Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1486: Daniel Barenboim eröffnet Pierre-Boulez-Saal.

Dienstag, März 7th, 2017

Daniel Barenboim, den wir als Pianisten, Dirigenten und Intendanten kennen, hat in Berlin den Pierre-Boulez-Saal eröffnet. In der Französischen Straße in Mitte. Architekt: Frank Gehry. Akustik: Yasuhisa Toyota. Neben dem Saal, der 682 Hörer fasst, befinden sich die Räume der Barenboim-Said-Akademie mit ihrem Lehrbetrieb für Musiker aus dem Nahen Osten. Der Leitgedanke: Bildung durch Musik. Rita Argauer hat Barenboim für die SZ (3.3.17) interviewt.

SZ: Derzeit werden ständig neue Konzertsäle eröffnet. In Berlin eröffnen Sie nun selbst einen neuen Saal. Was zeichnet denn einen guten neuen Saal aus?

Barenboim: Ich will noch nicht sagen, dass unser Saal gut ist. Auf Englisch sagt man: „The proof of the pudding is only in the eating.“ Aber ich glaube, dass unser Saal gut ist. Denn er ist absolut einzigartig, weil er oval ist. Er ist nicht rechteckig wie die alten Säle noch ist er rund wie die neueren. Er ist variabel. Man kann die Bühne dort an eine konventionelle Stelle oder auch in die Mitte stellen, wie man will, sie drehen oder ganz herausnehmen. Und ich träume von Konzerten ohne Stühle, im Stehen. Oder besser noch: von Konzerten, bei denen das Publikum auf Teppichen sitzt.

SZ: Muss man also von Kindheit an klassische Musik hören, um sie überhaupt verstehen zu können?

Barenboim: Früher war das auf jeden Fall so. Ich bin alles andere als sentimental, aber die musikalische Bildung war damals besser. Musik war ein Teil der Bildung. Jemand, der Pablo Picasso geschätzt hat, kannte auch Igor Strawinsky. Und derjenige, der den Maler Paul Klee bevorzugte, kannte auch den Musiker Arnold Schönberg. Heute jedoch kann man offenbar ein sehr gebildeter Mensch sein, ohne je einen Ton Musik gehört zu haben. Man kann vieles über Psychologie, Literatur, Philosophie oder Theater wissen und ein richtig kulturell gebildeter Mensch sein, ohne je mit Musik in Berührung gekommen zu sein. Das war früher nicht möglich. Und wenn wir in fünfzig Jahren noch ein Musikleben haben wollen, müssen wir da etwas ändern.

SZ: Was gibt die Musik den Menschen?

Barenboim: Die Musik gibt uns die Möglichkeit, Dinge zu spüren, die wir ohne Musik nicht fühlen würden. …

Manuel Brug schreibt in der „Welt“ (4.3.17): „Daniel Barenboim ist neben Valery Gergiev sicher der am besten bezahlte Klassikkünstler weltweit. Er hat nie darüber gesprochen, aber es dürfte einiges Geld von ihm selbst in sein Jugenorchester geflossen sein, wie vermutlich auch die 13 Millionen, die private Spender für die Barenboim-Said-Akademie aufgebracht haben. 20 Millionen Euro hat freilich auch der deutsche Staat in diese pädagogische wie humanitäre Maßnahme gesteckt. Das Gebäude wird dieser dritten Musikhochschule in der Stadt vom Land Berlin per Erbpachtvertrag für einen Betrag von einem Euro pro Jahr für zunächst 99 Jahre überlassen.“

Inzwischen ist der Pierre-Boulez-Saal mit Werken von Mozart, Schubert, Alban Berg, Jörg Widmann und Pierre Boulez eröffnet worden. Julia Spinola (SZ 6.3.17) schreibt dazu: „Barenboims Sohn, der Geiger Michael Barenboim, und der Pianist Karim Said, der Neffe des palästinensichen Literaturwissenschaftlers Edward Said, waren die Solisten in Bergs Kammerkonzert, das wie ein Bindeglied zwischen Mozart und Schubert auf der einen und Boulez auf der anderen Seite wirkte. Anna Prohaska schenkte Schuberts Gesangsszene warm flutende, leuchtende Soprantöne. Barenboim selber zeigte sich in der Schubert-Komposition und in Mozarts Klavierquartett als traumwandlerisch sicher phrasierender Pianist.“

Was ist es für ein Glück für uns, dass Daniel Barenboim hauptsächlich in Berlin arbeitet!

1485: Götz Aly erklärt den Antisemitismus außerhalb Deutschlands.

Montag, März 6th, 2017

Der gewiss nicht bequeme Götz Aly erklärt uns den Antisemitismus außerhalb Deutschlands:

Europa gegen die Juden 1880-1945. Frankfurt/Main (Fischer) 2017, 430 S., 26 Euro.

Stefan Reinecke schreibt dazu (taz 22.2.17): „Was stört, verdrießt, irritiert, ist, wie stark der Autor das Material formatiert und alles überblendet, was die These verkleinern und einschränken würde.“

(Barbara Distel, SZ 27.2.17)

1484: „Literarisches Quartett“ muss länger werden.

Montag, März 6th, 2017

Das mit Volker Weidermann, Christine Westermann und Thea Dorn gut besetzte „Literarische Quartett“ nimmt Fahrt auf. In der Sendung am 3. März verstärkte und verbesserte Elke Schmitter („Der Spiegel“) noch den Gehalt. Aber die Sendung ist zu kurz, wie Jens Bisky zu Recht herausgearbeitet hat (SZ 6.3.17). Das kann doch geändert werden.

1483: Raymond Kopa gestorben

Montag, März 6th, 2017

Er gehörte in die Klasse der Alfredo di Stefano, Stanley Matthews und Ferenc Puskas, der als Sohn von aus Polen stammenden Bergarbeitern 1931 in der Champagne geborene Raymond Kopa (eigentlich Kopaszewski). Der nur 1,68 m große Rechtsaußen von Stade Reims war ein höchst wendiger und technisch brillanter Spieler. Mit Stade Reims gewann er mehrere französische Meisterschaften. 1956 verlor er mit seiner Mannschaft im Landesmeister-Finale gegen Real Madrid, das ihn daraufhin für sehr viel Geld kaufte.

Er bildete dort einen Sturm mit Rial, Puskas, die Stefano und Gento. Mehrfach gewann Real Madrid den Landesmeistertitel. 1958 errang Raymond Kopa mit Frankreich den dritten Platz bei der Fußball-WM in Schweden (u.a. gemeinsam mit Just Fontaine). Er wurde zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. 1959 ging Kopa zu Stade Reims zurück, wo er noch zwei Meistertitel gewann. Nun ist er in seiner Heimatstadt gestorben (Javier Caceres, SZ 4./5.3.17).

1482: „Armut“: Risikogruppen

Freitag, März 3rd, 2017

Wer unter 60 Prozent des mittleren Einkommens bezieht, stirbt als Mann im Durchschnitt mit 70,1 Jahren, als Frau mit 76,9 Jahren. Wer 100 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens bezieht, stirbt als Mann im Durchschnitt mit 77,2 Jahren, als Frau mit 84,4 Jahren.

Die Risikogruppen für „Armut“ sind

1. Arbeitslose 59,0 %,

2. Alleinerziehende 43,8 %,

3. Ausländer 33,7 %,

4. Menschen mit Migrationshintergrund 27,7 %,

5. Familien mit drei oder mehr Kindern 25,2 %.

Bayern hat die wenigsten „Armen“ mit 11,6 Prozent, Bremen die meisten mit 24,8 Prozent. Den stärksten „Armutsrückgang“ erzielen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit minus 2,4 Prozent. Den höchsten Zuwachs hat Nordrhein-Westfalen mit plus 3,1 Prozent (Sebastian Fischer, SZ 3.3.17).

1481: „Armutsbericht“: es geht um Ungleichheit und Umverteilung.

Freitag, März 3rd, 2017

Detlef Esslinger schreibt in der SZ (3.3.17):

„Nicht nur die Industrie verfügt über Lobbyisten, sondern auch der ärmere Teil der Bevölkerung; zum Glück. Einmal im Jahr legen die Wohlfahrtsverbände eine Untersuchung vor, die sie ‚Armutsbericht‘ nennen. Die Angaben darin muss man unbedingt ernst nehmen, den Titel aber nicht wörtlich.

Es ist legitim, dass diese Interessenvertreter stets alarmierend klingende Zahlen vorlegen. Ihre Aufgabe besteht ja nicht darin, im immerwährenden Verteilungskonflikt Zurückhaltung zu zeigen. Trotzdem muss der Hinweis sein, dass die Methodik ihres Berichts problematisch bleibt. Indem sie weiterhin all diejenigen für arm erklären, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens einer Gesellschaft verfügen, bestehen sie darauf, zwei Dinge miteinander zu verwechseln: Armut und Ungleichheit.

Richtig ist, dass man in Deutschland mit einem Einkommen arm sein kann, mit dem man in Rumänien wohlhabend wäre. Wer sich keinen Kino- und keinen Schwimmbadbesuch leisten kann, der nimmt am gesellschaftlichen Leben kaum teil. Nur hängt diese Chance zur Teilhabe nicht davon ab, über wie viel Prozent vom mittleren Einkommen eine Familie verfügt – sondern vom absoluten Betrag. Was die Wohlfahrtsverbände in Wahrheit befeuern wollen, ist eine Debatte über Ungleichheit und Umverteilung. Völlig in Ordnung. Nur sollten sie das dann auch endlich so sagen.“

1480: Trump und die anderen

Dienstag, Februar 28th, 2017

1. Wir müssen bei Donald Trump mit dem „worst case“ rechnen. Dass er wirklich versucht, das, was er angekündigt hat, in die Tat umzusetzen.

2. Donald Trump will den „Regime change“. Inspiriert von Stephen Bannon. Das kann die Grundfesten des Westens erschüttern.

3. Trumps Gegner sind die unabhängige Justiz und die freie Presse.

4. Trumps politische Hauptfehler liegen beim sicherheitspolitischen Isolationismus und beim wirtschaftspolitischen Protektionismus.

5. Das Verhältnis der USA zu Russland ist vollkommen ungeklärt.

6. Der Wiederaufstieg Westeuropas nach 1945 war auf dem militärischen Schutz der USA und auf dem Freihandel geründet.

7. Der neue russische Hegemonialismus der Putin-Ära bedroht Europas Freiheit.

8. Der 7. Mai, der Tag der zweiten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen, wird Europas Schicksaltag.

9. Bekommt Europa eine Chance, dann müssten nicht nur die militärischen Anstrengungen Europas enorm erhöht werden (heute kann Europa sich nicht wirklich selbst verteidigen), es ginge auch um die Stabilisierung der Euro-Zone.

10. Bei den Brexit-Verhandlungen mit Großbritannien kommt es für die EU darauf an, alles zu vermeiden, was die Beziehungen dauerhaft vergiften könnte (Joschka Fischer, SZ 28.2.17).

1479: Die algerische Wunde

Montag, Februar 27th, 2017

Mitte Februar hat der unabhängige Kandidat im französischen Präsidentschaftswahlkampf, Emmanuel Macron, in Algerien die Kolonisierung als ein Verbrechen gegen die Menschheit bezeichnet, für das Frankreich sich entschuldigen müsse. Das hat im rechten Lager Entrüstung hervorgerufen. Insbesondere bei dem 1972 gegründeten Front Nationale.

Algerien ist vielleicht die schmerzlichste Wunde in der unbewältigten kolonialen Vergangenheit Frankreichs. Manche Franzosen haben algerische Wurzeln, einige waren als Soldaten im Algerienkrieg, den erst Charles de Gaulle beenden konnte, viele Franzosen sind als pied-noir in Algerien aufgewachsen. Der Algerienkrieg erklärt zum Teil die Spaltung der französischen Gesellschaft und die Unruhen in der Banlieue. Die französische Polizei hat ihren postkolonialen Rassismus noch nicht überwunden.

Im Geschichtsunterricht erschien vor allem die „Größe“ des französischen Kolonialreichs. Die dunklen Seiten (Massaker, Repression, Diskriminierung der einheimischen Bevölkerung, Folter, alles Verstöße gegen die Menschenrechte) wurden eher nur am Rande erwähnt. Bei Ausbruch des Algerienkriegs 1954 lebte etwa eine Million Franzosen in Algerien. Dort wurde die Weltanschauung eines Schriftstellers und Philosophen wie Albert Camus („Der Fremde“) geprägt.

Am Ende des Kriegs wurde ein Teil der frankreichtreuen Algerier, die in der Armee dienten, die „Harkis“, nach Frankreich in unwürdige Lager gebracht. Die anderen wurden im Stich gelassen und oft von den Truppen der Nationalen Befreiungsarmee (FLN) massakriert. Etwa 800000 pieds noirs kehrten nach Frankreich zurück. Die Zeit des schamhaften Beschweigens begann.

Der Prozess der Verdrängung lässt sich illustrieren am Beispiel der Nacht des 17. Oktober 1961. Die Pariser Polizei stand unter dem Befehl von Maurice Papon, der 1998 für Verbrechen gegen die Menschheit zur Zeit der deutschen Besatzung zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Sie schlug eine friedliche Versammlung von Algerieren blutig nieder, die trotz Ausgangssperre demonstrierten. Es soll bis zu 200 Toten gegeben haben. Erst 1999 bezeichnete ein Pariser Gericht dieses Ereignis als Massaker. 2001 wurde von der Stadt Paris eine Gedenktafel auf der Brücke St. Michel eingeweiht (Cécile Calla, SZ 27.2.17).

1478: Ski-Weltmeisterin moralisch daneben

Montag, Februar 27th, 2017

Marit Björgen, 37, Norwegen, ist die beste Ski-Langläuferin aller Zeiten. Sie hat bei Nordischen Weltmeisterschaften insgesamt 23 Medaillen gewonnen, darunter 15 goldene (vgl. hier 1358). Nun hat sie ihren Weltmeistertitel über 15 km ihrer Landsfrau Theres Johaug gewidmet. Diese ist gerade 13 Monate wegen Dopings gesperrt. Klarer kann moralische Verkommenheit nicht demonstriert werden.

Bei Johaug war im Oktober 2016 das Steroid Clostebol entdeckt worden. Angeblich aus einer Lippen-Creme. Die Schuld übernahm Teamarzt Fredrik Bendiksen, der inzwischen zurückgetreten ist. Die „elegante“, die norwegische Lösung.

Martin Johnsrud Sundby, der in Lahti gerade Silber im Skiathlon gewonnen hat, war im Sommer für zwei Monate gesperrt, weil er die Obergrenze für ein Astmamittel überschritten hatte, für das er eine Sondergenehmigung der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hatte.

Die Tageszeitung „Aftenposten“ und der Fernsehsender TV2 deckten nun auf, dass die norwegische Juniorenmannschaft wie Sundby einen „Vernebler“ benutzte, obwohl die Athleten gar nicht unter Asthma litten. Ein „Vernebler“ hat den Effekt, dass sich ein Vielfaches der Wirkstoffmenge verwenden lässt, jedoch nur ein Zehntel davon im Körper nachweisbar ist.

Norwegens Ski-Sportchef Vidar Loefshus rechtfertigte den Einsatz von Asthmamittel-Verneblern: „Es kann einerseits als Asthma-Medizin definiert und andererseits legal benutzt werden, um Atemwege zu behandeln, damit die Athleten ihr Bestes geben können.“ (Volker Kreisl, SZ 27.2.17)

Ja, liebe Norweger, dann vernebelt mal schön!

Gute Nacht, fairer Sport!

1477: Spitzensport nicht vereinbar mit sauberem Sport.

Sonntag, Februar 26th, 2017

Prof. Dr. Perikles Simon ist Dopingforscher an der Universität Mainz. Er ist dafür bekannt, dass er sich keine reißerischen Aussagen entlocken lässt. Anno Hecker hat ihn für die FAZ (25.2.17) interviewt.

FAZ: Im neuen Spitzensportkonzept von Bundesregierung und Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB) ist von Fairplay und Sauberkeit als Grundvoraussetzungen die Rede. Ziel der Reform ist eine Erhöhung der Medaillenausbeute, Innenminister Thomas de Maizière wünscht wenigstens ein Drittel mehr Medaillen. Wie passt das zusammen?

Simon: Gar nicht. Wenn Fairplay und Sauberkeit vorausgesetzt werden, ohne dass der Sport weiß, wie das zu erreichen ist – er spricht ja selbst davon, dass das Anti-Doping-System in den wenigsten Ländern funktioniert -, dann entsteht ein immenser Druck. Er wird an die Athleten, an die Trainer weitergegeben per Spitzensportkonzept. Diejenigen, die das Steuergeld vergeben, sagen: Das ist die Grundvoraussetzung und waschen ihre Hände in Unschuld. Wenn einer dopt, lassen sie ihn fallen wie eine heiße Kartoffel, mit der man nicht mehr auf’s Selfie mag. Das ist krank. …