Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

4065: Innenminister Roger Lewentz (SPD) tritt zurück.

Donnerstag, Oktober 13th, 2022

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) tritt zurück, weil entgegen seinen bisherigen Bekundungen seinem Ministerium die Lage im Ahrtal in der Katastrophennacht doch schon gegen Mitternacht bekannt war, und er nicht gehandelt hatte. 134 Menschen waren gestorben, 700 wurden verletzt. Noch nach Mitternacht ertranken an der Ahr-Mündung Menschen, obwohl schon am frühen Abend die Flut am Ahr-Oberlauf klar gewesen war. Lewentz ließ die Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) nicht wecken.

Die bedrohten Menschen schickten aus ihren überfluteten Häusern Hilferufe. Es lagen jetzt vor Videos aus einem Polizeihubschrauber, der Lagebericht der Polizei und der Lagebericht der Hubschrauberpiloten. Warum die Videos erst jetzt, 14 Monate nach der Flut aufgetaucht sind, erklärt die Polizei mit einem „Dokumentationsfehler“. Inzwischen ist auch noch eine Mail der Polizei Koblenz von 1.49 Uhr ans Lagezentrum des Innenministeriums aufgetaucht. Die Belege sind erdrückend. Für Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ist die Lage fatal, weil sie bisher Lewentz stets vertraut hatte. Er war schon im Amt, als sie 2013 in die Staatskanzlei zog. Dreyer hat Lewentz erst fallen lassen, als die Mail der Polizei Koblenz aufgetaucht war (Gianna Niewel, SZ 13.10.22).

Kann Frau Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) im Amt bleiben ?

4063: Die Lage beim RBB

Dienstag, Oktober 11th, 2022

Aurelie von Blazekovic (SZ 11.10.22) interviewt Jo Goll, seit 26 Jahren beim RBB, der als Investigativjournalist mit vier Kollegen die Vorwürfe gegen den RBB recherchiert:

SZ: Welche Rechercheergebnisse halten Sie für am wichtigsten?

Goll: Unsere Recherchen zu Beraterverträgen, die man offenbar an Kontrollinstanzen im eigenen Haus vorbeigelenkt hat, 0bwohl das nach Vergaberecht mehr als problematisch war. Oder dass man Personen, die missliebig waren, in den Vorruhestand geschickt hat. Da gab es einen Mitarbeiter in der RBB Media, der solte da offenbar weg. Also wurde er mit 57 Jahren in den Vorruhestand geschickt, mit Bezügen von rund 100.000 Euro jährlich. Zu zeigen, dass das in unserem Haus möglich war, das führte dazu, dass auch der Letzte begriffen hat, dass es so nicht weitergehen kann.

SZ: Welche Fragen bleiben offen?

Goll: Wie soll denn nun das Bonussystem für Hauptabteilungsleiter und Abteilungsleiter eigentlich beendet werden? Werden da nun alle Verträge neu ausgehandelt? Und will man sich weiterhin 40 außertarifliche Verträge leisten? Aus meiner Sicht muss sich auch dringend ändern, dass der Journalismus als niedere Tätigkeit bewertet wird. Um den muss es eigentlich gehen, das ist das, was der Beitragszahler von uns erwarten darf.

SZ: Journalismus wird im RBB gering geschätzt?

Goll: Das ist der Eindruck, der sich bei mir über die Jahre eingestellt hat. Man hat immer an der Struktur gearbeitet, an der Verpackung. Der Inhalt ist immer weiter in den Hintergrund gerückt. Man kann aber nicht endlos sparen und glauben, dass der Tanker schon auf hoher See bestehen wird. Das tut er nicht.

SZ: Wie lange wird der Fall Schlesinger den RBB noch beschäftigen?

Goll: Das wird Jahre nachwirken. Wir können nur eines machen: Gutes Programm auf die Beine stellen. Dann kommt der Beitragszahler vielleicht wieder zu dem Schluss, dass sein Geld gut investiert ist, und dass wir tatsächlich eine Säule der Demokratie sind.

4062: Steffen Mau: Die deutsche Gesellschaft ist gar nicht tief gespalten.

Dienstag, Oktober 11th, 2022

Nach der Auffassung des Berliner Soziologen Steffen Mau, 53, ist die deutsche Gesellschaft gar nicht tief gespalten. Das erläutert er in einem Interview mit Anant Agarwala und Anna-Lena Scholz (Zeit, 22.9.22).

Zeit: Sie meinen, wir Medien schreiben Konflikte herbei, in völliger Missachtung der Realität?

Mau: Ja. Ich muss es so drastisch formulieren. Ständig lese ich Aussagen über „die Gesellschaft“ und frage mich: Woher weiß man das eigentlich? Thesen wie jene von der gespaltenen Gesellschaft sind so erfolgreich, weil sie immer wieder ungeprüft nacherzählt werden. Das liegt nicht allein an den Medien. Ungelöste Konflikte sind auch Gelegenheitsmärkte für Polarisierungsunternehmer.

Zeit: Woher diese Faszination für die Spaltung?

Mau: Der Diskurs kommt vor allem aus den Vereinigten Staaten. Dort haben wir die gespaltene Gesellschaft ja tatsächlich, es ist also auch ein Angstszenario. In den USA gibt es bei allen möglichen Fragen klare Frontstellungen, bis hin zu dem, was wir affektive Polarisierung nennen. Also Gefühle von Hass, Abschau, Ekel gegenüber der Gegenseite. Wenn man seiner Anhängerschaft predigt, dass die anderen verdammenswert sind und das Land zugrunde richten wollen, kann man nicht mehr über Sachthemen diskutieren.

Zeit: 2021 haben Sie den Leibniz-Preis erhalten. Mit dem Geld forschen Sie aktuell selbst zur gesellschaftlichen Spaltung. Wie gehen Sie vor?

Mau: Wir kartieren Deutschland entlang von vier Konfliktarenen:

oben/unten – da geht es um Klassen,

innen/außen – das bezieht sich auf die Migrationsfrage,

wir/sie – das ist die Identitätspolitik;

sowie heute/morgen – hier stehen klimapolitische Fragen und Generationenkonflikte im Zentrum.

Neben der Befragung lassen wir auch Menschen unterschiedlicher Milieus miteinander diskutieren, um herauszufinden, welche moralischen Repertoires sie nutzen, um sich in gesellschaftlichen Fragen zu positionieren. Wir wollen verstehen, warum es bei bestimmten Themen richtig knallt, was Menschen triggert.

4055: Russland hat den Sprengstoff bereits beim Bau der Pipeline angebracht.

Dienstag, Oktober 4th, 2022

In einem Interview mit Kathrin Kalweit und Bernhard Odehnal (SZ 4.10.22), behauptet Andrij Koboljow, dass Russland den Sprengstoff für seinen Sabotageakt schon beim Bau der Pipeline angebracht hat. Koboljow war von 2014 bis 2021 Chef des ukrainischen Energieversorgers Naftogaz.

SZ: Wie schätzen Sie die Explosionen in der Ostsee ein?

Koboljow: Es war Russland.

SZ: Mit welchem Motiv?

Koboljow: Man muss Putin genau zuhören. In seiner Rede zur Annexion ukrainischer Gebiete hat er mehrmals die Energieversorgung erwähnt. Unter anderem fordert er die europäischen Verbraucher auf, ihre politischen Führer zu fragen, warum es nicht genug Gas und andere Energiequellen gebe. Schon daraus wird ersichtlich, worüber die europäische Politik nach wie vor nur ungern spricht: Gaslieferungen sind für Russland kein Geschäft. Sie sind eine Waffe, und Russland war immer schon bereit, diese Waffe einzusetzen, um Europa zu erpressen. Besonders die Deutschen wollten sich das nie eingestehen.

SZ: Wie also gingen die Täter an der Pipeline vor?

Koboljow: Sie haben den Sprengstoff bereits beim Bau der Pipeline angebracht. Diese Methode ist keine russische Erfindung, sondern ein Erbe der Sowjetunion. Damals war es üblich, an jeder neu errichteten kritischen Infrastruktur Sprengstoff anzubringen. Weil sie im Kriegsfall schnell zerstört werden musste. Das ist jetzt auch ein Grund, warum Pipelines, die nicht von Russen gebaut wurden, nicht gesprengt werden.

SZ: Nordstream 1 und Nordstream 2 sind jetzt also irreparabel beschädigt?

Koboljow: Aber nein: Sie sind leicht zu reparieren. Das würde nicht länger als einen Monat dauern. Dieses ganze Gerde, dass die Pipeline durch Korrosion vollständig zerstört würde, ist Unsinn; diese Pipelines wurden so gebaut, dass sie Wasser standhalten. Nach einer Reparatur würden sie wahrscheinlich nicht mehr wie geplant 50 Jahre verwendbar sein, sondern nurmehr 40 oder 30 Jahre. Aber man könnte sie wieder in Betrieb nehmen.

4052: Günter Wallraff 80

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Bei „BILD“ war er Hans Esser, für sein Buch „Ganz unten“ der Türke Ali: die Ikone des Investigativjournalismus Günter Wallraff. Er wird 80 Jahre alt. Heute ist er weithin beliebt, wird aber immer noch auch von vielen gehasst. Wallraff hat aufgeklärt, die sozialen Mängel der Bundesrepublik benannt, ihren Rassismus. Trotz der vielen Gerichtsverfahren, mit denen er überzogen wurde, blieb Wallraff ein Aufdecker. Noch heute arbeitet er mit seinem Team für RTL. Die Bundesrepublik, über die er anfangs aufklärte, das war die von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen. Deren Rückständigkeit und ihr Rassismus sind heute noch nicht überwunden, wie wir verlässlich wissen. Wallraff war bei McDonald’s, Thyssen und sonstwo. Auch im Ausland war er aktiv. So etwa im von Obristen regierten Griechenland. Nie hat er gegen das öffentliche Interesse gehandelt, er glaubt daran, dass die Welt verändert werden kann. Und wenn unser Staat ein bisschen sensibler geworden ist, dann ist das auch Günter Wallraffs Verdienst (Holger Gertz, SZ 1./2./3.10.22).

4051: Polen und Deutschland uneins über die Oder-Verschmutzung

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Polen und Deutschland konnten sich nicht auf einen gemeinsamen Schlussbericht zur Oder-Verschmutzung einigen. Nicht einmal ein gemeinsames Vorwort war möglich. Offenbar war es ja die Goldalge, die für das massenhafte Fischsterben und die Ausrottung von Muschelarten in der Oder verantwortlich war. Hervorgerufen durch einen zu hohen Salzgehalt. Der stammt von polnischen Einleitungen (Papierfabriken, Kupferminen, Bergbau). Die Wojwodschaft Oberschlesien gilt als das industrielle Herz Polens. In Polen wird auch der Mythos der sauberen Oder gepflegt. Dort gibt es sehr viele Hobbyangler.

Im aktuellen Fall waren wohl ein zu hoher Salzgehalt, Industrieeinleitungen, die Trockenheit und die hohe Sonneneinstrahlung für die Ausbreitung der Goldalge ursächlich. Die ist tödlich für Fische und Muscheln. Die polnische Seite hatte 282 illegale Einflüsse in die Oder registriert und eigenen Angaben zufolge 57 davon der Polizei gemeldet. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) verlangt, die illegalen Einleiter namhaft zu machen. Dies ist nicht die erste Kontroverse zwischen Polen und Deutschland in Umweltfagen. Greenpeace dazu: „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Umweltkatastrophe zu einem großen Teil menschengemacht ist.“ „Das Problem ist, dass in Polen die Oder verschmutzt ist, weil es eben ging.“ (Viktoria Grossmann/Jan Heidtmann, SZ 1./2./3.10.22)

4050: Marcel Fratzscher zur wirtschaftlichen Entwicklung

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, äußert sich in einem Interview mit Marc Beise und Alexander Hagelüken (SZ 1./2./3.10.22) zur wirtschaftlichen Entwicklung:

„Die hoffnungsvolle Nachricht ist: Wir sehen keine tiefe Rezession, verglichen mit Corona. Die Wirtschaft wird 2023 wohl nur leicht schrumpfen, vor allem weil die Verbraucherinnen und Verbraucher weniger konsumieren. Auch wird die Arbeitslosigkeit nicht stark steigen. Jetzt die schlechte Nachricht: Die Entwicklung ist höchst unsozial, vor allem wegen der anhaltend hohen Inflation, die auch Lohnerhöhungen weit übertreffen wird. Menschen mit geringen oder mittleren Einkommen zahlen den höchsten Preis für die Krise. Wir sehen eine weiter zunehmende soziale Polarisierung.“

„Die Regierung ist gut, wenn es darum geht, die Energieversorgung sicherzustellen. Dass die Gasspeicher wieder fast voll sind, hätte doch niemand erwartet. Auch die bisherigen Entlastungspakete zeigen Wirkung. Aber das reicht alles nicht, um den Menschen und Unternehmen ausreichend zu helfen. In einer Notlage wie dieser ist eine stärkere Entlastung bei Energie dringend geboten, …“

„(Eine Gaspreisbremse) wäre am besten schon zum 1. September gekommen. Außerdem: die Gaspreisbremse ist nicht zielgenau. Weil sie alle gleich behandelt, die man nicht gleich behandeln sollte. Es profitieren auch Bürger mit hohen Einkommen, die die Inflation wenig trifft. Die Preisbremse kann nur ein erster Schritt sein. Wir brauchen noch mehr Entlastung für Geringverdiener. Ein vierköpfiger Haushalt mit einem Jahreseinkommen von 35.000 Euro hat bis zu 5.000 Euro Mehrkosten.“

„Schulden sind per se nicht schlecht. Die Frage ist nicht, wie viel gibt der Staat aus, sondern wofür. Wenn das Geld zur Bewältigung der Krise genutzt wird oder für die Energiewende, sind es Investitionen in die Zukunft.“

„Wir brauchen eine neue China-Politik. Wir sind ja viel abhängiger von China als China von uns. Das macht uns erpressbar. Ökonomen sprechen von einer asymmetrischen Beziehung. Chinesische Firmen haben viel besseren Zugang zum europäischen Markt als europäische und deutsche Unternehmen in China, wo man in Finanzen, Verkehr und anderen Branchen kaum investieren kann. Europas Politik hat den Fehler gemacht, das zuzulassen.“

4049: Antisemitismusbeauftragter kritisiert Schweizer Kurienkardinal

Samstag, Oktober 1st, 2022

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, kritisiert den Schweizer Kurienkardinal und Ökumene-Minister des Vatikans, Kurt Koch. Der hatte die katholische Reformbewegung „Synodaler Weg“ mit den „Deutschen Christen“ bei den Nazis gleichgesetzt. Klein fand das „irritierend“. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, erwartet von Koch eine eindeutige Distanzierung (SZ 1./2./3.10.22).

W.S.: Es ist schon erstaunlich, wie viele katholische geistliche Herren es gibt mit abstrusen politischen Vorstellungen, es sind gewiss nicht alle. Um so leichter lassen sich die Gläubigen malträtieren.

4048: Sonntagsfrage aktuell

Samstag, Oktober 1st, 2022

Die Sonntagsfrage hat gegenwärtig das folgende Ergebnis (SZ 1./2./3.10.22):

CDU/CSU 27 (-1), Grüne 22 (-1), SPD 18 (-1), AfD 14 (+1), FDP 7 (+1), Linke 5 (+/- 0), Sonstige 7 (+1).

4046: Peter Richters Fazit der Documenta

Donnerstag, September 29th, 2022

Peter Richter zieht ein hoch-substantielles Fazit der Documenta 15 (SZ 23.9.22). Ich bringe hier nur Ausschnitte:

„Eine mit deutschen Steuergeldern finanzierte Ausstellung, die kommentarlos Propagandafilme zeigt, welche den Terrorismus palästinensischer Gruppen feiern, und sich jedes Einspruchs dagegen mit Argumenten von Kunstfreiheit und Zensur zu entledigen versucht, macht sich an dieser Stelle Voraussetzungen zunutze, gegen die sie ansonsten eigentlich zu Felde zieht. Angesichts der ethischen Anspruchshöhe der ganzen Veranstaltung wirkt dieser Widerspruch bestenfalls taktisch, eigentlich aber zynisch. Denn die ‚Kontextualisierung‘, nach der immer gerufen wurde, fand ja statt: Mit distanzierenden Beipackzetteln wären wirklich historische Dokumente daraus geworden. Die Documenta heißt aber Documenta, weil sie einst den Stand der ‚Weltkunst‘ dokumentieren wollte. Diesen Anspruch hat sie schon länger verabschiedet, trägt ihn aber wie den Nachnamen eines geschiedenen Ex-Partners weiter mit sich – und sie adelt damit am Ende auch Filme, die das Töten von Juden glorifizieren.“

„Die andere Lesart der Vorfälle, die dieser Documenta auf die Füße gefallen sind, ist nämlich die, dass hier unbedingt und mit allen Mitteln

die radikale Gegnerschaft zum Staat Israel auch im Kulturbetrieb der Bundesrepublik

als Position etabliert und normalisiert werden sollte. Diese Bestrebungen sind zur Zeit auch sonst nicht zu übersehen. Auch die eben zu Ende gegangene Berlin-Biennale hat sich geradezu obsessiv mit dem Nahostkonflikt beschäftigt, auch sie in hundertprozentiger Einseitigkeit, nur professioneller, also weniger dilettantisch als die Documenta in Kassel.“

„Jetzt, zu ihrem Abschluss, wäre es vielleicht ganz gut, wenn die Mitglieder der Findungskommission dieser Documenta allmählich mal aus dem opaken Kollektiv Nummer 1 hinter all diesen Kollektiven heraustreten und sich im einzelnen erklären könnten. Noch besser wäre nach alledem aber womöglich, wenn nächstes Mal zur Abwechslung ein paar andere Leute drinsäßen.“