Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

995: „Putinismus“ entspricht Russland.

Mittwoch, Juli 15th, 2015

Der 1921 in Breslau genborene Historiker Walter Laqueur ging mit 17 Jahren nach Palästina. Als Jude entwickelte er schon früh ein Sensorium gegen totalitäre Repression. Für Russland hatte er ein Faible und lernte ab 1941 Russich, das er bald perfekt beherrschte. So konnte er aus erster Hand die sowjetischen Verhältnisse und den Stalinismus analysieren. Laqueur orientierte sich am „Kongress für kulturelle Freiheit“, der u.a. von der CIA finanziert wurde. Er arbeitete zeitweise eng mit dem ebenfalls aus Deutschland emigrierten Historiker George Mosse zusammen, dessen Familie der Medienkonzern Mosse (u.a. „Berliner Tageblatt“) in Berlin (bis 1933) gehört hatte. Laqueurs Stationen nach 1945 waren Berlin und London. Dort und in den USA hatte er mehrere Professuren für Geschichte inne.

In seinem neuesten Buch

„Putinismus. Wohin treibt Russland?“ (Propyläen) 2015, 336 S., 22 Euro,

verficht Laqueur die These, dass der 1999 in Russland an die Macht gekommene „Putinismus“ nicht vollständig an die Person Wladimir Putins gebunden und dass eine Abkehr von dem Regime „in naher Zukunft unwahrscheinlich“ sei.

Zustandegekommen sei die neue russische Herrschaftsform nach einer Dekade der Anarchie, des Zusammenbruchs der alten Ordnung und schweren Geburtswehen, insbesondere einem wirtschaftlichen Niedergang und einem außenpolitischen Macht- und Prestigeverlust. Geholfen hätten die hohen Weltmarktpreise für Rohöl und Gas , die es erlaubt hätten, die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung zu bremsen.

Russland habe wieder einen Zaren. Er regiere mit „Oligarchen“, die er zur Loyalität gezwungen habe. Es gebe wieder eine „russische Idee“, „Geschichtsbilder“ und eine gezielte „Erinnerungspolitik“. Helfen würden dem Bemühen um eine russische Geschlossenheit

die Abkehr vom Westen

und die Kontrolle der profitabelsten ökonomischen Ressourcen. Daran sei aber nicht die NATO-Erweiterung nach 1991 schuld (Manfred Hildermeier, SZ 14.7.15). Diese gehe auf die Selbstbestimmung der

Esten, Letten, Litauer, Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Rumänen, Bulgaren

zurück. Diese Analyse stimmt. Sie wird trotzdem von den Putin-Freunden nicht akzeptiert.

994: Russland löst sich von Europa-Recht.

Mittwoch, Juli 15th, 2015

Russland will Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) künftig nicht mehr in allen Fällen als bindend akzeptieren. Das Verfassungsgericht in St. Petersburg entschied, dass die Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten in Einzelfällen hinter der russischen Verfassung zurückstehen müsse. Anlass für die Klage von Duma-Abgeordneten war ein Urteil des Straßburger Gerichtshofs, den enteigneten Aktionären des Ölkonzerns Yukos eine Entschädigung von zwei Milliarden Euro zuzusprechen (SZ 15.7.15).

Russland will nicht zu Europa und zum Westen gehören.

993: „Fabian“-Regisseur Wolf Gremm tot

Mittwoch, Juli 15th, 2015

Über 50 Filme hat Wolf Gremm gedreht. Darunter „Fabian“ (mit Hans-Peter Hallwachs) nach Erich Kästner. Sein Freund Rainer Werner Fassbinder spielte in seinem „Kamikaze 1989“ (1982) die Hauptrolle. Mit der Produzentin Regina Ziegler bildete er ein Erfolgsgespann. Die beiden heirateten 1977. Wolf Gremm war Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehehen (HFFB) in Berlin. Nun ist er in Berlin gestorben.

Unser Sohn heißt Fabian.

992: Schweinis kluger Wechsel

Dienstag, Juli 14th, 2015

Bastian Schweinsteiger wechselt zu Manchester United. Dort bekommt er einen Vertrag bis 2018. Damit handelt er sehr klug. Denn beim FC Bayern hatte er alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Und solch einen Vertrag, wie er ihn nun in Manchester bekommt, hätte es in München nie gegeben.

Widersprechen müssen wir der These von der „Verletzungsanfälligkeit“. Denn de facto handelte es sich darum, dass der Ausnahme-Spieler Schweinsteiger vielfach von unterlegenen Spielern (gezielt) zusammengetreten wurde. In der Premier League wird allerdings auch „geholzt“.

Auch der FC Bayern handelt klug. Denn nun steht Schweinsteiger dem fälligen Mannschaftsumbau nicht mehr im Wege. Und Pep Guardiola kann seine Strippen ziehen.

Marcel Reif charakterisiert die Lage sehr gut: „Der Fan ist Romantiker, und der Romantiker will nicht, dass der Basti geht, das ist doch klar. Bis hierhin d’accord. Dann aber, wenn der Romantiker den kaltherzigen Vorstand ausgepfiffen hat, weil er den Basti gehen lässt, will der Romantiker, dass sein Verein wieder im Finale der Champions League steht. Und wenn du das willst, dann musst du jetzt den Umbau dieser Mannschaft wollen.“ (Holger Gertz/Alexander Gorkow SZ 13.7.15)

991: Nassehi: Kritik am Kapitalismus = Selbstberuhigung

Sonntag, Juli 12th, 2015

Der Münchener Soziologe Armin Nassehi schreibt in der „Zeit“ (9.7.15) über die allfällige Kritik am Kapitalismus. Und er bezeichnet sie als „Mechanismus der Selbstberuhigung“, „schon weil ‚der Kapitalismus‘ letztlich keine Adresse hat“. Wäre aber der Verzicht auf eine solche Kritik nicht beunruhigend? (Harald Staun, FAS 12.7.15)

990: Guttenberg: Zu viele Musikfestivals

Sonntag, Juli 12th, 2015

Enoch Freiherr von und zu Guttenberg (68) ist Komponist und Dirigent, und er neigt zur Kompromisslosigkeit. Der Vater des ehemaligen Verteidigungsministers, der wegen seines Plagiats zurücktreten musste, hatte den Bund für Umwelt und Naturschutz mitgegründet. 2012 verließ er ihn aus Protest

gegen Windkraftanlagen.

Der CSU hat er den Rücken gekehrt. Seit 2000 ist Guttenberg Intendant der Herrenchiemsee Festspiele. Inge Kloepfer hat ihn für die FAS (12.7.15) interviewt.

FAS: Herr zu Guttenberg, wissen Sie eigentlich, wie viele Musikfestivals es in Deutschland gibt?

Guttenberg: Zu viele. Aber genau könnte ich es Ihnen gar nicht sagen.

FAS: Inzwischen wohl an die 500. Bedeutende, aber eben auch unzählige Wald-und -Wiesen-Veranstaltungen.

Guttenberg: Die Frage ist, ob es wirklich so viele Festivals geben muss. Das sage ich, obwohl ich selbst Intendant eines Festivals bin.

FAS: Sie wollen keine Konkurrenz?

Guttenberg: Doch, sogar unbedingt! Aber die zunehmende Zahl der Festivals birgt die Gefahr ihrer Entwertung. Einher geht damit oft auch der Verfall der Qualität. Außerdem befürchte ich, dass die klassische Musik zum Konsumgut verkommt, wenn sich Menschen einen netten Nachmittag oder Abend machen und sich beschallen lassen, ohne über die Inhalte nachzudenken, die in der großen Musik ja auch verhandelt werden.

FAS: … Im Vergleich zu Salzburg mit Kartenpreisen weit über 400 Euro sind Sie richtig billig. Auf Herrenchiemsee kann ich für 100 Euro eine Oper hören.

Guttenberg: Wir haben uns bewusst von sehr hohen Preisen abgesetzt. Auch wenn wir immer sofort ausverkauft sind, will ich die Preise auf dem Niveau belassen. Es soll sich jeder eine Karte leisten können.

FAS: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, auch etwas für die Chiemgauer Bevölkerung zu tun?

Guttenberg: Am Tag nach dem Festival-Ende veranstalte ich persönlich ein Konzert für Menschen der anliegenden Gemeinden, die sich unsere Karten nicht leisten können. Die kommunalen Verwaltungen erhalten Kontingente für Kranke, Bedürftige und verdienstvolle Bürger. Auf dem Programm steht immer eines der Highlights des Festivals, diesmal Dvoráks „Stabat Mater“. Ein sehr bewegendes Ereignis für alle Beteiligten. Die Menschen lieben es. Ich glaube auch, das gibt es anderswo in dieser Form nicht.

989: Piketty und Sachs gegen Merkel

Freitag, Juli 10th, 2015

Die Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty und Jeffrey Sachs und weitere Kollegen haben im Netz einen offenen Brief an Angela Merkel geschrieben. Darin beschuldigen sie die Bundesregierung, dass ihre Rettungspolitik im Fall Griechenlands falsch war und die dortige humanitäre Katastrophe herbeigeführt habe.

An diesem Beispiel lässt sich sehr gut erkennen, dass wir in keinem Fall blind „der Wissenschaft“ glauben dürfen. Wir müssen uns selbst ein Urteil bilden. Auch indem wir wissenschaftliche Erkenntnisse verwenden. Aber bei politischen Entscheidungen machen wir uns nicht abhängig von der Wissenschaft.

Piketty erklärt in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (2014), dass der Kapitalismus nicht gerecht ist. Aber das wissen wir doch schon lange. Allerdings ist uns auch bekannt, dass das „sozialistische“ Schuldenmachen keine Lösung ist. Und vor allem nicht in jedem Fall Wachstum bringt. Sachs, der in vielen UN-Gremien vertreten ist, propagiert als Mittel gegen Armut die schnelle Privatisierung. Quasi ein Gegenmodell zu Piketty. Das führt uns nicht weiter.

Die Rettungsversuche der Troika haben im Fall Griechenland wenig gebracht, weil die griechische Regierung und der griechische Staat nicht in der Lage sind, konkrete Verbesserungen in Gang zu setzen. Deswegen muss die Politik von EU (Kommission und Parlament), Eurozone, EZB und IWF geändert werden.

988: Büchner-Preis für Rainald Goetz – spät und sensationell

Freitag, Juli 10th, 2015

Je länger der Büchnerpreis, der wichtigste deutsche Literaturpreis, Rainald Goetz vorenthalten wurde, desto unglaubwürdiger machte sich die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Goetz zählt zum Typus des nervösen Gegenwartschronisten mit theoretischem Überbau, dessen Intelligenz eigentlich zu ungeduldig ist, um Romane zu schreiben. Goetz hat es zweimal aber doch erfolgreich getan, 1983 mit

„Irre“

und 2012 mit

„Johann Holtrop“.

Der Typ des intellektuellen Schriftstellers wird in Deutschland hauptsächlich von

Hans Magnus Enzensberger und Alexander Kluge

verkörpert. Und Enzensberger hat den Büchner-Preis schon …

Die Verleihung des Preises an Goetz (geb. 1954 in München) kommt spät, ist eine Sensation und gleicht einem Befreiungsschlag. Goetz war einer der ersten, welche die mediale Verfasstheit der Wirklichkeit zum Ausgangspunkt ästhetischer Überlegungen machten. Gegen die Innerlichkeitsprosa der frühen achtziger Jahre setzte er auf

Punk und Pop.

In „Irre“ reflektiert Goetz, der Dr. med. und Dr. phil., den psychiatrischen Kliniksalltag seines Alter Egos Raspe nach der „bleiernen Zeit“. Seine Rasierklingen-Inszenierung beim Bachmann-Preis in Klagenfurt deutete Marcel Reich-Ranicki als Unbedingtheit dieses Talents (Christopher Schmidt, SZ 9.7.15). In „Johann Holtrop“, dieser Parabel der New Economy, karikierte Goetz Thomas Middelhoff, den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Bertelsmann und Arcandor. Er sitzt mittlerweile im Knast und gilt als insolvent. Welch treffendes Bild unserer Gesellschaft.

987: Hamburg hat wenig Chancen.

Mittwoch, Juli 8th, 2015

1. Nachdem Berlin sich als lustlos erwiesen hat, schickt Deutschland nun Hamburg ins Rennen um die Austragung der Olympischen Spiele 2024 (und die Paralympics).

2. An der Olympia-GmbH sind beteiligt der DOSB (51 Prozent), Hamburg (26 Prozent), Deutschland (18 Prozent), Schleswig-Holstein und Seglerzentrale Kiel (je 2 Prozent) und die Handelskammer Hamburg.

3. Für DOSB-Präsident Alfons Hörmann ist es „das wichtigste Projekt des deutschen Sports seit der Wiedervereinigung“.

4. Die Bewerbung kostet 50 Millionen Euro. Daran beteiligen sich (erstmals) der Bund mit 30 Millionen, Hamburg mit 6,5 Millionen (wovon „die Wirtschaft“ einen Löwenanteil übernehmen will).

5. Kritiker der Hamburg-Bewerbung beklagen vor allem den „Größenwahnsinn“, den am Ende wieder der Steuerzahler tragen muss, und die Verstärkung und Beschleunigung der „Gentrifizierung“ in einigen Stadtvierteln, in denen heute schon die Mieten kaum zu bezahlen sind.

6. Kontrahenten Hamburgs bei der Bewerbung sind Paris, Rom, Budapest und Boston. Paris will punkten mit „100 Jahre nach Paris 1924“.

7. Obsiegt etwa Paris, hat Hamburg auch 2028 keine Chance, weil Olympia nicht zweimal hintereinander in Europa Station macht.

8. Weil einiges darauf hindeutet, dass Deutschland die Fußball-EM 2024 bekommt, sinken Hamburgs Olympia-Chancen.

9. Gegenwärtig hat Hamburg Probleme, die ihm zugewiesenen Flüchtlinge unterzubringen.

10. „Bescheidene“ Spiele gibt es nicht, solange 28 Sportarten und 300 Entscheidungen auf dem Programm stehen (Peter Burghardt, SZ 7. und 8.7.15)

Ich möchte keine Spiele in Hamburg 2024.

986: „Populisten“ im Süden Europas = Schüler Juan Perons

Dienstag, Juli 7th, 2015

Die „Populisten“ im Süden Europas, die in Griechenland jetzt schon die große Katastrophe herbeigeführt haben, sind Schüler von Juan Peron (1895-1974) und des

Peronismus.

Das gibt uns einen Begriff davon, was uns noch bevorstehen könnte. Peron (der Caudillo) regierte Argentinien von 1946 bis 1955 (zwei Wahlperioden), bis er vom Militär gestürzt wurde. 1973 wurde er nochmals für eine kurze Zeit Präsident. Seit 1955 brachte er 18 Jahre im spanischen Exil (unter General Franco) zu. Argentinien ist heute noch vom Peronismus bestimmt. Ein solches System von Korruption, Klientelismus und Misswirtschaft ist wirklich selten auf der Welt. Und Argentinien hat uns vorgemacht, was folgt, wenn der Peronismus an die Macht kommt:

der Schuldenschnitt.

Ich übersehe dabei nicht, dass einige US-amerikanische Großkonzerne einen verhängnisvollen Einfluss auf die argentinische Wirtschaft haben, insbesondere auf die Landwirtschaft (Gen-Produkte). Sie waren auch schon 1973 in Chile dabei. Bei der Inthronisierung des Diktators Augusto Pinochet. Der Spiritus Rector der Vorgänge damals war bekanntlich Henry Kissinger.

Der Cheftheoretiker der südeuropäischen „Populisten“ ist Ernesto Laclau (1935-2014). In Anlehnung an den italienischen marxistischen Theoretiker Antonio Gramsci (1891-1937), der die Lehre von der „kulturellen Hegemonie“ entwickelt hatte, favorisierte Laclau die These von der „Volksbildung“, der Etablierung einer neuen politischen Hegemonie des Volkes. Zugute kam ihm dabei, dass die „alten Eliten“, die „Kaste“, moralisch und politisch völlig abgewirtschaftet hatten. Das war sowohl in Argentinien als auch in Griechenland der Fall. Das nächste Land, das so „erobert“ werden soll, ist Spanien, wo „Podemos“ von „Syriza“ lernt und die kommenden Wahlen im Auge hat (Jan-Werner Müller, SZ 7.7.15).

Vorbilder für die südeuropäischen „Populisten“ sind die südamerikanischen Staaten Venezuela, Bolivien und Ecuador. Dort wurden unter Beugung der Verfassung „Volksführer“ ( so etwas Ähnliches wie Caudillos) installiert. Wie Hugo Chavez. Mit ihrer „radikalen Demokratie“. Die kann nicht immer Rücksicht nehmen auf die Mehrheitsverhältnisse, sondern beansprucht häufig, den „wahren“ Volkswillen besser zu kennen als die Wähler.

Was fehlt eigentlich in den Ländern, in denen „Populisten“ eine so große Rolle spielen? Die Antwort ist klar und erschreckend:

eine funktionierende Sozialdemokratie.