Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

2980: Der weite Weg der Monika Maron

Sonntag, August 9th, 2020

Mit „Flugasche“ (1981) hat sie unsere Herzen erobert. Eine große Schriftstellerin: Monika Maron. Auch noch mit „Stille Zeile Sechs“ (1991) oder „Animal Triste“ (1996). Sie kannte sich in der Liebe aus. Seither hat sie einen weiten Weg gemacht. Anscheinend politisch motiviert. Alle Rezensenten ihres neuen Romans „Artur Lanz“ (Verlag S. Fischer, 19,90 Euro) und ihre Interviewer haben sich um Fairness bemüht.

Aber Julia Encke schreibt in der FAS (9.8.20): „Wir leben in einem Land, so suggeriert es uns Maron allen Ernstes in ihrem toxischen Cocktail aus Selbstgerechtigkeit, Ressentiment und Machotum, in dem die Meinungsfreiheit wieder eingeschränkt wird wie in der DDR. … Wobei ‚uns‘ natürlich falsch ist. Nur die Männer. Die sollen wieder Helden werden und Männer sein dürfen. Am besten Biker-Typen. Die Frauen sind sowieso nur durchideologisierte Denunziantinnen im Genderwahn.“

2979: Journalistischer Machtkampf

Freitag, August 7th, 2020

1. Seit die „New York Times“ ihren Kommentator James Bennett und die prägende Kolumnistin Bari Weiss verloren hat, steht fest, dass im Journalismus ein Machtkampf tobt, der noch wesentlich schärfer werden wird.

2. Grund für den Verlust war der Gastkommentar des Republikaners Tom Cotton, der gegen Randalierer den Einsatz von Militär gefordert hatte.

3. Der Kampf wird ausgetragen zwischen identitätspolitisch Aufgeklärten und Liberalen (vorzugsweise alte weiße Männer, zu denen ich auch gehöre).

4. Die Identitätspolitiker wollen die „richtigen“ Ansichten zu Wort kommen lassen für bislang unterdrückte Gruppen, sie wollen keine Gefühle verletzen und Minderheiten fördern.

5. Die alten Liberalen wollen Aufklärung und einen freien Austausch zwischen allen.

6. Die Identitätspolitiker sind eher nach 1980 geboren, die alten Liberalen davor.

7. In Deutschland hat sich der Streit an dem (nach der Meinung von W.S. völlig unmöglichen) Kommentar von Hengameh Yaghobifarah (in der „taz“) entzündet, in dem sie Polizisten auf den Müll wünschte.

8. Nach Meinung des stellvertretenden „Welt“-Chefredakteurs Robin Alexander steht uns in Deutschland die harte Auseinandersetzung erst noch bevor.

9. Die Massenmedien selbst sind permanent zum Gegenstand massiver Kritik („Lügenpresse“, „Mainstream-Medien“) geworden.

10. Sie werden kritisiert wie die Gesellschaft insgesamt.

11. Die „sozialen Medien“ bilden inzwischen so etwas wie eine digitale Gegenwelt.

12. Die Mainstream-Medien sind nur noch eine Quelle unter vielen.

13. Immer häufiger stehen die Namen von Journalistinnen und Journalisten auf rechtsextremen Todeslisten.

14. Journalisten überschätzen den Einfluss von „sozialen Medien“ eher, weil sie selbst dort häufiger unterwegs sind als andere.

15. Die Medienskepsis ist nicht unbedingt größer als früher, aber sichtbarer. Damit verunsichert sie.

16. Journalisten und Politiker sind in hohem Maße aufeinander angewiesen. Dadurch beeinflussen sie die gesellschaftlichen Machtverhältnisse.

17. Im Journalismus fehlen Vertreter von Einwanderern.

18. Gatekeeping war einmal das Vorrecht der Massenmedien. Es ist zum Verdachtsgegenstand diskriminierender Verhältnisse geworden (Meredith Haaf, SZ 7.8.20).

2977: Ehrendoktorwürde für Wolf Biermann

Donnerstag, August 6th, 2020

Der Fachbereich Philologie/Kulturwissenschaften der Universität Koblenz-Landau verleiht dem Autor und Liedermacher Wolf Biermann die Ehrendoktorwürde. Damit werden seine besonderen Verdienste um Literatur und Wissenschaft geehrt. Die Verleihung findet am 28. Oktober im Theater Koblenz statt (SZ 5.8.20).

2975: Wilhelm Schmid bekämpft das *.

Dienstag, August 4th, 2020

Der Philosoph Wilhelm Schmid ist gegen das * (FAS, 2.8.20).

„Das Anliegen. Es steht mehrheitlich wohl kaum in Frage, auch wenn viele glauben, es gehe nur darum, dass das weibliche neben dem männlichen Geschlecht Anerkennung findet. Die Akzeptanz unterschiedlicher gesellschaftlicher Orientierungen, auch solcher, die über Homosexualität hinausgehen und neutral als ‚divers‘ bezeichnet werden können, ist jedenfalls in dieser freiesten Gesellschaft, die je unter deutschem Namen firmierte, wenig umstritten.“

„Ein umfangreicheres Problem des Gendersternchens besteht darin, dass damit keineswegs nur ein drittes oder viertes Geschlecht, sondern darüber hinaus auch noch ein dreißigstes und vierzigstes gemeint sein soll. Asexuell, bisexuell, pansexuell, transsexuell, intersexuell und so weiter, tendenziell jede, jeder und divers mit individuellem Geschlecht. Das ist vielen zu viel. Dem berechtigten Anliegen einer Anerkennung sämtlicher Diversitäten erweist das ausufernde Sternchen einen Bärendienst. Es ist zu einem quasi-religiösen Symbol geworden, das für eine Überzeugung steht, nämlich dass so altbackene Phänomene wie Mann und Frau überholt sein sollen.“

„Wie starr Identitäten sind, zeigen alle ihre Varianten. Identitätspolitik, welcher Art auch immer, heißt abgrenzen, ausgrenzen, die eigenen Reihen schließen, Andere zurückweisen. Nationale Identitäten und rechtslastige identitäre Bewegungen werden gerne beklagt, um dasselbe in Grün zu betreiben. Das Gemeinsame ist, auf den Ausschluss von Anderen und Anderem angelegt zu sein. Wie menschenverachtend das auch unter emanzipatorischen Sternchen ausfallen kann, stellte jüngst der vieldiskutierte Artikel in der alternativen Berliner „taz“ unter Beweis, wonach Polizisten auf den Müll geworfen werden sollten. Identitätsgesättigt bringen auch ausgewiesene AntidiskriminiererInnen wieder nichts als blinde Diskriminierung hervor. Kommt heftige Widerrede auf, handelt es sich dabei aus ihrer Sicht wieder um Diskriminierung. Und prompt erschallt der Ruf nach der Polizei, denn wer sonst könnte sie wirksam schützen, also wieder runter vom Müllhaufen.“

2974: Was halten wir eigentlich von der Kleinfamilie?

Dienstag, August 4th, 2020

Thomas Steinfeld stellt in der SZ (28.7.20) Überlegungen zur Kleinfamilie an, die ich um einige Gedanken ergänze.

1. Alva und Gunnar Myrdal, die schwedischen, sozialdemokratischen Sozialforscher, dekretierten 1935: „Dass ein erwachsener Mensch, meistens die Mutter, die Tage zu Hause und mit der Aufsicht von ein oder zwei Kindern verbringen sollte, erscheint als mehr oder minder unangemessen.“

2. In der Coronakrise hat die Kleinfamilie, meistens die Mütter, Aufgaben übernommen, die vorher anders erledigt wurden.

3. Zu meiner Studienzeit (1968-1972) erschien vielen Studierenden die Kleinfamilie als Kernzelle des Faschismus.

4. „Schlüsselkinder“ wurden in der BRD bedauert und in der DDR als Zeichen des Fortschritts verstanden.

5. Immer noch geistert das Märchen herum, in der DDR habe es für Frauen mehr Chancen gegeben als in der BRD.

6. Die Corona-Krise kann von wohlhabenden Eltern, die sich Haushaltshilfen, Therapeuten und Nachhilfelehrer leisten können, besser bewältigt werden als von anderen, so der US-Journalist David Brooks.

7. Generationen folgen seit den neunziger Jahren in Abständen von fünf Jahren oder weniger aufeinander.

8. Weltanschauung, Habitus und Stil sind an die Stelle der Genealogie getreten.

9. „Am Ende tragen die Eltern die gleiche Kleidung wie die Kinder, reden dieselbe Sprache, hören dieselbe Musik, sodass die Kleinfamilie sich gleichsam von innen heraus in eine Wohngemeinschaft verwandelt …“

10. „Zugleich entpuppt sich das Heranziehen von Kindern nicht nur als teures und im Resultat höchst unsicheres Unterfangen, selbst wenn die Eltern beieinander bleiben sollten.“

11. Alva und Gunnar Myrdal (1935): Die Familie sei „eines vorsichtigen Umgangs nicht wert und verlange nach einer radikalen Operation“.

12. Dann können ja die alle froh sein, die nicht in der Kleinfamilie leben müssen: die Alleine-Lebenden, die Allein-Erziehenden, die Alten-WGs usw. usf. Ich gratuliere.

2973: Helga Schubert ist gefragt.

Dienstag, August 4th, 2020

Die diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, Helga Schubert, 80, ist seit der Preisverleihung sehr gefragt. In der FAZ (1.8.20) führt sie ein ausführliches Gespräch mit Jan Wiele in ihrem Dorf Neu Meteln (Mecklenburg-Vorpommern). Dabei gerät immer wieder die DDR in den Blick:

1. Nach Schubert überlagerte die Biermann-Ausbürgerung 1976 die literarischen Diskurse in der DDR.

2. Schubert berichtet von einem Stasi-„Lockspitzel“ in Neu Meteln.

3. Über Christa Wolf und Sarah Kirsch spricht Schubert von „halbgebildetem SED-Kleinbürger-Milieu mit mystischem Geschwätz, was ich ja nur sporadisch wahrnahm, weil mein Mann und ich in Berlin arbeiteten“.

4. Als Helga Schubert 1983 den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster bekommen sollte, ließ ihr das SED-Politbüro ausrichten, falls sie den Preis annähme, könne sie gleich in „Westdeutschland“ bleiben. Sie bekam den Hans-Fallada-Preis dann 1993.

5. Zur Fernsehserie „Weißensee“ sagt Schubert: „Da kommen die alle ziemlich gut weg, die Staatssicherheitsleute, oder? So wie bei Ruge“ (Das ist Eugen Ruge, der Autor von „In Zeiten abnehmenden Lichts“ und „Metropol“, W.S.).

6. Helga Schubert behauptet, dass Christa Wolfs Mann, Gerhard Wolf, gemeinsam mit einem Ofensetzer den Brand „unserer beiden alten strohgedeckten Lehmfachwerkhäuser“ verschuldet habe.

7. Christa Wolf habe sich gemeinsam mit Egon Krenz (SED) in dem Aufruf „Für unser Land“ für die Beibehaltung der Teilung Deutschlands ausgesprochen.

8. „Dass man wirklich beigetreten ist zum Grundgesetz der BRD, ist etwas, worüber ich sehr glücklich bin.“

 

2971: Tilman Jens ist gestorben.

Montag, August 3rd, 2020

Lebenslänglich hatte Tilman Jens, der jetzt im Alter von 65 Jahren gestorben ist, unter seinem Vater Walter Jens zu leiden. Dem Professor für Rhetorik, Kolumnisten und Festredner. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des DFB hielt der die Festrede.

Tilman Jens‘ erste journalistische Heldentat war 1984 sein Einbruch in das Haus des gerade gestorbenen Schriftstellers Uwe Johnson in Sheerness on Sea. Jens konnte exklusiv aus intimen Notizen über eine gescheiterte Ehe berichten. Der „Stern“ hätte das gerne gedruckt. Stattdessen entließ er den Reporter. Der arbeitete fortan für’s Fernsehen.

1994 lieferte er im „Kulturweltspiegel“ einen Beitrag, in dem Marcel Reich-Ranicki beschuldigt wurde, er habe während seiner Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst anderen Kommunisten geschadet (ohne zu berücksichtigen, dass das bei Kommunisten ja so üblich ist).

2008 machten Inge Jens, die philologisch sehr kundige Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, und ihr Sohn Tilman bekannt, dass Walter Jens an Demenz erkrankt war. Das lief nun auch mit Aplomb durch die Medien. Die Geschichte leerer Gesten und voller Windeln.

Schließlich versuchte sich Tilman Jens noch an Helmut Kohls mit Heribert Schwan geführten Gesprächen. Darin sind einige von Kohls üblen Schmähreden über Parteifreundinnen und Parteifreunde enthalten. Helmut Kohl wollte sie dann doch nicht gedruckt sehen. Nach Kohls Tod wurden die Autoren und der Verlag zu einer Entschädigungszahlung von einer Million Euro verurteilt (Willi Winkler, SZ 3.8.20).

2970: Corona-Gegner, Impfgegner, Rundfunkgebührengegner, Rechtsextreme und Reichsbürger demonstrieren gemeinsam.

Montag, August 3rd, 2020

Und Sympathie finden sie bei der AfD.

2969: „Holocaust-Gedenktag für die Roma“

Montag, August 3rd, 2020

Seit fünf Jahren gibt es am 2. August den „Holocaust-Gedenktag für die Roma“ in der EU. Er dient dem Gedenken an die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma. Von März 1943 bis Juli 1944 deportierte die SS 23.000 überwiegend deutsche Sinti und Roma ins „Zigeuner-Familienlager“ in Auschwitz. Sie kamen aus elf europäischen Ländern. Fast alle fanden den Tod. Durch Vergasen, Verhungern, Krankheiten und Misshandlungen. Der „Antiziganismus“ ist Realität bis heute.

Jahrzehntelang wurde der erst 1982 in Deutschland als Holocaust anerkannte Völkermord an den Sinti und Roma geleugnet. Erst die Bürgerrechtsbewegung der siebziger und achtziger Jahre führte zu einem Bewusstseinswandel. Die Sinti und Roma, die seit 700 Jahren in Deutschland leben, nennen den Völkermord „Porajmos“ (Verschlingung, Zerstörung). Heute leben ca. 70.000 hier. Sie sind neben den Dänen, Friesen und Sorben die vierte nationale Minderheit.

Immer noch müssen die Sinti und Roma als Sündenböcke herhalten. „Dass, wenn es zu Seuchen und Epidemien kommt, Juden sowie Sinti und Roma beschuldigt werden, kennen wir schon aus der Geschichte.“ (Romani Rose, Zentralratsvorsitzender deutscher Sinti und Roma). Zuletzt anlässlich des Pandemieausbruchs beim Großschlachter Tönnies. Für die Roma ist die Lage in Ungarn, Albanien, dem Kosovo, Bulgarien und Rumänien wohl noch schlechter. In der deutschen EU-Präsidentschaft hat die Gleichstellung der Sinti und Roma eine hohe Priorität. Staatsminister Michael Roth: „Deutschland trägt aus historischen Gründen eine besondere Verantwortung gegenüber diesem Volk.“ (Francesca Polistina, SZ 1./2.8.20).

2968: DFG löscht Beitrag von Dieter Nuhr.

Sonntag, August 2nd, 2020

Für den Kabarettisten Dieter Nuhr, 59, bedeutet Wissenschaft, eine „begründete Meinung zu haben“. „Wissenschaft ist gerade, dass sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert.“ Wissenschaft sei „die einzig vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“

Das sehen nicht alle so.

Sie fühlen sich von Dieter Nuhr durch seine Kritik in einem Kommentar bei der DFG an Klimaaktivisten provoziert. Sie bezeichnen ihn als „Wissenschaftsleugner“ und nennen ihn in einem Atemzug mit dem Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen. Sie kritiseren die DFG, weil sie Dieter Nuhr die Möglichkeit zu einem Kommentar eingeräumt hat. Die DFG ist eingeknickt und hat Nuhrs Kommentar gelöscht.

Da rufen andere „Zensur“.

Für Dieter Nuhr ist die Löschung „nicht nur merkwürdig, sondern geradezu alarmierend“. „Es wurde bereits des Öfteren versucht, mich als Wissenschaftsfeind darzustellen, weil ich oft darauf hinweise, dass der Begriff der Wissenschaft nicht missbraucht werden darf, um eine absolute Wahrheit zu proklamieren“. Auch unter Klimawissenschaftlern gebe es zahllose gut begründete Szenarien. „Diese Tatsache zu erwähnen hat mir viel Ärger eingebracht. Es gibt weltweit – Stichwort cancel culture – zunehmend mächtiger werdende Versuche, kritische Stimmen mundtot zu machen. Die DFG hat sich dem nun angeschlossen. Das ist sehr bedenklich.“

In einem Brief an die DFG formuliert Dieter Nuhr: „Die DFG unterwirft sich den Krawallmachern, die im Internet systematisch an der Unterdrückung kritischer Stimmen arbeiten, die in der Mitte des politischen Spektrums stehen.“ (Curd Wunderlich, Welt 1.8.20)

Kommentar W.S.: Dieter Nuhr hat vollkommen recht.