Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

2325: Urheberrechtsschutz oder Zensur ?

Freitag, März 22nd, 2019

Corinna Budras (FAS 10.3.19) schreibt darüber, ob durch die Urheberrechtsreform der EU das Internet gefährdet wird.

„Die eine Seite, die Demonstranten auf der Straße, bemüht das Schreckensszenario der Zensur, wähnt die Freiheit in Gefahr. Die andere Seite pocht auf das Recht von Künstlern und sonstigen Kreativen, für ihre Leistung entlohnt zu werden, und warnt davor, was passiert, wenn der berühmte Artikel 13 nun doch nicht eingeführt wird. Die Plattformen im Netz wie Youtube würden weiterhin nicht dafür haften, wenn Urheberrechte ignoriert werden. Die permanente Regelverletzung würde zum Normalfall; die Plattformen, allen voran Youtube, würden profitieren.

Bundesregierung wie EU-Parlament stellen sich jedenfalls nicht besonders geschickt an, wenn es darum geht, die Bedenken zu zerstreuen. Wer sich im Recht fühlt, muss ein sauberes Verfahren garantieren, ohne Nebelkerzen und untaugliche Versuche, die Termine für Abstimmungen zu verschieben. … Dem Austausch von Argumenten hilft das nicht. Den Preis dafür zahlen wir später.“

Tatsache ist: Eine dubios Kampagne namens „Create Refresh“ bietet Youtubern Geld für kritische Beiträge zur Urheberrechtsreform.

(Micki Meuser, Die Welt 9.3.19, Jürgen Grossmann, Die Welt 16.3.19, Constantin Van Lijnden, FAZ 16.3.19, Steffen J. Roth, SZ 18.3.19, Interview mit Reto Hilty, SZ 20.3.19)

2324: Der Verteidigungsetat

Donnerstag, März 21st, 2019

Verteidigungsausgaben sind überall unbeliebt. Auch in Deutschland. Vollkommen zu Recht. Es geht dabei ja um Kosten für Zerstörungspotential. Für Waffen und Soldaten. Einmal abgesehen davon, dass bei der Bundeswehr so gut wie gar nichts funktioniert. Es handelt sich dabei um ein notwendiges Übel. Und manche halten die Ausgaben nicht einmal für nötig. Unsere Pazifisten. Menschenfreunde durch und durch, aber illusionsgeleitet.

2014 hat die NATO in Wales beschlossen, die Verteidigungsausgaben bis 2024 auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. Dafür gab es zwei Gründe: 1. die völkerrechtswidrige Annektion der Krim durch Russland und den von Russland befeuerten Krieg in der Ukraine. 2. Die ungleiche Lastenverteilung im Bündnis (Daniel Brössler, SZ 20.3.19).

Angesichts eines US-amerikanischen Präsidenten, dem die NATO anscheinend gleichgültig ist, müssen die anderen Mitglieder das Verteidigungsbündnis besonders ernst nehmen. Und ihre Pflichten erfüllen. Die Linken, Teile der Grünen und der SPD wollen das nicht begreifen. Die wähle ich deswegen nicht.

2323: Stauffenberg war Verantwortungsethiker.

Sonntag, März 17th, 2019

Thomas Karlaufs Buch

Stauffenberg. Porträt eines Attentäters. Blessing Verlag 2019, 368 S., 24 Euro,

wird viel besprochen (Jens Jessen, Die Zeit 7.3.19, Jürgen Kaube, FAS 10.3.19; Johannes Tuchel, Literarische Welt 16.3.19). Karlauf bemüht sich darum, die Mythen, die sich um Claus Schenck Graf von Stauffenberg ranken (Fabian von Schlabrendorff, Marion Gräfin Dönhoff, Joachim Fest) zu widerlegen. Er sieht Stauffenberg als Verantwortungsethiker, nicht als Gesinnungsethiker (Max Weber) (Thomas Karlauf, FAZ 9.3.19). Julia Encke hat ihn für die FAS (17.3.19) interviewt.

FAS: Ihre Hauptthese ist, dass die Militäropposition „aus Verantwortung handelte und nicht aus Gesinnung“, dass es sich also nicht um einen Opfergang handelte. Wie meinen Sie das?

Karlauf: Wenn man bei dem Soziologen Max Weber nachschlägt, der kategorial zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik unterschieden hat, stellt man schnell fest, dass es zwischen diesen beiden Grundhaltungen keine Gemeinsamkeit geben kann. Entweder ist einer Verantwortungsethiker, oder er ist Gesinnungsethiker. Der Verantwortungsethiker sagt, ich trage Verantwortung, ich muss etwas tun, egal, was dabei herauskommt. Der Gesinnungsethiker sagt, ich müsste etwas tun, kann aber nichts tun, da Gott es offenbar anders bestimmt hat, also kann ich nur die „Flamme der reinen Gesinnung“ hochhalten. Stauffenberg ist Verantwortungsethiker, ein Mann, der auf Grund seiner Faktenkenntnis, seines Überblicks und seines strategischen Denkens sieht, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Und der sagt, Hitler hat nicht das Recht, das ganze deutsche Volk mit in den Abgrund zu ziehen. Der Mann muss weg. Dieses nüchterne militärisch-politische Abwägen passt nicht in unser heutiges Bild vom 20. Juli als Fanal sittlicher Empörung.

2322: BMW-Chef warnt vor Rationalisierung.

Samstag, März 16th, 2019

Der BMW-Vorstandsvorsitzende Harald Krüger warnt vor Arbeitsplatzverlusten durch die zunehmende Automatisierung in Fabriken und Büros. „Wir müssen tatsächlich als Gesellschaft aufpassen, nicht alles wegzurationalisieren.“ Um das abzufedern, müsse auch über ein

Grundeinkommen

diskutiert werden (HM, SZ 16./17.3.19).

2321: Mollath verlangt 1,8 Millionen Euro vom Freistaat Bayern.

Freitag, März 15th, 2019

Vor dem Landgericht München I findet nächste Woche ein Zivilprozess um Amtshaftungsansprüche statt. Gustl Mollath, 62, der mehr als sieben Jahre zu Unrecht in der Psychiatrie gesessen hat, verlangt von Bayern 1,8 Millionen Euro Schadensersatz. Für 2.747 Tage hinter Psychiatrie-Gittern. Wie das Gericht mitteilte, hat der Freistaat Mollath bereits 70.000 Euro gezahlt.

Mollath, der wegen zahlreicher Mahnbriefe an Behörden und den Papst als Querulant galt, war ein Justizopfer. Seine inzwischen verstorbene Frau hatte ihm vorgeworfen, sie geschlagen, getreten, gebissen und gewürgt zu haben. Gutachter hatten ihm eine psychische Störung attestiert. Ein Grund: Mollath hatte seine Frau und weitere Mitarbeiter der Hypo-Vereinsbank sowie einige Kunden wegen Steuerhinterziehung, Schwarzgeld- und Insidergeschäften verklagt. Die Staatsanwaltschaft hatte die Klage abgelehnt. Sechs Jahre nach dem Verfahren, 2012, wurde in einem internen Revisionsbericht der Hypo-Vereinsbank klar, dass Mollath überwiegend Recht gehabt hatte. Das OLG Nürnberg ordnete die Wiederaufnahme des Verfahrens und die sofortige Freilassung Mollaths an. 2014 wurde er vom Landgericht Regensburg freigesprochen (dpa, SZ 15.3.19).

2320: Antisemitismus, Antizionismus und Israel als Dämon der Vereinten Nationen (UN)

Donnerstag, März 14th, 2019

Der Antisemitismus (Judenfeindlichkeit, Judenhass) ist das Menetekel der westlichen Gesellschaften. Auch Deutschlands. Hier bemisst sich, wieviel Toleranz tatsächlich vorhanden ist. Auch weil sich Antisemitismus bisweilen paart mit Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass. Diese Einstellungen nehmen wieder stark zu. Aber die Lage erscheint unübersichtlich, weil sich der Antisemitismus häufig mischt mit Antizionismus. Und manchmal von interessierter Seite gezielt gemischt wird. Dabei gibt es antisemitischen Antizionismus und nicht antisemitischen Antizionismus. Wer will das unterscheiden können? Ich versuche, in 30 Punkten die ideologische Lage zu klären und Differenzierungsmöglichkeiten anzubieten. Dabei schaue ich auch auf Israel.

1. In der Bundesrepublik gab es von Anfang an ca. 20 Prozent der Bevölkerung, die antisemitsiche Einstellungen zeigten.

2. 40 Prozent der Menschen äußerten sich insbesondere nach 1967 (Sechs-Tage-Krieg) israelbezogen antisemitisch.

3. Heute fühlen sich 70 bis 80 Prozent der in Deutschland lebenden Juden bedroht.

4. Jüdische Einrichtungen bei uns (Kindergärten, Altersheime, Synagogen etc.) gleichen Festungen.

5. Das „Judenproblem“ ist – wie eh und je – ein Problem der Nicht-Juden.

6. In Israel herrscht angesichts der äußeren Bedrohungen (u.a. Raketenbeschuss aus Gaza) ein Denken hauptsächlich in Sicherheitskategorien. Das schlägt sich in Wahlergebnissen nieder. Die Armee ist in Israel identitätsstiftend.

7. Atomwaffen einschließlich ihrer Abschussvorrichtungen (u.a. im Mittelmeer) sind die Lebensversicherung Israels.

8. Israel erhebt gegen Menschen, Einrichtungen und Institutionen in Deutschland offiziell den Vorwurf, dass sie israelfeindlich agierten (u.a. Jüdisches Museum Berlin, Heinrich Böll-Stiftung, „Boycott, Divestment and Sanctions“).

9. Bei vielen Deutschen, die in solchen Organisationen besonders engagiert mitwirken, besteht das Problem darin, dass sie auf diese Weise den nicht verarbeiteten Nationalsozialismus ihrer Eltern oder Großeltern (manchmal den eigenen) zu kompensieren suchen.

10. In den letzten zehn Jahren etwa umwirbt Israel arabische Regimes in dem Bemühen, eine gemeinsame Front gegen Iran aufzubauen, den Hauptfeind im Nahen Osten. Und es wird ebenso von arabischen Staaten hofiert.

11. Israel ist keine Bedrohung für die arabische Welt. Aber es ist der Sündenbock bei den Vereinten Nationen (UN).

12. Für Donald Trump ist Iran ebenfalls der Hauptfeind in der Region.

13. Für Benjamin Netanjahu sind Antizionismus und Antisemitismus zwei Seiten der gleichen Medaille. Recht hat er darin, dass beide vielfach gemeinsam auftreten oder bewusst vermischt werden.

14. Die israelische Regierung hat in letzter Zeit mehrfach mit Neofaschisten bzw. Antisemiten gemeinsame Sache gemacht. Die sind z.T. in Yad Vashem aufgetreten: Gianfranco Fini, Geert Wilders, Matteo Salvini, Heinz-Christian Strache, Victor Orban.

15. Die Genannten machen Propaganda gegen Muslime, Araber und Flüchtlinge.

16. Dazu sagt Israels Präsident Reuven Rivlin: „Man kann nicht sagen, dass man den Staat Israel bewundert und Kontakte mit ihm haben will, man aber eben Neofaschist sei. Der Neofaschismus läuft dem Geist, den Prinzipien und den Werten zuwider, auf welchen der Staat Israel gegründet worden ist.“

17. Israel erhebt für alle Juden auf der Welt einen Alleinvertretungsanspruch. Damit gefährdet es Juden in der Diaspora eher, als ihnen zu helfen.

18. Die Boykottbewegung „Boycott, Divstment and Sanctions“ (BDS), die Israel wirtschaftlich schaden will, besteht international aus 171 Gruppen.

19. Sie fordert ein Rückkehrrecht für die Palästinenser. Das gilt dann auch für deren Kinder, Enkel und Urenkel. Damit bekämen die Palästinenser eine Mehrheit im Staat Israel.

20. Fraglich ist noch, in welchen Grenzen sich die Rückkehr vollziehen soll, in denen von 1948 oder von 1967.

21. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein sagt dazu: „Wer wie BDS das Existenzrecht Israels abstreitet und die israelische Politik mit den Nazis gleichsetzt, der übt keine legitime Kritik an Israel mehr, sondern agiert im Kern antisemitisch.“

22. Die jüdische US-amerikanische Philosophin Judith Butler angesichts der israelischen Besetzungspolitik auf der Westbank: „Es ist nicht hinnehmbar, im Angesicht von Ungerechtigkeiten zu schweigen.“

23. Airbnb bietet im Westjordanland keine Zimmer mehr an.

24. Die Schauspielerin Scarlett Johannson musste sich dafür rechtfertigen, dass sie für den israelischen Sprudelhersteller Sodastream Werbung gemacht hat.

25. Daniel Barenboims „West Eastern Divan Orchester“, in dem Musiker aus Israel, den Palästinensergebieten, Syrien, Jordanien und Spanien gemeinsam musizieren, kann nicht mehr wie 2005 in Ramallah auftreten.

26. Judith Butler verteidigt die anti-israelische Boykottbewegung: „Der Boykott richtet sich nicht gegen Juden, er zielt nicht auf israelische Bürger. Er zielt auf israelische Institutionen, die über die Macht verfügen, Druck auf die Regierung auszuüben, ihre verwerflichen Gesetze und politischen Maßnahmen bezüglich Palästina zu beenden.“

27. Den Grund für die Gleichsetzung von Boykottbewegung und Antisemitismus sieht Butler darin, „dass eine neue Definition von Antisemitismus als Antizionismus in den letzten Jahren sowohl in den USA als auch in Europa Fuß gefasst hat“.

28. Für Butler „wird Antisemitismus mittlerweile ausschließlich als eine Waffe aufgefasst, von der man Gebrauch macht, um Kritik an Israel abzuwehren“.

29. Butler: „Das Netanjahu-Regime kann Steve Bannon, der auf der Seite Breitbart Nazis einen Diskussionsort bot, verzeihen, weil er ein erklärter Zionist ist.“

30. Ein Team unter der Leitung der Linguistin Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel von der Technischen Universität Berlin hat 300.000 Texte von Kommentaren in Online-Medien von 2007 bis 2018 untersucht. Fazit: „Weltweit nimmt die Codierung und Verbreitung von Antisemitismen, insbesondere über das Web 2.0, zu. Diese Entwicklung in der virtuellen Welt korreliert in der realen Welt mit judenfeindlichen Übergriffen und Attacken, Drohungen und Beleidigungen.“

(Louis Lewitan, Die Zeit 8.11.18; Alexandra Föderl-Schmid, SZ 19.11.18; Jannis Hagman, taz 6.12.18; Lea Frehse, Die Zeit 6.12.18; Simon Stein/Moshe Zimmermann, taz 10.12.18; Alexandra Föderl-Schmid, SZ 13.12.18; Thorsten Schmitz, SZ 28.1.19; Alexandra Föderl-Schmid, SZ 11.2.19; Frederik Schindler, taz 9./10.3.19; Thomas Assheuer, Die Zeit 14.3.19)

 

 

2319: Es gibt keine linke Mehrheit im Bundestag.

Mittwoch, März 13th, 2019

Bei der Bundestagswahl 2013 hatten die Linken eine knappe Mehrheit. Aber nur, weil der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Peer Steinbrück eine Koalition mit den Linken (der Partei) ausgeschlossen hatte. So kriegte die SPD 25,7 Prozent, sonst hätte sie weniger bekommen. 2017 schloss Martin Schulz ein Linksbündnis nicht aus, da kriegte Rot-Rot-Grün schon keine Mehrheit mehr. Beide Politiker sind inzwischen vergessen.

Der Rückzug Sahra Wagenknechts, den wir persönlich bedauern mögen, macht uns klar, dass ein Linksbündnis gegenwärtig keine Mehrheit hat. Nicht im Parlament und nicht in den Umfragen. Das ist sehr gut so. Denn was wir brauchen, ist eine Bundesregierung, die die Verwerfungen im Westen (NATO, EU) hauptsächlich wegen der Politik der USA gemeinsam mit anderen überwindet. Dazu können wir keine Europa-Gegner, ökologischen Illusionisten und Putin-Freunde gebrauchen.

Die Linken können zur Zeit nicht von den hohen Verlusten anderer profitieren. Protestwähler ziehen trotz deren Parteispendenaffäre zur AfD. Gute Nacht! Die SPD steht sich selbst im Weg, weil sie nicht nur in der Regierung ist, sondern zugleich eine Oppositionsrolle spielen will. Das klappt nicht. Mit dem Rückzug Sahra Wagenknechts haben die SPD und die Linke die Ausrede verloren für die mangelnde Anziehungskraft der gesamten Linken (Nico Fried, SZ 13.3.19).

Bei der nächsten Bundestagswahl wird mit entscheidend werden, wer mehr Stimmen bekommt, die SPD oder die Grünen. Dann sehen wir weiter.

2317: „Aufstehen“ ohne Wagenknecht

Sonntag, März 10th, 2019

Die Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht hat angekündigt, sich aus der Führung der von ihr gegründeten Bewegung „Aufstehen“ zu verabschieden. „Die Parteipolitiker sollten sich zurücknehmen, das betrifft auch mich selbst. Sie waren mit ihren Erfahrungen anfangs notwendig. Aber jetzt ist es richtig, Verantwortung abzugeben.“ Frau Wagenknecht gab an, dass sie sehen müsse, welches Arbeitspensum von ihr zu schaffen sei. In den letzten beiden Monaten war sie krank. Die hochgebildete Politikerin, die politisch so schief gewickelt ist (W.S.), kann über Goethe schreiben, wie derzeit niemand sonst. Sie hatte sich anscheinend übernommen.

Wagenknecht gestand zwei Fehleinschätzungen ein. Einmal hätten Linke und SPD sich „eingemauert“. Andererseits hätte sie die Schwierigkeiten unterschätzt, auf rein ehrenamtlicher Basis solide Strukturen für viele Menschen zu schaffen und die dann auf die Straße zu bringen. An dem Ziel, Mehrheiten zu organisieren, die nun mal im Bundestag nicht gegeben seien, müsse die Bewegung festhalten.

Lydia Rosenfelder meint, dass Wagenknechts Rückzug ein Zeichen dafür sei, dass von „Aufstehen“ nichts mehr zu erwarten sei. Allerdings habe Wagenknechts krankheitsbedingtes Fehlen in der Linken-Fraktion zu großer Entspannung geführt (Lydia Rosenfelder, FAS 10.3.19). Wagenknecht betonte: „Unser Europaprogramm ist ein ausgewogener Kompromiss, mit dem ich leben kann. Wir kritisieren die Europäische Union, gleichzeitig wollen wir natürlich nicht zum Nationalismus in Europa zurück.“ (Ralph Bollmann, FAS 10.3.19)

2315: Thea Dorn: Den Zusammenhalt wahren.

Freitag, März 8th, 2019

Die Schriftstellerin Thea Dorn, 48, ist festes Mitglied im „Literarischen Quartett“. Dort besticht sie durch fundierte Unabhängigkeit. 2011 hat sie mit Richard Wagner geschrieben

„Die deutsche Seele“,

wo auf 560 Seiten von „Abendbrot“ bis „Zerrissenheit“ deutsche Eigentümlichkeiten behandelt werden. Jetzt beschäftigt Dorn sich (SZ 8.3.19) mit dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Für Dorn sind die fundamentalen Alleinstellungsmerkmale westlicher Kultur eine unverwechselbare eigene Identität und ein persönliches Ich. In rückständigeren Kulturen definierte dies nicht das Individuum, sondern die Familie, der Clan, die Religion, die „Blutsgemeinschaft“, die Sekte oder die kommunistische Partei.

Dorn möchte wissen, wie die vielen Ichs in ihrem Streben nach Selbstverwirklichung trotzdem friedlich und produktiv zusammenleben können. Auch wenn im 20. Jahrhundert der Aufstieg der westlichen Gesellschaften zu globaler Dominanz sich vollzogen habe. Möglicherweise beruhe die Krise dieser westlichen Gesellschaften gerade darauf, dass die freiheitlich-demokratischen Rechtsstaaten tatsächlich für a l l e  Bürger da sein wollten. Dass also nicht mehr die

Frauen, Juden, Schwarzen, Homosexuellen

Bürger zweiter Klasse gegenüber den

„alten, weißen Männern“

seien. Friedrich Nietzsches zynische Lösung, dass die Aufforderung „Werde, der du bist!“ nicht für alle tauge, lehnt Thea Dorn vehement ab.

Dorn versteht den Triumph der vormals Diskriminierten, wenn ein Kampf für die Gleichberechtigung gewonnen ist. Sie versteht den Zorn der immer noch Diskriminierten. „Dennoch halte ich es für fatal, wenn die Noch-nicht-so lange-Gleichberechtigten ihre Aufmerksamkeit in erster Linie auf fortbestehende Kränkungserfahrungen richten statt auf neugewonnene Spielräume für Freiheit und Selbstverwirklichung.“

Das Paradox liberaler Gesellschaften liege darin, dass Menschen in ihnen nach Originalität, Einzigartigkeit, Differenz und gleichzeitig nach Anerkennung als Gleiche streben dürften. Fatal sei die Aussage „Schau her, ich gehöre einer Gruppe von Menschen an, deren Kränkungserfahrungen einzigartig sind und deren Gefühlshaushalte du deshalb nie verstehen wirst.“ Wenn dann auch noch die „alten, weißen Männer“ und die „Biodeutschen“ dazu übergingen, mit derselben identitätspolitischen Münze zurückzuzahlen, habe der

gesellschaftliche Zerfall

endgültig begonnen.

2314: Sexueller Missbrauch in der DDR

Donnerstag, März 7th, 2019

Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern, Jugendliche und Nonnen in der katholischen Kirche ist verheerend (und noch nicht aufgearbeitet). Ebenso das System der Vertuschung. Und manchmal werden diese Tatsachen von Atheisten als Argumente gegen die Kirche verwandt. Verständlich, aber nicht voll schlüssig. Denn mit der Odenwaldschule ist ein ehemaliges Vorzeige-Projekt der Reformpädagogik auf Grund systematischen sexuellen Missbrauchs endgültig dekonstruiert worden. Nun wurde gezeigt, dass auch in der DDR systematischer sexueller Missbrauch betrieben wurde. Vor allem in den Familien, wie überall. Und in den mehr als 600 Heimen.

Das zeigt eine nicht repräsentative Fallstudie für die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. Hierzu wurden 75 vertrauliche Anhörungen und 27 Berichte zu sexuellem Missbrauch ausgewertet. Im Zentrum des Ergebnisses:

Die systematische Tabuisierung und Leugnung sexueller Gewalt in der DDR.

„Sexualisierte Gewalt kann kein Teil einer sozialistischen Gesellschaft sein.“ Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das System der DDR-Heime war gekennzeichnet dadurch, dass Individuen in immer restriktivere Heime verlegt werden konnten („Spezialheime“, „Durchgangsheime“, „Jugendwerkhöfe“). Dort gab es kollektives Verprügeln Einzelner, Putzstrafen, „Sauberkeitskontrollen“, öffentliche Beschämung und Demütigung und Missbrauch.

„Aus sexuellen Übergriffen wurden unter den Rahmenbedingungen der totalen Institution und dem Machtgefälle zwischen Erziehern und Zöglingen schnell massivere Übergriffe, die immer weiter eskalierten, da ihnen nicht Einhalt geboten wurde.“

Die Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), sieht Handlungsbedarf. Sie fordert Selbsthilfe- und Therapieangebote und Beratungsmöglichkeiten. Viele der Opfer wurden alleingelassen. Sie haben partiell sehr schwierige soziale Biografien. Auf ihre Schulbildung wurde kaum geachtet (Henrike Rossbach, SZ 7.3.19).