Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

2580: Grünen-Parteitag: Glaubenskrieg um Homöopathie ?

Freitag, Oktober 18th, 2019

Die Grünen eilen von Sieg zu Sieg. Manche werden das für unverdient halten, andere für verdient. Ich glaube, dass es verdient ist, weil die Grünen seit Jahrzehnten nachvollziehbar ihren ökologischen Linien folgen. Natürlich gibt es außerhalb davon ebenso wichtige Politikfelder: Außenpolitik, Sicherheitspolitik (äußere und innere), Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Bildungspolitik, Hochschulpolitik usw. Die gezielt behutsame Führung der Grünen hat den Nachteil, dass man manchmal nicht so genau weiß, was die Grünen überhaupt wollen. Es kann sogar sein, dass der eine oder andere deswegen die Grünen nicht wählt, weil es dort zu viele Altkommunisten gibt, die gerne mit den Linken zusammen arbeiten. Wie demnächst in Thüringen.

Nun droht auf dem Parteitag im November ein Glaubenskrieg um die Homöopathie. Manche Mitglieder halten sie für teuren Humbug (Hokuspokus). Sie machen darauf aufmerksam, dass die Grünen doch stets auf die Wissenschaft verweisen, wenn sie gegen Klimaleugner argumentieren. Und dass die Grünen sich grundsätzlich klar gegen Esoterik und Wissenschaftsfeindlichkeit positionieren. Vor allem gegen die Erstattung der Homöopathie durch die Krankenkassen wendet sich der Hauptzweig der Grünen. Und tatsächlich: wenn jemand seinen Hokuspokus selbst bezahlt, darf er machen, was er will.

Traurigerweise gibt es bei den Grünen eine starke Strömung, welche die Homöopathie verteidigt. Sie befürwortet ein breites Therapieangebot, das auch Naturheilkunde und Komplementärmedizin umfasst. Sie will gemeinsame Therapien aus Naturheilkunde und Schulmedizin stärker erforschen lassen. Die Grünen-Bundestagsfraktion hat sich erst kürzlich ausdrücklich dafür ausgesprochen, dass sich Menschen für verschiedene Wege in der Therapie entscheiden können. Und erst vor kurzem hat die Grünen-Bundestagsfraktion eine Impfpflicht gegen Masern beschlossen. Viele Grünen-Wähler schwören auf die Produkte der Demeter-Bauern, die Böden dadurch vitalisieren, indem sie Rindermist in Kuhhörner stopfen und vergraben.

Hilfe bekommen die Grünen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der darauf verweist, dass für Arzneien jährlich 40 Milliarden Euro ausgegeben werden und nur 20 Millionen für Homöopathie. Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner arbeitet gegenwärtig hinter den Kulissen daran, Homöopathie-Befürworter und -Gegner zu versöhnen. Die Bundesspitze hat Angst vor einem schweren Konflikt. „Es muss eine Lösung geben, die die wissenschaftlich und rational denkenden Menschen nicht vor den Kopf stößt.“ (Ulrich Schulte, taz 14.10.19)

2578: Juan Moreno: „Tausend Zeilen Lüge“

Mittwoch, Oktober 16th, 2019

Der freie „Spiegel“-Mitarbeiter Juan Moreno (47) analysiert in seinem Buch, wie es dazu kommen konnte, dass der Reporter Claas Relotius über Jahre so vielfältig gefälschte Beiträge im „Spiegel“ unterbringen konnte:

Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus.  Berlin (Rowohlt) 2019, 285 Seiten.

Das Buch hat 18 Kapitel, denen je ein Motto vorangestellt ist, das sich meistens direkt auf den Konflikt um Relotius bezieht. So schreibt „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann vor der Einleitung (S. 22): „Worauf ich häufig angesprochen werde: das Buch, das Juan schreiben wird. Ich kann und will ihm das nicht verbieten (er ist freier Mitarbeiter), und ich will das auch gar nicht. Ein Buch über den Fall wird es so oder so geben. Und da ist es mir lieber, es schreibt einer, der wirklich nah dran war, und nicht irgendein Honk.“

Juan Moreno hat den Fall des Fälschers Claas Relotius ziemlich allein aufgeklärt. Gegen den „Spiegel“, insbesondere gegen die Ressorts „Dokumentation“ und „Gesellschaft“. Die Chefs der „Gesellschaft“ waren seinerzeit Ullrich Fichtner und Matthias Geyer. Die sind mittlerweile weg. Auch der Chef der Dokumentation und der zuständige Sachbearbeiter haben das Blatt verlassen. Der Grund für die Schwierigkeiten lag darin, dass Relotius im Hause so überaus beliebt war, ein „Jahrunderttalent“ (S. 31). Er galt als bescheiden, zurückhaltend, sachbezogen. So hat ihn auch Moreno erlebt. Aber er war nur ein Hochstapler und raffinierter Fälscher. Das zog sich über Jahre. Mehr als fünfzig Relotius-Beiträge waren ganz oder in Teilen gefälscht. Meist begnügte sich der Reporter mit der Vorrecherche, um dann im journalistischen Kämmerlein um so süffiger zu formulieren. Das, was die Leser lesen wollten (heute Blase genannt).

Moreno schreibt dazu: „Ob es nur eine Frage der Zeit war, bis er aufgeflogen wäre? Ich bin davon nicht überzeugt. Claas Relotius stand wie gesagt kurz davor, Ressortleiter zu werden.“ (S. 223).

Verständlicherweise wird viel darüber nachgedacht, ob die Gattung der „Reportage“ anfällig ist für Hochstapler, „Menschenfänger“ (S. 245) und Betrüger. Das tut auch Moreno. Dabei wissen wir doch seit Egon Erwin Kisch (1885-1948) („Schreib das auf, Kisch!“), dass jede Art von Information im Kern Werbung ist und dass Kisch nicht etwa die Wirklichkeit beschrieben hat, sondern lange und intensiv an seinen Texten feilte. Jede journalistische Auswahl ist Parteinahme. Das besagt noch lange nicht, dass das System des westlichen Journalismus falsch ist mit der Objektivitätsforderung an Nachrichten und der Trennung von Nachricht und Meinung. Die Alternative sind Agitation und Propaganda (Lenin).

Wir wissen auch, dass in Zeiten zurückgehender verkaufter Auflagen und Werbeerlöse selbst  ein heute immer noch mächtiges Blatt wie „Der Spiegel“ an Verkaufsförderung (S. 260) denken muss. An gut lesbare Geschichten. Die trotzdem wahr erscheinen. Das alles hat die Fälschungen von Relotius befördert. Und das Publikum tut so, als sei es ausschließlich an der Wahrheit interessiert, fährt aber auf gefälschte Geschichten ab. Moreno hält trotzdem an den üblichen journalistischen Grundsätzen fest und bekennt sich als Fan der Reportage. Muss er das?

Was die Problemlage verschärft, sind die unzähligen Journalistenpreise in Deutschland. Über 500 sollen es sein. Sie bringen den Trend zu gefälligen, passenden, letztlich beruhigenden Geschichten, die unsere Vorurteile bestätigen, mit sich. Wir schauen jetzt vorsichtshalber nicht, wer in den einschlägigen Jurys saß. Elke Heidenreich (76) hat gerade mitgeteilt, dass sie Journalistenpreise ablehnt und deswegen nie in einer Jury war.

Moreno schreibt: „Die Verbreitung der Falschmeldungen wird durch Algorithmen und sogenannte Bots unterstützt. Mit anderen Worten: Propaganda im digitalisierten Zeitalter. Das Phänomen ist nicht neu. Hannah Arendt schrieb, dass der ‚Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat – die teuflischste Variante, die man sich denken kann – nämlich: das Wahrlügen.'“ (S. 272) Das gilt um so mehr in einer Zeit, in der Menschen wie Donald Trump und Boris Johnson die Agenda bestimmen.

Deswegen brauchen wir heute mehr als je zuvor im Journalismus Typen, die sich von den Verlockungen der Fake-News nicht verleiten lassen. Die so „grau“ sind wie die Welt, so schreibt es Moreno, weder schwarz noch weiß (S. 36). Und er nennt deutsche Beispiele von seriösem Journalismus: „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Das trifft zu. Aber wir wissen, das auch sie schon von Fälschungen betroffen waren. Wir denken außerdem an die „Hitler-Tagebücher“ („Stern“ 1983) und Tom Kummer (2000). An dieser Stelle kann unser Problembewusstsein gar nicht hoch genug sein. Damit Claas Relotius als „Problem“ des schwierigen zeitgenössischen Journalismus gesehen wird und nicht als dessen „Lösung“ (S. 281). Juan Moreno hat dazu einen faktengesättigten Beitrag geleistet. Einen nicht unbedingt wissenschaftlichen, aber einen geeigneten.

„Ein Kollege im ‚Spiegel‘ erreichte Relotius einige Monate nach dem Ende des Skandals. Relotius behauptete, dass er gerade in einer Klinik in Süddeutschland sei. In Behandlung. Ihm werde da geholfen. Die Ärzte würden Fortschritte sehen. Es sei ihm immer nur darum gegangen, die Kollegen, seine Freunde, nicht zu enttäuschen. Das sei das Wichtigste überhaupt. Tags darauf traf dieser Kollege eine ‚Spiegel‘-Sekretärin. Die Frau hatte Relotius gerade auf dem Fahrrad gesehen. In Hamburg.“ (S. 284 f.)

2573: Die Grenzen der Meinungsfreiheit

Donnerstag, Oktober 10th, 2019

Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner wegweisenden Rechtsprechung stets eine Linie verfolgt, welche die Meinungsfreiheit ganz hoch handelt, sehr hoch. Es folgt damit einem Diskursparadigma, das darin besteht, dass eine robuste Auseinandersetzung besser ist als obrigkeitsstaatliche Repression. Möglicherweise stammt die einschlägige Rechtsprechung aber noch aus der guten alten Zeit vor dem Internet. Angesichts der Rechtsprechung des Landgerichts Berlin, nach der man Renate Künast (Grüne) eine „Drecksfotze“ nennen darf, werden nun Überlegungen angestellt, wie die Meinungsfreiheit unter den Bedingungen der sozialen Medien neu und besser formuliert werden kann.

1. Eine Schmähkritik ist die einzige vollständig verbotene Kritik, die „in jedem denkbaren Sachzusammenhang als bloße Herabsetzung des Betroffenen erscheint und daher unabhängig von ihrem konkreten Kontext stets als persönlich diffamierende Schmähung aufgefasst werden muss, wie dies möglicherweise bei der Verwendung besonders schwerwiegender Schimpfwörter – etwa aus der Fäkalsprache – der Fall sein kann“.

2. Die Bezeichnung „Dummschwätzer“ kann infolgedessen eine Schmähkritik sein. Oder auch nicht, wenn damit „dumme Aussagen“ gemeint sind.

3. So wie man im Straßenverkehr ein klein wenig zu schnell fahren darf, so darf man auch ein bisschen zu wüst formulieren. Sonst würden zu viele Menschen gleich ganz den Mund halten.

4. Die wissenschaftliche Konfliktforschung hat festgestellt, dass in der Zeit der sozialen Medien die Herabwürdigung von Personen des öffentlichen Lebens durch gezielte Kampagnen zum politischen Kampfinstrument regelrechter Hassgemeinschaften geworden ist.

5. Im Netz haben sich Gruppen zusammengefunden, die gar keinen Diskurs führen wollen. Sie wollen die demokratische Debatte zerstören.

6. „Gerade bei Hassbotschaften im Internet besteht auf Grund der Breitenwirkung von Angriffen zunehmend eher die Gefahr, dass der demokratische Prozess durch einen Overkill an kommunikativer Aggression beeinträchtigt wird.“

7. „Hassrede hat gesundheitliche, psychische und soziale Wirkungen, die aus Mangel an Wissen darüber in Gerichtsverfahren schlichtweg übersehen werden.“

8. Journalisten werden regelmäßig mit verbalen Angriffen verfolgt.

9. Über die Behandlung von Anonymität im Netz kann nur das Bundesverfassungsgericht selbst verbindliche Auskunft geben.

10. „Seine großen und leider zu seltenen mündlichen Verhandlungen sind oft Lehrstunden für die Republik gewesen.“ (Wolfgang Janisch, SZ 10.10.19)

2571: Die DDR war ein Unrechtsstaat.

Mittwoch, Oktober 9th, 2019

Cerstin Gammelin (SZ 9.10.19) kritisiert scharf die Versuche der mecklenburg-vorpommerschen Ministerpräsidentin (SPD) und des thüringischen Ministerpräsidenten (Linke), für die DDR den Begriff Unrechtsstaat zu vermeiden:

„Es ist gefährlich, wenn sich Politiker jetzt daran machen, die Definition des Begriffs Unrechtsstaat, der auf die DDR damals zutraf, an die heutigen Bedürfnisse anzupassen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Manuela Schwesig (SPD), Regierungschefin in Mecklenburg-Vorpommern, werfen sich mit heroischer Geste vor ihre ostdeutschen Landsleute und lehnen den Begriff Unrechtsstaat für die DDR ab. Man kann darüber nur staunen. Glauben sie wirklich, dass sie mit dieser absurden Beschützergeste den Bürgern im Osten helfen, ja neue Wähler gewinnen?“

Im Osten habe eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem real existierenden Sozialismus nie stattgefunden.

„Es liegt auch an diesem Versäumnis, dass der AfD im Osten das Unfassbare gelungen ist, die friedliche Revolution teilweise für sich zu kapern. Wer nur gelernt hat, in radikalen Strukturen zu denken, der schwenkt eher von ganz links nach ganz rechts als zur demokratischen Mitte. Man beschmutzt also nicht die Bürger im Osten, wenn man die DDR einen Unrechtsstaat nennt.“

 

2570: Minister Scheuer (CSU) in Bedrängnis

Mittwoch, Oktober 9th, 2019

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat inzwischen fünf weitere Treffen seines Ministeriums mit Vertretern der Mautfirmen CTS Eventim und Kapsch zwischen dem 3. Oktober 2018 und dem 23. Mai 2019 eingeräumt. Dabei sollen führende Vertreter der Betreiberfirmen vorgeschlagen haben, die Unterzeichnung der Mautverträge auf einen Zeitpunkt nach dem EuGH-Urteil zur Ausländermaut zu verschieben. Scheuer habe dies abgelehnt. Damit hätte er die gegenwärtigen Schadensersatzforderungen vermeiden können.

Die Grünen haben das Vertrauen in die Arbeit des Ministers verloren. Vor drei Monaten habe der Minister im Bundestag „volle Transparenz“ angekündigt. „Seitdem sind nahezu täglich neue Täuschungsmanöver des Ministers ans Tageslicht gekommen. Inzwischen haben wir keinen Glauben mehr in den Aufklärungswillen von Andreas Scheuer.“ (Markus Balser, SZ 9.10.19)

2568: Der nette Nazi von nebenan

Dienstag, Oktober 8th, 2019

Die Landflucht bringt es mit sich, dass es in Deutschland auf dem Land immer mehr freie Flächen, leerstehende Bauernhöfe und Häuser gibt. Da ziehen auch Nazis hin, „Identitäre“ und rechte Ökologen. Das belegen Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem Buch

„Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“. Berlin (Christoph Links) 2019, 208 S., 18 Euro.

Wie viele es sind, ist dort nicht geklärt. Dafür aber, dass es ihnen um „politische Raumgewinnung für antiemanzipatorische und antihumanistische Ressentiments“ geht. Sie denken nicht von Wahlperiode zu Wahlperiode, „sondern in viel größeren Zeiträumen. Es geht ihnen um eine nachhaltige politische Wende.“ Aufgeräumt wird mit dem Vorurteil, dass es einen Widerspruch gebe zwischen Rechtsextremismus und ökologischer Lebenseinstellung. Schon bei den Nazis haben Natur-, Umwelt- und Heimatschutz eine sehr große Rolle gespielt.

„Wenn völkische Siedler Bauernhöfe in ländlicher Region kaufen, Vieh artgerecht und ökologisch halten, sich in der Gemeinschaft nützlich machen, Schulen aufbauen und sich aktiv in Elternvertretungen, im Waldschutz und in Umweltinitiativen engagieren, schlüpfen sie also keineswegs in den Schafspelz, um andere zu täuschen, sie leben vielmehr eine der Blut- und Bodentradition und völkischem Brauchtum verbundene Einstellung.“

Und plötzlich wohnen freundliche Nazis in unserer Nachbarschaft. Sie sind hilfsbereit und kümmern sich um Alte. Sie wenden sich gegen „Überfremdung“. Das wirkt vielleicht anfangs noch harmlos und unverfänglich, ist aber dem höheren Ziel der rassischen Gesellschaft untergeordnet. Kunst, Literatur, Musik und Theater gelten ihnen als „kulturelle Mittel zur völkischen Platzgewinnung im vorpolitischen Raum“. Sie nehmen an Veranstaltungen von Pegida und AfD teil. Es ist bisweilen von einer „Rückeroberung“ die Rede. Und es gibt den Hinweis, dass leere Gehöfte und örtliche Kameradschaften vorrätig seien und dass es nur einer Führung bedürfe (Angelika Benz, SZ 7.10.19).

2567: Wem nützt Homöopathie ?

Montag, Oktober 7th, 2019

20 Millionen zahlen die gesetzlichen Kassen jedes Jahr für homöopathische Mittel. Dabei sagt die Wissenschaft, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus keine Wirkung hat. Seit der Neuregelung der Kassenleistungen 2012 gibt es die entsprechende Erstattung. Die Idee dafür war ökonomisch. Der Wettbewerb zwischen den Kassen sollte gestärkt werden. Die Folge war, dass fast alle Kassen die Erstattung homöopathischer Präparate einführten. Der Schaden ist immens, wenn Kassenchefs der Homöopathie einen Glaubwürdigkeitsbonus durch die Erstattung geben.

Fälle wie der Tod eines homöopathisch behandelten Siebenjährigen in Italien 2017 sind zwar selten, aber in HNO-ärztlichen Praxen ist zu sehen, dass Kinder mit einer homöopathischen „Therapie“ vertröstet und somit unnötig verlängertem Schmerz ausgesetzt werden. Es gilt doch das „primum non nocere“. Eine Gesundheitspolitik, die sich wider alle Fakten von einer vermeintlichen Beliebtheit der Homöopathie beeinflussen lässt, trägt zudem eine Mitverantwortung für die Zunahme von Wissenschafts- und Faktenferne in der Bevölkerung und damit zum Beispiel zur „Impfskepsis“. Letztlich wird die Ehrlichkeit und Redlichkeit gegenüber den Patienten preisgegeben (Christian Lübbers, Die Zeit 26.9.19).

2566: Union als Volkspartei in der Krise

Montag, Oktober 7th, 2019

CDU und CSU sind zwei Parteien, die bundesweit die wohl letzte Volkspartei darstellen. Das führt dazu, dass sie als Union noch viele Direktmandate holen, inhaltlich aber viele Probleme haben. Das geht so weit, dass ich als Wähler manchmal wirklich nicht weiß, was die Union tatsächlich will. Ein Verharren im Opportunismus hilft ja nicht.

So sind Innenminister Horst Seehofers (CSU) Vorschläge für eine humanere Flüchtlingspolitik gleich auf scharfe Kritik aus der Union gestoßen. Unabhängig voneinander bei Fraktionschef Ralph Brinkhaus, Fraktionsvize Carsten Linnemann und dem Innenpolitiker Thorsten Frei. Ja, was will die Union? Der ohnehin von vielen als halbherzig angesehene Klimaplan der großen Koalition (Union und SPD) trifft tausendfach auf Einzelkritik aus der Union. Und die junge Union plädiert sogar für eine höhere Pendlerpauschale. „Die aktuelle Entfernungspauschale deckt .. schon länger nicht mehr die Kosten für den Arbeitsweg der Bürger.“ Ist das die Politik der gesamten Union? (dpa, SZ 7.10.19; Kristiana Ludwig/Karoline Meta Beisel, SZ 7.10.19; Nico Fried, SZ 7.10.19)

2564: Die Widerspruchslösung widerspricht der Würde des Menschen.

Sonntag, Oktober 6th, 2019

Bei der Organspende besteht die Widerspruchslösung, die Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) vorschlägt, darin, dass mir ein Organ oder Organe bei meinem Tod entnommen werden dürfen, wenn ich vorher nicht rechtzeitig widersprochen habe. Dabei werden die Fundamentalfragen der Menschenwürde und der Totenruhe berührt. Der Staat darf nicht mein Nicht-Handeln vor dem Tod als Bequemlichkeit bezeichnen und beiseiteschieben. Ein staatlicher Zwangsakt in dieser Angelegenheit passt nicht zu dem Wort „Spende“. Der Staat denkt auch nicht daran, einen Teil des Vermögens eines Verstorbenen zu konfiszieren, um es dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zur Verfügung zu stellen.

„Der Staat darf mir meinen Körper nicht wegnehmen, er darf es noch sehr viel weniger, als er Grundstücke enteignen darf.“

Der Mensch gehört sich selbst, nicht der Gesellschaft, nicht dem Staat. „Es ist nicht hoch genug zu würdigen, es ist Selbsthingabe, wenn ein Mensch im Fall des Hirntodes bereit ist, Organe zu spenden, um einem anderen, der ihm in der Regel fremd ist, das Leben zu retten. Aber dieser Rettungsakt darf nicht dekretiert werden.“ Und Schweigen ist keine Zustimmung. „Es wäre .. die Umkehrung jeglichen Rechtsverständnisses, wenn man gezwungen würde, das Normale, das Selbstverständliche, also die Achtung vor Integrität, Unantastbarkeit und Sebstbestimmung durch eine Erklärung erst sicherstellen zu müssen.“

Jeder Mensch hat das Recht, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden mit Bildern, in denen die Entnahme seiner Organe gezeichnet wird. Menschen dürfen feige sein. Es ist ihnen erlaubt,  Auseinandersetzungen über die Organspende auszuweichen. „Es ist ein Gewaltakt, Menschen unter Druck zu setzen, sich Vorstellungen von Explantationen und Amputationen an seinem beatmeten sterbenden Leib auszusetzen.“ (Heribert Prantl, SZ 5./6.10.19)

Die Widerspruchslösung widerspricht der Würde des Menschen (Art. 1 GG).

2563: Die falsche Idylle von der Einfachheit

Samstag, Oktober 5th, 2019

1. Der erste, der in unserer Hinsicht in die Irre ging, war der US-amerikanische Schriftsteller David Henry Thoreau. 1845 baute er sich bei Concord eine Hütte und zog sich von der Zivilisation zurück. Fortan beobachtete er Eichhörnchen und lauschte dem Quaken der Ochsenfrösche. Immerhin schrieb er darüber den Welt-Bestseller „Walden oder das Leben in den Wäldern“. Was Thoreau besonders verachtete, waren Zeitungen. All dieses News-Gewäsch.

2. Zu Zeiten von Donald Trump sind die Thoreau-Fans zurück. Sie beklagen sich über das Medien-Spektakel der Sinnlosigkeit und ziehen sich in ihren Behaglichkeitskosmos zurück.

3. Der deutsche Schriftsteller Botho Strauß ekelt sich erkennbar vor der Penetranz des Populären und pflegt seine „Aristokratie des Beisichseins“.

4. Mancher neue Lebens-Philosoph lobt die Freuden der Gartenarbeit und verachtet den Selfie-Tourismus.

5. Rolf Dobelli liest seit zehn Jahren keine Zeitungen mehr und schaut kein Fernsehen. Das mache krank, dumm und traurig.

6. All diese Frustrierten haben das Recht auf ihre Meinungen und die Verfolgung ihrer Interessen. Aber sie haben der Gesellschaft nichts zu bieten. Die Egozentriker der neuen Einfachheit sind mal elitär und mal romantisch. Aber die Stoßrichtung ihrer Lösungssuche ist das Loblied auf die Vereinzelung. Sie wollen keine gesellschaftliche Lösung. Auf der Suche nach dem Seelenfrieden gebärden sie sich als Seher.

7. Dabei treten drei Grundprobleme zutage: a) das Problem der Masse der Informationen, b) die nicht immer gegebene Qualität der Nachrichten, c) wie lässt sich das Verhältnis von Information und Aktion, von Wissen und Handeln sinnvoll neu bestimmen angesichts der riesigen öffentlichen Probleme (etwa Klimawandel, Digitalisierung, Bekämpfung des simplifizierenden Populismus).

8. Die Informations-Spießer und die Philosophen der asozialen Einsamkeit machen es sich zu einfach: sie leugnen das Dilemma zwischen Auswahl und Dosierung von Informationen einerseits und Ignoranz und Indifferenz andererseits.

(Bernhard Pörksen, SZ 2./3.10.19)

9. Die gegenwärtige Welt ist hochkomplex und kann nur auf dieser Ebene treffend analysiert werden.

10. Dafür sind wir selbst verantwortlich.