Archive for the ‘Literatur’ Category

3943: Johannes Willms ist tot.

Mittwoch, Juli 13th, 2022

Johannes Willms ist tot, einer der hervorragendsten Journalisten der Bundesrepublik. Er wurde 74 Jahre alt. Er war Redaktionsleiter des ZDF-Magazins „Aspekte“ und ein Anhänger von Karl Poppers Idee der „offenen Gesellschaft“. Ein Feuilletonist und Anti-Spießer. Interesse an Geschichte und Literatur war für ihn selbstverständlich. Mit politischer Korrektheit hielt er sich nicht lange auf, weil er an das Wichtige heranwollte. Willms hat das

„Literarische Quartett“

erfunden, das uns heute noch mit Sigrid Löffler, Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek klar vor Augen steht. Willms machte dadurch Literatur gesellschaftsfähig. Von 1993 bis 2000 war er Feuilleton-Chef der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ). Populäre Kultur, klassische Rezensionen und poltisches Feuilleton bildeten die soliden Stanbeine der Berichterstattung. Willms hatte wenig Interesse für Ansätze und Methoden, bei ihm standen die Inhalte im Mittelpunkt. Der Frankreich-Kenner hat viele Bücher über unseren westlichen Nachbarn geschrieben und dazu beigetragen, dass das gegenseitige Verständnis stieg (Alexander Gorkow/Nils Minkmar, SZ 13.7.22).

3938: Moralischer Bankrott der Documenta-Verantwortlichen

Samstag, Juli 9th, 2022

Die Documenta-Verantwortlichen, allen voran Geschäftsführerin Sabine Schormann, haben zuerst antisemitische Machwerke zugelassen. Dann zu spät beseitigt. Nun behindern sie die Aufarbeitung des Skandals. Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, ein israelisch-deutscher Pädagoge, hatte angeboten, die anderen Kunstwerke der Ausstellung auf weitere Problemfälle zu überprüfen. Mit ihrer Antwort hielt Frau Schormann ihn so lange hin, bis er sich zurückzog (Kia Vahland, SZ 9./10.7.22).

Die Documenta ist gescheitert.

Hoffentlich ist sie nicht insgesamt gefährdet.

Bitte gehen Sie nicht zur Documenta. Sie würden damit die Falschen unterstützen.

3937: Bildung wird immer noch vernachlässigt.

Samstag, Juli 9th, 2022

Es unterliegt keinem Zweifel mehr, dass die Lernleistungen in der Zeit der Pandemie zurückgegangen sind. Das gilt alters-, fächer- und milieuübergreifend. Psychosoziale Entwicklung und körperliche Verfassung haben gelitten. Und die Bildungsungerechtigkeit hat sich im gesamten Bildungssystem verschärft. Diese Entwicklung hat schon vor der Pandemie begonnen. Dabei geht es nicht nur um die Digitalisierung, so wichtig sie ist. Sondern Bildung bedeutet die Erweiterung der Gedanken. Auf drei zentralen Feldern muss es zu entscheidenden Verbesserungen kommen:

1. Der Lehrermangel muss beseitigt werden. Für diesen Beruf kommen aber auch nicht alle Personen einfach in Frage. Deren Qualifikation ist gefragt und muss gefördert werden.

2. Es muss eine Lehrplanreform durchgeführt werden, die a) zu Straffungen und Streichungen führt und b) die Lebenswelt der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Exkursionen und Klassenfahrten sollten das Gelernte vertiefen.

3. Verstärkt werden muss die individuelle Förderung des einzelnen Kindes. Wir können es uns nicht leisten, verantwortungslos auf Kompetenzen zu verzichten. „Hierfür ist ein Austausch zwischen Lernenden, Eltern, Lehrpersonen, Wissenschaft, Bildungsverwaltung, -politik und -öffentlichkeit nötig – aber nicht nur als Feigenblatt oder als Alibiveranstaltung, sondern mit aller Wucht und Verbindlichkeit. Unsere Kinder und Jugenlichen haben mehr Aufmerksamkeit verdient.“

(Klaus Zierer, SZ 8.7.22)

3935: Woody Allens vorläufig letzter Fim „Rifkin’s Festival“ erscheint.

Freitag, Juli 8th, 2022

Jahrtehntelang erschien von Woody Allen pro Jahr ein Film. Darunter künstlerisch und ökonomisch hoch erfolgreiche Titel wie „Der Stadtneurotiker“, „Manhattan“, „Hannah und ihre Schwestern“, „Matchball“. Bis sich in der letzten Zeit dem Zeitgeist gemäß die Kampagne von Mia Farrow (seit 1992) durchsetzte. Danach hat Allen die gemeinsam Adoptivtochter Dylan missbraucht. Bewiesen ist nichts. In der HBO-Dokumentation „Allen v. Farrow“ wurden Akzente pro Farrow gesetzt.

Allens vorläufig letzter Film „Rifkin’s Festival“ war bereits 2019 fertig, fand aber zunächst keinen Verleiher. Und er zeigt ein Problem, das es in all den Jahren bei Allen nie gegeben hatte: Die Schauspieler sind nicht alle erstklassig. Während sie früher Allen dankten, wenn er sie besetzte, und für eher geringe Gagen spielten, so hatte Allen stets ein Starensemble am Start, genügen dieses Mal die Schauspieler nicht durchgängig höchsten Anforderungen. Sie vermitteln das Gefühl, dass Allen selbst nicht so richtig Bock hatte, als er sich seine Story ausdachte. So können Schmutzkampagnen wirken. Letzte Woche kündigte Woody Allen in einem Instagram-Interview mit Alec Baldwin an, der sich demonstrativ auf Allens Seite gestellt hatte, dass er noch einen Film, seinen letzten, machen werde (David Steinitz, SZ 7.7.22).

Darauf warte ich.

3932: Was verspricht sich Martin Walser von der Überlassung seines Vorlasses ?

Dienstag, Juli 5th, 2022

Der 95 Jahre alte Schriftsteller Martin Walser hat seinen Vorlass komplett an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar übergeben. In Frühjahr hatte das Literaurarchiv diesen großen Vorlass für eine nicht genannte große Summe erworben (mit großzügiger Unterstützung durch viele Institutionen). Vorlässe schon zu Lebzeiten sind eine relativ junge Erscheinung. 75.000 Manuskriptseiten hat Walser nach Marbach gegeben, dazu seine Bibliothek und 75 Tagebücher. Daraus sind bisher nur Auszüge publiziert. Hinzu kommen Briefwechsel mit Verlegern und berühmten Schriftstellern wie Alfred Andersch, Rudolf Augstein, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll und Uwe Johnson. In der Nachbarschaft von Walsers Vorlass befindet sich der Nachlass Marcel Reich-Ranickis. Walser hat sehr viel geschrieben. Und sehr viel politisch Umstrittenes (etwa seine Paulskirchenrede 1998). Wahrscheinlich kann man aus dem Walserschen Vorlass viel über andere Autoren erfahren. Etwa aus der Gruppe 47. Walsers „Tod eines Kritikers“ steht heute noch im Mittelpunkt literarischen Interesses (Lothar Müller, SZ 5.7.22)

3923: Ernst Jacobi ist tot.

Mittwoch, Juni 29th, 2022

Er hat große Personen der Weltgeschichte verkörpert: Jakob Fugger, Emile Zola et alii. Trotzdem war seine gezähmte Bürgerlichkeit sein Markenzeichen. Vor allem auf dem Theater. Schon als Jugendlicher hatte Ernst Jacobi Sprechrollen beim RIAS übernommen. In seiner Karriere war er beim Schillertheater in Berlin, bei den Münchener Kammerspielen und beim Wiener Burgtheater. Und er war dabei in der Experimentierphase des Fernsehens. „Am Tag, als der Regen kam“ (1959), „Schwarzer Kies“ (1961), er spielte den Gauleiter in Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“. In Jan Troells „Hamsun“ gab er den „Führer“ neben Max von Sydow als Hamsun. Vielleicht sein größter Erfolg: in „Deutschland, bleiche Mutter“ von Helma Sanders-Brahms (1980). Jacobis Markenzeichen war sein unverkennbare Stimme. Er stellte uns dar, dass nicht nur die Städte in Deutschland in Trümmern liegen, sondern auch das System der gesellschaftlichen Rollen. Den Höhepunkt erreichte Ernst Jacobi als Erzähler in Michael Hanekes „Das weiße Band“. Mehr geht nicht (Fritz Göttler, SZ 24.6.22).

3915: Kia Vahland über den Antisemitismus auf der Documenta

Dienstag, Juni 21st, 2022

Nun ist es ganz klar. Am Freitag wurde auf der Documenta ein offen antisemitisches Gemälde des indonesischen Künstlerkollektivs Tarik Padi angebracht. Mit wölfischen Reißzähnen, Schläfenlocken, Kippa und SS-Mütze.

Die Opfer des Holocaust werden zu Tätern gemacht.

Und ein Schwein mit Davidstern wird als „Mossad“ bezeichnet. Wie der israelische Auslandsgeheimdienst. Wie alt jenes Schandmotiv des Schweins ist, zeigt gerade die Debatte (einschließlich Bundesverfassungsgericht) über die Wittenberger „Judensau“.

Kia Vahland (SZ 21.6.22) schreibt dazu:

„Dieser Hass, diese Hetze von Kassel zerstören einen schönen Traum: dass die Kunstschau des Jahres eine Feier der Freiheit und der Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen werden könnte. Sehr viele der mehr als 1.500 Eingeladenen wollten und wollen genau das. Einige aber verbreiten lieber üble Ressentiments. Und andere verhindern ebendieses nicht: Weder das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa schritt ein noch die Geschäftsführerin oder jene Kulturfunktionäre, die das Werden der Ausstellung seit Monaten begleiten.

Es ist ein einziges Scheitern.

Worauf wartet Ruangrupa noch – wann erklären sich die Kuratoren und ihre Unterstützer, hören den nun zu Recht entsetzten Jüdinnen und Juden im Land zu und nehmen ihrerseits das gesamte Gemälde ab, anstatt nur Teile zu verhängen? Wollen sie jetzt wirklich abwarten, ob das andere verfügen, und dann ‚Zensur‘ schreien? Man kann es auch immer noch schlimmer machen.

Den Schaden tragen jetzt schon all jene Künstler, die um der Kunst und des Austausches willen nach Deutschland reisten und unbedingt Sehenswertes schufen. Für sie lohnt sich immer noch ein Besuch.“

3912: Claudia Roth: Reist zur Documenta nach Kassel !

Montag, Juni 20th, 2022

In einem Interview mit Catrin Lorch (SZ 20.6.22) spricht Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) über die 15. Documenta:

„Ich habe am Wochenende viele Menschen erlebt, die berührt, die begeistert waren. Und kann nur hoffen, dass das Publikum die große Chance erkennt, die ihm die Documenta fifteen bietet: nämlich viele, auch entlegene Sichtweisen des globalen Südens nachzuvollziehen. Dafür braucht es aber den Mut und die Neugier, sich zu öffnen. Was man in Kassel erlebt, muss nicht jedem gefallen, vieles kann irritieren, manches auch zur Verärgerung führen. Aber gerade der

Auftritt des Bundespräsidenten

war doch eine Aufforderung an die Öffentlichkeit, dort hinzureisen, sich selbst ein Bild zu machen, die Kunst sprechen zu lassen.“

3908: Marcel Reich-Ranicki-Ausstellung in Frankfurt

Freitag, Juni 17th, 2022

Pandemiededingt findet die Marcel Reich-Ranicki-Ausstellung erst jetzt statt. Geplant war sie für 2020 (100. Geburtstag). Ausgerichtet wird sie von der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt (in Zusammenarbeit mit dem Exilarchiv). Gewidmet ist sie Reich-Ranickis vielen Rollen in der deutschen Literatur. Er war von den Deutschen als Jude mit dem Tode bedroht, polnischer Agent und Konsul in London. Aber Marcel Reich-Ranicki war natürlich viel mehr: agnostischer Jude, Ruhestörer, Polemiker und Provokateur, Kritiker, Literaturchef und Medienstar. Das hatte er dem deutschen Fernsehen zu verdanken, wo er von 1988 bis 2001 „Das literarische Quartett“ präsentierte. Das haben wir ja heute noch, aber vielleicht nicht mehr mit der Relevanz wie bei Reich-Ranicki. Unter den Gegnern Reich-Ranickis habe ich viele Antisemiten gekannt.

Marcel Reich-Ranicki, der kurz nach dem Abitur 1938 in Berlin, nach Polen deportiert worden war, musste dort im Warschauer Ghetto überleben. Mit seiner Frau gelang ihm 1943 die Flucht. Seither lebten die Reich-Ranickis ständig mit dem Tod bedroht im Untergrund. Marcel übersetzt für den Judenrat. 1945 kamen sie nach Berlin. 1948 nach London. Dort arbeitete Reich-Ranicki auch für den kommunistischen Geheimdienst. Erst 1957 gelangten die Reich-Ranickis in die Bundesrepublik. Hier erfolgte die große Karriere als Literaturkritiker und Fernsehmoderator. Reich-Ranicki hatte sich die Popularisierung der Literaturkritik auf die Fahnen geschrieben, die auch ein Stück Trivialisierung mit sich brachte. Er verschaffte der Literatur ein höheren Stellenwert. Und war der wichtigste Literaturkritiker in Deutschland nach 1945 (Rudolf Walther, taz 7.6.22).

3905: Der Rundfunkbeitrag bringt 3,8 Prozent mehr.

Donnerstag, Juni 16th, 2022

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschied im Juli 2021, dass die Erhöhung des Rundfunkbeitrags trotz des Widerstands aus Sachsen-Anhalt umgesetzt werden musste. Seither zahlen wir alle 18,36 Euro im Monat für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das ergibt 8,42 Milliarden, 3,8 Prozent mehr.

8,26 Milliarden Euro flossen an ARD, ZDF und Deutschlandradio, 159 Millionen erhielten die Landesmedienanstalten.

Das ZDF erhielt 2,1 Milliarden. Danach folgen absteigend und ihrer Größe entsprechend die ARD-Sender WDR, SWR und NDR. Die neun ARD-Anstalten kommen insgesamt auf 6 Milliarden Euro. Das Deutschlandradio kriegt 240 Millionen Euro (Aurelie von Blazekovic, SZ 15.&16.6.22).