Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

3396: Streit um die Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung

Sonntag, Mai 9th, 2021

Zum Gedenken an die ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Schmidt gibt es Stiftungen. Bei der Einrichtung einer „Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung“ gibt es Streit zwischen der CDU und der Kohl-Witwe Maike Richter-Kohl. Zwar wurde das Stiftungsgesetz im Bundestag mit großer Mehrheit angenommen, doch widerspreche es, so die Meinung von Frau Kohl, dem letzten Willen ihres Mannes. Sie als Witwe und Erbin sei übergangen worden. So könne Helmut Kohl „zum Spielball wechselnder politischer Mehrheiten“ werden. Die Koalition hatte sich kurzfristig entschlossen, ohne Frau Kohls Zustimmung in

Berlin

ein Helmut-Kohl-Zentrum zu errichten.

Auch über den Sitz der Stiftung gibt es Streit. Maike Richter-Kohl möchte ihn in Oggersheim/Ludwigshafen haben, wo Kohl mit seiner ersten Frau und seinen beiden Söhnen seit 1971 gelebt hatte. Später zog noch vor der Hochzeit Frau Richter-Kohl ein. Vergeblich hatte sie vor zwei Jahren versucht den „Kanzler-Bungalow“ unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Die rheinland-pfälzische Generaldirektion kulturelles Erbe hatte das wegen der „schlichten architektonischen Gestaltung“ abgelehnt und weil das Gebäude mehrfach umgebaut worden war. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass hier in Oggersheim der

Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Einheit

getippt worden und viele hochrangige Staatsgäste zu Gast gewesen waren. Daraufhin hatte Frau Kohl-Richter das an ihr Haus grenzende Grundstück kurzerhand gekauft. Das hat ihr die CDU nicht gedankt.

Ein weiterer wichtiger Streitgrund ist die Schwarze-Kassen-Affäre der CDU. Sie begann im November 1999 mit einem Haftbefehl gegen den damaligen Schatzmeister Walther Leisler Kiep wegen Steuerhinterziehung. Kurz darauf gestand der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geisler ein, dass die CDU in der Ära Kohl „schwarze Konten“ geführt hatte. Aus der Sicht von Maike Richter-Kohl geht es heute „stärker denn je um Gesinnung, Ideologie, Zerstörung und Geschichtsfälschung“.

Nach seiner Abwahl 1998 hatte Helmut Kohl schätzungsweise 200 Leitz-Ordner mit historisch wertvollen Dokumenten an die Konrad-Adenauer-Stiftung gegeben, einen Teil davon 2010 aber wieder ausgeliehen. Dieser Teil befindet sich in der Obhut von Frau Richter-Kohl. Das kritisierte der Kohl-Sohn Walter: „Niemand sollte hier irgendwelche privaten Interessen verfolgen. Alle amtlichen Dokumente gehören in die Stiftung, damit sie dort wissenschaftlich aufgearbeitet werden können.“ (Hannelore Crolly, Welt 8.5.21)

3393: Claudia Pechstein kandidiert für die CDU.

Donnerstag, Mai 6th, 2021

Claudia Pechstein, 49, befindet sich zur Zeit im Radtrainingslager auf Mallorca, weil sie 2022 nochmals zu den Olympischen Spielen in Peking will. Es wäre die achte Olympiateilnahme der Bundespolizistin und ein weiterer Weltrekord. Kurz nach der Schlussfeier wird sie 50 Jahre alt. Aber das ist für sie noch nicht ihre gesamte Belastung. Die CDU hat sie zu einer Direktkandidatur zur Bundestagswahl am 26. September bewegt, obwohl sie kein Parteimitglied ist. Sie hatte aber 2004 für die CDU in der Bundesversammlung gesessen, in der Horst Köhler zum Bundesapräsidenten gewählt wurde. Claudia Pechstein: „Mir ist klar, dass ich in der heißen Wahlkampfphase wohl gänzlich auf Freizeit verzichten muss.“

Dass Claudia Pechstein den Wahlkreis Treptow-Köpenick direkt gewinnt, ist sehr unwahrscheinlich. Hier siegt zuverlässig Gregor Gysi (früher Stasi) für die Linke. Allerdings hat die Berliner CDU Claudia Pechstein auf den sechsten Platz der Landesliste gesetzt und damit beinahe sichergestellt, dass Pechstein ins Parlament gelangt. Die Kandidatin: „Wir haben hierzulande viel wichtigere Probleme zu lösen, als darüber nachzudenken, wo wir das nächste Gendersternchen setzen sollten.“ (Boris Herrmann, SZ 3.5.21) Da kann ich Frau Pechstein nur zustimmen.

3392: Sophie Scholl – ein Vorbild

Mittwoch, Mai 5th, 2021

Anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl sind schon viele Beiträge erschienen. Natürlich von unterschiedlicher Qualität. Die meisten aber sehr ernst zu nehmen. Viele bemühen sich, hinter dem von Sophies älterer Schwester Inge Scholl, später Aicher-Scholl, gezeichneten Heiligenbild den Menschen Sophie Scholl erscheinen zu lassen. Alles in Ordnung, auch wenn wir uns bewusst sind, dass Inge Scholl ihr Buch „Die weiße Rose“ (1952) in einer Zeit geschrieben hat, als die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ in Deutschland noch ganz überwiegend als unbedarfte Schwärmer gesehen wurden, die in einer Aura der Unschuld blieben, sich nicht zum Vorbild eigneten. Das sehen wir heute ganz anders. Sophie Scholl starb am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim unter dem Fallbeil.

Ich stütze mich hier hauptsächlich auf zwei herausragende journalistische Quellen: Robert M. Zoske, taz 30.4/1./2.5.21 und Jörg Thomann, FAS 2.5.21. Der Theologe und Historiker Robert M. Zoske, 68, hatte 2014 mit einer Arbeit über Hans Scholl, Sophies Bruder, promoviert und 2020 „Sophie Scholl. Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen.“ veröffentlicht.

Sophie Scholl gehörte mit ihrem Bruder Hans, dem Kopf der Gruppe, zu einer sechsköpfigen Gemeinschaft von Widerständlern, die 1942/43 in München und anderen Großstädten insgesamt sechs Flugblätter gegen Hitler verteilt hatte und darin zum Widerstand, zur Sabotage und zum Umsturz aufrief. Sophie war die einzige Frau in der Gruppe. Der Name „Weiße Rose“ stammt von den Titeln der ersten vier Flugblätter.

1946 rief die Schriftstellerin Ricarda Huch unter dem Titel „Für die Märtyrer der Freiheit“ dazu auf, Briefe und Erinnerungen an den Widerstand zur Verfügung zu stellen. Sophie Scholls ältere Schwester Inge sandte Ricarda Huch 1947 eine 49-seitige Schrift, die sich aus heutiger Sicht als Rückprojektion und Selbstkonstruktion erweist. Inge Scholl hatte niemals zum Widerstand, geschweige zur „Weißen Rose“, gehört. Ihre Schrift war eine Vorstudie zu ihrem Buch über die „Weiße Rose“ (1952). Darin schildert sie das Kind Sophie trotz ihrer „wundersamen, unnennbaren Kindlichkeit“ als etwas Besonderes und „Reifes“. Allerdings marginalisierte Inge Scholl die Hitler-Jugendjahre ihrer Schwester, die anfangs eine glühende Nationalsozialistin (beim BDM) gewesen war. Für Inge Scholl war alles in Sophies Leben eine Vorbereitung auf die heroischen Widerstandswochen 1942/43.

In der DDR begann die Anerkennung Sophie Scholls als (antifaschistisch-sozialistische) Widerstandskämpferin sehr früh. Das erstreckte sich auch auf die „Weiße Rose“. Bereits 1949 gab es in Freiberg ein „Geschwister Scholl Gymnasium“. Die Deutsche Post der DDR publizierte 1961 die erste Briefmarke mit Sophie Scholl. Die Bundespost veröffentlichte 1964 eine Briefmarke mit acht Widerstandskämpfern, Sophie Scholl war dabei die einzige Frau. Möglicherweise hat dabei der Geschlechterproporz eine Rolle gespielt. 1991 folgte ein Einzelporträt Sophie Scholls.

Auf der Gedenkstätte bedeutender Deutscher, der Walhalla bei Regensburg, ist Sophie Scholl seit 2003 mit einer Marmorbüste die einzige Vertreterin der Münchener Gruppe. Nur von ihr gibt es in der Münchener Universität seit 2005 eine personalisierte Bronzebüste im Lichthof. Das Bild der „Weißen Rose“ wurde maßgeblich von drei Spielfilmen geprägt: Michael Verhoeven „Die Weiße Rose“ (1982), Percy Adlon „Fünf letzte Tage“ (1982), Marc Rothemund „Sophie Scholl – die letzten Tage“ (2005).

Seit langem haben sich Anekdoten um das Leben der „Weiße Rose“-Mitglieder und Sophie Scholls gerankt. So etwa die, dass sie einer jüdischen Mitschülerin beigestanden hätte. Und anderes. „Keine dieser erzählerischen Ausschmückungen ist haltbar.“ Sophie Scholl war als junges Mädchen eine begeisterte Nationalsozialistin. Sie neigte zu „elitären Gedanken“. Die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ waren auch keine Pazifisten, wie Zoske etwas erstaunt feststellt. Nach eigenem Bekunden einer Freundin gegenüber wäre Sophie Scholl bereit gewesen, Hitler zu erschießen. Verwunderlich ist das nicht. Wir sind uns doch klar darüber, dass es keine Pazifisten waren, welche die Nazis besiegt haben. Sophie Scholls Christentum hat ihren Widerstand bestärkt. Nach den Worten ihrer Freundin Susanne Hirzel war sie „überkandidelt religiös“.

Sophie Scholls Umkehr zum Widerstand beruhte wahrscheinlich hauptsächlich auf ihren Erfahrungen in einem Kinderhort in Blumberg im Schwarzwald, wo sie „Kriegshilfsdienst“ ableisten musste. Das war ein sozialer Brennpunkt. Dort agierten die Nazis seit Mitte der dreißiger Jahre rücksichtslos im Sinne ihrer Rassen- und Rüstungspolitik. Ohne Rücksicht auf Anwohner und Natur. Dort wurden Verschleppte, Kriegsgefangene und Straftäter eingesetzt. Ursprünglich war hier Erzförderung geplant, die aber 1942 eingestellt wurde. Sophie Scholl erhielt hier täglich Anschauungsunterricht über die Brutalität und Menschenverachtung der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Zwei Monate nach Ende des „Kriegshilfsdienstes“ lieh sie sich von ihrem Geliebten Fritz Hartnagel, einem Berufsoffizier, Geld für die Anschaffung eines Kopierers. Damit wurde sie schließlich zur Organisatorin des Widerstands, als ihre Mitstreiter als Soldaten zunehmend an der Front blieben.

Die Legendenbildung um Sophie Scholl erklärt sich überwiegend aus dem Wunsch, die Besonderheit ihres Handelns noch zu steigern. Der Mythos verschleierte die Wirklichkeit. Sophie Scholl wurde zur entrückten Heiligen. Das fiel im Land der vielen Mittäter auf fruchtbaren Boden. Wer hätte nicht gerne eine Schwester wie Sophie gehabt! Als ab 1968 die ersten entmythologisierenden Forschungen publiziert wurden, war beinahe kein Rezensent bereit, dem zu folgen. Aber Sophie Scholls Tagebuchhefte sprechen eine deutliche Sprache. Eines begann sie mit einem Gedicht Matthias Claudius‘. Sie beendet es mit einem Jesuswort über Trauer und Mut: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33).

Robert M. Zoske schreibt zu Recht: „Sie konnte umkehren, ihren Sinn ändern, eine Denkwende vollziehen – Fähigkeiten, die auch heute dringend gebraucht werden. Sie handelte nach ihrer Überzeugung und ging trotz der Gefahr in den Widerstand.“ Maren Gottschalk schreibt, dass Sophie Scholl „keine furchtlose Heldin“ war. „Wenn jedes Volk, wie man so sagt, die Helden hat, die es verdient, dann mag man sich nicht nur beim Blick auf unsere finstersten Jahre manchmal fragen, womit die Deutschen eigentlich Sophie Scholl verdient haben.“

 

3391: Ermittlungen gegen KSK-Chef

Dienstag, Mai 4th, 2021

Die Militärpolizei hat im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen der Munitionsaffäre beim Kommando Spezialkräfte (KSK) das Diensthandy und ein dienstliches Tablet des KSK-Kommandeurs Brigadegeneral Markus Kreitmayr beschlagnahmt. Kreitmayr soll im Frühjahr 2020 angeordnet haben, dass Soldaten einbehaltene Munition straffrei zurückgeben können. Die Staatsanwaltschaft Tübingen prüft den Anfangsverdacht eines Verstoßes gegen Paragraf 40 des Wehrstrafgesetzes (SZ 4.5.21).

3390: Eva Illouz erklärt uns Benjamin Netanjahus Propaganda.

Sonntag, Mai 2nd, 2021

Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem. 2011 war ihr Buch „Warum Liebe weh tut – eine soziologische Erklärung“ erschienen. Jetzt erklärt sie uns Bibi Netanjahus Propaganda (SZ 27.4.21).

1. „Israelische Nichtregierungsorganisationen, Akademiker, Künstler, Journalisten und auch viele andere, nichtorganisierte Bürger, die mit dem Entzug grundlegender Menschenrechte der Palästinenser durch die Regierung Netanjahu nicht einverstanden sind, werden als Verräter und Staatsfeinde bezeichnet.“

2. „Ein Kritiker der israelischen Regierung ist in der Logik dieser Regierung folglich: Antisemit.“

3. „Kein Anliegen ist gerechter als der Kampf gegen den Antisemitismus.“

4. „Der Kampf gegen den Antisemitismus sollte an der Spitze aller antirassistischen Kämpfe stehen, denn Antisemitismus ist eine der ältesten Formen des Gruppenhasses und eine der zerstörerischsten.“

5. Zwei Drittel der europäischen Juden wurden im Zweiten Weltkrieg ermordet.

6. Jetzt ist ein „neuer Antisemitismus“ zu Propagandazwecken erfunden worden.

7. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem bezeichnet die strikte Trennung der jüdischen und palästinensischen Bevölkerung in Israel als „Apartheid“.

8. Das könnte man auf Grund der genauen Analyse von Karten, Gesetzen und politischen Regimen überprüfen.

9. Stattdessen wird „Apartheid“ als antisemitisch gebrandmarkt.

10. Man verharmlost „die Opfer des Antisemitismus, wenn man eine gerade Linie von Kritikern israelischer Politik zu eingefleischten, gewalttätigen Antisemiten zieht“.

11. Viele Kritiker israelischer Regierungspolitik sind nicht antisemitisch, „sie rufen weder zur Vernichtung von Juden auf noch dazu, dass Juden bestimmte Länder oder Europa verlassen sollten“.

12. Man kann einigen dieser Kritiker vorwerfen, dass sie sich weigern, die israelischen Opfer terroristischer Anschläge zu sehen.

13. Man kann ihnen vorwerfen, die realen Gefahren zu ignorieren, welche die Existenz Israels bedrohen oder, dass sie Israel moralische Normen vorschreiben, die ihnen bei anderen Staaten offenbar weniger wichtig sind.

14. Aber wie fragwürdig solche Meinungen auch sein mögen, sie unterscheiden sich zutiefst vom Antisemitismus, der den Juden und Israel dämonischen Einfluss zuschreibt und sie vernichten will.

15. „Etliche sogenannte Kritiker Israels sind tatsächlich Antisemiten.“

16. „Was sollen jüdische Intellektuelle angesichts dieses Minenfeldes tun? Sie haben nur zwei gleichermaßen unerfreuliche Alternativen: entweder sie reihen sich bei denen ein, die für ein demokratischeres Israel kämpfen, und riskieren damit, als Antisemiten bezeichnet zu werden; oder sie machen den Kampf gegen den Antisemitismus zum primären moralischen Ziel und ignorieren dabei vollständig eine historische Ungerechtigkeit, die vom jüdischen Volk begangen wurde.“

17. Der Deutsche Bundestag hat eine Resolution verabschiedet, in der die BDS-Bewegung als antisemitisch definiert wird. „Man kann aber – wie ich – BDS ablehnen und dennoch deren Recht auf Meinungsäußerung verteidigen.“

18. „Mit dem rücksichtslos verwendeten Antisemitismus-Verdikt hat die israelische Rechte das Volk gespalten: denn sie stellt die politischen Interessen Israels über die Solidarität mit anderen und liberalen Juden.“

19. „Das hat erschreckende Auswirkungen. Viele Juden definieren sich bereits weniger über ihre Ethnie, dafür stärker über ihre politische Ausrichtung. Antisemitismus als politische Waffe wird die Spaltung innerhalb des jüdischen Volkes weiter vertiefen.“

20. Insofern verhindern Unterstützer der gegenwärtigen israelischen Regierungspolitik jede Debatte, da Antisemitismus unmoralisch ist.

21. „Unterstützer Israels werden damit automatisch zu Protofaschisten, also zu einer anderen bösen Wesensart.“

22. „Diese Debatte ist exemplarisch für die Schwierigkeiten, denen sich Intellektuelle zunehmend gegenübersehen. Es sind die moralischen Widersprüche komplexer Realitäten: In diesem Fall betreibt der Staat Israel eine inakzeptable Politik der Vorherrschaft in den besetzten Gebieten, während gleichzeitig der Antisemitismus überall auf dem Vormarsch ist.“

23. „Intellektuelle müssen daher tun, was sie am besten können: sich für die universalistische Position entscheiden und gleichermaßen gegen die Unterdrückung der Palästinenser wie den Antisemitismus kämpfen; darauf verzichten, andere Meinungen zur Blasphemie zu erklären; die Debattenklutur aufrechterhalten, anstatt auszugrenzen.“

3387: Die Grundrechte wiederherstellen !

Samstag, Mai 1st, 2021

Sechs Millionen Menschen in Deutschland sind bereits zweimal geimpft. Drei Millionen von Corona genesen. Neun Millionen Menschen können sich und andere also nicht mehr anstecken. Sie sollten ihre Grundrechte zurückbekommen. Das ist selbstverständlich. Wir können mehr testen und mehr impfen. Die Impfpriorisierung, die anfangs richtig war, kann allmählich aufgehoben werden.

Das bedeutet voraussichtlich: „Die Cleveren, die ohnehin Durchsetzungsstarken, im Zweifel die Leute mit Geld und Beziehungen kriegen zuerst ihre Spritze. Und die, die nicht so gut Deutsch sprechen, die prekär arbeiten, die sich ohnehin schwertun, am Telefon und im Leben generell, haben wieder das Nachsehen.“

Aber wenn die Regierung die Grundrechtseinschränkungen für Geimpfte nicht aufhebt, werden es die Gerichte tun. Nicht mit Rücksicht auf die Stimmungslage, sondern mit Blick auf die Rechtslage.

„Nur wenn die Bürger darauf vertrauen können, dass die Politik Einschränkungen zuverlässig aufhebt, wo es irgend geht, werden sie auch künftig bereit sein, Eingriffe in ihre Grundrechte zu akzeptieren, wo es notwendig ist.“ (Heinrich Wefing, Zeit 29.4.21)

3386: Bundesverfassungsgericht zwingt zu besserem Klimaschutz.

Freitag, April 30th, 2021

1. Das Bundesverfassungsgericht hat zum ersten Mal den Gesetzgeber zu konkreten Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel verpflichtet.

2. Grundrechte können auch dann heute verletzt sein, wenn die Einschränkungen erst in der Zukunft liegen.

3. Der Gesetzgeber hat eine „besondere Sorgfaltspflicht“ zugunsten künftiger Generationen.

4. Die Maßnahmen gegen den Klimawandel müssen „rechtzeitig“ eingeleitet werden.

5. Der Gesetzgeber darf sich nicht hinter anderen Staaten verstecken.

(Wolfgang Janisch, SZ 30.4./1./2.5.21)

3385: „Zeit“ verliert gegen Marc Wiese.

Freitag, April 30th, 2021

Das Landgericht München hat entschieden, dass die „Zeit“ Passagen aus dem Text über Marc Wieses Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ nicht weiter verbreiten darf. In dem Beitrag „Das ist, als würde ich ihm Koks geben“ wurde Wieses Film im Zusammenhang mit der gefälschten Dokumentation „Lovemobil“ gebracht. Der Regisseur erwecke in dem Film mittels Voice-Over den falschen Eindruck, mit dem Killer auf den Philippinen selbst gesprochen zu haben.

Dem hatten Marc Wiese und der zuständige SWR widersprochen. Das Voice-Over sei ein übliches Verfahren und suggeriere nicht, dass der Sprechende vor Ort gewesen sei. Das Landgericht Berlin urteilte nur, es handle sich um ein Falschzitat, das in der „Zeit“ übernommen worden sei, und untersagte die Passagen. Wiese müsse sie nicht hinnehmen (Claudia Tiesachky, SZ 30.4./ 1./2.5.21; Michael Hanfeld. FAZ 30.4.21).

3384: Nina Gladitz ist tot.

Freitag, April 30th, 2021

Der Kampf gegen die Atomindustrie und der Kampf gegen Leni Riefenstahl bestimmten das Oeuvre der Filmemacherin Nina Gladitz. Dafür stehen ihre Filme „Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“ (1976) (gekennzeichnet durch Schäferhunde, Wasserwerfer, Stacheldraht und Hubschrauber) und „Zeit des Schweigens und der Dunkelheit“ (1982).

Das geplante Kernkraftwerk Wyhl wurde nicht gebaut. Und Leni Riefenstahl konnte Nina Gladitz nachweisen, dass sie für ihren Film „Tiefland“ Sinti und Roma aus dem Lager Maxglan bei Salzburg eingesetzt hatte, die später in Auschwitz ermordet wurden. In dem von Riefenstahl angestrengten Prozess bekam Nina Gladitz in fast allen Punkten Recht. 2020 erschien ihr Buch „Leni Riefenstahl – Karriere einer Täterin“, in dem Gladitz zeigt, wie Riefenstahl sich den Nazis angedient hatte. Nun ist Nina Gladitz im Alter von 75 Jahren gestorben (Willi Winkler, SZ 30.4./1., 2.5.21).

3383: Ahmad Mansour: Vereinfachung und Lagerbildung

Donnerstag, April 29th, 2021

Dem in Deutschland lebenden israelischen Psychologen (mit palästinensischen Wurzeln) Ahmad Mansour fällt am Corona-Diskurs einiges auf (taz 26.4.21):

1. „Vereinfachung und Lagerbildung. Alles oder nichts, schwarz oder weiß, moralisch gegen unmoralisch, gut gegen böse. Exklusivitätsanspruch auf allen Seiten statt Austausch von Argumenten und Offenheit.“

2. „Wenn fanatische Stimmen die Deutungshoheit über die wichtigsten Debatten gewinnen, verliert die gesamte Gesellschaft.“

3. Die von der Türkei bezahlte Ditib beschuldigte das Robert-Koch-Institut, es verunglimpfe Menschen mit Migrationshintergrund mit der Behauptung, diese seien für die Pandemie verantwortlich.

4. „Auf Twitter versuchte die AfD-Bundestagsfraktion die hohen Patientenzahlen mit Migrationshintergrund als Beweis dafür anzuführen, dass die multikulturelle Gesellschaft gescheitert sei.“

5. „Migrationsforscher, Journalisten und Politiker suchten nach Erklärungen, oder besser gesagt, nach einer politisch korrekten Erklärung. Angeführt wurden die sozio-ökonomische Situation, Sprachbarrieren, beengte Wohnungen.“

6. „Es geht offenbar nicht darum, diese Menschen zu schützen, sondern nur um die Bestätigung der eigenen Ideologie, um moralische Überlegenheit und obsessiv eingeforderte politische Korrektheit.“

7. „Dabei könnte eine sachliche und tabufreie Analyse zu Erkenntnissen führen, die Menschenleben rettet. Ein Paradox, wenn man bedenkt, dass diejenigen, die den Anspruch haben, solche Communitys vor Rassismus zu schützen, aus Angst vor Rassismus in Kauf nehmen, dass genau diese Menschen mehr Leid erfahren.“

8. „Während Coronaleugner und Impfgegener die Pandemie am liebsten für beendet erklären würden, ruft die NoCovid-Gemeinde nach einem immer härteren Lockdown.“

9. Dass Kinder und Jugendliche mittlerweile seit Monaten nicht in der Schule waren und kaum soziale Kontalte hatten, interessiert die NoCovid-Gemeinde nicht.

10. „Fanatiker und Radikale dürfen die Debatte nicht bestimmen. Jegliche Kritik zu delegitimieren, weil sie Zustimmung von den Falschen bekommt, ist kein Argument. Die daraus resultierende Sprachlosigkeit ist die beste Voraussetzung für Radikale, Themen exklusiv für sich zu beanspruchen.“