Es sollte allen klar sein, die bei der Restitution von kolonialer Raubkunst ernst genommen werden wollen, dass über die Handhabung der Objekte künftig die Herkunftsländer entscheiden und nicht wir, Deutschland. Und zwar auch dann, wenn es sich etwa bei der Rückgabe der Benin-Bronzen herausgestellt hat, dass die Bundesregierung andere Vorstellungen hatte als der nigerianische Präsident, Muhamaru Buhari. Für uns bleibt das zentrale Motiv die Revision kolonialen Unrechts. Es sollen alte Wunden geheilt werden. Dabei liegt es auf der Hand, dass europäische Postkolonialisten keine Royalisten sind. Da brauchen wir bloß an unsere Hohenzollern zu denken. Trotzdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein moderner egalitärer Diskurs praktisch zur Aufwertung traditioneller Hierarchien führen kann (Ijoma Mangold, Zeit 11.5.23).
Archive for the ‘Kunst’ Category
4348: Restitution kolonialer Raubkunst
Montag, Mai 29th, 20234347: Entscheidung über Picasso-Gemälde vertagt
Montag, Mai 29th, 2023Der Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags hat seine Entscheidung darüber vertagt, ob Pablo Picassos „Madame Soler“ (1903) als Raubkunst-Fall vor die Limbach-Kommission gelangt. Gemalt hatte es Picasso während seiner blauen Periode. Erworben hatte es der in Berlin lebende jüdische Bankier Paul von Mendelssohn-Bartholdy. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 hatte er es an den Kunsthändler Justin Thannhauser verkauft, der es 1964 an den Freistaat Bayern abgab. Sein Wert wird auf 100 Millionen Euro geschätzt.
Mendelssohns Erben hatten sich direkt an den Bayerischen Landtag gewandt. Einer von ihnen, der Historiker Julius H. Schoeps, hatte im letzten Jahr ein 200 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Umgang des Freistaates Bayern mit einem spektakulären NS-Raubkunstfall“ veröffentlicht. Darin kritisiert Schoeps das in der Tat befremdliche Blockieren Bayerns. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hat sich dafür ausgesprochen, „endlich den Weg dafür freizumachen, dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen einer Anrufung der Beratenden Kommission zustimmen. Das ist nun wirklich überfällig.“ Dagegen verlangt Bayern vom Bund „eine verlässliche gesetzliche Grundlage“. Picassos „Madame Soler“ wird im Picasso-Jahr 2023 nicht gezeigt (Catrin LOrch, SZ 25.5.23).
4345: Sophie Passmann lobt die Kunst des „Zuhausebleibens“.
Sonntag, Mai 28th, 2023Als besonders weltläufig gilt in Deutschland häufig der, der weite Reisen macht, bis ans Ende der Welt, das von der Tourismus-Industrie gerade als sehr angesagt bezeichnet wird. Da leben viele Putin-Unterstützer. Sophie Passmann (Zeit 11.5.23), meint, dass manchmal auch das Zuhausebleiben im abgedunkelten und gekühlten Wohnzimmer seine Reize haben kann. Auch da können wir uns die Bratwürste der Grill-Community vorstellen. Zu Hause ist manchmal die Sehnsucht abwesend. Und deswegen geht es uns dort besonders gut. Übrigens ist Kultur dort gar nicht abwesend. Ich kann sehr konzentriert ein ganzes Album anhören. Oder die Filme eines Regisseurs betrachten. Ja, ein Buch lesen, ohne alle paar Seiten das Handy zu ergreifen. „Und dann kann man sich freuen. Über das Alleinsein. Und über den Sommer, den man mit Kultur verbracht hat. Ganz ohne Bahnfahrten.“
4318: „Roger Waters hat das demokratische Spektrum verlassen“.
Dienstag, Mai 9th, 2023In einem Interview mit Ronen Steinke (SZ 8.5.23) über aktuellen Antisemitismus sagt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zu Pink Floyd-Gründer Roger Waters:
„Mir genügt schon, dass Roger Waters mit einem Schwein aus Gummi auftritt, auf das er früher – neben anderen Symbolen – einen Davidstern gemalt hatte und heute den Namen einer israelischen Rüstungsfirma. Dies ist ein Musiker, der das demokratische Spektrum verlassen hat und mit offensichtlich rassistischen und antisemitischen Motiven arbeitet.“
4317: Grace Bumbry ist tot.
Dienstag, Mai 9th, 2023Im Alter von 86 Jahren ist ein Opern-Weltstar, die Sopranistin (ursprünglich Mezzosopranistin) Grace Bumbry, gestorben. Sie war bekannt für ihre dunkle und lockende Stimme und ihre leicht und schlank gesungenen Hochtöne. Nach einer umjubelten Aida in Paris sang sie 1961 die Venus in Richard Wagners „Tannhäuser“ in Bayreuth und hieß seither die „schwarze Venus“ (damals waren die Sprachgewohnheiten noch andere als heute). Grace Bumbry war sehr schön und spielte hinreißend. Ihr gelang der „Aufstieg“ zum Sopran. Hier brillierte sie als Salomé (Richard Strauß) und Jenufa (Leos Janacek) (Reinhard Brembeck, SZ 9.5.23).
4311: ARD und ZDF sind zu groß geworden.
Donnerstag, Mai 4th, 2023Erst durch den riesigen RBB-Skandal ist das ganze Ausmaß der Misere von ARD und ZDF deutlich geworden. Der Programmauftrag (Information, Bildung, Beratung, Unterhaltung) wird teilweise nicht mehr richtig erfüllt. Insofern würde eine schlichte Erhöhung des Rundfunkbeitrags dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur schaden. Es muss auch die Zusammenlegung von Sendern und Verwaltungen ins Kalkül gezogen werden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist zu groß geworden. Er will künftig alle digitalen Möglichkeiten bespielen können. Auch das kostet Geld. Insofern herrscht überall trotz des riesigen Gesamtbudgets von zehn Milliarden Euro Spardruck. Mit den relativ geringen Steigerungsraten bei der KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks) -Anmeldung zwingen sich ARD und ZDF selbst zu Sparen. Warum können die Dritten Programme nicht zu einem Mantelprogramm mit regionalen Sendefenstern zusammengelegt werden? Vieles Positive ist möglich (Claudia Tieschky, SZ 29./30.4., 1.5.23).
4304: Ist Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ Schul-Lektüre ?
Sonntag, April 30th, 2023Wolfgang Koeppens großer Roman „Tauben im Gras“ (1951) erzählt von den Aufbaujahren nach 1945 in München. Es ist ein düsteres Panorama. Im Zentrum zwei Paare. Und dann ein Dutzend weitere Akteure: ein Musikdirektor, Nazis, ein Abtreibungsarzt, ein abgetakelter Filmstar et alii. Sie alle kämpfen ums Überleben. Im Koeppen-Sound. Mit verblasener Geistigkeit, kalkulierender Bosheit, verdeckter Geilheit, Nazisprüchen. Positive Perspektiven sind kaum zu erkennen. Wie Matthias Greffrath (taz 19.4.23) schreibt, handelt es sich um die „Verdichtung einer Epoche auf einen Tag“. Für uns Leser ist Wolfgang Koeppen einer der wichtigsten Autoren. Und sein Roman ein gültiges Panorama jener Tage.
Nun will eine Ulmer Lehrerin mit einer Petition erreichen, dass der Roman vom Lektüreplan der Gymnasien in Baden-Württemberg gestrichen wird. Wegen Antisemitismus und einer Menge N-Wörtern. Der Roman sei ein Angriff auf die Menschenwürde ihrer Schüler. Greffrath untersucht den Fall. Als Mitglied der von Günter Grass und Peter Rühmkorf gegründeten Wolfgang-Koeppen-Stiftung ist er zwar Partei, aber es gelingt ihm, der Petition der Lehrerin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er weiß, dass sich gegen niemand argumentieren lässt, der sich verletzt fühlt. Ist da überhaupt etwas zu machen bei der Vergegenwärtigung von Ideologien, Sprechweisen, Unmoral? Der Streit ist unversöhnlich. Auch angesichts des Auftauchens diskriminierender Wörter in Zitaten. Greffrath fragt sich, ob die neue Sensibilität nicht auch eine Verarmung nach sich zieht, den Verzicht der Verletzten, sich über die Empfindung hinaus auf eine durchwachsene Realität einzulassen. Darf man heute noch singen „Lustig ist das Zigeunerleben“? Es geht in der Auseinandersetzung mit dem Koeppen-Buch um Literatur als Form der Erkenntnis. Vielleicht ist der Text für heutige Abiturienten einfach zu komplex. In unserer Einwanderergesellschaft hat ein gutes Viertel unserer Jugendlichen keinen Bezug mehr über Eltern und Großeltern zur deutschen Geschichte.
4302: Harry Belafonte ist tot.
Samstag, April 29th, 2023Im Alter von 96 Jahren ist der ungeheuer erfolgreiche Popsänger und Weltkünstler Harry Belafonte gestorben. Er war der Partner so wichtiger Protagonisten wie Martin Luther King, Nelson Mandela und Robert Altman, dem großartigen Filmregisseur. Bei Erwin Piscator nahm Belafonte in New York Schauspielunterricht. Geboren wurde er 1927 in Harlem als Sohne einer jamaikanischen Mutter und eines Vaters aus Martinique. Unter seinen Vorfahren waren auch Weiße, weshalb seine Haut relativ hell war. Das spielt ja in den USA bis auf den heutigen Tag eine Rolle.
Belafonte war stets umstritten. So firmierte er als „King of Calypso“, was als „kulturelle Aneignung“ interpretiert wurde. Er hatte den größten Erfolg bei der weißen Mittelschicht, das verzieh man ihm nie. Als die weiße Sängerin Petula Clark 1968 in einer Fernsehsendung seinen Arm berührte, musste die Sendung neu gedreht werden. In seinen politischen Urteilen war Belafonte klar und hart. Den US-Außenminister unter George W. Bush junior, Colin Powell, nannte er einen „Haussklaven“. Harry Belafonte war tatsächlich wohl ein höchst zerrissener Mann. Und ein großer Künstler (Peter Kümmel, Zeit 27.4.23).
4301: Für Iris Radisch ist „Noch wach?“ ein Männer-Roman.
Samstag, April 29th, 2023Iris Radisch hält Benjamin von Stuckrad-Barres „Noch wach?“ für einen Männer-Roman (Zeit 27.4.23). Dort werde ein „moralisches Rührstück“ aufgeführt. Es handle sich um einen „Etikettenschwindel“. Das Buch sei so ähnlich wie Rainald Goetz‘ Schlüsselroman „Johann Holtrop“. Stuckrad-Barre sei ja jahrelang von Springer sehr gut bezahlt worden. Warum er dann umgeschwenkt sei, bleibe unklar. In dem „Roman“ redeten immer alle so, als seien sie auf Sendung. Frauen würden nur für Männerzwecke eingespannt. Sie seien „cool und allerliebst“ und „supersüße Hühnchen“. Erstaunlicherweise werde Benjamin von Stuckrad-Barre sein Schwenk vom Pop-Literaten zum Frauenversteher von der Literaturkritik weithin abgenommen. „Als Frau hätte man Lust, sich aus dieser Show vom Saaldienst hinausbegleiten zu lassen.“
Iris Radisch hat Recht.
4297: Pablo Picasso – aus der Zeit gefallen ?
Mittwoch, April 19th, 2023Picassos Todestag jährt sich am 8. April 2023 zum 50. Mal. Und insgesamt finden dazu 50 Ausstellungen überall auf der Welt statt. Zu seinem Tod schrieb Werner Spies 1973: „Superlativ an Genie, Ruhm, physischem Dasein und Glück“. Weithin gilt Picasso immer noch als der Größte unter den Großen. Mit dem umfangreichsten Werk. Viele feiern den vulkanischen Maler, erhitzt und drängend. Seine Chiffren- und Figurenwelt ist einmalig. Und doch melden sich zunehmend skeptische Stimmen, gerade unter jungen Künstlern. Picassos absoluter Freiheitsbegriff, seine Ichbezogenheit und sein nimmermüder Schaffensdrang werden neuerdings belächelt.
Viele seiner Werke ließ er unbetitelt, sie sollten Ausdruck ihrer selbst sein. Picasso hat den Kubismus mit erfunden, die Gleichzeitigkeit mehrerer Perspektiven. Aber es fehlt die Perspektive einer Frau, wie Verena Harzer in der „taz“ (14.4.23) zu Recht schreibt. Harzer schildert Picasso als „gewalttätigen, eifersüchtigen, perversen und zerstörerischen“ Mann. Und Hanno Rauterberg schreibt, dass Picasso seine Frauen im realen Leben schikanierte und quälte, „er unterwarf sie seiner animalischen Sexualität“ (Zeit 5.4.23). Das ist natürlich in „Me too“-Zeiten nicht mehr korrekt. Andererseits wissen wir das doch seit vielen Jahrzehnten. Und können nun nicht überrascht tun. In seinen zahlreichen Frauenporträts verdrehte er die Köpfe, zerhieb er die Leiber und montierte sie neu.
Auch Picassos Begeisterung für afrikanische Masken ist heute nicht mehr korrekt. „Auch diese Art von Universalismus, von essenzialistischem Denken, will heute kaum noch jemandem gefallen.“ (Rauterberg) Picasso begeisterte sich für das Unabgeschlossene, er wollte keiner Masche aufsitzen, keinem Stil treu sein. „Weiter, immer weiter.“, war sein Motto. Die Methode Picasso, seine Lust an der künstlerischen Arbeit, ist noch immer die Methode Zukunft.