Archive for the ‘Kunst’ Category

4035: Hanno Rauterberg: Documenta kaputt

Freitag, September 16th, 2022

1. „Ihr ist gelungen, was noch nie gelang: So gut wie alle Teilnehmer sind dunkel verstimmt, die Kuratoren verbittert, weite Teile der deutschen Öffentlichkeit entsetzt, verwundert, empört.“ (Zeit, 15.9.22)

2. Es gab mehrere eindeutig antisemitische Ausstellungsstücke (darunter Filme).

3. „Von der Idee, die Kunst könne ein Ort der interkulturellen Annäherung sein, bleibt nach dieser Documenta nicht sonderlich viel übrig.“

4. Vorherrschend waren Sitzsäcke, Couchecken, Stuhlkreise.

5. „Warum ausgerechnet diese Documenta als Kampffeld der Geschichtspolitik endet? Meine Vermutung: Im Kern liegt es an der Kunst. Oder genauer: an ihrer fast vollständigen Abwesenheit.“

6. Eingeladen waren Kollektive, die einer sozialen, ökologischen, politischen Agenda folgten.

7. Weil die Documenta keine Struktur hatte, war ihr Hauptkennzeichen Indifferenz.

8. Viele Kollektive halten nichts von der Idee der Autonomie.

9. Was gefehlt hat, war das richtige Framing (einen schlüssigen Rahmen setzen).

10. Die Documenta 15 setzte auf Harmonisierung.

11. Die Affirmation sollte von allen geteilt werden.

12. „Vielmehr geht es immer gleich ums Grundsätzliche, um die richtige Gesinnung. Und vermutlich ist das der eigentliche, der größte Nachteil dieser Art von Anti-Kunst: dass ihr Sehnen nach Harmonie paradoxerweise eine Neigung zur Eskalation und Lagerbildung stark begünstigt.“

13. „Reden geht nicht mehr.“

14. Wer die Kunst der Kollektive also kritisiert, kritisiert damit zugleich die Gemeinschaft und ihre Werte.

15. Als fatal erweist sich die Vorstellung, allein im Kollektiv könnten gesellschaftliche Konflikte bearbeitet und gelöst werden.

16. Ausgerechnet Israel musste (wie übrigens sonst auch häufig) als Projektionsfläche herhalten.

17. Die postmodernen Aktivisten sind, wie sich in Kassel zeigte, nicht vor Ignoranz geschützt. „Statt sich umsichtig der Kritik zu öffnen, schrieb man harsche Erklärungen. Statt auf jüdische Verletzungserfahrungen zu hören, verteufelte man Israel. Und verriet damit das Kernanliegen der Documenta: die Werte der Anteilnahme und Verständigung. Was bleibt, ist eine Diskurslandschaft in Trümmern. Und eine Kunst, die sich darin verloren hat.“

4033: Jean-Luc Godard ist tot.

Mittwoch, September 14th, 2022

Mit ihm ist der letzte Vertreter der „Nouvelle Vague“ gegangen, der radikalste: Jean-Luc Godard, der mit 91 Jahre gestorben ist. Sein Ruf als Rebell und Umstürzler war wesentlich größer als die Qualität seiner Filme. Er hatte stets die Ausrede, den Zuschauer „verstören“ zu wollen. Das ist ihm viele Male gelungen. Seinen Durchbruch hatte er 1959 mit „Außer Atem“, in dem zugleich Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo Stars wurden. Hier brach Godard mit allen Konventionen des Filmemachens, Außenaufnahmen, Ton, Schnitt, Musik. 1963 folgte „Die Verachtung“. Godard stilisierte sich im weiteren Verlauf seiner Karriere selbst als Mythos. Sein Spezialgebiet waren die Eröffnungen, die Anfänge. Und manchmal hatte man den Eindruck, dass er sich für den Rest weit weniger interessierte.

Begonnen hatte Godard in den Fünfzigern als Filmkritiker bei den „Cahiers du Cinéma“. Von 1952 stammt sein Text „Was ist das Kino?“. Mit seinen Kollegen Jacques Rivette, Francois Truffaut, Claude Chabrol und Eric Rohmer pflegte er einen regen Austausch. Vorbilder waren anscheinend Alfred Hitchcock und Howard Hawks. Godards Kamermann Raoul Coutrad blieb seinem Regisseur treu. Er war an vielen der bahnbrechenden technischen Neuerungen beteiligt. Namhafte Schauspielerinnen traten in Godards Filmen auf: Anna Karina, Brigitte Bardot, Marina Vlady, Jane Fonda, Maruschka Dettmers. Bei ihm reüssierte Michel Piccoli. Godard blieb befreundet mit André Bazin, dessen „Was ist Kino?“ uns so viel vom Film verrät wie Godards 60 Filme (Fritz Göttler, SZ 14.9.22; Dominik Graf, SZ 14.9.22).

4019: Dominik Graf 70

Dienstag, September 6th, 2022

Der Filmregisseur Dominik Graf streift in seinen Filmen gerne durch die Filmgeschichte. Wie in seinem „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ (2021) nach Erich Kästner. Bei Graf gibt es Anarchie, Spontaneität, Lust auf den Augenblick. Das macht seine Filme so glaubwürdig. Der Sohn der Schauspieler Selma Urfer und Robert Graf  hat an der Hochschule für Fernsehen und Film in München studiert. Sein Abschlussfilm „Der kostbare Gast“ (1979) gewann gleich einen Bayerischen Filmpreis. Nun wird Dominik Graf 70 Jahre alt.

Er hat einiges getan, um die seinerzeit dominierenden Filme des jungen bzw. neuen deutschen Films ab 1962 (Kluge, Reitz, Herzog, Schlöndorff, Wenders) zu überwinden. Deren Filme waren ihm zu sehr „Belehrungskino“. Das kam gewiss auch von dem deutschen Fimförderungssystem. Dominik Graf war sich für Fernseharbeit nicht zu schade, sogar für Krimis nicht. In seinen Filmen tauchen Schimanski, Hanns von Meuffels, Batic und Leitmayer auf. Es sind nicht die schlechtesten Krimis. „Ich selbst war als Regisseur niemals so glücklich wie in jenen Momenten, in denen ich vermeintliche Krimi-Genre-Konfektionsware bedienen und die Serienfilme auf die Straßen, in die Polizeibüros und gleichzeitig (gemeinsam mit dem Drehbuchautor) auf den Kopf stellen durfte.“ (Fritz Göttler, SZ 6.9.22)

4018: Daniel Barenboim ist krank.

Dienstag, September 6th, 2022

Daniel Barenboim, der im nächsten jahr 80 Jahre alt wird, ist seit frühester Jugend ein Weltkünstler. Aus seinem Riesenwerk ragen die Einspieleung von Ludwig Beethovens 32 Klaviersonaten heraus sowie als Dirigent das Werk Richard Wagners. Barenboim ist seit 1992 Musikchef der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und dient damit Deutschland in unnachahmlicher Weise. Den geplanten, vierteiligen „Ring des Nibelungen“ musste er jetzt absagen. Er hat Christian Thielemann gebeten, die Serie zu übernehmen. Regisseur ist Dmitri Tscherniakov, dessen eigenwillige Wagner-Interpretationen bekannt sind. Er sieht in dem „Ring“ das Konzept, das eine Befreiung der Welt von den Göttern beschreibt. Aktueller denn je. Vielleicht kann Daniel Barenboim im nächsten Jahr den „Ring“ schon wieder selbst dirigieren (Reinhard J. Brembeck, SZ 6.9.22).

4016: Das Scheitern des Dialogs über Antisemitismus auf der Documenta

Montag, September 5th, 2022

Julia Alfandiari und Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt berichten von ihren Erfahrungen mit dem Antisemitismus-Dialog auf der Documenta (SZ 5.9.22).

1. Die Documenta hätte eine Sternstunde des Dialogs erleben können.

2. Nach dem Lumbung-Prinzip, welches das indonesische Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa ausgerufen hatte.

3. Eine Gruppe junger Frauen fragte, ob es überhaupt noch politisch vertretbar sei, auf der Documenta zu sein.

4. Bald war zu hören: „Die Anne Frank hat hier nichts zu suchen. Habt ihr nicht schon genug Schaden angerichtet?“

5. Eine Kasseler Seniorengruppe: Gebe es nicht ohnehin schon ein großen Einfluss der Juden in unserer Gesellschaft?

6. Erstaunlicherweise gibt es anscheinend wenig Wissen über den Antisemitismus.

7. Es wurde behauptet, die Bildungsstätte Anne Frank betreibe Zensur.

8. Deutschland lasse sich von „seinen“ Juden geißeln.

9. Ein Kunst-Student: „Wenn sich Israel im Nahen Osten so verhält, sollte man sich nicht über solche Bilder wundern.“

10. „Vielleicht hätten wir uns lieber ganz von Kassel fernhalten sollen.“

11. Es ist kein Zufall, dass auf der Anklagebank in Taring Padis „People’s Justice“ neben den westlichen Geheimdiensten, den reichen Weltkonzernen, den Kriegsherren und Diktatoren aller Couleur auch die Figur des ewigen Juden nicht fehlen durfte.

12. Fest ist die Vorstellung verankert, dass Antisemitismus gar nicht objektiv existiert, sondern nur als Vorwurf vorgeschoben wird.

13. Ein Dialog braucht ein gemeinsames Verständnis darüber, dass es nicht nur und nicht hauptsächlich um verletzte Gefühle geht.

14. Von diesem Minimalkonsens sind wir noch weit entfernt.

15. Ruangrupa: „Liebe Besucher*innen, wir bedauern, dass die historischen Bilder und Zeichnungen (…) für einige Besucher*innen nicht verständlich sind und es daher zu Fehlinterpretationen gekommen ist.“

W.S.: Die erste Documenta-Leitung bevorzugte unter dem Vorwand der Zensur das Prinzip des Wegsehens, Ruangrupa ist nicht kompetent genug. Und auf der Documenta haben sich viele Antisemiten getummelt. So darf es nicht weitergehen.

4004: Geht Winnetou heute nicht mehr ?

Montag, August 29th, 2022

Ein Kinderbuchverlag hat sich gegen ein Begleitbuch zu einem Film entschieden, der sich vage an Karl Mays Büchern orientiert. Geht das heute nicht mehr? Ist Winnetou kulturelle Aneignung? Politisch inkorrekt? Tatsächlich war der 1912 gestorbene Schriftsteller Karl May dem Wilhelminismus verpflichtet, den wir heute wirklich nicht mehr wollen. Die Nazis mochten Karl May. Und Markus Söder darf auf Twitter „Cowboy und Indianer“ spielen.

„Das Problem ist nicht Winnetou, es sind auch weder Junge noch Alte. Es ist, dass sich sehr viele, etwa in Social media, gerade zur Wirklichkeit verhalten wie einst Karl may zu Nordamerika. Wir reisen nicht hin, wir schwelgen lieber in unseren jeweiligen Fantasien eigener moralischer Größe. Und übersehen geflissentlich, welch ungelösten Aufgaben anstehen: das Klima und die Demokratie zu retten, einen Kriegstreiber zu stoppen, eine Reihe von Ungerechtigkeiten ganz real auszugleichen. Es ist viel zu tun.“ (Kia Vahland, SZ 29.8.22)

3998: Werner Herzog mag die Psychoanalyse nicht.

Mittwoch, August 24th, 2022

Der Filmregisseur Werner Herzog wird 80. Er lebt seit längerem in Hollywood. Und ist dort gut integriert. Er trat in den „Simpsons“ auf und spielt regelmäßig Gastrollen in Hollywood-Produktionen wie „Star Wars“. Anerkannt wird er vor allem von Kollegen. Ansonsten hat er sich redlich den Ruf eines Exoten erarbeitet, der sich darauf kapriziert hat, quer zum Mainstream zu agieren. „Jeder für sich und Gott gegen alle“ ist der Titel seiner Autobiografie von 1974. Zugleich ein Filmtitel. Herzog steht für „Aguirre oder der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“. Aufgewachsen ist er im ländlichen Bayern. Seine Dreharbeiten sind manchmal wie Abenteuer organisiert. Dadurch hat er sich seinen Ruf erarbeitet. Seinen Vorlass hat er in die „Werner-Herzog-Stiftung“ eingebracht. Sein Hang zu endgültigen Aussagen ist erkennbar an dem Satz „Ich halte das 20. Jahrhundert in seiner Gesamtheit für einen Fehler“. Was für ein Schwachsinn! Vielleicht hat Herzog vorher lange nachgedacht. Dann bringt sein Denken eben nichts. Mit seiner Aussage „Ich wäre auch lieber tot, als zu einem Psychoanalytiker zu gehen.“ qualifiziert er sich als Patient der Psychoanalyse (David Steinitz, SZ 22.8.22).

3991: Wolfgang Petersen ist gestorben.

Donnerstag, August 18th, 2022

Er war wohl der erfolgreichste deutsche Film- und Fernsehregisseur nach 1945. Mit „Die unendliche Geschichte“, „Reifezeugnis“ (mit Nastassja Kinski), „Die Konsequenz“ (mit Jürgen Prochnow) und „Das Boot“: Wolfgang Petersen, der jetzt im Alter von 81 Jahren gestorben ist, der „Ostfriese in Hollywood“. Vor allem dort war er auch erfolgreich: „In the Line of Fire“, „Outbreak“, „Air Force One“, „Troja“. Petersen hatte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studiert. Er vereinigte in sich die Vorzüge des Künstlers und des Handwerkers. Viele seiner Filme sind technische Meisterwerke. Petersen war beim deutschen Publikum beliebt (Tobias Kniebe, SZ 18.8.22).

Nur am Rande seines Welterfolgs „Das Boot“ entspann sich eine kleine Kontroverse. Der einzige, der Kritik äußerte, war der auch hier unvergleichliche Fritz J. Raddatz. Er stellte fest, dass die Strickweise dieses Films exakt so vielen anderen deutschen Kriegsfilmen glich: Indem nämlich die Behauptung aufgestellt wurde, dass der deutsche „Landser“ (in dem Fall U-Boot-Fahrer) sauber geblieben sei, wo er für die Nazis den Krieg führte (sonst hätten ja nie so viele Ehemalige ins Kino gehen können). Wahrscheinlich bin ich der einzige, der sich heute noch für die Antwort auf diese Frage interessiert.

3990: Erneuter Streit bei der Documenta

Donnerstag, August 18th, 2022

Die Documenta 15 kommt nicht zur Ruhe. Der Künstler Hamjah Ahsan hat Bundeskanzler Olaf Scholz auf Facebook als „faschistisches Schwein“ bezeichnet. Zudem gibt es Streit um ein weiteres Motiv von Taring Padi („All Mining is Dangerous.“). Es ist zum Teil überklebt. Seit wann? Von wem? Keiner weiß Genaues nicht.

Wir warten auf die Ergebnisse der Experten-Kommission. Aber können wir uns noch etwas davon erhoffen?

Schon wird wieder überall „Zensur!“ gerufen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Müller-Rosentritt fordert, die Documenta nicht länger aus Bundesmitteln zu fördern. Und auch wenn dadurch die Ausstellung gefährdet wird, ist zu antworten: Na und ? Die berechtigten Überlegungen zur Beendigung der Documenta sind ebenfalls nicht ungefährlich (Catrin Lorch, SZ 18.8.22).

Auf keinen Fall möchte ich den Kasselern ihre Geschäfte mit der Documenta verderben. Aber bei der diesjährigen Ausgabe waren drei Faktoren gegeben. die unbedingt vermieden werden müssen:

1. Es gab kein klares Konzept.

2. Das Leitungsteam war inkompetent.

3. Es handelte sich um die Anbiederung an den „globalen Süden“.

Zeitgleich war der palästinensische Präsident Mahmud Abbas mit seinen unsäglich falschen Thesen im Bundeskanzleramt. Zufall ?

3987: „Die Dreyfus-Affäre. Wahrheiten und Legenden“

Montag, August 15th, 2022

Die Dreyfus-Affäre (1894-2006) liegt lange zurück. Dass sie aber topaktuell ist und von großem Belang, zeigt uns der französische Literaturwissenschaftler Alain Pagès in seinem 2019 erschienenen Band

Die Dreyfus-Affäre. Wahrheiten und Legenden. Aus dem Französischen von Fabian Scharf. Stuttgart (Kohlhammer) 2022, 210 Seiten.

Der deutsche Emil Zola-Experte Scharf übersetzt das Buch leicht, flüssig, verständlich und passend. So bekommen auch wir einen Einblick in das seinerzeitige, hochkomplexe und sehr wichtige Geschehen. Der Hauptmann Alfred Dreyfus (1859-1935) wurde fälschlich des Verrats an Deutschland bezichtigt und in drei Prozessen zunächst verurteilt, degradiert und auf die Teufelsinsel verbannt. Bevor er durch den gezielten und nicht ungefährlichen Einsatz von „Intellektuellen“ wie Emile Zola und Anatole France schließlich 2006 seine Begnadigung durch den Staatspräsidenten erreichte und später vollständig rehabilitiert wurde. Es war ein sehr langer Weg. Erst seit der Dreyfus-Affäre sind wir uns ganz des Werts ein er freien Presse und der öffentlichen Meinung sicher. Wenn auch noch nicht alle. Und der Antisemitismus ist heute wie gestern die größte innere Bedrohung der westlichen Demokratie.

Alain Pagès ist ein sehr angesehener französischer Litereaturwissenschaftler, der sein Thema in 27 Kapitel klar gliedert. Deren Überschriften sind aussagekräftig: „Wurde Alfred Dreyfus von einen ‚jüdischen Syndikat‘ verteidigt?“, „Hat Kaiser Wilhelm II. den ‚Bordereau‘ mit Anmerkungen versehen?“, „Welche Rolle haben die Tageszeitungen in der Dreyfus-Affäre gespielt?“, „Hat sich die Literatur für die Dreyfus-Affäre interessiert?“, „Gibt es in der Dreyfus-Affäre noch ungelöste Rätsel?“, „Musste Zola für sein Engagement sterben?“. Alle diese Fragen werden, soweit es möglich ist, vollständig beantwortet. Wir lernen etwas aus diesem Buch. Es enthält zudem eine klar gegliederte umfassende Bibliographie, Hinweise auf literarische Adaptionen und Filme zum Thema. Pagès wertet umfassend die Quellen aus, auch aktuelle und solche aus dem 21. Jahrhundert. Das macht überhaupt erst die Relevanz des Themas vollständig klar. Emile Zolas Statement: „Die Wahrheit ist auf dem Vormarsch und nichts kann sie aufhalten.“ würden wir zu gerne als unser Motto akzeptieren, wenn es da nicht schwerwiegende Gegenargumente gäbe. Alain Pagès geht auch mit den „Dreyfusards“ nicht unkritisch um.

Es gab drei Gerichtsverfahren (1884-86, 1997-1910, 1900-1906), die zunächst von Fälschungen und übler Nachrede, nicht zuletzt antisemitischer, bestimmt waren. Frankreich war ein maroder Staat. Obwohl der tatsächlich Schuldige (Esterhazy) bekannt war, taten die Verantwortlichen alles, um das unter den Tisch zu kehren. Weithin bestimmte krasser Nationalismus die Denkweise. Durch das umfänglichre bizarre Geschehen mit riesigen Aktenbergen kam es zu denkwürdigem Geschehen wie Liebesaffären und Selbstmorden. Bis in die Spitze des Staates. Beweise gegen Dreyfus gab es keine. Es gab rassistische, antisemitische Vorurteile. Graphologen wurden zum Betrug herangezogen. Etc. „Die Wirklichkeit übergtrifft die Parodie.“ Karikaturen und Zeichnungen wurden zur Denunziation verwendet. Das Ganze wirkte wie ein Fortsetzungsroman.

Erst als schließlich „Intellektuelle“ wie Emile Zola über die Lügen und Täuschungen empört waren und dagegen vorgingen, kam es allmählich zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung bei den beiden französischen Lagern. Beteiligt waren daran in unterschiedlichen Formen Anatole France, Charles Peguy, Marcel Proust, Bernard Lazare, Jean Jaurès, Julien Benda, Léon Blum et alii. Zentral war Zolas Aufsatz „J’accuse“ in „L’Aurore“ am 3. Januar 1898. Er hat auch viele andere Aufsätze im Zusammenhang damit geschrieben. Petitionen  wurden auf den Weg gebracht. Offene Briefe geschrieben. Frauen schalteten sich öffentlich ein. Mit den plumpen Lügenmärchen und Verschwörungsgeschichten nahm es ab. Viele Menschen verloren die Scheu, ihre Anonymität aufzugeben. Tageszeitungen erkannten ihr Geschäft. Für Alfred Dreyfus wurde sogar Bewunderung geäußert. „Die beachtliche Arbeit des Kassationsgerichtshofs hat die Absurdität der Anschuldigungen gegen Alfred Dreyfus aufgezeigt, indem sie alle im Laufe der Jahre entstandenen Legenden entkräftet hat.“ (S. 138)

Emile Zola wurde selbst noch vor Gericht gestellt und fatalerweise verurteilt. Nachdem alle Rechtsmittel ausgeschöpft waren, blieb ihm nichts anderes als das Exil in London (er kam zurück). Während seines Prozesses wurde auf ihn geschossen und er wurde verletzt (die sogenannte vierte Dreyfus-Affäre). Und die französische Rechte hielt an ihrer Ablehnung Dreyfus‘ fest. Das zeigt sich u.a. daran, dass einer ihrer Vertreter, Charles Maurras 1945, als er wegen seiner Beteiligung am Vichy-Regime zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, ausrief: „Das ist die Rache von Dreyfus.“ Es lassen sich von der Dreyfus-Affäre klare Parallelen ins 18. Jahrhundert ziehen, zur Calas-Affäre, worin Voltaire (1694-1778) eine ähnliche Rolle spielte wie Emile Zola später. Alain Pagès gibt uns einen Überblick über die Behandlung der Dreyfus-Affäre in der Literatur (S. 156 ff.). Und im Film, wo hier die Proktionen von Georges Méliès (1899), William Dieterle (1937) und Roman Polanski (2019) genannt seien. Dabei setzt sich Polanski, der ja aus anderen Gründen umstritten ist, gerade mit der Gewalt in der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auseinander.

Letztlich gibt es in der Dreyfus-Affäre keine ungelösten Rätsel mehr, sagt Pagès. Vielleicht abgesehen von der Frage, ob Emile Zolas Tod 1902 natürlich war oder nicht. Denn 1928 bekannte ein Schornsteinfeger, dass er 1902 vom Nachbarhaus aus Zolas Kamin gezielt „verstopft“ hätte, was aber erst 1953 rauskam. Julien Benda (der Autor von „La trahison des clercs“, 1926) sagt: „Die Dreyfus-Affäre spielte eine entscheidende Rolle in der Geschichte meines Geistes durch die Schärfe, mit der sie mir blitzartig die Hierarchie der Werte, die den Kern meines Wesens ausmacht, und meinen organischen Hass auf das gegnerische System vor Augen führte. Durch sie lernte ich mich als absoluten Rationalisten kennen, das heißt als jemanden, der sich in einem Konflikt zwischen den Interessen der Vernunft und denen des Sozialen oder Nationalen leidenschaftlich und ohne das geringste Zögern für die ersteren entscheidet.“ (S. 191) Charles Peguy fasst zusammen: „Je länger die Affäre beendet ist, desto offensichtlicher wird die Tatsache, dass sie niemals zu Ende geht.“ (S. 193)

(Monty, 15.8.22)