Archive for the ‘Literatur’ Category

1205: Briefwechsel Peter Suhrkamp – Annemarie Seidel 1935-1959

Montag, März 28th, 2016

An den jahrelangen bitteren Machtkampf im Suhrkamp Verlag und an die Querelen um den Umzug von Frankfurt nach Berlin erinnern viele sich noch allzu gut. Dass der Suhrkamp Verlag in der deutschen Publizistik nach 1945 eine überragende Rolle spielt, kann keine Frage sein. Er trägt den Namen von Peter (eigentlich: Johann Heinrich) Suhrkamp, der 1936 und 1950 jeweils auf eigentümliche Weise in seinen Besitz kam. Das ist eine heute noch nicht voll aufgeklärte Geschichte. Für die einen ist Peter Suhrkamp der aufrechte Widerstandskämpfer, der die Reste des S. Fischer Verlags erfolgreich über die Nazizeit gebracht hat, für die anderen hat er sich „seinen“ Verlag ergaunert.

Licht ins Dunkel bringen könnte der Briefwechsel

Peter Suhrkamp – Annemarie Seidel: „Nun leb wohl! Und hab’s gut!“ Briefe 1935-1959. Hrsg. von Wolfgang Schopf. Berlin (Suhrkamp) 2016, 847 S., 48,00 Euro.

Aber das geschieht nur partiell. Der hochdekorierte Stoßtruppführer des Ersten Weltkriegs, Peter Suhrkamp, verliebte sich Anfang der dreißiger Jahre in Annemarie Seidel. Sie heirateten 1935. Von da an bis zum Tod Suhrkamps 1959 datieren die 345 Briefe, die eine große und schmerzhafte Lektüre bereiten. Für Peter Suhrkamp war es die vierte Ehe. Einen Tag nach seinem Tod hätte sie geschieden werden sollen.

Der oldenburgische Bauernsohn aus Munderloh (über dieses Dorf gibt es einen Band mit Erzählungen von Peter Suhrkamp aus dem Jahr 1957), wo meine Schwägerin

Barbara Diepold

von 1963 bis 1967 Lehrerin war, hatte vor und nach dem Ersten Weltkrieg Germanistik studiert und als Lehrer gearbeitet, bevor er 1929 für den S. Fischer Verlag Herausgeber der „Neuen Rundschau“ wurde und im Feuilleton des „Berliner Tageblatts“ arbeitete. 1932 wurde Suhrkamp Mitarbeiter bei S. Fischer.

Briefe schrieben sich Suhrkamp und Seidel hauptsächlich dann, wenn sie getrennt waren. Suhrkamp versuchte im Nationalsozialismus den Spagat zwischen Integrität und Verrat. Ein lebensgefährliches Projekt. Wegen des Verdachts der Vorbereitung des Hoch- und Landesverrats wurde der Verleger 1944 von der Gestapo verhaftet. Er kam ins Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße und ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Hier wurde seine schon im Ersten Weltkrieg schwer lädierte Gesundheit endgültig zerstört. Im Februar 1945 wurde er todkrank entlassen.

In der Haftzeit nehmen die Briefe an Zahl und Intensität zu. Das Paar ist rührend umeinander besorgt. Suhrkamp macht sich Sorgen wegen Seidels starkem Alkohol- und Tablettenkonsum. Er hat Verbindungen zu den Nazis, die dem S. Fischer Verlag, der 1936 aufgeteilt worden ist, zugute kommen. Gottfried Bermann Fischer hatte mit dem Teil des Verlagsprogramms, der wie die Bücher von Thomas Mann nicht mehr in Deutschland gedruckt werden konnte, Deutschland verlassen. Suhrkamp suchte sich Kommanditisten und übernahm den Rest. Er pflegte enge Beziehungen zu seinen Autoren. Seinen Verlagsanteil als persönlich haftender Gesellschafter finanzierte seine Frau, die zeitweise im Verlag arbeitete. Sie zog sich häufig in ihr Haus in Kampen auf Sylt zurück (1953 kauft es Axel Springer). Die Nazis erzwangen den Namen Suhrkamp Verlag.

In den Briefen ist immer mehr von der Verlagsarbeit die Rede. „Es kann mir ja vieles, sehr vieles schief gehen, …“ „Ich spüre genau, wann du mir Hilfe schickst; und ich nehme mich auch zusammen und schüttle Düsterkeiten möglichst bald ab, damit du nicht darunter zu leiden hast.“ 1945 bekommt Peter Suhrkamp die erste Verlagslizenz der britischen Militärregierung. Aber die lange geplante Zusammenlegung der beiden Verlage scheitert 1950. War 1936 doch einen „Arisierung“ gewesen? Die meisten Autoren votieren für Peter Suhrkamp. Hermann Hesse setzt sich besonders für den neuen Verlag ein. Peter Suhrkamp lanciert die Edition Suhrkamp (Tilman Lahme, FAZ 26.3.16).

Suhrkamp und Seidel leben seit 1950 nicht mehr zusammen. Zu einer Scheidung kommt es aber nicht, weil einen Tag vor dem geplanten Termin der schwerkranke Peter Suhrkamp stirbt. Den Suhrkamp Verlag übernimmt als alleiniger Gesellschafter Siegfried Unseld, der seit 1951 dort Mitarbeiter war. Bei Suhrkamp werden Autoren verlegt wie Theodor W. Adorno, Samuel Beckett, Bertolt Brecht, Max Frisch, Carl Zuckmayer, Thomas Bernhard, Martin Walser und viele andere prominente Schriftsteller.

1198: Gottfried Benn wollte Sterbehilfe.

Samstag, März 19th, 2016

1977, 1979 und 1980 erschienen die 750 Briefe Gottfried Benns (1886-1956) in drei Bänden an seinen kongenialen Briefpartner Friedrich Wilhelm Oelze (1891-1978), einen Bremer Kaufmann.

Gottfried Benn: Briefe an F.W.Oelze 1932-1945, 1945-1949, 1950-1956. Herausgegeben von Harald Steinhagen und Jürgen Schröder. Wiesbaden und München (Limes) 1977, 1979, 1980. Insgesamt 1.238 S.

Diese Ausgabe hatte ich für meine Benn-Lesung zum 100. Geburtstag des Dichters am 2. Mai 1986 Im „Jungen Theater“ Göttingen voll „ausgeschlachtet“ (seinerzeit zahlenmäßig ein großer Erfolg bei ausverkauftem Haus um 22.30 Uhr).

Nun ist im Wallstein-Verlag die Ausgabe mit den knapp 600 Gegenbriefen Friedrich Wilhelm Oelzes erschienen.

Gottfried Benn – Friedrich Wilhelm Oelze: Briefwechsel 1932-1956. 4 Bände. Göttingen (Wallstein), 2.334 S., 199 Euro.

„Der Spiegel“ (12.3.16) hat öffentlich gemacht, dass Benn 1956 angesichts seiner schweren Krebserkrankung von seiner Frau Ilse Benn, einer Zahnärztin, Sterbehilfe verlangt hat. In einem Brief an Oelze vom 16. Juni 1956 heißt es: „Über meinen Zustand gibt es keinen Zweifel mehr, es lässt mich aber ziemlich gleichgültig. Nur leiden will ich nicht, Schmerzen sind etwas Entwürdigendes. Meiner Frau, die mir in diesen Tagen sehr nahe ist, habe ich das Versprechen abgenommen, dass sie mir die letzte Zeit erleichtert, es wird alles rasch zu Ende gehen.“

Die Quelle dieser Aussage ist eine etwas zweifelhafte Zuschrift an die Herausgeber Harald Steinhagen, Stephan Kraft und Holger Hof. Aber wer hier auch immer ein Interesse daran hat, durch Geheimniskrämerei die Aufmerksamkeit für Benn zu erhöhen. Der zitierte Brief entspricht voll und ganz der Lebenseinstellung Benns. Er ist ja der Dichter, der sich zwar 1933 politisch vollkommen vergaloppiert hatte, in seinen Gedichten und Essays aber wie kaum ein Zweiter unser Leben verstanden, es seziert und analysiert hat. Das ist keine warme Luft, sondern kalte Analyse (in sprachlich wunderschöner Form).

Das ist nichts für alle, aber für Leser.

Benn ließ den oben zitierten Zeilen an Oelze die Aussage folgen: „Jene Stunde … wird keine Schrecken haben, seien Sie beruhigt, wir werden nicht fallen, wie werden steigen -/ Ihr B.“ (Gisela Trahms, Literarische Welt 12.3.16; Friederike Reents, FAZ 19.3.16)

„Nur zwei Dinge

Durch so viel Formen geschritten,/ durch Ich und Wir und Du,/ doch alles blieb erlitten/ durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage./ Dir wurde erst spät bewusst,/ es gibt nur eines: ertrage/- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -/ dein fernbestimmtes: du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,/ was alles erblühte, verblich,/ es gibt nur zwei Dinge: die Leere/ und das gezeichnete Ich.“ (1953)

 

1197: Biller sieht in „Willkommenskultur“ Antisemitismus.

Mittwoch, März 16th, 2016

Maxim Biller (geb. 1960 in Prag) zehrt immer noch von dem Skandal um seinen Roman „Esra“ (2003). Er konnte nicht erscheinen, weil Billers ehemalige Freundin und deren Mutter sich darin wiedererkannten und per Klage das Erscheinen des Romans verhinderten. Billers Kolumnen in der „Fankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) lese ich regelmäßig. Nun erscheint am 8. April Maxim Billers neuer Roman

Biografie. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2016, 896 S.; 29,99 Euro.

Dazu hat Adam Soboczynski Maxim Biller interviewt (Die Zeit 3.3.16). Im Interview spricht Biller ständig von „den Deutschen“. Der Kürze halber bringe ich hier einige Aussagen Billers, der anscheinend um der Werbung willen auf Provokation setzt.

„Alle haben in diesem Roman Schreckliches erlebt. Die Familien haben den Holocaust oder den Stalinismus durchlitten, der

Sex

ist ein Mittel damit umzugehen. Es ist eine Binsenweisheit, aber das macht sie nicht falsch: In der Sexualität verdichten sich gute und schlechte Aspekte jeder Biografie.“

„Es gibt ja in der deutschen Literatur keinen Sex. … Deutsche Leser sind prüde.“

„Wenn du den ganzen Tag den Leuten eintrichterst: Wir waren Nazis, und ihr dürft keine sein … also, wenn ich jetzt 15 und nicht ich wäre, hätte ich größte Lust, kurz Nazi zu werden.“

Zu Migranten: „Ich frage mich manchmal, wie die Deutschen reagieren würden, wenn Millionen Juden auf der Flucht wären und nach Deutschland kämen. Ob dann auch die ganzen Teddys und Luftballons an den Bahnhöfen verteilt würden? Es kommen viele Menschen aus Ländern, die sich seit Jahrzehnten im Krieg mit Israel befinden. Ich habe das Gefühl, dass man Partei ergreift, ohne sich dessen bewusst zu sein. Da sind ja Leute dabei, die in der dritten, vierten Generation gehirngewaschen sind. Die denken, dass Juden kleine Kinder essen. … Es gibt offenbar eine unbewusste, klammheimliche Solidarität mit den Gegnern Israels.“

Über die Deutschen. „Weil ich mit meiner Literatur zur deutschen Literatur gehören möchte – es ist wahrscheinlich das alte Heinrich-Heine-Drama – und hoffentlich auch gehöre, ich stehe ja zum Glück nicht außerhalb. Ich will meine Welt teilen. Und ich will, dass die Deutschen ihre Welt mit mir teilen.“

Ich werde Maxim Billers Roman bestimmt lesen.

1195: Benjamin von Stuckrad-Barre reizt in „Panikherz“ seinen Kampfhund.

Sonntag, März 13th, 2016

Zum ersten Mal habe ich Benjamin von Stuckrad-Barre erlebt auf dem gemeinsamen 100. Geburtstag seiner Eltern im Hainholzweg in Göttingen. Dort „moderierte“ er das Fest. Und er war dabei schon so schnell, cool und brillant, dass ich merkte, diese Power hätte für andere vernichtend sein können. Benjamin von Stuckrad-Barre hat aber  den Weg der Sucht und Selbstvernichtung gewählt. Das ist literarisch zumindest sehr ertragreich. Und da will er nun wieder heraus.

In seiner „Lebensbeichte“ (Memoir)

Panikherz. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2016, 564 S.,

kommt Göttingen häufig vor. Da werde ich als lokaler Spießer voll angesprochen. Max-Planck-Gymnasium, Café Kadenz, Literaturherbst, Nudelhaus etc. Und die lange Begründung, warum unser Autor nicht zur Feier des 20-jährigen Abiturs kommt, hat viel mit mir zu tun („Das müssen wir unbedingt wiederholen.“ „Ich bin ein totaler Familienmensch.“ „Du hast dich ja echt kaum verändert.“). Aber da, wo Stuckrad-Barre mich davon überzeugen  will, dass ich „Effi Briest“ gar nicht erst ganz lesen soll, stimme ich nicht zu.

Natürlich habe ich auch das verarbeitet, was Andrian Kreye (SZ 10.3.16), Helene Hegemann (Spiegel-Online 12.3.16), Klaus Bittermann (taz 3.3.16), Adam Soboczynski (Die Zeit 10.3.16), Boris Pofalla (FAS 13.3.16) et alii über „Panikherz“ gefragt und geschrieben haben. Das fließt dann mit ein. So weit ich will.

1998 erschien von Benjamin von Stuckrad-Barre „Soloalbum“. Und dann in relativ schneller Folge „Livealbum“, „Remix“, „Blackbox“, „Transskript“, „Deutsches Theater“. Das habe ich gar nicht alles gelesen. Wo aber doch, erwies sich Stuckrad-Barre als scharfer Beobachter und Formulierer.

Der Autor wollte uns aus den Zwängen von 1968 befreien, das für ihn (zu seinem Glück) seine Eltern in ihrem evangelischen Pfarrhaus repräsentierten, auch wenn manchmal „Das weiße Band“ durchschimmerte. Ironie, Posing, Popstar-Allüren kennzeichneten seinen Stil. Stuckrad-Barre erfand einen neuen Ton. In seiner Bedeutung auf einer Höhe mit Christian Krachts „Faserland“ (1995).

Im „Literarischen Quartett“ fand Maxim Biller „Panikherz“ „moralisierend“ und „ekelhaft“. Aber was wollen wir von einem Kritiker anderes erwarten, der in seinen eigenen Texten zwanghaft auf Pointen ausgeht und dabei im eigenen Vorgarten hängen bleibt. Eva Menasse lobte das Buch zu Recht als „herzanrührend“ und „witzig“.

Stuckrad-Barres Begabung blieb Publizisten wie Friedrich Küppersbusch, Harald Schmidt und Helmut Dietl nicht verborgen. Für alle hat unser Autor geschrieben. Und sich dabei anscheinend literarisch mächtig entwickelt. Aber die Zusammenarbeit endete erwartungsgemäß nicht immer in Wohlgefallen. So sagt Stuckrad-Barre 2016: „Am Ende hatte das, was Harald Schmidt machte, nie Herz, und vielleicht ist es auch nicht die Aufgabe des Satirikers, ein Herz zu haben. Aber dadurch bleibt das auch immer nur Kabarett. Künstlerisch größer ist es, sich hinzustellen, das Hemd aufzureißen und wahrhaftig zu sein. Das ist riskanter, das kann schiefgehen, es kann sogar peinlich sein …“ Na ja.

Der Meinungsführer, dem Stuckrad-Barre weiter folgt, ist ausgerechnet Udo Lindenberg. Wer den wie ich überwiegend als Nuschler, Nösler und Verschlammer von Wichtigem erlebt, bekommt da seine Schwierigkeiten mit „Panikherz“. Auch die Hollywood-Passagen, die Stuckrad-Barre über seine Erholung in Los Angeles nach dem Entzug schreibt, packen mich nicht. Bret Easton Ellis soll bekennender Knausgard-Fan sein. Langeweile als Prinzip.

Benjamin von Stuckrad-Barres eigene Geschichte ohne jedes Namedropping hätte für das Buch vollkommen gereicht. „Ich selbst kannte mich einfach zu gut, um mich zu mögen.“ Das kommt von der Sucht. Das Leben zwischen Fressen und Kotzen in die Kloschüssel wird hier authentisch. Und die deprimierendste Eigenschaft der Drogensucht ist bekanntlich, dass sie zu einem wirklich spießigen Leben führt. Die „totale, zwanghafte Regelmäßigkeit, die nichts so fürchtet wie Varianten und Abwechslung.“

Sex und Frauen, von denen ich so gerne lese, kommen in Stuckrad-Barres Buch nicht vor. Das hat Boris Pofalla (FAS 13.3.16) als gentlemanesk bezeichnet. Es kann aber sein, dass der Autor gefürchtet hat, dann so weit an die Wahrheit heranschreiben zu müssen, dass es für ihn unerträglich geworden wäre. „Die Erinnerung ist die einzige Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt. Und an sie zu rühren, sie zu betreten, sie mit Gegenwart aufzuladen, heißt, einen Kampfhund zu reizen.“

Allen, die nicht vom ruralen und veganen Leben auf dem Lande träumen, empfehle ich, „Panikherz“ zu lesen.

1194: Hemingway entlarvte großen Bluff.

Samstag, März 12th, 2016

Donald Trump hat vor einigen Tagen Benito Mussolini zitiert: „Es ist besser, einen Tag lang wie ein Löwe zu leben als hundert Jahre wie ein Schaf.“ Das ist einer dieser blöden Sprüche, die den Menschen imponieren, die immerfort von Größe und Stärke schwadronieren. Er atmet den Geist der Propaganda.

Als er noch Reporter des „Toronto Daily Star“ war, 1923, hat Ernest Hemingway Mussolini schon entlarvt. Er sei „the biggest bluff in Europe“. Es sei „eine sehr gefährliche Sache, den Patriotismus einer Nation zu organisieren, wenn man nicht redlich ist.“

Das erleben wir heute wieder. In Europa und den USA. Dort hat Donald Trump als die größte Luftnummer seit Jahrzehnten Erfolg. Das haben sich die Republikaner selber zuzuschreiben. Und das Misstrauen, die Verachtung und die Wut, die Trump genährt hat, werden wachsen.

„Europa weiß, wie das enden kann. Der Kontinent erlebt gerade selbst die Wiederkehr der starken Männer (und Frauen), die von

Moskau über Budapest und Dresden bis Paris

den verunsicherten Menschen erzählen, alle Probleme seien gelöst, wenn man nur die Schwarzen, Araber, Muslime (oder wer sonst der Sündenbock des Tages ist) aussperre und rauswerfe. Wenn man nur mal kräftig dreinschlage in das verrottete, korrupte ‚System‘.“ (Hubert Wetzel, SZ 3.3.16)

Lassen wir uns nicht in die Irre führen.

1189: Horst Janssens Dilemma

Mittwoch, März 9th, 2016

Der Zeichner Horst Janssen (1929-1995) ist in Hamburg sehr berühmt. Weiter südlich nicht mehr so. Manche von uns hingen ihm an auch aus Oldenburger Nostalgie. Wir konnten uns halten an

Stefan Blessin: Horst Janssen. Eine Biografie. 1984.

Nun ist eine neue Biografie erschienen:

Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Reinbek (Rowohlt) 2016, 720 S., 29,95 Euro.

Sie verlässt aber kaum die schon von Blessin beschrittenen Wege. Auch das Rabaukenhafte an Janssen spart der Biograf nicht aus. Der Rezensent  der „Literarischen Welt“ (5.3.16), Hans-Joachim Müller, der sich als sehr kundig erweist, macht darauf aufmerksam, dass Joachim Fest, Fritz J. Raddatz, Rudolf Augstein und Ernst Jünger Fans von Horst Janssen waren.

Dann kommt er auf Horst Janssens Dilemma zu sprechen: „Wenn man das riesenhafte Werk überblickt, dann begegnet man Blatt für Blatt einer stupenden Begabung. Aber man könnte nicht wirklich sagen, wofür sie eingesetzt ist, wem sie dient. Eine Haltung zur Welt, ein Reflex auf Zeit und Geschichte, ist diesem Zeichnen nicht zu entnehmen. Es herrscht auf der langen Strecke ein vergnüglicher Plauderton, dem da und dort eine Groteske, ein Witz gerät, der im nächsten Blatt schon wieder kassiert wird. Er fließt einfach dahin, der Janssen-Strich, unaufhaltsam, und ganz wird man das Gefühl nie los, dass es aufs Ende gesehen doch verlorene, leere Energie ist, die sich da verausgabt hat.“

 

1188: Heinrich Gerlachs Roman 1949/1957/2016

Dienstag, März 8th, 2016

In unserer Bibiliothek steht Heinrich Gerlachs Roman

Die verratene Armee. München (Deutscher Taschbuchverlag) 1962 (1957), 313 S.

Meine Frau hat ihn als Schülerin (Abitur 1966) noch gelesen. Und sie kannte den Autor Heinrich Gerlach (1908-1991) persönlich. Er war Lehrer am Gymnasium Brake, wo sie Schülerin war. Sie hatte ihn aber nicht im Unterricht. Der Roman war ein Bestseller. Die zehntausend (10.000) Exemplare der ersten Auflage waren schnell vergriffen. Es lagen Anfragen aus aller Welt für Übersetzungen vor. Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt.

Heinrich Gerlachs Roman hat eine eigentümliche, ja einmalige Geschichte. Geschrieben wurde er zuerst bis 1949 in sowjetischer Gefangenschaft. Gerlach hatte als Offizier an der Schlacht um Stalingrad (1942/43) teilgenommen. Aber der sowjetische Geheimdienst entdeckte das Manuskript und auch die eigens angefertigte Miniversion, so dass Gerlach 1950 nach Deutschland ohne das Manuskript zurückkam. Aber er konnte es mit Hilfe eines Hypnotiseurs rekonstruieren. 1957 erschien „Die verratene Armee“. An dem Erfolg wollte der Hypnotiseur partizipieren. Er verlangte Geld von Heinrich Gerlach. Die beiden verglichen sich.

Indessen hatte nach 1990 der Gießener Germanist Carsten Gansel erfahren, dass die Moskauer Archive wieder für die internationale Forschung geöffnet seien. Mit einem Mitarbeiter machte er sich auf nach Moskau. Und tatsächlich fand er dort Gerlachs Originalmanuskript unter dem Titel „Durchbruch bei Stalingrad“. Es erscheint 2016.

Heinrich Gerlach: Durchbruch bei Stalingrad 1944. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Carsten Gansel. Galiani-Verlag, 693 S., 34 Euro.

Verblüffend sind die Übereinstimmungen mit „Die verratene Armee“. Der Schriftsteller Heinrich Gerlach kann wiederentdeckt werden. Er hat einen wirklichen Anti-Kriegsroman geschrieben. Selbst Kriegsverbrechen der Deutschen Wehrmacht werden thematisiert. Der Titel „Die verratene Armee“, der manche von uns an die falsche These von der im Gegensatz zu den Nazis sauberen Armee erinnert, steht für einen Anti-Kriegsroman. Gerlach hat keinen „Offiziersroman“ geschrieben, „sondern dokumentiert – und das macht ihn so besonders – das Leben und Empfinden der Soldaten aller Ränge“ (Julia Encke, FAS 6.3.16).

1177: Komische Oper Berlin – kein dekadenter Haufen

Freitag, Februar 26th, 2016

Meine Frau, meine Kinder und ich haben in der letzten Zeit einige sehr anregende und amüsante Aufführungen in der Komischen Oper Berlin in der Behrenstraße erlebt. Deren Intendant Barrie Kosky, der 1967 in Melbourne (Australien) geboren wurde, ist von Christian Mayer und Verena Mayer für die SZ (26.2.16) interviewt worden.

SZ: Oper heute heißt: großzügig vom Staat subventioniert.

Kosky: Ja, und es ist ein Privileg, von der öffentlichen Hand Geld für Kunst zu bekommen. Im australischen System, aus dem ich komme, muss man erst drei Viertel des Budges bei privaten Sponsoren eintreiben. Dennoch sind wir hier an der Komischen Oper Berlin kein dekadenter Haufen. Alles ist streng budgetiert, jeder Knopf, jedes Schuhband.

SZ: Die teuerste Karte kostet an der Komischen Oper 92 Euro. Ist das nicht zu günstig, um Kosten zu decken?

Kosky: Klar, wenn man es mit London oder New York vergleicht. Oder Madrid: Über 350 Euro für eine Premieren-Karte im Parkett! Aber in Berlin und selbst in München würde das Publikum niemals so viel bezahlen. Unsere Angst ist immer, dass Gelder gekürzt werden und man die Preise erhöhen muss. Aber dann kommen nur noch Zuschauer, die sich solche Mondpreise leisten können, und man muss Star-Theater machen wie an der Mailänder Scala. Und irgenwann ist man nicht nur elitär, sondern auch künstlerisch irrelevant. Wir möchten Kunst auf höchstem Niveau machen, die für alle zugänglich ist.

1172: Der Nebel von Alessandria

Dienstag, Februar 23rd, 2016

Wenn wir Jahr für Jahr in Miriams Haus in Civezza (Ligurien) fahren (wunderbar), dann kommen wir jedesmal an Alessandria (Piemont) vorbei. Ganz egal ob über den Gotthard und Mailand oder den Großen St. Bernhard und Turin. Und häufig erleben wir dann dort den Nebel („Nebbia“). Dort wurde

Umberto Eco (1932-2016)

geboren. Und sein Werk, das journalistische, wissenschaftliche und literarische Seiten hat, war stets davon gekennzeichnet, dass er bemüht war, den Nebel, der gut ist für den Wein und für die Haut, von dort zu vertreiben. Aufzuklären! Unvergesslich.

1160: „Über Ingeborg Bachmann wird noch viel geschrieben werden.“

Montag, Februar 15th, 2016

Ingeborg Bachmann (1926-1973) war Zeit ihres Lebens eine von Männern umschwärmte Dichterin und Frau. Helmut Böttiger nennt sie sogar „die Sphinx der neueren Literaturgeschichte“ (SZ 15.2.16). Die „Dunkelheiten des Bachmann’schen Privatlebens“ rufen heute noch immer wieder Neugier und Klatsch hervor. In den Fünfzigern war sie die „junge lyrische Göttin“, nachdem sie 1953 den Preis der Gruppe 47 erhalten hatte. In den Sechzigern in Rom wurde sie zur „geheimnisvoll sich verschließenden Dichterin“, heute ist sie eine berühmte „feministische Ikone“. Im feministischen Diskurs erscheint Ingeborg Bachmann häufig als Opfer ihrer Männer. So z.B. von

Paul Celan (1920-1970)

und

Max Frisch (1911-1991).

Manches Aufschlussreiche wissen wir aus Briefwechseln, wobei ausgerechnet der mit Max Frisch bisher nicht publiziert ist. Eine gute Quelle ist aber

Herzzeit. Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Mit Briefwechseln zwischen Paul Celan und Max Frisch sowie zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2008, 399 S.

In dieser Situation erscheint nun das Buch des US-amerikanischen Germanisten Joseph McVeigh

Ingeborg Bachmanns Wien 1946-1953. Berlin (Insel) 2016, 313 S., 24,95 Euro.

McVeigh ist sehr gut informiert, seine Hauptquelle sind Ingeborg Bachmanns Briefe an ihren Entdecker, Förderer und Geliebten Hans Weigel (1908-1991). Weigel, der als Jude von 1938 bis 1945 in die Schweiz emigiert war, wurde nach 1945 in Wien zum entscheidenden Förderer junger Literatur und zum „Strippenzieher“. Unrühmlich finde ich z.B., dass ihm Anfang der Fünfziger ein Boykott der Stücke Brechts auf sämtlichen Wiener Bühnen gelungen war.

Bachmann hatte Weigel als junge Journalistin bei einem Interview kennengelernt. Sie schrieb ihm „enthusiastische Liebesbriefe“. Beispielsweise als Weigel für kurze Zeit in New York war, sie werde ihm nach seiner Rückkehr „gleich meine gefestigte Lebensanschauung ins Gesicht schleudern oder besser ins Gesicht küssen und gar nicht abwarten, ob Du willst oder nicht“.

Ingeborg Bachmann hatte „Nachlass-Angst“. In ihren Briefen spreche sie zu viel private Details an. „Irgendein so windiger, wichtigtuerischer Dissertant“ werde das später entdecken und darüber schreiben, sie sei „ein zweiundzwanzigjähriges, völlig amoralisches, minderwertiges Geschöpf, deren unerquickliche schamlose Affairen aus dem Briefwechsel Mai bis August 1948 hervorgehen“.

So etwas lesen viele von uns am liebsten.

Selbstverständlich ist meine Beschreibungsweise feministisch nicht korrekt; denn eine so große Dichterin wie Ingeborg Bachmann können wir natürlich nicht aus der Perspektive ihrer Liebhaber verstehen.

Aber als eine Perspektive unter mehreren kommt diese Sicht doch in Frage. Oder nicht?