden im Bundestag. Ein virtuoser Redner wie Peer Steinbrück hatte danach Tränen in den Augen. Höhepunkt der Rede aber war seine Feststellung, dass wir als Deutsche und Europäer auf der Höhe unserer Möglichkeiten und im Einklang mit unseren Werten sind, wenn wir offen sind für das Leid der Anderen, wenn wir Hilfe leisten, Schutz gewähren und Selbstkritik üben. Nicht, wenn wir, weil uns nichts einfällt und uns die Rechten einschüchtern, Wahlkämpfe zu Lasten Dritter, etwa der Rumänen, veranstalten, die Menschen gegeneinander aufhetzen und uns verzagt der Angst hingeben.“

577: George Tabori 100

Samstag, Mai 24th, 2014

Das Berliner Ensemble richtet George Tabori, dem großen Theatermann, anlässlich seines 100. Geburtstags an diesem Samstag ein großes Fest aus. Tabori wurde als Jude in Budapest geboren. Er war früh in Berlin und hat Adolf Hitler zweimal gesehen. Natürlich musste er emigrieren und war erfolgreich als Autor in Hollywood. Hitler hat er den Titel „Mein Kampf“ entführt und in seine eigene gleichnamige Komödie gesteckt. Tabori entdeckte, dass in Auschwitz das Wort Witz steckt. Er kam aus Hollywood nach Deutschland zurück und machte hier bis zu seinem Tod 2007 Theater. Seine autobiografischen Aufzeichnungen „Autodafé“ sind 2002 bei Wagenbach erschienen. Jetzt kommt eine erweiterte Neuauflage heraus.

572: Brausepulver: Günter Grass mag die Presse, die Literaturkritik und Josef Joffe nicht.

Dienstag, Mai 20th, 2014

Bei Günter Grass hatte ich in der letzten Zeit meist den Eindruck, er fühle sich von der deutschen Öffentlichkeit nicht verstanden. Christof Siemes hat ihn für die „Zeit“ interviewt (8.5.14).

Zeit: Und was ist mit den Autoren und Lesern? Sind auch die noch bereit für das Schwierige?

Grass: Stoff und Anlass, ein verquerliegendes Buch zu schreiben, gibt es genug. Ob es genug Autoren gibt, die sich eine solche Durststrecke des Schreibens zutrauen, weiß ich nicht. Mir fällt auf, dass es wenige Autoren gibt, die überhaupt die Vorarbeit der klassischen Moderne,

Joyce,

dos Passos,

Döblin,

zur Kenntnis nehmen. Viele können wunderbar schreiben, gehen mittlerweile auch auf Schreibschulen. Aber sie schreiben, wie vor Fontane.

Zeit: Haben Sie es als Belastung für alle weiteren Bücher empfunden, dass Ihr Erstling gleich ein Welterfolg war?

Grass: Den Erfolg habe ich mit Erstaunen, auch mit Freude zur Kenntnis genommen – ich war zum ersten Mal finanziell unabhängig, was für einen Autor sehr viel bedeutet. Aber der Schreibprozess hörte ja nach der ‚Blechtrommel‘ nicht auf. Zudem stellte sich nach kurzer Zeit heraus, dass Ruhm, zumindestens in Deutschland, eine langweilige Sache ist. Hilft nicht bei der Arbeit, wiederholt sich, schafft Neider, falsche Freunde.

Zeit: Die zum Teil heftigen öffentlichen Reaktionen haben Sie nie in Selbstzweifel gestürzt?

Grass: Sie haben mich nicht am Weiterschreiben gehindert, aber sie haben mich in zunehmendem Maße verletzt. Autoren sind empfindsame Menschen, sonst könnten sie nicht schreiben. Der Unterschied zu heute ist, dass ich bei den Rezensenten, die mich damals verrissen haben, aus den Texten absehen konnte, dass sie meine Bücher gelesen hatten. Das ist heute nicht mehr die Regel.

Zeit: Spiegelt die Presse nicht einfach nur ein öffentliches Bedürfnis wider?

Grass: Die Presse maßt sich an, selber Politik machen zu wollen. Es genügt ihr nicht mehr zu recherchieren, Bericht zu geben, den Leser möglichst genau zu informieren über Dinge, die aus politischen Gründen verschwiegen werden.

Zeit: Aber sind die medialen Mechanismen nicht immer so gewesen?

Grass: Sehen Sie sich an, was aus Ihrer Zeitung geworden ist. Die ZEIT war für mich ein wunderbares Beispiel dafür, wie man im schizoiden Zustand, dennoch einen gute Zeitung machen kann – mit einem linksliberalen Politikteil, einem literarisch aufmüpfigen Feuilleton und einem grundkapitalistischen Wirtschaftsressort. Darüber habe ich schon in den ‚Hundejahren‘ geschrieben. Aber der Joffe-Ton ist mittlerweile in allen Abteilungen drin. Das müssen Sie doch merken! Oder verliert man in diesem Berufsstand die Empfindsamkeit dafür?

Zeit: In den ‚Hundejahren‘ ist einmal von den ‚heilig-lächerlichen Momenten der Inspiration‘ die Rede. Wie sehen die bei Ihnen aus?

Grass: 1958 bin ich zum Beispiel für letzte Recherchen zur ‚Blechtrommel‘ nach Danzig gefahren. Als ich damit fertig war, habe ich die Straßenbahn genommen, die immer noch zu dem Fischerdorf Brösen fuhr, meinem Badeort als Kind. Die Badeanstalt stand noch, der Eingang zugenagelt, genau wie der Kiosk daneben. Und als ich diesen Kiosk sah, fiel mir Brausepulver ein, das ich dort als Kind gekauft hatte. Das war so ein Moment wie ein Musenkuss: daraus ist das ‚Blechtrommel‘-Kapitel ‚Brausepulver‘ geworden. …

561: Amos Oz gibt die Fackel weiter.

Montag, Mai 12th, 2014

Amos Oz wurde 1939 als Amos Klausner in Jerusalem geboren. Er ist einer der wichtigsten Schriftsteller Israels. Sein Roman „Die Geschichte von Liebe und Finsternis“ war ein Welterfolg. Er hat den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Oz hat sich früh für die israelische Friedenspolitik engagiert. Gegen die Besatzung der Palästinensergebiete. Er gilt manchen als das Gewissen Israels. Sein jüngstes Buch „Juden und Worte“ verfasste Oz zusammen mit seiner Tochter, der Historikerin Fania Oz-Salzberger. Es erschien 2013 bei Suhrkamp. Für die taz (3./4.5.14) hat Susanne Knaul den Schriftsteller interviewt.

taz: Warum haben Sie schon als Fünfzehnjähriger das Haus Ihrer Eltern verlassen?

Oz: Die Wahrheit ist, dass ich meinen beiden Eltern sehr gezürnt habe. Ich war wütend auf meine Mutter, weil sie sich das Leben genommen hat, als wäre sie mit einem Liebhaber weggelaufen, ohne uns auch nur einen Brief zu hinterlassen. Auf meinen Vater war ich wütend, dass er sie verloren hat. Es musste etwas sehr falsch mit ihm gewesen sein. Und auf mich selbst war ich noch wütender, denn wenn meine Mutter sich das Leben nimmt, dann musste ich ein sehr ungezogener Junge gewesen sein. Die Mutter eines braven Jungen bleibt bei ihrem Sohn.

taz: Ist es noch zu einer Versöhnung gekommen?

Oz: Mein Vater ist sehr jung gestorben, aber wir sind uns am Ende seines Lebens doch nähergekommen. Allerdings niemals politisch. Über Politik streite ich weiter mit ihm, dabei ist er seit 44 Jahren tot. Ich hatte meine Eltern lange aus meinem Leben verbannt, aber über die Jahre veränderte sich meine Einstellung. Statt Zorn kommen Neugierde, Mitleid und Humor. Ich habe mich immer mehr gefragt, wer meine Eltern waren. In meinem Roman „Die Geschichte von Liebe und Finsternis“ mache ich sie zu meinen Kindern.

taz: Warum entschieden sie sich damals für den Kibbuz?

Oz: Ich wollte anders sein als mein Vater und alles anders machen. Er war der Gelehrte, ich wollte Traktor fahren, er war rechts, ich wurde Sozialist. Mein Vater stimmte unter zwei Bedingungen zu, dass ich in einen Kibbuz ging. Er musste in der Nähe von Jerusalem sein und über eine Schule verfügen, deshalb zog ich nach Hulda.

taz: Sie blieben dreißig Jahre und kommentierten das Modell später nicht immer nur wohlwollend. War es ein Fehler, in den Kibbuz Hulda zu gehen?

Oz: Mir tut es für meine Kinder leid. Die Kinderhäuser, in denen die Kinder damals noch getrennt von den Eltern wohnten, waren nicht gut für sie. Davon abgesehen bin ich ohne Groll aus dem Kibbuz weggegangen. Wir zogen nach Arad, weil mein Sohn unter Asthma litt und das Klima dort gesünder für ihn war.

taz: In Ihrem neuen Buch „Juden und Worte“, das sie zusammen mit Ihrer Tochter Fania Oz-Salzberger verfassten, sagen Sie, dass sich das jüdische Volk durch die Texte definiert. Wie funktioniert das?

Oz: Ich gehe davon aus, dass es neben der religiösen Definition auch eine weltliche gibt, die sich aus der kulturellen Identität der Juden ergibt. Diese Identität macht uns zum Volk. Die Texte machen uns zum Volk. Übrigens ist es für mich vollkommen unwichtig, ob Abu Masen (der palästinensische Präsiden Mahmud Abbas) Israel als Staat der Juden anerkennt oder nicht. Mir reichte es aus, wenn er unser Recht zur Selbstdefinition anerkennen würde.

taz: In Ihrem und Fanias Buch tauchen die Palästinenser nicht mehr auf. Stimmen Sie mir zu, dass Sie diesmal den Ultraorthodoxen den Kampf ansagen?

Oz: Es ist keine Kampfansage, denn das Buch ist in sehr ruhigem Tonfall geschrieben. Es beschuldigt niemanden, sondern zeigt einen Weg, wie es möglich ist, ein weltlicher Jude zu sein in Bezug auf die Texte, auch ohne Synagoge und ohne den Glauben an Gott. Wir respektieren die, die einen anderen Weg gehen, und sagen nicht, dass unser Weg der einzige ist. Wir sagen nicht, dass der Weg der Orthodoxen absurd ist, aber wir wehren uns gegen die Orthodoxen, wenn sie sagen, dass wir so leben müssen wie sie.

taz: Sie schreiben mit großem Schmerz darüber, wie schwer es ist, das Päckchen Glauben und Gott von sich zu werfen. Bedauern Sie es manchmal, nicht gläubig zu sein?

Oz: Die Rede ist hier nicht nur von Juden, sondern von dem modernen weltlichen Menschen. Bis vor hundert Jahren mehr oder weniger, ob in Deutschland, Ägypten oder in China, wusste er drei einfache Dinge. Er wusste, wo er leben würde, nämlich dort, wo er geboren wurde, oder in dem Dorf nebenan. Er wusste, was er tun würde. Er würde das tun, was sein Vater oder seine Mutter getan haben, oder etwas sehr Ähnliches. Und er wusste, was passiert, wenn er stirbt: Dann kommt er in eine bessere Welt. Die jungen modernen weltlichen Menschen wissen nicht, wo sie leben werden. Wir wissen nicht, was wir tun werden, und wir wissen nicht, was mit uns passiert, wenn wir sterben. Das ist nicht einfach.

taz: Heute werden immer weniger Bücher gelesen. Was bedeutet das für die Juden von morgen?

Oz: … Die Situation heute ist nicht so schlecht. Es werden noch immer viele Bücher gelesen. Wir sollten die Vergangenheit nicht romantisieren. Ob die Leute ein Buch in der Hand halten oder ein iPad – das ist eine Frage des Geschmacks. Mir persönlich ist das Buch lieber, egal ob neu ob alt. Ich rieche gerne das Papier, auf dem die Geschichte gedruckt ist.

taz: Sie schreiben nicht für Gleichgesinnte und nicht für die Andersdenkenden, sondern für die Zögernden, sagen aber, dass gerade die Leute ohne klare Überzeugungen immer weniger lesen. Geben Sie auf?

Oz: Nein, das ist kein Aufgeben, aber ich reiche die Fackel an die nächste Generation weiter. Ich habe Kinder und Enkel, die sind jetzt an der Reihe.