Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

3898: „Der Zölibat kann problemlos weg!“

Sonntag, Juni 12th, 2022

Hermann Häring, 84, hat in Tübingen bei Josef Ratzinger und Hans Küng Theologie studiert. Er war Jesuit und 25 Jahre Professor für Theologie in den Niederlanden. Mittlerweile ist seit langem aus dem Jesuitenorden ausgetreten und verheiratet. Evelyn Finger interviewt ihn zu Fragen der Kirchenreform (Zeit 25.5.22):

Zeit: Was denken Sie heute über den Zölibat?

Häring: Der Pflichtzölibat kann problemlos weg! Er ist nur deshalb so ein Zankapfel, weil das Priestertum als heilig gilt und Sexualität als das Gegenteil. Ein primitiver Gedanke! Zumal Frauen von dieser Art Sakralität ausgeschlossen sind.

Wer zölibatär leben will, darf das ja weiterhin tun.

Zeit: Nun hat die evangelische Kirche weibliche Pfarrer und Bischöfe. Trotzdem schrumpft sie.

Häring: Beiede Kirchen müssen ihr Menschenbild, ihr Gottesbild überprüfen. Dennoch wünsche ich mir als Katholik, dass wir aufhören, uns über uns selbst zu belügen. Viele Gemeinden verurteilen ihren Pfarrer keineswegs, wohl wissend, dass er heimlich eine Partnerin oder einen Partner hat. Ich hoffe, dass endlich einmal ein Bischof den Mut hat, zuzugeben, dass auch er nicht als Heiliger lebt.

3896: Deniz Yücel gründet „PEN Berlin“.

Mittwoch, Juni 8th, 2022

Nachdem der Versuch von Deniz Yücel in Gotha vor dreieinhalb Wochen gescheitert war, den deutschen PEN zu modernisieren und wirkungsvoller zu organisieren, warteten wir auf die weitere Entwicklung. Nun will Yücel mit vielen anderen einen „PEN Berlin“ gründen, eine NGO-Alternative zum alten PEN. Seine wichtigsten Helfer sind Ralf Nestmeyer und Joachim Helfer. Dabei sind aber auch die von mir außerordentlich geschätzten Schriftstellerinnen Eva Menasse und Elke Schmitter. Hauptziel von „PEN Berlin“ ist die Förderung von Meinungsfreiheit und offenem Diskurs. In der Führung sollen keine „Präsidenten“ und andere Titel eine Rolle spielen. Der Fokus der Arbeit von „PEN Berlin“ soll auf der materiellen und idellen Unterstützung verfolgter Kolleginnen und Kollegen liegen. Unterstützer des Projekts sind auch die von mir als Schriftsteller hoch geschätzten Christian Kracht, Thea Dorn, Judith Schalansky, Seyran Ates, Jan Fleischhauer, Feridun Zaimoglu und Julia Frank. Die Senioren Ursula Krechel und Herbert Wiesner sind auch dabei. Angestrebt wird die Anerkennung durch den internationalen PEN und die finanzielle Förderung durch den/die Beauftragte(n) der Bundesregierung für Kultur und Medien (Cornelius Pollmer, SZ 8.6.22).

3895: Claus Peymann 85

Dienstag, Juni 7th, 2022

Der große Regisseur und Theaterintendant Claus Peymann wird 85 Jahre alt. Nach einem Studium der Germanistik, Literatur- und Theaterwissenschaften in Hamburg setzte er wie kein anderer Akzente durch seine Arbeit am Theater am Turm, Frankfurt, als Schauspieldirektor in Stuttgart (1974-1979) und als Intendant am Bochumer Schauspielhaus (1979-1986). In Bochum kündigte er 44 Schauspielern und Mitarbeitern. Peymann war spezialisiert auf Uraufführungen von Thomas Bernhard, Peter Handke, Peter Turrini und Elfriede Jellinek. Als Direktor des Burgtheaters in Wien (1986-1999) focht er harte Kämpfe mit der Wiener Presse aus. Auch den Sozialdemokraten zugerechnete Schauspieler wie Fritz Muliar und Erika Pluhar argumentioerten öffentlich gegen Peymann und lehnten es ab, unter seiner Regie aufzutreten. Peymann führte Thomas Bernhards „Heldenplatz“ auf. Als Intendant des Berliner Ensembles (1999-2017) kam er durch einen Praktikumsplatz für den Terroristen Christian Klar in Bedrängnis. Rolf Hochhuth forderte die Absetzung Peymanns und strengte weitere Prozesse gegen ihn an. Jan Fleischhauer interviewte Peymann 2010 für den Dokumentarfilm „Unter Linken – der Film“. Dieser bezeichnete den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und den Kulturstaatssekretär Tim Renner (Linke) als eine kulturpolitische Katastrophe für Berlin. 2017 gab er seinen vielumjubelten Abschied.

3894: Neuer Medienstaatsvertrag im Herbst

Montag, Juni 6th, 2022

In unseren bewegten Zeiten ist allen vernünftigen Zeitgenossen bewusst, wie wichtig ein gut funktionierender öffentlich-rechtlicher Rundfunk (Radio und Fernsehen) ist. Das heißt nicht, dass er fehlerfrei ist. Aber er liefert eine gute Basis für eine noch bessere Informationspolitik. In Zeiten, wo anderswo ausschließlich Propaganda getrieben wird. Der Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist

Information, Bildung, Beratung, Unterhaltung.

Nun bekommen wir im Herbst einen neuen Medienstaatsvertrag. Die Vorsitzende der Rundfunkländerkommission, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentein Malu Dreyer (SPD), sagt, der Markenkern von ARD und ZDF „ist die Kultur, die Bildung, die Information, die Beratung und das ist auch die Unterhaltung, wenn sie einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil entspricht.“

Einig sind sich die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten auch, dass Rundfunkräte und Verwaltungsräte mehr Mitwirkungsrechte bei den Qualitätsstandards und beim Kostencontrolling bekommen sollen. In der Wahrnehmung vieler Bürger gibt es zu viel Berichterstattung, bei der nicht mehr unterscheidbar ist, ob es sich um objektive Berichterstattung handelt oder um eine Meinung oder alles gemischt. Das ist ein zentraler Punkt.

Verpflichtend ausgestrahlt werden müssen Das Erste, das ZDF, die Dritten, 3 Sat und Arte. Anderes kann als Webangebot geliefert werden. Wir können uns künftig den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Inhalteproduzent fürs Digitale mit angeschlossenem Fernsehen vorstellen. Die Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dringen seit eh und je auf eine Verkleinerung. Das hat sich bisher noch nicht durchgesetzt. Auch wenn die Blockade der Beitragserhöhung durch Sachsen-Anhalt 2021 ein schlimmes Beispiel rundfunkpolitischer Kurzsichtigkeit war. Richtung AfD. Zum Glück hat hier – wieder einmal – das Bundesverfgassungsgericht korrigiert (Claudia Tieschky, SZ 4./5./6.6.22).

3893: Gene bestimmen unser Leben.

Sonntag, Juni 5th, 2022

1. Immer noch heißt es vielmals, und nicht nur in der Psychologie, sondern auch in vielen Sozialwissenschaften, wir kämen als weißes, unbeschriebenes Blatt Papier auf die Welt. Das werde dann im Laufe des Lebens beschrieben (Stefanie Kara/Rudi Novotny, Die Zeit 19.5.22)

2. Diese Aussage ist falsch.

3. 2018 haben 3,2 Millionen Menschen einen Psychotherapeuten aufgesucht.

4. Die Seele ist heute mehr und mehr Menschen geläufig.

5. In Studien werden diejenigen, die weniger über psychische Gesundheit wissen, häufiger als depressiv eingestuft.

6. Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung, Arbeitslose, Kranke oder Alleinlebende leiden deutlich häufiger unter Depressionen als andere.

7. Wenn jedes denkbare Problem personalisiert wird, können gesellschaftliche Schwierigkeiten leichter auf den Einzelnen abgeschoben werden.

8. In Deutschland fällt es immer noch vielen Angehörigen pädagogischer Berufe schwer anzuerkennen, dass Schulleistungen mit der Veranlagung (Begabung) zu tun haben. Sie halten sich lieber an Ideologien.

9. Das „sozialökonomische Panel“, in dem 30.000 repräsentativ ausgewählte Deutsche regelmäßig befragt werden und das hervorragende Ergebnisse liefert, ist neuerdings durch ein Genprofil erweitert worden (Ulrich Bahnsen/Martin Spiewak, Die Zeit 19.5.22).

10. Dadurch kann die Ungleichheit unter den Menschen besser bestimmt werden.

11. Denn wer über soziale Unterschiede forscht, bleibt ohne genetische Informationen auf einem Auge blind.

12. Unsere Anlagen bestimmen nämlich unser Leben weit mehr, als wir bisher manchmal dachten.

13. Die Wissenschaft beginnt, die Blackbox der Vererbbarkeit zu öffnen.

14. Vererbt sind unsere Körpergröße, die Anlage zum Herzinfarkt, unsere Gewissenhaftigkeit, unser Egoismus und unser beruflicher Erfolg und vieles andere mehr.

15. Vieles, auf das wir stolz sind oder über das wir uns ärgern, ist unserem Einfluss entzogen. Wir haben unsere Gene nicht verdient.

16. Sprachprobleme sind zu 90 Prozent genetisch bedingt.

17. Trotzdem hat es natürlich einen Einfluss auf Menschen, ob mit ihnen wenig gesprochen oder wenig vorgelesen wird. Gene und Sozialverhalten ergänzen sich.

18. Gene beeinflussen zwar die Wahrscheinlichkeiten unseres Verhaltens, aber sie bestimmen sie nicht endgültig. Ihnen liegen hunderte bzw. tausende von Genvarianten zugrunde.

19. Genetische Unterschiede verschwinden nicht dadurch, dass wir sie ignorieren.

3892: Carolin Emcke: Wir hätten es wissen können.

Sonntag, Juni 5th, 2022

Die Publizistin Carolin Emcke beklagt, dass wir Russlands militaristisches und verbrecherisches Potential hätten kennen können, es aber vorzogen, dies zu übersehen (SZ 4./5./6.6.22):

„Dabei gab es ja nicht nur den Krieg im Kaukasus, nicht nur die Annexion der Krim oder die entgrenzte Gewalt in Syrien. Es gab nicht nur die Finanzierung trollig-orchestrierter Diskurs-Subvention und neo-völkischer rechter Bewegungen in Europa und den Vereinigten Staaten. Sondern es gab auch die gnadenlose Repression im Innern, gegen politische Oppositionelle, gegen sexuelle Minderheiten, gegen kritische Journalistinnen und Journalisten. Sie wurden wahlweise erschlagen oder eingesperrt, vergiftet oder erschossen, verbrannt oder verhöhnt. Das geschah nicht im Verborgenen. Die Spuren wurden nicht verwischt. Das waren keine geheimen Taten. Das war immer schon zu sehen, aber es waren offensichtlich Körper, um die nicht getrauert wurde, es waren Minderheiten, denen nahegelgt wurde, sie müssten eben mehr Geduld haben mit ihrer Anerkennung oder ihrer Kritik, so eine Demokratie brauche eben etwas Zeit – …“

3891: Marcel Beyer über „prominente Intellektuelle“

Sonntag, Juni 5th, 2022

Der Schriftsteller Marcel Beyer empört sich in der FAS (5.6.22) über die „prominenten Intellektuellen“, die auf Initiative von Alice Schwarzer in einem offenen Brief die Ukraine zur Kapituation aufgefordert haben:

„Sie betrachten sich als unhintergehbare Macht.“

3889: Sozialausschüsse kritisieren die CDU/CSU.

Freitag, Juni 3rd, 2022

Der Vorsitzende der Sozialausschüsse innerhalb von CDU und CSU (Arbeitnehmerflügel), Karl-Josef Laumann, kritisiert die Absicht der Unions-Bundestagsfraktion, sich am Freitag bei der Abstimmung über den gesetzlichen Mindestlohn der Stimme zu enthalten. „Ich halte diese Entscheidung für falsch, weil die CDU den Mindestlohn von zwölf (12) Euro ja eigentlich befürwortet.“ Das Abstimmungsverhalten hätten die Mitglieder des Wirtschaftsflügels erzwungen. Laumann rechnet 2024 mit einer erneuten Erhöhung: „Zwölf Euro für die nächsten 18 Monate bei diesen Preissteigerunegn? Das wird knapp.“ (CWE, SZ 3.6.22)

3887: Nils Minkmar über den Rückzug des BDZV-Präsidenten

Mittwoch, Juni 1st, 2022

Der SZ-Autor Nils Minkmar schreibt (1.6.22):

„Wenn man an die Vielfalt und Exzellenz der deutschen Presselandschaft denkt und dann daran, wie diese jahrelang repräsentiert wurde, bekommt man unweigerlich die schlimmste Laune. Der vorzeitige Abgang von Mathias Döpfner wirkt da wie jener Moment nach einem absurden Traum, in dem man noch voller Empörung wach wird und sich darüber ärgert, was das Traumbewusstsein einem so zugemutet hat. Seit den von Döpfner zu verantwortenden Skandalen im von ihm geleiteten Springer-Verlag über Sex, Machtmissbrauch und Vertuschung bei der Bild-Zeitung, die für alle deutschen Journalistinnen schwer zu ertragende internationale Berichte in der New York Times und der Financial Times inspiriert haben, war allen, die sich für das Thema interessieren, klar, dass an einem Rückzug Döpfners vom Posten des BDZV-Präsidenten kein Weg vorbeiführt. Mit seinem Festhalten am ehemaligen Bild-Chef Julian Reichelt, noch lange nachdem klar war, bewies Döpfner mangelhafte Führungsqualität und wurde zur Belastung für die Branche, die er als Verlegerpräsident repräsentieren sollte.“

3886: Die Ukraine braucht Waffen.

Dienstag, Mai 31st, 2022

Daniel Brössler (SZ 31.5.22) schreibt:

„So sehr es im Einzelnen Gründe geben mag, diese oder jene Waffen nicht oder nicht sofort zu liefern: Im Ergebnis leistet – im Vergleich zu den USA oder zu den Osteuropäern – Deutschland einen viel zu geringen Beitrag zur Verteidigung der Ukraine.

Wer das als Besonnenheit lobt, verweigert sich der brutalen Wirklichkeit der Zeitenwende. Weniger Waffen schaffen nicht mehr Sicherheit und schon gar keinen Frieden. Diese Kernaussage der Rede des Kanzlers gilt auch für die Ukraine. Putin ist nur aufzuhalten durch eine Mischung aus massiver militärischer Gegenwehr und stetig steigendem wirtschaftlichen Druck. Erweist sich diese Mischung als zu schwach, wird das Versagen von heute morgen nicht mehr gutzumachen sein.“