Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1529: Die USPD hat die Linke gespalten.

Mittwoch, April 5th, 2017

Unter August Bebel (1840-1913) war die SPD stets geschlossen. Am Beginn des Ersten Weltkriegs bildete sie die größte Fraktion im Reichstag, allerdings in der Opposition. Dann wurde der Druck auf die Partei so groß, dass sie am 4. August 1914 für die Kriegskredite stimmte. Eigentlich war die SPD von Anfang an eine Friedenspartei. Durch die Kriegskredite aber wurden die Friedenskräfte wieder geweckt, auch wenn

Hugo Haase,

eine treibende Kraft der Kriegsgegner, die zustimmende Rede im Reichstag halten musste.

Siegfried Jacobsohns „Weltbühne“ schrieb über Hugo Haase: „Ein kleiner, unscheinbarer Mensch. Einer, der, mit gebeugtem Rücken, nach einer harten Jugend und sehr viel Arbeit aussah … Ein kluger Kopf, ein Mann von zwingender Logik und mühselig erarbeitetem großen Wissen. Und ein Mensch, der über alle bitteren Nadelstiche des Lebens ein fühlendes Herz im Leibe behalten hatte. … Sein Radikalismus imponiert.“

1916 hielt Haase eine ganz andere Rede im Reichstag. Er geißelte diejenigen, die „als Ziel des Krieges die Ausdehnung unserer Weltmacht, die Erringung der Weltherrschaft“ anstrebten. „Man sollte annehmen, dass nur komplette Narren oder gewissenlose Verbrecher solche Pläne verfolgen.“ Die Rede endete in Tumulten. SPD-Chef Friedrich Ebert nannte Haase einen „schamlosen Kerl“ und „frechen Halunken“.

Am 6. und 7. August 1917 wurde die Anti-Kriegspartei USPD in Gotha gegründet, der Stadt des großen Parteitags von 1875. Führende Politiker dabei neben Hugo Haase waren Wilhelm Dittmann, Emil Barth und Georg Ledebour. Linke Demokraten und fortschrittliche Sozialpolitiker. Die Gutmenschen von 1917. Am Ende des Jahres hatte die Partei bereits über 100 000 Mitglieder. Während der „Revolution“ Ende 1918 bildet die USPD gemeinsam mit der SPD den „Rat der Volksbeauftragten“. Nur kurz; denn die SPD setzt wegen ihrer Angst vor einem bolschewistischen Umsturz fatalerweise auf das Militär. 1922 war die USPD bereits wieder am Ende. Zerrieben zwischen SPD und KPD, die Ende 1918 gegründet worden war.

Sie stand noch links von der USPD. Auch sie trat entschieden für den Frieden ein und hatte unter Soldaten und Matrosen (u.a. in Kiel) sehr viele Anhänger. Die Linke war endgültig gespalten und konnte, unvorbereitet, wie sie war, der militärischen Repression der Reichswehr nicht standhalten. Die „Revolution“ wurde niedergeschlagen.

Eine Scheinrechtfertigung für ihre Haltung entnahm die SPD der baldigen Wandlung der KPD zu einer stalinistischen Kaderpartei nach dem Tode Lenins 1924. Die KPD-Führung um Ruth Fischer wurde entmachtet. Die Gruppe um Ernst Thälmann (1944 im KZ Buchenwald durch Genickschuss ermordet) übernahm das Ruder. Sie proklamierte Ende der zwanziger Jahre die gänzlich falsche These vom „Sozialfaschismus“, wonach die Sozialdemokraten und nicht die Nazis die Hauptgegner der Kommunisten waren. Der Marxismus-Leninismus der KPD und ihrer Schwesterparteien (unter Führung der KPdSU) hat bis 1990 den „real existierenden Sozialismus“ diskreditiert (Joachim Käppner, SZ 1./2.4.17).

 

1528: Warren Beatty 80

Dienstag, April 4th, 2017

Er galt lange Zeit als Hollywoods größter Frauenheld. Das ruft natürlich den Neid aller männlichen Menschen auf den Plan. Auch wenn es bei Beatty wahrscheinlich bedeutete, dass er es bei keiner lange ausgehalten hat. Er war angeblich das „Glückskind“ Hollywoods. Keiner hat es mit weniger Filmen dort weiter gebracht. Der Fama nach braucht Beatty für jeden neuen Film zehn Jahre. Er erschien im Filmgewerbe sogar als mächtig. Und keiner wusste warum.

Dieser Wundermann, Warren Beatty, ist nun achtzig Jahre alt geworden. Und die meisten von uns erinnern sich daran, dass er bei der Oscar-Verleihung 2017 seiner Filmpartnerin aus „Bonny & Clyde“ (Regie: Arthur Penn, 1967), Faye Dunaway, beim ausgezeichneten Film den falschen Zettel gereicht hat, obwohl er den Fehler schon geahnt hatte. Er hat also nicht nur Glück.

Beattys große Schwester,

Shirley Mac Laine,

hat einmal ausgeplaudert, dass er als Kind viel Zeit in Schränken verbracht habe. Er habe in einer Welt gelebt, in die niemand hinein durfte. Ein Zug zum Exzentrischen ist also gar nicht zu übersehen. Politisch war und ist Beatty immer links eingestellt. Er hat für Robert Kenndy geworben und für George McGovern, vor allem aber kämpft Beatty für eine stärkere Waffenkontrolle in den USA. Dafür braucht man Mut.

Gestartet war Beatty in Elia Kazans „Fieber im Blut“ (1959), in dem er Nathalie Wood den Kopf verdrehte. 1967 dann „Bonny & Clyde“. 1978 inszenierte Beatty erstmals selbst: „Der Himmel soll warten“. Ein Riesenerfolg. Ein Triumph gelang Warren Beatty 1981 mit „Reds“ über den amerikanischen Kommunistenführer John Reed. Der Film gewann drei Oscars. Beatty selbst war viermal nominiert, als Produzent, Hauptdarsteller, Autor und Regisseur. Für die Regie gewann er ihn schließlich. Beattys neuester Film über den exzentrischen Unternehmer Howar Hughes, der dem Schauspieler wohl ähnelt, „Rules Don’t Apply“, ist nach dem Start ziemlich untergegangen in der Trump-Mania, die selbst Warren Beattys Charme überschattet (Susan Vahabzadeh, SZ 30.3.17).

1526: SPD uneins über die Linke

Dienstag, April 4th, 2017

Wenn die SPD die große Koalition verlassen und tatsächlich die Macht erringen will, dann kann sie das nur mit der Linken (Rot-Rot-Grün). Aber das kann sie nicht zugeben.

Also geht der parteiinterne Streit über die Linke weiter. Während Karl Lauterbach vom linken Parteiflügel meint, man solle die Gesprächsrunden mit den Linken und Grünen einstellen, sie würden „nur noch schaden“, hält der Initiator der Gesprächsrunden, Axel Schäfer, wie Lauterbach Fraktions-Vize, an ihnen fest. „Wir bleiben dabei und tun weiter das, was wir seit einem Dreivierteljahr tun: miteinander reden.“

Für Martin Schulz ist das ein Dilemma. Einerseits will er in Befolgung Merkelscher Taktik so lange wie möglich hinter’m Berge halten, andererseits ist er auf die Unterstützung des linken Parteiflügels angewiesen.

SPD – quo vadis? (Christoph Hickmann, SZ 4.4.17)

1525: Jewgenij Jewtuschenko gestorben

Montag, April 3rd, 2017

In der kurzen „Tauwetter“-Periode nach Stalins Tod (ungefähr vom XX. Parteitag 1956 bis 1962) in der Sowjetunion hatten die „Sechziger“ ihre Chance. In der Regel junge Literaten und Dichter. Der größte unter ihnen war der 1932 geborene Jewgenij Jewtuschenko, ein Volkstribun, der großmäulige, geschmeidige, strahlend jugendliche Held mit den blitzenden Augen. Er füllte Sportstadien, posierte mit Pablo Picasso und feierte mit Robert Kennedy Geburtstag. Er ist nun in Tulsa/Oklahoma (USA) gestorben.

Im Westen wirkte jemand wie Jewtuschenko fast wie ein Oppositioneller. Das sowjetische System aber blieb intakt, intolerant und misstrauisch.

Boris Pasternak (1890-1960) („Doktor Schiwago“)

durfte den ihm 1958 verliehenen Literatur-Nobelpreis nicht annehmen.

Alexander Solschenyzin (1918-2008) („Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“),

der große Aufklärer des sowjetischen Terrors, wurde in die USA abgeschoben.

Jewtuschenko, ein ehemaliger Fußballspieler, sagte, dass in Russland ein Dichter mehr sei als ein Dichter. Er bewegte sich geschickt zwischen den Fallen des Systems. Der literarische Gehalt seiner Gedichte blieb manchmal hinter der tagesaktuellen Botschaft zurück. Aber er erreichte sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen die Massen. 1962 warnte er in seinem Gedicht „Stalins Erben“ vor der Wiederkehr der stalinistischen Diktatur. Wovor er heute warnen würde, wissen wir nicht. Jewtuschenko verurteilte den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968. Und er lobte Wladimir Dudinzews „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Aus dem Gorki-Literatur-Institut wurde er ausgeschlossen.

1961 erschien sein Gedicht „Babij Jar“ über die Ermordung zehntausender Juden durch die Nazis bei Kiew. Jewtuschenko bekundete seine Solidarität mit dem französischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Frankreich fälschlich der Spionage für Deutschland bezichtigt wurde. Intellektuelle unter Führung

Emile Zolas

paukten ihn da raus. Jewtuschenko sprach auf Kuba mit Fidel Castro und in Chile mit Salvador Allende. Ein knallhartes Dissidenten-Leben war das nicht. Anfang der neunziger Jahre zog Jewtuschenko in die USA, wo er an der Universität Tulsa lehrte. Heute lobt ihn der russische Ministerpräsident Dimitrij Medwedjew dafür, dass Jewtuschenko den „Schlüssel zur Seele des Menschen“ gefunden habe. Sein Erbe gehöre zur „russischen Kultur“ (Sonja Zekri, SZ 3.4.17).

 

 

1524: Jamaika dopt.

Montag, April 3rd, 2017

Jamaika bezieht seinen Charme daraus, dass es so eine kleine Insel mit nur 2,7 Millionen Einwohnern und so unbedeutend ist. In der Leichtathletik und speziell im Sprint erscheint es aber manchmal wie eine Großmacht. Ich habe als Kind 1952 bei den Olympischen Spielen in Helsinki schon die McKenley, Rhoden und Wint bewundert (im Radio und in Illustrierten), welche die Strecken von 100 bis 800 m dominierten. Insbesondere seit Peking 2008 werden die jamaikanischen Sprinter wieder sehr bewundert.

Nun hat das Dopinglabor in Lausanne 2016 bei einer Überprüfung der 2008 in Peking abgegebenen Proben festgestellt, dass u.a. „männliche Sprinter der Karibikinsel“ geringe Mengen von Clenbuterol im Blut gehabt hatten, das in der Regel in der Kälbermast eingesetzt wird und schon mehrmals in der Dopinggeschichte eine Hauptrolle gespielt hatte. Außer von

Nesta Carter,

der schon im Januar 2017 des Dopings in Peking überführt wurde, wissen wir aber nicht, wer von den anderen drei Mitgliedern der jamaikanischen 4 mal 100 m-Staffel gedopt war:

Usain Bolt,

Asafa Powell oder

Michael Frater.

Das IOC, das von den Befunden seit 2016 wusste, hat sie nicht veröffentlicht. Wahrscheinlich um die Olympischen Spiele in Rio nicht zu gefährden. Insofern erscheint das IOC als eine kriminelle Vereinigung. Berichtet hat uns dies die ARD-Doping-Redaktion unter Leitung von

Hajo Seppelt.

Sie hat in den letzten Jahren mehrfach Dopingfälle mit aufgeklärt und darüber informiert. Der Mexikaner Angel Heredia, der zunächst Spitzenathleten in aller Welt mit Schnellmachern, Wachstumshormonen, Epo und Testosteron versorgt hatte und dann

Kronzeuge des FBI

geworden war, hat der ARD-Doping-Redaktion bestätigt, dass jamaikanische Sprinter Clenbuterol genommen haben. In Peking 2008 war der polnische Ruderer Adam Seroczynski für zwei Jahre gesperrt worden, weil er das Mittel genommen hatte.

Für jamaikanische Sprinter gelten wohl andere Gesetze (Thomas Kistner/Johannes Knuth, SZ 3.4.17).

 

1523: Lohn und Gehalt: Frauen akzeptieren Benachteiligung.

Montag, April 3rd, 2017

Persönlich empfinde ich die Sieben-Prozent-Lohnlücke, die es in Deutschland zwischen Männern und Frauen gibt, als

unmoralisch und skandalös.

Denn sie bedeutet ja, dass Frauen bei gleicher Ausbildung und gleicher Arbeit sieben Prozent weniger Lohn oder Gehalt bekommen. Bei diesem Phänomen melden sich stets die Nebelwerfer, Verfälscher und Propagandisten zu Wort, welche die ungleiche Bezahlung rechtfertigen. Sie stammen meist aus dem Kreis der Arbeitgeber- und Industrieverbände und wollen die dadurch mögliche Kostensenkung begründen.

So weit, so schlecht.

Nun legt Thomas Hinz (Konstanz) in der „American Sociological Review“ eine Untersuchung unter dem Titel „Why Should Women Get Less?“ vor, in der er behauptet, dass Frauen ihre Benachteiligung akzeptieren würden. Daniela Gaßmann hat ihn für die FAS (2.4.17) interviewt.

FAS: Wie kommen Sie auf das Ergebnis?

Hinz: Wir haben insgesamt 1 600 Männer und Frauen erst einmal ganz direkt gefragt: „Welche Aspekte sollten bei der Festlegung von Löhnen eine Rolle spielen?“ Die Mehrheit war sich einig, dass das Geschlecht keinen Einfluss haben sollte. Anschließend haben wir den Teilnehmern erfundene Arbeitnehmer vorgelegt, die sich in allen möglichen Eigenschaften unterscheiden, wie dem Geschlecht, der Ausbildung und Vorerfahrung. Außerdem haben wir die Beispielgehälter dieser Personen genannt und gefragt: „Finden Sie dieses Gehalt fair?“ Es zeigte sich, dass das Geschlecht unbewusst doch eine Rolle spielt.

FAS: Wie haben Männer und Frauen geantwortet?

Hinz: Sie konnten abgestuft angeben, ob sie den Lohn fair finden, zu hoch oder zu niedrig. Bei gleicher Qualifikation wurden bei Frauen um sieben bis neun Prozent niedrigere Löhne als bei Männern als gerecht empfunden. Das Interessante daran: Diese Einschätzung wird von beiden Geschlechtern geteilt. Frauen akzeptieren die Benachteiligung.

FAS: Der akzeptierte Unterschied liegt nah an der Sieben-Prozent-Lohnlücke, die wir in Deutschland zwischen Männern und Frauen kennen.

Hinz: Das fiel uns natürlich auch auf und hat sicherlich damit zu tun, dass Gerechtigkeitseinschätzungen auf Erfahrungen basieren. Menschen orientieren ihre normativen Urteile an dem, was sie immer wieder erlebt haben – in diesem Fall also an einem Lohnunterschied von sieben Prozent.

FAS: Gilt das vor allem für die typischen Männerberufe?

Hinz: Nein, gar nicht. Vom Friseur bis zum Manager waren in unseren Experimenten ganz unterschiedliche Berufsgruppen vertreten, die mit ganz unterschiedlichem Status verbunden sind. Bei allen diesen Gruppen wurden die Lohnunterschiede als gerecht empfunden. Der einzige Beruf, für den das nicht galt, waren die Sozialarbeiter, traditionell ein Beruf mit hohem Frauenanteil.

FAS: Was würden Sie Ministerin Schwesig vorschlagen?

Hinz: Langfristig wäre es für den Abbau von Lohnunterschieden sinnvoller,

mehr Frauen in Führungspositionen

zu bringen. Wenn es mehr Managerinnen und Chefinnen gibt, gewöhnen sich die Menschen daran, dass Frauen in solchen Hierarchieebenen arbeiten. Dadurch würden ihre Löhne automatisch steigen.

1522: Untrügliches Zeichen

Sonntag, April 2nd, 2017

Ein untrügliches Zeichen für die funktionierenden pragmatischen Instinkte der deutschen Bevölkerung hat eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach ergeben. Danach möchten zwei Drittel der Befragten nicht, dass

Schulnoten

durch

Lernentwicklungsgespräche

ersetzt werden. Die Frage hatte gelautet: „Sollen Schulnoten abgeschafft und durch Lernentwicklungsgespräche ersetzt werden?“

67 %     Nein,

20 %     Ja,

13 %     Unentschieden.

Befragt worden waren ca. 1 400 Personen über 16 Jahre (FAS 2.4.17). Wahrscheinlich geht trotzdem das bildungspolitische Kleinklein und das schulpolitische Chichi weiter, wo die Kinder in der Grundschule nicht mehr Lesen, Schreiben und Rechnen lernen.

1521: „Ausländermaut“ wird Gesetz.

Samstag, April 1st, 2017

Für Jan Heidtmann (SZ 1./2.4.17) kommt die von der CSU geforderte Maut 2019. Er kommentiert:

„Das ist um so beeindruckender, weil sie politischer und auch ganz praktischer Stumpfsinn ist. Als von der CSU so titulierte Ausländermaut hat das Projekt im bayerischen und bundesweiten Wahlkampf 2013 begonnen; abseits der Christsozialen gab es wohl kaum jemanden, der es ernsthaft unterstützt hat. Und macht man nun einen Strich unter die Hochrechnungen aus Einnahmen und Ausgaben, die mit der Maut entstehen, gibt es viele Experten, für die das nicht einmal zum Nullsummenspiel reicht. Dabei ist ein Obolus für die Benutzung der Straßen nicht zwangsläufig verkehrt – dann zum Beispiel, wenn er wirklich darauf zielte, Elektrofahrzeuge massiv zu unterstützen und alte Pkw zu verbannen. Doch die ‚Ausländermaut‘ war von Anbeginn eine ideologisches Projekt, ein Wahlkampfkurzschluss, der nun auf Biegen und Brechen in das Regelwerk der EU reingepresst werden musste. Wenn die Österreicher jetzt dagegen klagen werden, kann man ihnen nur Glück wünschen.

Dass die SPD keinen echten Widerstand gegen die Maut geleistet hat, nicht im Bundestag und auch nicht im Bundesrat, lässt sich kaum kritisieren. Die Maut steht im Koalitionsvertrag, und auch die Union hat sich an ihre Pflichten gehalten; unter anderem als sie dem Mindestlohn und der doppelten Staatsbürgerschaft gegen ihre Überzeugung zustimmte. Anders ist es mit den Rechnungen namhafter Gutachter. Das Verkehrsministerium hat deren Ergebnisse regelmäßig für unbedeutend erklärt, selbst der wissenschaftliche Dienst des Bundestages wurde von der CSU diskreditiert. Es ist eine Art Politik zu machen, die man gegenwärtig eher in den USA verortet. Wirklich nebulös ist die Rolle der EU, die dem Projekt trotz anfangs heftiger Widerrede schließlich zustimmte. Ein Grund könnte sein, dass die Europäische Kommission mittelfristig in allen Mitgliedstaaten Mautsystem haben möchte – etwa um Bezahlsysteme für das automatisierte Fahren installieren zu können.“

1520: Ralf Jäger (SPD) macht Fehler über Fehler.

Samstag, April 1st, 2017

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat von der Kölner Silvesternacht 2015 bis zum Fall Anis Amri Fehler über Fehler gemacht. Er ist aber immer noch im Amt, weil er wohl als starker Mann im Kabinett von Hannelore Kraft (SPD) bis zur Landtagswahl noch gebraucht wird. Der politische Gegner, CDU-Landeschef Armin Laschet, bezeichnet ihn als „Sicherheitsrisiko“.

Jäger reagiert in der Regel schnell, neigt zu rhetorischer Aggression und tritt manchmal energisch nach. So im Fall Frank-Jürgen Weise, als dieser zum Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge bestimmt worden war. Das schadet Jäger nun. Auf dem schwierigen Feld der Migrations- und Flüchtlingspolitik können wir uns so schwache Minister wie Ralf Jäger nicht leisten (Fabian Klask, Die Zeit 30.3.17; Jan Bielicki, SZ 31.3.17).

1518: Werner Spies 80

Samstag, April 1st, 2017

Mit 23 Jahren kam Werner Spies 1960 nach Paris. Und dies blieb wohl sein zentraler Ort, an dem er als Kunsthistoriker, Ausstellungsmacher, Gutachter, Journalist, Übersetzer, Autor, Essayist, Agent, Impresario, Begründer des Max-Ernst-Museums (in Brühl bei Bonn) und von 1997 bis 2000 als Direktor des Centre Pompidou zügig und fleißig agierte und großen persönlichen Ruhm errang. Der ist bis heute da, wo Werner Spies 80 Jahre alt wird.

Promoviert hatte Spies in Bonn. Er lehrte Kunstgeschichte an der Düsseldorfer Kunstakademie und organisierte die großen Max-Ernst-Retrospektiven in Paris und New York, ein Weltbürger. Er schrieb und schreibt für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ). Mit

Pablo Picasso,

dessen Wahrnehmung Spies entscheidend geprägt hat, und

Max Ernst

war Spies eng befreundet. In seiner ersten Pariser Zeit hatte er Schriftsteller wie

Alain Robbe-Grillet, Margerite Duras und Nathalie Sarraute

dazu animiert, für den SDR Hörspiele und Fernsehspiele zu schreiben. Selbst

Samuel Beckett

ließ sich von Werner Spies dazu bewegen. Spies erklärte uns das unvergleichliche Spätwerk Picassos und kuratierte 1978 die grundlegende Ausstellung „Paris – Berlin“, die sein internationales Renommee begründete.

Eine Wand aus

André Bretons

Arbeitszimmer ließ Werner Spies aus der Wohnung herausnehmen und im Centre Pompidou wieder aufbauen (Niklas Maak, FAZ 1.4.17). Und trotzdem musste Hans-Joachim Müller in der „Welt“ (1.4.17) schreiben: „Und es gehört zur Tragik dieser singulären Karriere, dass der weltbeste Max-Ernst-Kenner ausgerechnet den Verführungskünsten des mit allen Szene-Usancen vertrauten Erzschelms und Klassefälschers

Wolfgang Beltracchi

auf den Leim gegangen ist.“