Archive for the ‘Literatur’ Category

5089: Karin Baal ist tot.

Montag, Dezember 2nd, 2024

Die ungelernte sechzehnjährige Schauspielerin Karin Baal hatte 1956 ihren Durchbruch in Georg Tresslers „Die Halbstarken“ (nach einem Buch von Will Tremper). An der Seite von Horst Bucholz störte sie den Wiederaufbaufrieden der jungen Bundesrepublik. Aber solche Stücke wollte der deutsche Film im Wesentlichen nicht, zu aufmüpfig. So war die Unterschichten-Blondine dann überwiegend im Fernseh-Vorabendprogramm, in Edgar Wallace-Filmen und in „Tatorten“ zu sehen. Eine deutsche Jean Seberg konnte sie nicht werden. Später besetzte Rainer Werner Fassbinder sie in „Berlin Alexanderplatz“ und „Lola“. 2018 erhielt sie den Götz George-Preis. Karin Baal ist in ihrer Heimatstadt Berlin gestorben (Willi Winkler, SZ 2.12.24).

5071: Thomas Brussig erhält eine Nachvergütung von 7,3 Millionen Euro.

Sonntag, November 17th, 2024

Das Landgericht Hamburg hat dem Schriftsteller Thomas Brussig 7,3 Millionen Euro für sein Libretto von Udo Lindenbergs Musical „Hinterm Horizont“ zugesprochen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, weil der Veranstalter „Stage Entertainment“ Einspruch eingelegt hat. Uraufgeführt wurde das Musical 2011 in Berlin. Brussig war ein Honorar von 100.000 Euro und – im Fall von Gewinnen – eine Erfolgsbeteiligung von 0,5 Prozent zugesichert worden. Die Erfolgsbeteiligung floss nicht, und der Autor ging 2014 vor Gericht. Das Urteil erfolgte also nach zehn Jahren.

Es gründet sich auf den Bestsellerparagrafen des Urheberrechts. Für eine faire Nachvergütung wird die Beteiligungsrate angepasst. Sie bemisst sich nach den Empfehlungen der „Regelsammlung Bühne“. Die auf 4,5 Prozent erhöhte Erfolgsbeteiligung ergibt fünf Millionen Euro. Für das Verfahren von rund zehn Jahren kommen 2,3 Millionen hinzu. „Stage Entertainment“ hatte geltend gemacht, wegen hoher Mieten, Gehälter und anderer Produktionskosten keine Gewinne gemacht zu haben. Hier war das Gericht der Meinung, dass ein derartiges Risiko nicht vom Autor getragen werden müsse, sondern vom Unternehmen. Maßgeblich seien die Roheinnahmen aus Ticketverkäufen und dem Merchandising. Thomas Brussig gilt dem Gericht als alleiniger Schöpfer des Musicals, auch wenn er Anregungen und Hinweise des Veranstalters übernommen hatte. Mit einem endgültigen Urteil wird in drei bis fünf Jahren gerechnet (Lara Marmsoler, SZ 15.11.24).

5059: G.W. Pabst in den Perspektiven von Daniel Kehlmann

Sonntag, November 3rd, 2024

Es ist schon bemerkenswert, dass Andreas Veiels Dokumentarfilm „Leni Riefenstahl“ an dem Tag in die Kinos kommt, an dem Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“ (über den Regisseur Georg Wilhelm Pabst, 1885-1967) von Christian Stückl auf die Bühne des Münchener Volkstheaters gebracht wird. Denn Riefenstahl und Pabst haben zusammengearbeitet, wenn auch nur kurz.

Vom „roten Pabst“ kennen wir die „Freudlose Gasse“ (1925 mit Greta Garbo), „Geheimnisse einer Seele“ (1926 wohl den ersten Film, der sich ernsthaft mit der Psychoanalyse auseinandersetzt), „Die Büchse der Pandora“ und „Tagebuch einer Verlorenen“ (je 1929 und mit Louise Brooks, die dadurch zu einer Filmikone wurde). Pabsts ersten Tonfilm „Westfront 1918“ (1930), einen dezidierten Antikriegsfilm, der Pabst bei der Reaktion verhasst machte), „Die Dreigroschoper“ (1931), „Kameradschaft“ (1931). 1933 verließ Pabst Deutschland und arbeitete in Hollywood und Frankreich. Ohne allzu großen Erfolg. Als er 1939 gerade wieder nach Hollywood gehen wollte, befand er sich in Österreich, um seine von ihm geliebte Mutter zu besuchen. Doch bei Kriegsbeginn wurden die Grenzen geschlossen. Und Pabst blieb nichts anderes übrig, als sich mit den Nazis einzulassen. Er wollte nur Filme machen. Das wurden dann Propagandafilme.

Er machte „Komödianten“ (1941), „Paracelsus“ (1943) und „Der Fall Molander“ (1945). Ab 1949 setzte er das Filmemachen fort, ohne Bemerkenswertes hervorzubringen. Bis auf einen Film. Pabst drehte 1955 „Es geschah am 20. Juli“, den ersten deutschen Film, der sich ernsthaft mit dem Widerstand gegen Hitler auseinandersetzte (Claus Schenk Graf von Stauffenberg).

Daniel Kehlmann hat auf Tatsachen für seinen Roman „Lichtspiel“ keine große Rücksicht genommen, er ist eben Romancier. Fest steht aber, dass Leni Riefenstahl für ihren Film „Tiefland“ (1949) Georg Wilhelm Pabst um Hilfe gebeten hat, weil sie sich als seine Schülerin sah. Nach vier Tagen endete die Zusammenarbeit, weil die beiden Regisseure völlig verschiedene Vorstellungen davon hatten, wie mit Schauspielern umzugehen sei. Riefenstahl hatte für „Tiefland“ Lagerinsassen eingesetzt, die später im Konzentrationsalger ermordet wurden. Ähnliches hat Kehlmann auch von Pabsts „Der Fall Molander“ (1945) behauptet. Dafür gibt es aber – im Gegensatz zum fall Riefenstahl – keinen Beweis. Pabst setzte sich nach 1945 kritisch mit dem Antisemitismus auseinander (Egbert Tholl, SZ 2./3.11.24).

5051: Liv Lisa Fries – als Hilde Coppi

Montag, Oktober 28th, 2024

Bekannt geworden ist sie durch ihre Rolle in der Serie „Babylon Berlin“, Liv Lisa Fries, 33. Nun spielt sie in Andreas Dresens Film

„In Liebe, eure Hilde“

die Widerstandskämpferin Hilde Coppi von der

„Roten Kapelle“.

Brillant, aber noch zu wenig bekannt. Hilde Coppis 1942 im KZ geborener Sohn Hans Coppi lebt und wird geehrt. Liv Lisa Fries ist eine einmalige Erscheinung, schön, klein, schmal. Sie verkörpert Hoffnung trotz aller Weltläufte. „Sie ist schön, aber sie nutzt es nicht aus.“ (Peter Kümmel, Die Zeit 17.10.24) In David Schalkos und Daniel Kehlmanns Kafka-Serie spielt sie die

Milena Jesenska,

die 1944 im KZ Ravensbrück gestorben ist. Neben Anthony Hopkins als Sigmund Freud stellt sie überzeugend

Anna Freud

dar, 1938 vor den Nazis nach London geflohen. „Angesichts dessen, was in Deutschland geschehen ist, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, was heute hier passiert“, sagt Liv Lisa Fries.

5048: Schwache Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Samstag, Oktober 26th, 2024

Der Rundfunkbeitrag wird nicht erhöht. Die Entscheidung ist auf Dezember 2024 verschoben. Und auch sonst haben die Ministerpräsidenten der L#nder es nicht geschafft, ARD, ZDF und Deutschlandradio kleiner, moderner, weniger teuer und bei den Gehältern weniger selbstherrlich zu machen. Ja, die Ausgaben für die Sportrechte werden begrenzt. Es bleiben aber

neun

ARD-Anstalten mit Intendanzen, Verwaltungen, Bauprojekten und Statusmöbeln. Eine schlagkräftige Zentrale gibt es nicht. Zudem ist das Ganze rezipientenfeindlich. Was will der Rezipient? Welche Programme geschlossen werden, bleibt bisher unklar. Und der MInutenpreis für Kultur konnte natürlich nicht gesenkt werden.

Ein Misserfolg auf der ganzen Linie (Claudia Tieschky, SZ 26./27.10.24).

5045: AfD scheitert mit Antrag zum Bauhaus.

Freitag, Oktober 25th, 2024

Die AfD Sachsen-Anhalt ist besonders rückständig. Jetzt scheitert sie mit einem Antrag gegen das Bauhaus anlässlich von dessen Jubiläum. Dabei handelt es sich um Kunst als „Inbegriff der Moderne“. Die AfD verwendet die gleichen Argumente wie die Nazis seinerzeit, die schon 1932 gegen das Bauhaus in Dessau vorgingen. Das zeigt, wes Geistes Kind die AfD-Kunstbeauftragten sind. Sie sehen im Bauhaus (Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe) einen „Irrweg der Moderne“.

Diese Banausen haben die Landesregeirung von Sachsen-Anhalt dazu aufgefordert, „eine einseitige Glorifizierung“ des Bauhaus-Erbes zu verhindern.

Die AfD sieht beim Bauhaus in der Konzentration auf das Funktionale „die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt“. Dabei ist das Bauhaus weltweit anerkannt als eine der bedeutendsten Schulen für Architektur, Kunst und Design. Das betrachteten die Nazis als „entartet“, „jüdisch“ und „kulturbolschewistisch“. Die AfD denkt genau so. Dazu die Kultur-Staatsministerin Claudia Roth (Grüne): Leider ist die Art und Weise des Umgangs der AfD mit unserer Geschichte und ein solches Vorgehen gegen die Kulturinstitutionen in unserem Land kein Einzelfall (Nicolas Richter, SZ 25.10.24).

5043: Bayern verweigert Restitution.

Mittwoch, Oktober 23rd, 2024

Obwohl seine eigenen Fachleute es empfohlen hatten, verweigert Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) die Restitution einer Bronze von Pablo Picasso aus dem Besitz des bekannten jüdischen Kunsthändlers

Alfred Flechtheim.

Es handelt sich um NS-Raubkunst. Es geht um einen weiteren Fall, in dem Bayern sich weigert, von den Nazis gestohlene Kunstwerke an die Nachfahren zurückzugeben oder mit ihnen zu kooperieren. Der Minister will ein Schiedsgericht einsetzen (SZ 23.10.24).

5019: Suhrkamp Verlag in der Krise.

Sonntag, Oktober 6th, 2024

Der Suhrkamp-Verlag befindet sich in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Wo letzte Woch erst der 100. Geburtstag von Siegfried Unseld gefeiert wurde. Nun bekommt der Verlag mit dem Hamburger Investor Dirk Möhrle einen einen Alleineigentümer, der bisher 39 Prozent hielt. Das könnte einen Neustart ermöglichen (SZ 5./6.10.24).

5012: BB – 90 Jahre alt

Sonntag, September 29th, 2024

Unter den vielen singulären Diven im Filmgeschäft war sie vielleicht die singulärste: Brigitte Bardot, die 90 Jahre alt wird. Sie spielte mit großen Stars: Sean Connery, Curd Jürgens, Michel Piccoli. Den Moden im Geschäft stand sie zumeist skeptisch gegenüber. Etwa der „Nouvelle Vague“. Auch sonst war sie sehr unangepasst. Ihren ersten großen Erfolg hatte sie 1956 mit „Und ewig lockt das Weib“. Das blieb charakteristisch. Bardot pflegte viele Affären, ging offen mit ihrer Sexualität um, war vier mal verheiratet, u.a. mit Jean-Louis Trintignant und Roger Vadim. Sie neigte zu politischem Konservatismus (bis hin zum Rechtsextremismus), ist Anhängerin des Rassemblement Nationale. Und Tierschützerin. Auf ihrem Anwesen in St. Tropez hält sie viele Tiere. Kämpft gegen die Verwendung von Pferdefleisch. 1963 hatte sie noch einen großen Erfolg. In Jean-Luc Godards „Die Verachtung“. Mit Serge Gainsbourg präsentierte sie Chansond. In den siebziger Jahren hörte sie auf und betrieb nur noch Tierschutz (David Steinitz, SZ 28./29.9.24).

5003: Springer baut Vorstand um.

Sonntag, September 22nd, 2024

Die Axel Springer SE hat als Anfang eines Komplettumbaus eine Aufspaltung ihrer Geschäftsfelder angekündigt. Erstmals seit 1985 soll das Unternehmen wieder voll in private Hand kommen. Die Kontrolle haben der Großaktionär Mathias Döpfner und Friede Springer, 82. Sie halten 98 Prozent der Anteile, zwei Prozent Axel Sven Springer, ein Enkel des Verlagsgründers. Hier werden die Medienmarken „Bild“, „Welt“ und „Politico“ gebündelt.

Das Geschäft mit Kleinanzeigen (Stepstone) und Immobilien, das besonders ertragreich ist, wird eine eigene Firma. Hier haben der US-Finanzinvestor KKR und der kanadische Pensionsfonds CPP Investments die Mehrheit. Aufsichtsratsvorsitzender soll Jan Bayer werden. Julian Deutz wird CEO der neu gegründeten Gesellschaft AS Classifieds. Mark Dekan wird Finanzchef, Claudius Senst CEO. In der Geschäftsführung bei den journalistischen Angeboten wird Caroline Hulshoff Pol CEO bei der „Bild“-Gruppe, Peter Würtenberger bei der „Welt“-Gruppe. Döpfner selbst will einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschreiben (SZ 21./22.9.24).