Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1057: Betrüger will ISU-Chef werden.

Dienstag, Oktober 20th, 2015

Der Franzose Didier Gailhaguet, 62, hat seine Kandidatur für die Präsidentschaft des Eislauf-Weltverbands ISU bekanntgegeben. Hervorgetreten war er bei Olympia 2002, als er eine französische Wertungsrichterin zwang, im Paarlauf ein russisches Paar auf Platz eins zu setzen. Im Gegenzug wurde im Eistanzen das französische Paar auf Platz eins gesetzt. Mit russicher Hilfe. Das Ganze kam raus und Gailhaguet wurde für drei Jahre gesperrt. Das Eislaufen geriet in eine schwere Krise (Claudio Catuogno, SZ 20.10.15).

Zu viel offensichtliche Manipulation und Korruption.

Nun ist Gailhaguet zurück. Als Präsidentschaftskandidat.

Im internationalen Spitzensport scheinen solche mafiösen Strukturen unvermeidbar zu sein.

1056: Entwicklungshilfe hilft nichts gegen Flüchtlingsströme.

Sonntag, Oktober 18th, 2015

Die Flüchtlingswelle nach Europa, hauptsächlich Deutschland, ändert manches. Menschen, die sich noch nie um Entwicklungshilfe gekümmert haben und denen die Menschen „weit hinter der Türkei“ ziemlich gleichgültig waren, entdecken sie jetzt als Allheilmittel gegen den Flüchtlingsstrom. Mit der Zauberformel „die Fluchtursachen bekämpfen“.

Das ist Unfug.

Darüber klärt uns der frisch gekürte Nobelpreisträger für Wirtschaft auf,

Angus Deaton, 69.

Der britische und US-amerikanische Staatsbürger lehrt in Princeton.

In seinem Buch „The Great Escape“ (2013) demonstriert Deaton, dass es ein Mittel gibt, das am besten gegen Armut hilft: die Migration. Von daher ist es logisch, dass die vernünftigste Politik gegen Armut ist, Migration zuzulassen. „Migranten, denen es gelingt, von armen Ländern in reiche zu ziehen, verbessern ihre eigene Lage, und das Geld, das sie überweisen, hilft ihrer Familie, sich zu Hause besser zu stellen.“ Die Empfänger dieses Geldes bekämen mehr Macht dazu, ihre Regierung zu Verbesserungen zu zwingen.

Die Entwicklungshilfe könne tatsächlich einem autokratischen Regime helfen, an der Macht zu bleiben oder sich zu bereichern. Ihre Mittel kämen bei weitem nicht immer an der richtigen Stelle an. „Wenn die Voraussetzungen für eine gute Entwicklung gegeben sind, ist Hilfe nicht notwendig.“ „Wenn die Voraussetzungen vor Ort aber entwicklungsfeindlich sind, dann bringt Entwicklungshilfe nichts, und sie kann sogar schädlich sein, wenn sie dazu beiträgt, dass diese Bedingungen weiter bestehen.“

Der überzeugendste Beleg für Deatons These sind die afrikanischen Staaten von Mitte der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre. In dieser Zeit wuchs die Entwicklungshilfe überproportional an, gleichzeitig sank das ohnehin schwache Wachstum auf Null. Nach Ende des kalten Kriegs wurde die Entwicklungshilfe zurückgefahren. Prompt stiegen die Wachstumsraten in Afrika wie noch nie vorher.

Deaton schlägt nicht vor, die Entwicklungshilfe abzuschaffen. „Eine hilfreiche Art der temporären Migration ist es, dass der Westen Stipendien anbietet für Studenten, insbesondere afrikanische.“ Im Idealfall gingen diese in ihre Heimat zurück und hülfen ihren Staaten. Gerade im Kriegsfall gäbe es keine humanere und effektivere Lösung für Flüchtlinge, als sie im Westen aufzunehmen.

Ob das dem Westen selber nützt, darüber sagt Deaton nichts (Ralph Bollmann und Lisa Nienhaus, FAS 18.10.15).

 

1055: Gefährdet die DFB-Krise Olympia in Hamburg ?

Sonntag, Oktober 18th, 2015

In der Darstellung von Anno Hecker und Christoph Becker (FAS 18.10.15) stammen die Hinweise auf die schwarze Kasse des DFB wohl von Theo Zwanziger, dem ehemaligen DFB-Präsidenten. Er ist dem gegenwärtigen Präsidenten Wolfgang Niersbach in tiefer Abneigung verbunden, seit der DFB Niesbach bei seinem Aufstieg vom Generalsekretär (etwa 300.000 Euro im Jahr) zum Präsidenten zum Ausgleich eine vorzeitige Auszahlung seiner Betriebsrente gewährte.

Die Sportausschuss-Vorsitzende des Deutschen Bundestages, Dagmar Freitag (SPD), sieht gravierende Folgen der DFB-Krise. „Die Fußballfans sind hart im Nehmen, aber der Sport wird, wenn das mit den Schlagzeilen so weitergeht, seine Akzeptanz verlieren. Ich fürchte, die Menschen werden sich auf Dauer abwenden. Der Angriff auf die phantastischen Werte, die der Sport zu bieten hat, wird gleichzeitig dazu führen, dass die Gegner von Großereignissen des Sports Argumente erhalten. Solche Affären können also auch eine Auswirkung auf die Olympia-Bewerbung von Hamburg haben.“

1054: Der DFB hat ein schlechtes Gewissen.

Samstag, Oktober 17th, 2015

Wir wissen jetzt, warum sich der DFB angesichts der Korruptionssümpfe bei Fifa und Uefa nicht in eine Führungsrolle bei der Aufklärung begeben wollte. Er hat ein schlechtes Gewissen bei den Vorwürfen, die Weltmeisterschaft 2006 mit Geld aus einer schwarzen Kasse ins Land geholt zu haben. Gemunkelt wurde das schon immer. Nun verdichtet sich der Verdacht. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hatte bisher allerdings nicht gesagt, warum er so zögerlich bei der Aufklärung der Fußball-Skandale war.

„Falls sich nun bestätigt, dass die deutsche Bewerbung für die Fußball-WM 2006 aus schwarzen Kassen alimentiert und befördert wurde, so läge das zunächst nur in der Logik des Fußballgeschäfts. Dieses findet ja in einer Parallelwelt statt: Der Sport, der größte Zweig der globalen Unterhaltungsindustrie, darf seine Milliardengeschäfte ohne Kontrolle durch externe Instanzen abwickeln – aufgrund einer bizarren, von allen Staaten garantierten Autonomie. In deren Schutz tätigt seit Dekaden eine kleine Kameradschaft von Funktionären ihre Deals.“ (Thomas Kistner, SZ 17./18.10.15)

Dabei spielten die Deutschen seit jeher eine zentrale Rolle. Installiert hat die Korruptionskultur der Adidas-Chef Horst Dassler (bis 1987). Nun soll der größte Teil des Geldes für die schwarze Kasse wieder von Adidas stammen. Alle Bewerbungsprozesse bei Olympia oder Fußballweltmeisterschaften zeigen das gleiche Muster.

„Weshalb, nebenbei, diese Affäre auch nahelegt, worum es bei der

Hamburger Bewerbung um die Spiele 2024 in Wahrheit gehen dürfte.“

Die Mär vom deutschen Sommermärchen 2006 ist dahin wie die Mär vom sauberen VW-Diesel.

Und Franz Beckenbauers („Sklaven-Franz“) Biografie wird wahrscheinlich neu geschrieben werden. (Hans Leyendecker/Klaus Ott, SZ 17./18.10.15)

Die SZ (17./18.10.15) druckt ein Foto (2001) mit den Mitgliedern des Organisationskomitees der Fußball-WM 2006 und den Mitgliedern des Aufsichtsrats: Wilfried Straub, Gerhard Mayer-Vorfelder, Otto Schily, Thomas Bach, Werner Hackmann, Theo Zwanziger, Günter Netzer, Horst R. Schmidt, Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach, Fedor Radmann.

Alle haben gewiss nichts gewusst.

1053: Der Islam nach Hamed Abdel-Samad (20 Punkte)

Mittwoch, Oktober 14th, 2015

Der 1972 in Ägypten geborene Politologe Hamed Abdel-Samad gilt als scharfer Islam-Kritiker. Mit 19 Jahren wurde er Mitglied der Muslim-Brüder, wandte sich dann aber vom Glauben ab. Bekannt wurde er auch durch seine im Fernsehen übertragenenen Deutschland-Reisen gemeinsam mit Henryk M. Broder. Er lebt in Deutschland unter Polizeischutz.

Ich selbst habe vom Islam nicht genug Ahnung. Zwar habe ich in den letzten Jahren im Koran gelesen, mir fehlen aber angesichts der nicht vorhandenen theologischen Historisierung und Ent-Mythologisierung, wie sie sich im Christentum lange durchgesetzt haben, weithin die Beurteilungskriterien für den Islam. Die Muslime, die ich kennengelernt habe, sind sehr gut integrierte und häufig sehr hoch gebildete Menschen.

Dann halte ich mich zunächst an Hamed Abdel-Samads Buch

Mohammed. Eine Abrechnung. Droemer Verlag, 236 S., 19,90 Euro.

Daraus hat „Die Zeit“ am 17. September einen Vorabdruck gebracht:

1. Mohammeds Leben wird nicht nur nach heutigen Maßstäben beurteilt, sondern auch nach den zu seinen Lebzeiten geltenden Regeln, gegen die er stark verstoßen hat.

2. Er wuchs als Waisenkind auf und erreichte in seinem Stamm kein besonderes Ansehen.

3. Er lebte lange als Außenseiter und hatte keine tragfähigen Leitfiguren.

4. Ein bei ihm stark ausgeprägtes Lösungsmodell ist die Gewalt.

5. Frauen gegenüber war er unsicher. Die heute verordnete Verschleierung, die Mehrehe und die Unterdrückung der Frau gehen darauf zurück.

6. Mohammed und die von ihm ausgearbeitete Lehre neigen dazu, sich schell beleidigt und verfolgt zu fühlen.

7. Die muslimischen Eroberer (Omaijaden, Abbasiden, Fatimiden, Mamelucken oder Osmanen) beriefen und berufen sich auf den heiligen Krieg (den Dschihad).

8. Einiges im Verhalten von Mohammed deutet auf Zwangsstörungen hin.

9. Er hinterließ ein Regelwerk, das bis heute jede Angelegenheit des muslimischen Alltags bestimmt.

10. Heutige Islamreformer behaupten, der Islam sei als eine moralische und soziale Revolution gegen die Ungerechtigkeit in Arabien entstanden.

11. Mohammed hatte mehrere Frauen. Aischa hat er geheiratet, als sie sechs Jahre alt war. Das widersprach schon seinerzeit den Gepflogenheiten.

12. Die im Islam verhängten Strafen sind teilweise grausam: Tötung („Ehrenmorde“), Steinigung, Auspeitschen u.a.

13. Wer sich als Muslim als Märtyrer bewährt hat, dem stehen im Paradies 72 Jungfrauen mit jeweils 70 Dienerinnen zu.

14. Selbst heute fällt es manchen moderaten Muslimen schwer zu sagen: „Das Schlagen von Frauen ist falsch, ohne Wenn und Aber! Egal, was darüber im Koran steht.“

15. Durch das straffe Regelwerk und die detaillierten Strafandrohungen werden vom Islam Kontrollfreaks bevorzugt.

16. Mohammed schreibt: „Die Völker werden eines Tages über euch herfallen. Denn ihr werdet schwach im Herzen sein. Eure Herzen werden dadurch schwach, dass ihr das Leben liebt und den Tod hasst.“

17. Todesurteile zu vollstrecken ist jeder Gläubige befugt, nicht nur die Staatsgewalt.

18. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat dem FC Schalke 04, in dessen „Hymne“ es heißt: „Mohammed war ein Prophet, der vom Fußball nichts versteht.“, bescheinigt, dass Mohammed vom Fußball keine Ahnung gehabt habe.

19. Für Hamed Abdel-Samad darf die Bundesrepublik bei den einwandernden Muslimen nicht den gleichen Fehler machen wie bei den „Gastarbeitern“, die man sich selbst überlassen habe. „Man darf nicht im Namen der kulturellen Bereicherung Bräuche zulassen, die jede Form des Zusammenlebens zerstören. Den neu Zugewanderten muss schon bei ihrer Ankunft klargemacht werden, wie eine offene, demokratische Gesellschaft funktioniert. Ihnen muss erklärt werden, dass Religionsfreiheit Teil des großen Konzepts der Freiheit ist, das jedem das Recht gibt, einer Religion anzugehören oder eine zu verlassen; das Recht, zu sagen und zu schreiben, was man will, solange man nicht zu Gewalt oder anderen Straftaten aufruft.“ (Die Welt, 26.9.15)

20. Der Deutsche-Welle-Moderator Jaafar Abdul-Karim empfehle den ankommenden Muslimen, so Hamed Abdel-Samad: „Leben und leben lassen ist ein bewährtes Motto in Deutschland. Macht es bitte auch zu eurem Mantra. Wenn sich ein Paar auf der Straße küsst, und seien es zwei Männer oder zwei Frauen, dann nehmt es so hin, auch wenn es vielleicht ein Schock für euch ist. Dass ihr daran nicht gewöhnt seid, heißt nicht, dass es falsch ist. Ihr lebt jetzt in einem anderen Wertesystem, das ihr respektieren sollt, damit wir alle hier friedlich zusammenleben können.“

1052: Familie Cassirer

Dienstag, Oktober 13th, 2015

Die ursprünglich aus Schlesien stammende jüdische Familie Cassirer repräsentierte bürgerliche Kultur in ihrem ganzen Umfang, wie wir das ansonsten nur von der Familie Mendelssohn kennen. Das dokumentiert weithin

Sigrid Bauschinger: Die Cassirers. Unternehmer, Kunsthändler, Philosophen. Biographie einer Familie. München 2015, 464 S., 41 Abb., 29,95 Euro.

Das ist wohl zu unbekannt in Deutschland.Der Rezensent Jens Bisky kritisiert den Band scharf und misst ihm nur die Funktion einer Materialsammlung zu (SZ 13.10.15).

Max Cassirer (1857-1943)

war Holzhändler und Charlottenburger Kommunalpolitiker. Er trat als Kunstmäzen auf. Seine Tochter

Edith (1885-1982)

gründete mit ihrem Mann Paul Geheeb die

Odenwaldschule,

die von Max Cassirer massiv finanziell unterstützt wurde. Kürzlich mit dem Scheitern der Reformpädagogik ist sie an ihr Ende gekommen. Max Cassirers Vermögen wurde „arisiert“. Mit nichts als einem Regenschirm und einem Handkoffer floh er in die Schweiz zu seiner Tochter und starb 1943 im Exil in Wales.

Die Vettern (und später auch Schwager)

Paul Cassirer (1871-1926) und

Bruno Cassirer (1872-1941)

gründeten 1898 in Berlin die „Bruno & Paul Cassirer Kunst- und Verlaganstalt“, die in der Folgezeit führend in der deutschen Kunst wurde. Von hier wurde die „Berliner Sezession“ gefördert und Künstler wie Lovis Corinth, Max Liebermann und Max Slevogt. Die Firma zeigte Ausstellungen von Vincent van Gogh und vielen Franzosen, etwa Edgar Degas. 1901 zerstritten sich die Vettern, Paul behielt die Galerie und den Kunsthandel, Bruno den Verlag. Hier erschienen die Zeitschriften

„Pan“ und „Das Theater“.

Ein Lektor war Christian Morgenstern, ein anderer Max Tau.

Der Pferdefreund Bruno Cassirer betrieb das Gestüt Lindenhof und importierte erstklassige ausländische Pferde. Charlie Mills gewann mit Cassirers Pferd „Walter Dear“ 1924 den Prix d’Amerique. 1938 enteigneten die Nazis die Cassirers entschädigungslos. Charlie Mills übernahm pro forma die Gestütsleitung für Bruno Cassirer. Dieser emigrierte nach Großbritannien, wo er 1941 in Oxford starb.

Paul Cassirer war selbst Kunsthistoriker. Er wurde der große Förderer des Impressionismus in Deutschland. Arthur Holitscher war der leitende Lektor im Hause. Verlegt wurden etwa Else Lasker-Schüler, Frank Wedekind, Carl Sternheim und Ernst Toller. Paul Cassirer erschoss sich kurz vor der Scheidung von seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Tilla Durieux, 1926 in einer Berliner Anwaltskanzlei. Nach 1933 versuchten Walter Feilchenfeldt und Grete Ring den Verlag im Ausland weiterzuführen. 1932 hatten sie noch gemeinsam mit Alfred Flechtheim drei große Ausstellungen moderner Kunst organisiert.

Ernst Cassirer (1874-1945) war ein sehr angesehener Philosoph. Sein Hauptwerk war die „Philosophie der symbolischen Formen“, worin er die verschiedenen „Zugangsweisen zur Welt“ (Mythos, Religion, Wissenschaft, Sprache etc.) zeigte und analysierte. Von 1919 bis 1933 war der dem Neu-Kantianismus nahestehende Cassirer Professor in Hamburg. Er arbeitete eng mit dem Kunsthistoriker Aby Warburg zusammen. 1929 kam es in Davos zu dem sagenhaften Streitgespräch mit Martin Heidegger über das Thema „Wie ist Freiheit möglich?“. Nun: Heidegger wurde NSDAP-Mitglied, wollte „den Führer führen“ und hat sich offiziell nie vom Nationalsozialismus losgesagt. Ernst Cassier emigierte 1933 sofort, hatte später Professuren in Oxford, Göteborg, Yale und an der Columbia University inne.

 

1051: Schnee auf dem Kilimandscharo

Montag, Oktober 12th, 2015

Wir seinerzeit jungen Leser waren von Ernest Hemingways Erzählungen begeistert, weil seine Erzählweise in der Kunst des Weglassens und der Aussparungen bestand, basierend auf der Sensibilität des Psychologen, der nur weniger Hinweise bedarf, um zu erkennen, was menschlich auf dem Spiel steht. Er ließ das Unbewusste sprechen, indem er es nicht zur Sprache brachte. Meine Ausgabe der „sämtlichen Erzählungen“ in der Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst stammt von 1966 (Rowohlt), ursprünglich 1938. Erstaunlich, in welch jungen Jahren Hemingway seine Meisterschaft erreichte.

Nun hat Werner Schmitz zehn seiner Storys in ein zeitgemäßes Deutsch neu übersetzt.

Ernest Hemingway: „Schnee auf dem Kilimandscharo“ Storys. Reinbek (Rowohlt) 2015, 221 S., 18,95 Euro.

Ernst Osterkamp, ein offenbar höchst gelehrter Anhänger Hemingways, zeigt sich in seiner Rezension (FAZ 10.10.15) wiederum begeistert. „In Hemingways Storys stehen die Extreme des Heroismus und der Erbärmlichkeit eng beieinander. Auch deshalb verlässt den Leser nie das Empfinden, er könne alles Entscheidende über das Leben aus den Geschichten dieses großen Psychologen erfahren.“

Der Band enthält u.a. „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, „In einem anderen Land“, „Wie du niemals sein wirst“, „Fünfzigtausend“, „Die Killer“ und „Schnee auf dem Kilimandscharo“. Angesichts des alltäglichen Geschwätzes kommt die Lektüre dieser von allem Überflüssigen gereinigten Prosa einer geistigen Reinigung gleich. „Ein großer Psychologe war Hemingway auch deshalb, weil er die eigenen Posen durchschaute und in ihnen einen besonderen Ausdruck seiner seelischen Schutzlosigkeit, Sensibilität und Versagensängste erkannte.“

In der Meistererzählung „Schnee auf dem Kilimandscharo“ hält der Schriftsteller Harry in Anwesenheit seiner Frau am Vorabend und in der Nacht seines Todes Gerichtstag über sich selbst, sein Leben und vor allem sein Schreiben. Hier ein Zitat noch in der alten Übersetzung:

„Wie fühlst du dich jetzt?“ sagte sie. Sie war, nachdem sie gebadet hatte, aus dem Zelt gekommen.

„Ganz gut.“

„Magst du jetzt essen?“ Er sah Molo hinter ihr mit einem Klapptisch und den anderen Boy mit den Schüsseln.

„Ich möchte schreiben“, sagte er.

„Du solltest etwas Brühe trinken, um bei Kräften zu bleiben.“

„Ich sterbe heute nacht“, sagte er. „Ich brauche nicht bei Kräften zu bleiben.“

1050: Peter Handke mag „Lebensmenschen“ nicht.

Sonntag, Oktober 11th, 2015

Der erfolgreiche österreichische Schriftsteller Peter Handke, 72, lebt schon lange bei Paris. Julia Encke hat ihn für die FAS (11.10.15) zum Thema Wut interviewt.

FAS: Braucht man Wut zum Schreiben?

Handke: Ich weiß es nicht. Wissen Sie noch, wer Georg Stefan Troller ist, der Fernsehjournalist? Der hat vor 30, 40 Jahren zugleich zarte und freche Porträts über Stars und Pseudostars gemacht. Und er hat damals schon von mir gesagt, ich hätte eine Grundwut. Das muss so sein. Ich habe keine Erklärung dafür. Ich glaube, es kommt von meiner mütterlichen Familie her, obwohl da auch ungeheure Sanftmut mit drin ist. Es gibt das Wort „Sanftwut“, ich weiß nicht, von wem das ist. Irgendjemand hat das auch auf mein Tun und Wirken angewendet. Ich finde es gar nicht so schlecht.

FAS: Es gab ein legendäres Treffen zwischen Ihnen, Hubert Burda und Thomas Bernhard. Bernhard hat darüber einen Brief an Siegfried Unseld geschrieben, den er nie abgeschickt hat. Ich habe ihn mal im Archiv in Gmunden gelesen. Bernhard schreibt da, Sie hätten ihn als „Großgrundbesitzer“ und „Giftzwerg“ beschimpft.

Handke: „Großgrundbesitzer“ habe ich sicher nicht gesagt, „Giftzwerg“ habe ich gesagt. Das war am Attersee. Als junger Schreiber hat mir Thomas Bernhard ja gutgetan, wie er da als Österreicher mit einem Spieß das fette Land durchstieß. Die ersten zwei, drei Bücher waren wie eine Erlösung für mich. Aber allmählich hat es angefangen, mich abzustoßen und zu erzürnen. Ich habe dann gedacht, dass es eine Mache ist, eine sehr schlaue und rhythmisch gut durchgezogene Mache, diese negative Kraft ist ja unvergleichlich, da kommt niemand an ihn heran. Am Attersee war auch sein sogenannter „Lebensmensch“ dabei, wenn ich das Wort schon höre, da krieg ich wirlich einen Wutanfall. Ein scheußliches Wort! Man sagt: meine Frau oder meine Lebensgefährtin oder Geliebte oder meine Komplizin oder meine Expeditionsbegleiterin. Aber doch nicht „Lebensmensch“! Ich weiß nicht, wie es kam, durch das Trinken vielleicht. …

1049: Ruth Klüger: Amerika war das falsche Land.

Sonntag, Oktober 11th, 2015

Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger (geb. 1931) hat 1992 mit „Weiter leben“ einen allgemein anerkannten Bestseller vorgelegt. Sie setzt sich darin auseinander mit ihrem Leben im KZ. Für ihr Buch „Die letzten Dinge“ hat die „Zeit“-Literaturchefin Iris Radisch Ruth Klüger interviewt (auch abgedruckt in der „Zeit“ vom 24. September 2015).

Zeit: Was hätten Sie im Rückblick unbedingt anders machen sollen?

Klüger: Was mir am meisten leidtut, ist, dass ich in Amerika gelandet bin und nicht in Israel. In Israel hätte ich zu einer Mehrheit gehört. In Amerika wurde ich als fremd eingestuft. Ich habe das lange nicht einsehen wollen, dass man in Amerika niemanden haben wollte, der wie ein Mahnmal herumläuft. Ich hatte ja diese KZ-Nummer auf meinem Arm. Das ist mir nicht eingefallen, dass das so wirken könnte. Für mich war diese Nummer ein Teil meines Lebens, und ich kannte so viele Leute, die auch eine hatten. Nein, Amerika war das falsche Land.

Zeit: Warum mussten Sie beinahe 60 Jahre alt werden, um Ihre Erinnerungen an Auschwitz aufzuschreiben?

Klüger: In der ersten Zeit und viele Jahre nach dem Krieg haben sich vor allem Männer zu Wort gemeldet. Sie schienen diejenigen, die etwas zu sagen hatten. Ich bin mir da nicht wichtig genug vorgekommen, ich war damals ja noch ein Kind und hatte die Kinderperspektive. Für mich hat dann die Frauenbewegung mit reingespielt, die ungeheuer wichtig war für mich.

Zeit: Ihre Freundschaft zu Ihrem Jugendfreund Martin Walser war immer ein Gradmesser für Ihr Verhältnis zu Deutschland.

Klüger: Solange ich mit ihm befreundet war, mochte ich ihn. Aber ich sehe, dass ich einen Fehler gemacht habe, indem ich nicht richtig eingeschätzt habe, wie er zu Juden steht. Was er in seinem Roman „Tod eines Kritikers“ (ein Schlüsselroman, dessen Hauptfigur an Marcel Reich-Ranicki angelehnt war, Anm. d. Red.) geschrieben hat, ist so ungut, dass ich mit ihm nicht wieder an einem Tisch sitzen möchte. Für mich ist es eine große persönliche Enttäuschung. …

1048: Deutsche Leitkultur

Samstag, Oktober 10th, 2015

Es versteht sich für mich von selbst, dass die Flüchtlinge, die zu uns kommen, unsere politische Kultur übernehmen müssen. Und sich integrieren. Allerdings hat Bassam Tibi schon 2006 gemeint: „Das Problem ist: Deutschland kann den Fremden keine Identität anbieten, weil die Deutschen selbst kaum eine haben. Das ist wohl einen Folge von Auschwitz.“

Wenn wir uns auf die Suche nach unserer Identität machen, stoßen wir auf die Grundrechte (Art. 1-19 Grundgesetz) und unsere deutsche Sprache. Die Grundrechte beinhalten in Kurzfassung nach Grundgesetz-Artikeln geordnet folgendes:

1: Schutz der Menschenwürde, 2: Freiheit der Person, 3: Gleichheit vor dem Gesetz, 4: Glaubens- und Gewissensfreiheit, 5: Freie Meinungsäußerung, Informations-, Presse- und Rundfunkfreiheit, 6: Schutz von Ehe und Familie, 7: Elternrecht, staatliche Schulaufsicht, 8: Versammlungsfreiheit, 9: Vereinigungsfreiheit, 10: Brief- und Telefongeheimnis, 11: Recht auf Freizügigkeit, 12: Freie Berufswahl, 12 a: Wehrdienst/Zivildienst, 13: Unverletzbarkeit der Wohnung, 14: Eigentumsgarantie, 15: Überführung in Gemeineigentum, 16: Staatsangehörigkeit, Auslieferung, 16 a: Asylrecht, 17: Petitionsrecht, 19: Rechtsweggarantie.

Diese Grundrechte finden wir in rudimentärer Form erstmals 1215 in der Magna Charta Libertatum in Großbritannien, damals ein Abwehrrecht des Adels gegen den König. In Europa kämpften einige Menschen für die Religionsfreiheit. Daraus erwuchs der Wunsch zur Meinungs- und Publikationsfreiheit, schließlich die Wissenschaftsfreiheit. Usw. 1776 wurden die Virginia Bill of Rights erklärt. Im gleichen Jahr die Menschenrechte mit der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. 1789 die Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich. Das Grundgesetz gilt seit 1949. Es wurde einge Male ergänzt und geändert. 1953 kam die Europäische Menschenrechtskonvention hinzu.

Die deutsche Sprache wird repräsentiert von Schriftstellern wie Gotthold Ephraim Lessing, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Georg Büchner, Heinrich Heine, Theodor Fontane, Thomas Mann, Heinrich Mann, Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Erich Maria Remarque, Wolfgang Koeppen, Günter Grass, Siegfried Lenz, Uwe Johnson und Martin Walser. Keine schlechte Liste.

Deutschsein und Weltoffenheit sind lange keine Gegensätze mehr (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2 Aufl. 2009, S. 183-194).