Archive for the ‘Literatur’ Category

2288: Rhetorik der Macht

Freitag, Februar 15th, 2019

Möglichgerweise sind durch die Evolution einige Verhaltensmuster und Wahrnehmungsweisen auf uns gekommen, die wir heute gerne wieder loswerden würden. Das ist wohl nicht so einfach. Viola Schenz (SZ 2./3.2.19) führt das vor.

1. In drei Vierteln aller Hollywood-Filme sprechen Männer weit mehr als Frauen, in 15 Prozent aller Filme sogar 90 Prozent der Sätze.

2. Womöglich bildet Hollywood nur ab, was ohnehin geschieht.

3. Je größer eine Gruppe, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Männer das Wort ergreifen.

4. Verbreitet ist die Wahrnehmung, dass es angebracht ist, Männer zu Wort kommen zu lassen.

5. Wer viel redet, mit dem assoziieren andere einen hohen Status.

6. Frauen sprechen meistens leiser und fassen sich kürzer.

7. Männer fallen Frauen viel häufiger ins Wort als umgekehrt.

8. Machen sich Frauen durch viel Reden „männliches“ Verhalten zu eigen, werden sie als aggressiv empfunden.

9. Conclusio: Verhalten sich Frauen weiblich, haben sie verloren, verhalten sie sich „männlich“, ebenso.

10. In der Wahrnehmung von Frauen spielen Aussehen, Kleidung, Gestik, Mimik eine größere Rolle als bei Männern. Frauen werden kritischer beäugt, gerade von anderen Frauen.

11. Männliche Stimmen klingen tiefer, sonorer. Das wird weithin als angenehmer empfunden.

12. „Was tun? Einfach loslegen. Frauen, ergreift das Wort, nehmt euch die Redezeit, die euch zusteht, seid verbal präsent, gebt Laut! Worte bedeuten Wahrnehmung, Schweigen heißt Ignoranz. Es geht darum, ein überkommenes Rollenbild zu überwinden. Auch Frauen, die rauchen, Rad fahren, Hosen tragen oder Fernsehnachrichten moderieren, galten lange Zeit als Tabu. Offensichtlich muss sich eine Gesellschaft erst daran gewöhnen, dass Frauen so viel sagen dürfen, können, sollen wie Männer. Das kann nur gelingen mit: mehr sagen.“

2283: Woody Allen verklagt die Amazon Studios auf 68 Millionen Dollar Schadensersatz.

Samstag, Februar 9th, 2019

Vor einem New Yorker Bundesgericht hat der Regisseur Woody Allen, 83, die Amazon Studios auf 68 Millionen Dollar Schadensersatz verklagt. Obwohl Allen in allen Prozessen freigesprochen worden war, habe Amazon Studios Gerüchte zum Anlass genommen, Verträge mit ihm über die Produktion von vier Filmen zu lösen. „Amazon hat versucht, den Vertragsbruch durch eine 25 Jahre alte, nicht bewiesene Anschuldigung zu rechtfertigen. Die Anschuldigung war Amazon (und der Öffentlichkeit) aber lange bekannt, als das Unternehmen die vier Verträge mit Herrn Allen schloss.“

Dahinter verbergen sich Missbrauchsvorwürfe aus den Jahren 1992 und 1993. Damals hatte Allens „Lebensgefährtin“ Mia Farrow den Regissseur beschuldigt, ihre gemeinsame, sieben jahre alte Stieftochter Dylan auf dem Dachboden begrapscht zu haben. Allen warf Farrow später vor, den Angriff erfunden zu haben, um sich für seine Beziehung zu ihrer Adoptivtochter Soon-Yi Previn, seiner heutigen Frau, zu rächen.

Die #MeToo-Bewegung sowie ein Gastbeitrag von Allens und Farrows Sohn Ronan im „Hollywood Reporter“ hatten den angeblichen Skandal im vergangenen Jahr nochmals hochgekocht. Die Amazon Studios strichen Allen die Produktion von „A Rainy Day in New York“. Woody Allen hatte die Romantikkomödie mit Jude Law, Selena Gomez und Timothée Chalamet zwei Wochen abgeschlossen, bevor Harvey Weinstein des vielfachen Missbrauchs bezichtigt wurde. Chalamet distanzierte sich von Allen und gab seine Gage an einen Verein für Vergewaltigungsopfer (Christiane Heil, FAZ 9.2.19).

2270: „Stella“ in der Kontroverse

Donnerstag, Januar 24th, 2019

Wir haben eine neue große Literatur-Debatte. Sie geht um Takis Würgers „Stella“, einen Roman, der bei Hanser erschienen ist. In der Literaturkritik hat er neben Zustimmung vor allem wütende Ablehnung erfahren. So schreibt Thomas Assheuer in der „Zeit“ (24.1.19), die Literaturkritik sei

„entsetzt“

gewesen; „denn sie glaubte darin das Symptom für einen neuen Umgang mit der deutschen Vergangenheit zu erkennen: Die Wahrheit wird langweilig, es geht Autoren und Verlagen bald nur noch um große Gefühle und spektakuläre Geschichten“. „Dieser gedankenlose, literarisch unberatene Umgang mit den Dokumenten und Stimmen der Toten war der Hauptangriffspunkt der Verrisse.“ (Lothar Müller, SZ 19./20.1.19) Der vom Autor erfundene junge Schweizer Friedrich sei dazu da, „um beim Arrangement der historischen Kulissen möglichst frei schalten und walten zu können“. In dem Roman geht es um Friedrichs Verhältnis zu Stella, eine Berliner Jüdin, die 1942, um ihre Eltern vor dem KZ zu retten, viele Juden an die Gestapo verrät. Stella Goldschlag hat es tatsächlich gegeben. Für ihre „Arbeit“ ist sie rechtskräftig verurteilt worden.

Der Autor widmet den Roman seinem Urgroßvater Willi Wage, der 1941 während der Aktion T 4 vergast wurde. Daniel Kehlmann schreibt auf der Rückseite des Buchs: „Takis Würger hat sich etwas Aberwitziges vorgenommen: das Unerzählbare erzählbar zu machen.“ Der Autor formuliert am Schluss des Buchs eine lustig formulierte Danksagung: Dank an die Agentin, Dank an den Verlag, Dank an die Buchhändler. Und Dank „für die Goebbels-Zitate“.

Entspricht Takis Würgers „Stella“ einer postmodernen und neokonservativen Ideologie, in der Günter Grass‘ Literatur überholt ist und der Vergangenheit angehört? In „Stella“ kann der Leser Geschichte erleben, ohne dabeigewesen sein zu müssen. Solche Geschichten reichern die Vergangenheit mit Fiktionen an und erzeugen ein Gefühl von Gegenwärtigkeit und Selbstgefühl. In diesem Roman verdunkele sich die Weltgeschichte zu einem „anonymen Verhängnis“, schreibt Thomas Assheuer. Würgers Friedrich erkenne, „dass alle Menschen schuldig sind, jeder auf seine Weise, mal mehr und mal weniger. Schuld, so lernt der Künstler, ist die Signatur der Schöpfung, sie entspringt dem Leben selbst“. „Sinn entsteht, wenn Kunst die unvermeidliche Tragik der Menschheitsgeschichte ins Bild setzt und nebenbei noch das deutsche Publikum mit der Vergangenheit versöhnt.“ Nach Assheuer darf das nicht sein.

Er sieht in „Stella“ Parallelen zu Robert Menasses Fälschungen und in dem für den Oscar nominierten Film „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmark. Dirk Knipphals geht noch weiter (taz 19./20.1.19). Er stellt eine Beziehung von Würger zu dem Fälscher Claas Relotius her. Ihre Arbeit hätte einen gemeinsamen Boden: „den Wunsch nach in sich kongruenten, übersichtlichen, ins Große tendierenden und dabei doch hübsch plausibel klingenden und eingängigen Geschichten“. „Stella“ sei zu perfekt, um wahr zu sein, „auch zu perfekt, um literarisch wahr zu sein“. Der Roman „behauptet die kongruente Erzählbarkeit von Schrecken, die eigentlich nicht auszuhalten sind.“

Ich, W.S., werde den Verdacht nicht los, dass hier, statt hauptsächlich Literaturkritik zu üben, andauernd politische Korrekheit verlangt wird. Viele Kritiker lehnen Würgers Roman politisch ab und suchen dann dafür nach literaturkritischen Argumenten. Das überzeugt wenig.

Anders geht Richard Kämmerlings in der „Literarischen Welt“ (19.1.19) vor. Als seine Zeugen für eine gelungene Literatur über den Holocaust ruft er Primo Levi und Ruth Klüger auf. Und Peter Weiss. Zu Recht nennt er als ein gelungenes Beispiel einer kritischen Auseinandersetzung auch Eberhard Fechners Dokumentation „Der Prozess“ (1984) über den dritten Maidanek-Prozess. Als einziges Beispiel für eine gelungene Ausnahme vom Fiktionalisierungsverbot bei Holocaust-Themen wird Edgar Hilsenraths „Der Nazi & der Friseur“ erwähnt. Die Vorwürfe, die heute Takis Würger gemacht würden, seien auch schon Jonathan Littel für seinen Roman „Die Wohlgesinnten“ gemacht worden: „das Leid der Opfer und die Schrecken des Holocaust lediglich zu benutzen, um damit die Toten gar ein zweites Mal zu bloßen Objekten, zu ‚Material‘ zu machen – diesmal für eine auf Verkaufserfolg zielende Geschichte“.

Heute gelte immer noch die mystifizierende Behauptung von der „Undarstellbarkeit“ des Holocaust-Grauens, so Kämmerlings. Sie verbinde sich mit der Tabuisierung der Tätersicht, der eine automatisch relativierende, schuldabwehrende Wirkung, wenn nicht gar Intention unterstellt werde. Das lehnt Kämmerlings ab. Würger begehe nicht den Fehler, sich in Stella tatsächlich hineinversetzen zu wollen. „Im Gegenteil wird durch die authentischen Aussagen der von ihr verratenen Juden die Distanz stets im Bewusstsein gehalten.“

„Natürlich sind es die Nazis, die Stella erst in diese ausweglose Lage bringen. Aber dass es Schuld gibt (und eben nicht nur äußere Zwänge), ist die Kernaussage des Romans. Ihre Schuld trennt Stella von ihren Opfern, die keine Wahl mehr haben. Takis Würger mag es manchmal an den richtigen Mitteln fehlen, aber der Sinn und Zweck seiner Geschichte sind nicht falsch.“

Das stimmt (W.S.).

(Lothar Müller, SZ 19./20.1.19; Dirk Knipphals, taz 19./20.1.19; Richard Kämmerlings, Literarische Welt 19.1.19; Thomas Assheuer, Die Zeit 24.1.19)

2247: Klaus Gietinger, die „One-Man-Band bei der Erforschung der Rolle Gustav Noskes“

Montag, Januar 7th, 2019

Eigentlich wissen wir ziemlich genau Bescheid darüber, dass Gustav Noske (1868-1946) (SPD), Gouverneur von Kiel im November 1918, Oberbefehlshaber in den Marken im Januar 1919, Reichswehrminister von Februar 1919 bis März 1920, danach Oberpräsident von Hannover, die politische Verantwortung trug für die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts am 15. Januar 1919 in Berlin (vor 100 Jahren). Spätestens seit

Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa L. Berlin (Verlag 1900) 1995, 190 S.

Trotzdem schreibt Uwe Soukup, Gietingers Verleger von 1995, am 6.1.2019 einen Artikel („Noske, der wird schießen“) in der FAS, der genau das bestätigt und untermauert. Soukup nennt Klaus Gietinger, der bei uns in Göttingen studiert hat, eine „One-Man-Band bei der Erforschung Gustav Noskes“. Inzwischen leugnet auch die SPD unter Andrea Nahles nicht mehr die Verantwortung Noskes. „In der historischen Nachschau betrachtet, hat die Politik Gustav Noskes rechtsextremen Kräften Auftrieb gegeben und die Arbeiterbewegung geschwächt.“ Gustav Noske genoss das Vertrauen Friedrich Eberts, des SPD-Vorsitzenden, und arbeitete sehr eng mit den Freikorps zusammen. Als Major Waldemar Pabst, der de facto der Kommandeur der Garde-Kavallerie-Schützen-Division war, bei Noske anrief und diesem mitteilte, dass die Genehmigung des Generals von Lüttwitz zur Erschießung der aufgegriffenen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nicht zu bekommen sei, sagte Noske nur, dass Pabst dann selber wissen müsse, „was zu tun sei“.

Ein SPD-Sprecher 2018: „So hat die Parteivorsitzende die Rolle Friedrich Eberts gewürdigt, Ordnung und Recht in der jungen Demokratie durchzusetzen und weiteres Blutvergießen zu vermeiden.“

Ein zusätzliches Licht auf die Ereignisse von Anfang 1919 wirft es, dass es nach 1945 nicht Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren, die den Kurs der Kommunisten (SED) bestimmten, sondern Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck.

 

2246: Theodor Fontane 200

Sonntag, Januar 6th, 2019

Theodor Fontane (1819-1898) wird in diesem Jahr 200 Jahre alt (am 30.12., Jens Bisky, SZ 4.1.19). Literaturkenner haben ihn immer geschätzt. Und ich hatte das Glück, dass bei uns in der Schule Fontane reichlich gelesen wurde. Und nicht nur „Effie Briest“ und „Der Stechlin“. Aber Fontane galt vielen lange Zeit als zuständig für das „Pläsierliche“, für „Causerien“. Das gehört dazu, macht ihn aber nicht aus. Tatsächlich war Theodor Fontane der Chronist einer Umbruchzeit. Der Kampf zwischen Alt und Neu war sein Lebensthema. Er passt insofern zu unserer Zeit. Fontanes Frauen sind modern. Aber er war kein Frauenrechtler. Und auch kein Sozialdemokrat. Obwohl wir angesichts des „Stechlin“ manchmal auf die Idee kommen könnten.

Über sich selbst hat Fontane gesagt: „Ich bin für Alte-Fritz-Verherrlichung. Aber dann hört es auch auf. Alles andere – großes Fragezeichen!“ Er war ein Vielschreiber, der sich Zeit für „Nebendinge“ nahm. Deswegen ist er so genau. Wenn wir aufmerksam sind, finden wir, etwa in Berlin, heute noch manches, auch im Verhalten, wieder, das Fontane schon beschrieben hat. Neuerdings ist er unter den Verdacht des Antisemitismus geraten. Da kann ich nur raten: Leute, lasst die Kirche im Dorf. Sein letzter Held, Dubslav von Stechlin, sagt uns, „unanfechtbare Wahrheiten“ gebe es nicht, „und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig“. Schließlich, nicht zu vergessen: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Theodor Fontane gehört in eine Reihe mit Lessing, Goethe, Schiller, Büchner, Heine, Thomas Mann, Benn, Brecht.

2244: Vor 40 Jahren: „Holocaust“

Sonntag, Januar 6th, 2019

Die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ (von Marvin J. Chomsky, vier Folgen von NBC) wurde vor vierzig Jahren, 1979,  in allen dritten Programmen der ARD gezeigt. Mit einem Riesenerfolg. Tatsächlich befreite die Serie – trotz ästhetischer Bedenken fortgeschrittener Kritiker – die Bundesrepublik von einer kollektiven Amnesie. Seinerzeit wurde der Begriff

Holocaust

erst durchgesetzt. Schauspielerinnen wie Meryl Streep starteten mit der Serie ihre Weltkarriere. Nun zeigen die dritten Programme der ARD „Holocaust“ wieder (ab dem 7.1.2019). Mit einer Dokumentation zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Serie.

In Deutschland war es Günter Rohrbach, der die Serie gegen enormen Widerstand durchsetzte. Ihm gelang der Kompromiss, „Holocaust“ nicht im Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) laufen zu lassen, sondern gleichzeitig in deren dritten Programmen. Zum Nachteil vieler Zuschauer in der DDR, die zwar das erste Programm der ARD, nicht aber die dritten Programme empfangen konnten. „Holocaust“ erreichte im Durchschnitt einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent. Beim WDR (als verantwortlicher Anstalt) riefen nach der ersten Folge mehr als 4.400 Zuschauer an. Sie wollten wissen, wie man den Enkeln erklären könne, dass die Großeltern nichts gegen die Vernichtung der Juden unternommen hatten. Eine Minderheit beklagte „Nestbeschmutzung“ (Tobias Schrörs, FAZ 5.1.19).

Ich habe über „Holocaust“ 1979 ein Seminar gehalten. Am Ende habe ich den Studierenden Paul Celans „Todesfuge“ verteilt und vorgelesen und sie entscheiden lassen, was ihrer Meinung nach wirksamer war gegen Rassismus und Massenmord. Die Fernseh-Serie oder das Gedicht.

 

2243: Hanna Schygulla 75

Sonntag, Januar 6th, 2019

Sie war das „Gesicht des neuen deutschen Films“: Hanna Schygulla. Geboren in Kattowitz. Abitur in München. Antitheater bei Rainer Werner Fassbinder. Ohne Abschluss an der Schauspielschule. Und dann ein Star im Film (hier eine kleine Auswahl): Peter Fleischmanns „Jagdszenen in Niederbayern“ (1969), Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“ (1969) und „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969), Volker Schlöndorffs „Baal“ (1970), Fassbinders „Fontane: Effi Briest“ (1974), Wim Wenders‘ „Falsche Bewegung“ (1975), Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ (1978) und „Lili Marleen“ (1980) und Jean-Luc Godards „Passion“ (1982). Ihr Markenzeichen war ihre weiche, schleppende Stimme, die stets seltsam wie in Trance wirkte. Sie machte ab 1980 eine internationale Karriere. Reüssierte als Chanson-Sängerin und Video-Künstlerin. Und sie hat sich nie von irgendjemand vereinnahmen lassen. Sie 75 Jahre alt geworden.

2242: Lovenberg über Hemingway, Arendt, Reich-Ranicki und Schirrmacher

Samstag, Januar 5th, 2019

Felicitas von Lovenberg (geb.1974) trat mit 23 Jahren ins Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) ein und wurde mit 34 Literaturchefin. 2016 beendete sie ihre journalistische Karriere und ist heute verlegerische Geschäftsführerin des Piper-Verlags. Sie lebt mit Mann und vier Kindern südlich von München. Tobias Haberl hat sie für die SZ (5./6.1.19) interviewt.

SZ: Hannah Arendt sagte 1964 in einem Interview: „Es gibt bestimmte Beschäftigungen, die sich für Frauen nicht schicken, die ihnen nicht stehen“, deswegen solle eine Frau erst gar nicht versuchen, in eine Führungsposition zu kommen, wenn ihr daran liege, ihre weiblichen Qualitäten zu erhalten. Was sagen Sie dazu?

Lovenberg: Ein irrer Satz, erst recht für Hannah Arendt, weil gerade sie ja bewiesen hat, wie man es als intellektuelle Frau schaffen kann, ernst genommen zu werden und trotzdem weiblich zu bleiben.

SZ: Es gibt das Klischee, dass sich Frauen wie Männer verhalten müssen, um in einer Machtposition zu reüssieren. Stimmt es?

Lovenberg: Ich glaube, es gibt beides: Frauen, die sich vermännlichen, und Frauen, die trotz einer Führungsposition weiblich bleiben. Denken Sie an Angela Merkel, die sich als Kanzlerin die Art von Weiblichkeit bewahrt hat, die ihr nun mal zu eigen ist. Es kommt sicher auch auf die Branche an. Im Literaturbetrieb ist es für eine Frau wahrscheinblich einfacher, weiblich zu bleiben, als im Vorstand einer Bank. Übrigens ist die entscheidende Frage dabei nicht, wie die Frau auf andere wirkt, sondern, wie es sich für sie selbst anfühlt.

SZ: Warum haben es Frauen in der Buchbranche leichter als in der Politik oder einem Dax-Konzern?

Lovenberg: Erstens gibt es mehr Leserinnen als Leser, das macht die Buchbranche automatisch weiblicher. Zweitens glaube ich, dass ein Verlagsjob eher dienend ausgerichtet ist, weil der Verlag idealerweise ja gar nicht so wichtig ist, sondern seine Autoren und die Bücher. Anders als beim Film, wo jeder Kabelträger im Abspann genannt wird, tun wir Verlagsleute alles, um nicht uns selbst, sondern unsere Autorinnen und Autoren ins Schaufenster zu stellen.

SZ: Trotzdem gibt es Situationen, in denen es ohne Autorität nicht geht.

Lovenberg: Man konnte in der FAZ nicht autortär sein, weil es nur eine Autorität gab, und das war Frank Schirrmacher. Er hatte beides, meistens das bessere Argument und ein extrem feines Gespür für Macht. Er wusste genau, wie man dafür sorgt, dass das Gegenüber sich ohnmächtig fühlt.

SZ: Sind Sie je ein Opfer von Sexismus geworden?

Lovenberg: Jetzt wollen Sie es aber genau wissen! Darüber habe ich in letzter Zeit durchaus mal nachgedacht, weil man sich mittlerweile ja fast komisch vorkommt, wenn man sagt: ich bin nie Opfer von Sexismus geworden. Aber gravierende Fälle habe ich tatsächlich nicht erlebt.

SZ: Sie haben auch mit Marcel Reich-Ranicki zusammengearbeitet, haben als Redakteurin sogar seine legendäre Lyrik-Rubrik „Frankfurter Anthologie“ betreut. Was für ein Verhältnis hatten sie zu ihm?

Lovenberg: Von Beginn an ein gutes, weil ich früh das Eis gebrochen habe. Am Anfang hat er mich seine Skepsis durchaus spüren lassen nach dem Motto: Ach, da kommt das hochwohlgeborene Fräulein, soll die doch erst mal zeigen, was sie draufhat. Was soll ich sagen, ich habe durchaus Verständnis dafür, wenn jemand wie Reich-Ranicki es erst mal absurd findet, wenn eine 27-jährige Redakteurin seine Texte redigiern soll.

SZ: Wie haben Sie reagiert?

Lovenberg: Mit Humor. Ich war frech, schlagfertig und habe nicht alles persönlich genommen. Das hat ihm imponiert, glaube ich, und wir hatten rasch unseren Modus gefunden. Da war viel Frotzelei dabei, da fielen sicher Sätze, die heute eher nicht mehr gehen, aber ich fand das nie schlimm, eher unterhaltsam und belebend. … Sie kennen doch diese Karikaturen: Ein Mann und eine Frau treffen sich zum Kaffee und verabreden vorher per Vertrag, was zwischen ihnen anschließend passieren darf und was nicht. Es ist traurig, dass sich dieser Witz inzwischen real anfühlt.

SZ: Erkennen Sie, wenn Sie ein Manuskript lesen, ob es von einem Mann oder einer Frau stammt?

Lovenberg: Das habe ich mich noch nie gefragt, weil mich nicht das Geschlecht, sondern die Qualität von Autoren interessiert. Bei einem literarischen Werk glaube ich schon, dass ich es erkennen könnte, nicht auf der ersten Seite, aber nach zwanzig, dreißig. … Klar, Hemingway hat extrem männlich geschrieben, das erkennt man nach drei Sätzen, und dafür ist er groß. …

SZ: Das Klischee sagt: Männer wollen immer mehr wirken als Frauen, sind gockelhafter, narzisstischer, eitler. Erkennen Sie diesen Zug im Umgang mit Ihren Autoren?

Lovenberg: Überhaupt nicht. Jeder Autor, egal ob männlich oder weiblich, will wirken, sonst würde er nicht schreiben. Wer sich ausdrückt, hat eine Sehnsucht danach, gesehen zu werden, das ist einfach so.

2238: Houellebecqs falsche Analyse

Dienstag, Januar 1st, 2019

Das ganze reaktionäre Zeug stand schon in den Romanen Michel Houellebecqs. Nun lobt er in „Harper’s Magazine“ Donald Trump. Das zeigt uns wieder, dass Schriftsteller nicht die besseren politischen Analysten sind, sondern Schriftsteller. Wahrscheinlich ist das Ganze zustande gekommen als PR für den neuen Houellebecq-Roman. Houellebecq lobt Trumps Umgang mit den Menschenrechten und seinen Nationalismus. Nebenbei erledigt er auch die EU, die keine gemeinsamen Werte, gemeinsamen Interessen und keine gemeinsame Sprache habe. Schon gar nicht mit den USA.

Trump ist für den französischen Schriftsteller der Held des Übergangs. Von der Globalisierung und dem Freihandel zurück zur nationalistischen Kultur. Für ihn ist die Aufklärung ein Irrtum. Houellebecq bedauert das Kirchenschisma von 1054, er bewundert den orthodoxen Glauben und den Schriftsteller Fjodor Dostojewski. Bei Houellebecq ist der Mensch für die Freiheit nicht geschaffen. Er will große Reiche, große Nationen und große Herrscher. Und zu Weihnachten hat sich Houellebecq einen Jesus in Ketten gewünscht (Thomas Assheuer, Die Zeit 19.12.18).

Houellebecq hat politisch einen Knall.

2237: Eva Menasses Buch des Jahres

Montag, Dezember 31st, 2018

„Mein Buch des Jahres ist

Hanno Rauterbergs Langessay ‚Wie frei ist die Kunst?‘ (Suhrkamp 2018).

Es ist eins dieser Bücher, an dessen Hand man plötzlich tiefer, freier und vor allem auch weniger aufgeregt denken kann. Anders als die meisten Kombattanten der darin geschilderten Debatten – sei es um das Gomringer-Gedicht, die unzüchtig bekleideten Balthgus-Mädchen oder die Frage, ob ein Schauspieler, der einen Neonazi darstellt, auf der Bühne das Wort ‚Nigger‘ aussprechen darf – bewahrt der Autor die Contenance und seinen analytisch-abwägenden Blick, auch wenn die Ergebnisse, zu denen er kommt, beunruhigend sind. Ja, die Kunst ist nicht mehr so frei wie noch vor einigen Jahren. Und ja, das ist zweifellos eine direkte Folge der ‚Digitalmoderne‘, die ihre Meinungshoheit(en) ganz anders organisiert. Auch wer sich weniger für Kunst und Kunstmarkt interessiert, bekommt mit diesem Buch Pars pro Toto ein präzises Porträt unserer veränderten Gegenwart.“ (SZ 28.12.18)