Bei der Verleihung des „Internationalen Literaturpreises“ durch das „Haus der Kulturen der Welt“ (HKW) in Berlin 2023 kam ans Licht, was vermutlich schon bei manchen Preisverleihungen der Fall war. Dass der Preis nicht nach literarischen, sondern nach identitätspolitischen Kriterien vergeben wurde. Die Jurorinnen Juliane Liebert und Ronya Othmann machten darauf aufmerksam, dass nachdem die Punkte vergeben worden waren, eine Jurorin darauf verwiesen habe, dass die Autorin von „Über die See“, Marietta Navarro, eine
„weiße Französin“
sei. Sie zog daraufhin ihr Votum für Navarro zurück. Liebert und Othmann berufen sich auf ein HKW-Regelblatt, in dem steht:
„Die Einreichungen werden ohne Bevorzugung oder Vorurteile in Bezug auf Verlegerin, Herausgeberin, Autorin, Übersetzerin, Nationalität, ethnische Zugehörigkeit sowie politische und religiöse Ansichten bewertet.“
Nach der Meinung von Liebert und Othmann geht es bei der literarischen bewertung allein um Sprache, Originalität, um Voruteilsfreiheit in Bezug auf Identität und Ansehen des Autors, um Einzigartigkeit von Thema und Stimme. Damit verteidigen sie die Regeln des „Internationalen Literaturpreises“. Das teilten sie der Öffentlichkeit auch mit. 2024 wurden sie als Jurorinnen nicht wieder berufen (Nele Polatschek, SZ 25./26.5.24).
Ohne es belegen zu können, vermute ich, dass nicht-literarische Kriterien heute sehr häufig Jury-Entscheidungen zugrunde liegen. Das ist falsch und muss korrigiert werden.
Nachbemerkung: Eines ist ganz klar: dass ich der heute weithin geächteten Gruppe der alten weißen Männer zugehöre. Das tu ich sehr gerne. Bitte achten Sie darauf, wer uns so bezeichnet. Und wie schätzen Sie unsere Macht ein?