Archive for the ‘Kunst’ Category

3412: Bob Dylan 80 – auf ihn können wir nicht bauen.

Sonntag, Mai 23rd, 2021

Der Dichter, Liedermacher und Folksänger Bob Dylan wird 80, Nobelpreisträger für Literatur ist er auch. Und trotzdem können wir auf ihn nicht bauen, was er möglicherweise von Bertolt Brecht gelernt hat. Sein Prinzip ist Distanz, Widerruf, Wechsel, systematisch erfüllt er unsere Erwartungen nicht. Vielleicht hat er auch gar nichts, das zu erfüllen ist.

Dabei hatte alles doch so schön fortschrittlich angefangen. Mit dem „Marsch auf Washington“ 1963, wo Martin Luther King uns mittteilte „I have a dream“. Die Kubakrise überlagerte alles andere. Barry McGuire meinte 1965 mit „Eve of Destruction“ den Weltuntergang. Gudrun Ensslin und Bernward Vesper sammelten Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe.

Bob Dylan inszenierte sich selbst. Mir erschien es manchmal so, als habe er von Politik gar keine Ahnung. Und sicher bin ich mir auch heute noch nicht. Er hatte von Bertolt Brecht gelernt. Vor allem aber 1965 in Newport die Gitarre eingestöpselt. Von da an war alles anders auf der Welt. „Like a Rolling Stone“. Dylan ging nach Nashville, wurde Zionist, dann Christ. Manchmal im eiligen Wechsel. Seinen Fans erschien er meist glaubwürdig. Er sang vor dem Papst und machte gleich danach Werbung für die Unterwäsche von „Victoria’s Secret“. Wie Willi Winkler schreibt (SZ 22., 23.24.5.21), hätte Bob Dylan 1966 bereits ausgesorgt gehabt, falls er Gottfried Benns Verdikt gefolgt wäre, dass der beste Dichter  nicht mehr als nur fünf gute Gedichte zustandebringe.

Manche seiner ehemaligen Fans halten Bob Dylan vor, er sei nicht mehr der Protestsänger, der seine Stimme erhebt gegen das Unrecht in der Welt, der Partei nimmt für Minderheiten und Ausgestoßene. Bob Dylan erklärte den Tag von Dallas, an dem John F. Kenndy 1963 ermordet wurde, zum Tag der Schande, an dem das Zeitalter des Antichrist begann. Vielleicht. Man kann einfach nicht auf ihn bauen.

Wolf Biermann, fünf Jahre älter als Bob Dylan, schreibt (Literarische Welt 22.5.21): „Unter den Lebenden ist Bob Dylan mein hellster Stern am Liederhimmel. Und er brauchte nicht auch noch den Nobelpreis, um den Ton seiner Epoche so voll zu treffen. Eher umgekehrt: Die Literatenjury … brauchte diesen widerborstigen Kandidaten, um endlich wieder auf der Höhe ihrer Zeit zu sein.“

3409: Rahel Varnhagen – vor 250 Jahren geboren

Mittwoch, Mai 19th, 2021

1771 wurde Rahel Varnhagen als Jüdin Rahel Levin in Berlin geboren. 1833 starb sie als Rahel Varnhagen van Ense. Und sie markiert als erste eine zentrale Phase der Aufklärung, der freien Kommunikation. Die in der Zeit üblichen Demütigungen für Juden musste sie alle ertragen, überwand sie aber in ihrem Salon in der Jägerstraße. Sie war gleich dreifach benachteiligt: „nicht reich, nicht schön und jüdisch“, wie Hannah Arendt schrieb. Im Salon traf sich tout Berlin. Der Prinz von Preußen, die Brüder Humboldt, Schleiermacher, Friedrich Schlegel, der Antisemit Brentano, Chamisso, die Brüder Tieck und Jean Paul. Später, nach dem Ende der napoleonischen Besatzung

Heinrich Heine.

Rahel war ein Genie des Zuhörens, ein Genie der Freundschaft und ein Genie der Feder. Geheiratet hatte sie den vierzehn Jahre jüngeren Diplomaten und Historiker August Varnhagen van Ense (1785-1858), der ihre soziale Stellung sicherte und sich nach ihrem Tod um ihr literarisches Erbe kümmerte. Hannah Arendt fühlte sich Rahel Varnhagen anscheinend biografisch verbunden.

Rahel Varnhagen war die Inkarnation des Milieus, das Jürgen Habermas (geb. 1929) für seinen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) analysiert hatte. Kennzeichnend war „Publizität“ an Stelle der Arkanpolitik des Feudalismus. Das räsonnierende Publikum stellte Öffentlichkeit her. Allerdings kam es mit der Pressefreiheit und dem Entstehen der großen Pressekonzerne Ullstein, Mosse und Scherl zu einer „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“. Sie erscheint angesichts der gewalttätigen Hetze in den sozialen Medien heute wie ein Windhauch, auch wenn sie zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hatte (z.B. Hugenberg-Konzern).

Entdeckt hatte Hannah Arendt (1906-1975) Rahel Varnhagen für ihr Habilitationsprojekt „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“, das 1938 in Paris abgeschlossen wurde und auf Deutsch erst 1959 erscheinen konnte. Arendts Rahel-Buch trägt autobiografische Züge. Sie erkannte in Varnhagen eine „seelenverwandte Jüdin“ und entwickelte den Begriff Paria. Rahel hatte 1819 die ersten antijüdischen Pogrome in Preußen erlebt. Ihr Judentum empfand sie zeitweise als Schmach. Arendts Lektor für ihr Buch im Piper Verlag, war, ohne dass Arendt es wusste, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und ein Ex-SS-Mann.

An Gershom Scholem schrieb Arendt: „Die Juden sind ja doch alle heimlich der Meinung, ich sei antisemitisch, sehen nicht, wie gerne ich Rahel hatte, als ich über sie schrieb.“ „Hannah Arendt scheint im Rahel-Buch auch ihre dramatische Liebesbeziehung mit Martin Heidegger zu verarbeiten, die damals noch streng geheim war. Niemand außer Heidegger und ein paar Eingeweihten konnte diesen Subtext verstehen. Erst 1982, als die Sache publik wurde, konnte man die Flaschenpost, die sie in den Tiefen der Biografie versenkt hatte, entkorken.“ (Michael Maar, SZ 19.5.21)

Rahel Varnhagens Kunst lag in ihrer Korrespondenz. Sie schrieb Briefe, wie andere Leute atmen. Varnhagen rühmte sich Jean Paul gegenüber, er besitze an die dreitausend Briefe von ihr. Um Johann Wolfgang Goethe trieb sie einen regelrechten Kult.

„Warum ragt sie so aus ihrer Zeit heraus? Ganz Esprit, ganz Herz, Feministin avant la lettre, für die Judenemanzipation kämpfend, Freidenkerin – alles wahr, aber das Entscheidende ist etwas anderes. Es ist ihre Sprache, ihr Stil, in dem sich ihr freies Denken niederschlägt. Rahel Varnhagen hasste das Klischee.“

3407: Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthass

Montag, Mai 17th, 2021

Theodor Lessing (1872-1933) war Hannoveraner. Er wurde eines der ersten Opfer von Nazimördern. Zu seinen Jugendfreunden hatte Ludwig Klages gehört. Er hatte Medizin und Philosophie studiert und in München in Philosophie promoviert. Dann arbeitete er als Aushilfslehrer und von 1906 bis 1907 als Theaterkritiker bei der „Göttinger Presse“.

Nach seiner Rückkehr nach Hannover griff er den Kritiker Samuel Lublinski in einer Satire an. Thomas Mann verteidigte Lublinski, der als einer der ersten das Format der „Buddenbrooks“ erkannt hatte. Mann publizierte unter dem Titel „Der Doktor Lessing“ eine Polemik. Lessing wurde zum Begründer der Volkshochschule in Hannover, später Philosophieprofessor. Durch seine Schriften über den Massenmörder Fritz Haarmann (der ein Polizeispitzel war) und den späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg („hinter einem Zero verbirgt sich immer ein künftiger Nero“) machte er sich in Hannover unbeliebt. Studenten der Technischen Hochschule Hannover störten Lessings Vorlesungen mit Gewalt und trieben antisemitische Hetze. Sie vertrieben den Philosophen aus Hannover, ein Schandfleck der deutschen Geistesgeschichte.

Aus seinen Publikationen ragen drei heraus:

„Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“ (1908),

„Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919) und

„Der jüdische Selbsthass“ (1930).

In dieser letzten Schrift ist enthalten die Geschichte von Maximilian Harden (Felix Ernst Witkowsky) (1861-1927). Er wurde in Berlin als Jude geboren und konvertierte 1878 zum Protestantismus. Der Zwölfjährige musste auf Druck seines Vaters das

Französische Gymnasium

verlassen. Er wurde Schauspieler und arbeitete für renommierte Zeitungen als Theaterkritiker. 1892 gründete Harden die Zeitschrift

„Die Zukunft“ (bis 1922),

in der er sich, geprägt von Elitenbewusstsein, scharf zu politischen und künstlerischen Fragen äußerte. In seiner Zeitschrift bekam aber auch die Sexualreformerin Helene Stöcker eine Plattform. Ab 1906 griff Maximilian Harden scharf das homosexuelle Milieu im persönlichen Regiment des Kaisers an (Philipp Eulenburg), es kam zu mehreren Prozessen. Deswegen rechnete sein einstiger Verehrer Karl Kraus aus Wien in seiner Schrift „Maximilian Harden. Eine Erledigung“ mit Harden ab.

Den Ersten Weltkrieg gegenüber wurde Maximilian Harden immer kritischer. Er war von der Kriegssschuld Deutschlands überzeugt. Am Ende des Krieges bezog er sozialistische Positionen. Wenige Tage nach dem Mordanschlag auf seinen früheren Freund Walther Rathenau verübten Freikorps-Männer am 3. Juli 1923 vor seinem Haus im Grunewald einen Mordanschlag auf Harden. Er überlebte schwer am Kopf verletzt. Kurt Tucholsky kritisierte in der „Weltbühne“ die Behandlung der Attentäter durch die deutsche Justiz.

Die Verteidiger der Attentäter sind „deutschnationale Juden, die deutscher sein wollen als Deutsche. Der Vorsitzende des Gerichts ist ein zum Christentum konvertierter Sohn eines Rabbiners. Diese Juden, die keine sein wollen, urteilen nun über den antisemitisch motivierten Mordversuch an einem Juden, der keiner sein will. Und kommen zu dem grausam deutschen Schluss, dass der jüdische Journalist durch seine Artikel selbst schuld war, dass gute Deutsche ihn umbringen wollten.“

In Wien wurden die Täter als „gedungene Meuchelmörder“ verurteilt. Maximilian Harden emigierte in die Schweiz, wo er 1927 starb, ohne die „Die Zukunft“ weitergeführt zu haben. Theodor Lessing wurde im August 1933 in Marienbad/Tschechoslowakei von drei Nazis erschossen.

(Johanna Adorjan, SZ 11.5.21)

3401: Das „Luf-Boot“

Dienstag, Mai 11th, 2021

Das aus der Südsee stammende, imposante „Luf-Boot“ wurde 2018 vom Ethnologischen Museum Dahlem ins Humboldt-Forum in Berlin-Mitte expediert. Unter großem Aufwand. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Prof. Dr. Hermann Parzinger, erklärte es für „erworben“. Also als keine Raubkunst.

Der Historiker Götz Aly widerspricht dem in seinem neuesten Buch. Darin erzählt er, wie die Deutschen die Bewohner der Hermitinseln, deren größte Luf ist, töteten, vergewaltigten und zur Zwangsarbeit auf den Kokosplantagen verschleppten. Aly ist familiär verstrickt. Sein Urgroßonkel war als Militärpfarrer bei der Deutschen Kriegsmarine und wirkte an der Unterwerfung der Ureinwohner mit. Die dort tätigen deutschen Unternehmen betrachteten die Inselbewohner vor allem als kostenlose Arbeitskräfte. Die meisten von ihnen sahen ihre Heimatinseln nie wieder. Sie starben vor Erschöpfung oder an eingeschleppten Krankheiten (Mark Siemons, FAS 9.5.21; Jörg Häntzschel, SZ 10.5.21).

3400: Ist Peter Handke ein Faschist ?

Dienstag, Mai 11th, 2021

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke (Nobelpreisträger für Literatur 2019) hat am Wochenende in Serbien und in der bosnischen Serbenrepublik Orden und Preise entgegengenommen. Kritiker hatten darauf verwiesen, dass Handke serbische Kriegsverbrechen während der Jugoslawien-Kriege bagatellisiert hatte. Den Orden der Republica Srbska hatte Handke aus der Hand der Präsidentin Zeljka Cvijanovic erhalten. In Visegrad überreichte ihm der Regisseur Emir Kusturica den Ivo-Andric-Preis. Am Sonntag erhielt Handke einen Orden aus der Hand des serbischen Präsidenten Aleksander Vucic.

Bosnien reagierte entsetzt. Das kroatische Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums, Zeljko Komsic, sagte: „Handke mag ein Nobelpreisträger zum Quadrat sein, aber in den Tiefen seiner Seele ist er ein Faschist.“ (SZ 10.5.21)

3395: Humberto Maturana ist gestorben.

Samstag, Mai 8th, 2021

Im Alter von 92 Jahren ist in Santiago de Chile der Biologe und Philosoph Humberto Maturana gestorben. Als Erfinder des

„Konzepts der Autopoeisis“

ist er in den Wissenschaften und insbesondere in der Wissenschaftstheorie („Biologie der Kognition“ 1970) sehr wichtig. Seine Bedeutung geht weit über die Naturwissenschaften hinaus. Er hat den

Konstruktivismus

mit geschaffen und damit einen zentralen Beitrag zum Verständnis von Informationen, Nachrichten, Berichterstattung, zum Verständnis der Welt geliefert (die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien). 2021 wichtiger als je zuvor.

Seit 1948 hatte Maturana Medizin studiert. Ging 1956 zum Promotionsstipendium nach Harvard, wo er sich mit der Anatomie und dem Sehvermögen von Fröschen befasste. Unter anderem fand er heraus, dass der Frosch nach Eingriffen in sein Nervensystem beim Versuch, eine Fliege zu fangen, seine Zunge hartnäckig in eine Richtung warf, während die Fliege in der anderen zu finden war. Nicht die Fliege also koordinierte die Wahrnehmungen des Frosches, sondern sein Gehirn kordinierte seine Wahrnehmungen und Bewegungen. Der Frosch brachte seine Welt selbst hervor (Selbsterzeugung).

In der Kommunikationswissenschaft bedeutete das eine starke Erschütterung des Glaubens an die Objektivität, die Trennung von Nachricht und Meinung, nach der heute immer noch verfahren wird. Alles, was gesagt wird, wird von jemand gesagt. Wie Heinz von Foerster sagt: Die Anrufung der Objektivität ist gleichbedeutend mit der Abschaffung der Verantwortlichkeit. Darin liegt ihre Popularität begründet. Wie Humberto Maturana gemeinsam mit Francisco Varela („Der Baum der Erkenntnis“ 1984) herausarbeitete, ist es der Beobachter, der von seinem distanzierten Standpunkt aus Korrelationen herstellt. Konstruktionen von Wirklichkeit sind insofern indifferent gegen Fakten. Nichts, was sich beschreiben lässt, ist unabhängig von uns. Die Welt erscheint uns so, wie wir sie sehen wollen.

Wir befinden uns also in einem Dilemma: Auf der einen Seite droht die Gefahr, dass wir objektive Phänomene nicht wahrnehmen können, da es keinen Mechanismus gibt, der solch eine Information möglich macht. Andererseits sind wir von Willkür und Chaos bedroht, von einer Nicht-Objektivität, in der alles beliebig und möglich erscheint. Wir müssen lernen, auf der Mittellinie zu wandern, einmal das Extrem des Objektivismus zu vermeiden und andererseits das Extrem des Idealismus (Subjektivismus). Unsere Sprache (als Resultat liebevoller Kommunikation und nicht als Mittel des Kampfes) ermöglicht uns Problembewusstsein und Selbstreflexion. Nicht zuletzt das hat uns Humberto Maturana erschlossen und gezeigt.

Und viele Wissenschaftsfeinde, Propagandisten, Querdenker, Esoteriker und Nazis haben das noch nicht verstanden und wollen es nicht wahrhaben.

3385: „Zeit“ verliert gegen Marc Wiese.

Freitag, April 30th, 2021

Das Landgericht München hat entschieden, dass die „Zeit“ Passagen aus dem Text über Marc Wieses Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ nicht weiter verbreiten darf. In dem Beitrag „Das ist, als würde ich ihm Koks geben“ wurde Wieses Film im Zusammenhang mit der gefälschten Dokumentation „Lovemobil“ gebracht. Der Regisseur erwecke in dem Film mittels Voice-Over den falschen Eindruck, mit dem Killer auf den Philippinen selbst gesprochen zu haben.

Dem hatten Marc Wiese und der zuständige SWR widersprochen. Das Voice-Over sei ein übliches Verfahren und suggeriere nicht, dass der Sprechende vor Ort gewesen sei. Das Landgericht Berlin urteilte nur, es handle sich um ein Falschzitat, das in der „Zeit“ übernommen worden sei, und untersagte die Passagen. Wiese müsse sie nicht hinnehmen (Claudia Tiesachky, SZ 30.4./ 1./2.5.21; Michael Hanfeld. FAZ 30.4.21).

3384: Nina Gladitz ist tot.

Freitag, April 30th, 2021

Der Kampf gegen die Atomindustrie und der Kampf gegen Leni Riefenstahl bestimmten das Oeuvre der Filmemacherin Nina Gladitz. Dafür stehen ihre Filme „Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“ (1976) (gekennzeichnet durch Schäferhunde, Wasserwerfer, Stacheldraht und Hubschrauber) und „Zeit des Schweigens und der Dunkelheit“ (1982).

Das geplante Kernkraftwerk Wyhl wurde nicht gebaut. Und Leni Riefenstahl konnte Nina Gladitz nachweisen, dass sie für ihren Film „Tiefland“ Sinti und Roma aus dem Lager Maxglan bei Salzburg eingesetzt hatte, die später in Auschwitz ermordet wurden. In dem von Riefenstahl angestrengten Prozess bekam Nina Gladitz in fast allen Punkten Recht. 2020 erschien ihr Buch „Leni Riefenstahl – Karriere einer Täterin“, in dem Gladitz zeigt, wie Riefenstahl sich den Nazis angedient hatte. Nun ist Nina Gladitz im Alter von 75 Jahren gestorben (Willi Winkler, SZ 30.4./1., 2.5.21).

3375: Konzertierte Aktion von Schauspielern geht schief.

Sonntag, April 25th, 2021

53 teils recht prominente Schauspieler haben in Kurz-Videos ihren Unmut über die Corona-Bekämpfungspolitik kundgetan. Das ist ihr gutes Recht. Nun gelten Schauspieler weithin ja nicht als die Hellsten, was sich bei dieser Aktion auch wieder zeigt. Zumal die häufig genutzten Mittel der Ironie oder der Satire von sehr Vielen nicht verstanden werden.

Was die Angelegenheit hier aber prekär macht, ist der Beifall von der falschen Seite: Alice Weidel (AfD), Attila Hildmann (Querdenker), Hans-Georg Maaßen (CDU-Kandidat in Thüringen). Wenn die Springer-Presse hier mittut, ist das nur ein Zeichen dafür, dass ihr der „größte Erfolg der Querdenker-Szene“ egal ist.

Natürlich kann man sich an Jan-Josef Liefers Auftritt auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 erinnern, nach dem fünf Tage später die Mauer fiel. Aber dabei muss man die Unterschiede im Kopf haben. Die 53 Videos präsentieren ein beklemmend geschlossenes Weltbild. Fehlen bloß noch Impfgegner. Und die Toten und die Schwerkranken. Heike Makatsch hat ihr Video zurückgezogen. Richy Müller erklärte sich für „blauäugig“. Von den 53 Videos blieben nur 37 im Netz.

Es gab Widerspruch aus Künstler- und Schauspielerkreisen. Von Nora Tschirner, Christian Ulmen, Elyas M’Barek, Wayne Carpendale. Hans-Joachim Wagner schrieb: „Meine Güte! Wir Schauspieler sind sicher nicht die Hellsten. Aber das ist von einer selbstgefälligen Dämlichkeit, die selbst mich überrascht. Zu diesem Zeitpunkt, diese Aktion von privilegierten Großdarstellern?“

Sandra Hüller schrieb: „Leute. Bitte“

(Jörg Thomann, FAS 25.4.21)

3373: Michel Foucault: Welchen Einfluss hat die Pädophilie auf sein Werk ?

Donnerstag, April 22nd, 2021

In Frankreich ist es in intellektuellen Kreisen üblich, Privates nicht in die Öffentlichkeit zu bringen. Das gilt als Ausweis der Reife und Toleranz. Es erstreckt sich auch auf sexuelle Vorlieben. So galt André Gide (1869-1951) als größter französischer Schriftsteller. Er war pädophil. 1947 erhielt er den Literatur-Nobelpreis. Er soll Paul Claudel geantwortet haben: „Ich habe es mir nicht ausgesucht, so zu sein.“ Einem zeitgenössischen Philosophen der ersten Linie, Alain Finkielkraut, war es vorbehalten, diese französische Tradition, den großen Schriftstellern ihre Sünden zu vergeben, zu kritisieren.

Neuerdings nun ist der Philosoph Michel Foucault (1926-1984) in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Er gilt als der meistzitierte französische Philosoph. In seinem schon beinahe unüberschaubar umfangreichen Werk stellt er „Machtbeziehungen“ in den Mittelpunkt („Die Geburt der Klinik“, „Wahnsinn und Gesellschaft“, „Die Ordnung der Dinge“, „Archäologie des Wissens“, „Überwachen und Strafen“). Foucault gilt als Überwinder von 1968 und als Begründer der „Los-von-Marx-Theologie“, als Post-Strukturalist. Er hat das Regime der Mullahs in Persien ab 1979 gelobt. Von 1970 bis zu seinem Tod an Aids 1984 hat Foucault am Collège de France geforscht und gelehrt. 1989 hat Didier Eribon seine Biografie veröffentlicht.

Interessierten unter uns war Foucault als pädophil bekannt. Von 1966 bis 1969 war er Gastprofessor in Tunis. Dort hat er anscheinend seine Neigung exzessiv ausgelebt. In seinem Spätwerk („Der Gebrauch der Lüste“, „Die Geständnisse des Fleisches“) spielte die Pädophilie (bei Foucault „Liebe zu Jungen“) eine überragende Rolle. Ein britischer Rezensent bezeichnete Foucault als „Prophet der Päderasten“. 1977 hat Foucault gemeinsam mit Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Jacques Derrida eine Petition unterzeichnet, die das Mindestalter für einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen auf unter fünfzehn gesenkt wissen wollte. Nach alter Art wird Foucaults Verhalten gerechtfertigt (wie das auch Hartmut von Hentig bei Gerold Becker getan hatte): „Foucault war kein Pädophiler, sondern er wurde von den Knaben verführt.“ 1978 hatte Foucault behauptet, dass Kinder gut einschätzen könnten, ob sie einvernehmlichen Sex wollten oder nicht.

Nun haben sich Kundige zu Wort gemeldet. Einmal die Pariser Literaturprofessorin Tiphaine Samorault, die eine Biografie über Foucaults Freund und Liebhaber Roland Barthes geschrieben hat. Sie sagt: „Die Vorwürfe sind glaubwürdig, was Foucaults Ausnutzung der Kinderprostitution in Nordafrika betrifft, und der aktuelle Kontext macht diese sogenannten Enthüllungen spektakulär.“

Die Enthüllungen stammen u.a. von der Journalistin Chantal Charpentier, die 1969 mit einem Freund Foucault in Tunesien besucht hatte. „Foucault behandelte die Kinder … auf demütigende Art. Foucault führte sich wie ein Kolonialist auf, und ich möchte mir nicht vorstellen, wie er sexuell mit den Jungen des Dorfes umging.“

Wie Foucault mit den tunesichen Jungen umging, schildert der französische Essayist und Unternehmer Guy Sorman, der Foucault ebenfalls 1969 besucht hatte. Er kaufte „kleine Jungs in Tunesien .., unter dem Vorwand, dass sie Recht auf einen Orgasmus hätten. Er verabredete sich mit ihnen auf dem Friedhof von Sidi Bou Said, im Mondlicht, und vergewaltigte sie auf den Gräbern.“ „Ich glaube, es ist wichtig, zu wissen, ob ein Autor ein Schweinehund ist oder nicht … und diese Dinge mit kleinen Kindern waren schändlich. Die Frage nach ihrem Einverständnis wurde gar nicht gestellt.“ Als Kinderficker war Michel Foucault gewiss ein Experte für „Machtbeziehungen“.

Manche Blätter in Frankreich berichten auffällig wenig über Foucaults Sexualleben. Wahrscheinlich weil sie ahnen, wie sehr die Pädophilie Teil seines Werks und Denkens ist. Foucault vergötterte die Antike, in der die Knabenliebe hoch im Kurs stand. Ein großer Teil seiner Zivilisationskritik setzt erst ein mit dem Christentum, dem er Unterdrückung der Sexualität (Jungfräulichkeit, Ehe etc.) vorwarf. Michel Foucault war ein prominenter Teil des Sextourismus französischer Intellektueller in die ehemaligen Kolonien (eine Form des Kolonialismus). „Es ist wichtig, darüber zu reden“, sagt Tiphaine Samorault. „Es gibt keine Ungerechtigkeit, die nicht aufgedeckt gehört.“ (Georg Blume, Zeit 8.4.21; Willi Winkler, SZ 9.4.21).