Der seit 2013 pauschal für jede Wohnung erhobene deutsche Rundfunkbeitrag ist rechtens. Das hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg entschieden. Er ist keine unerlaubte staatliche Beihilfe und verstößt nicht gegen das EU-Recht. Gegenwärtig beträgt er 17,50 Euro. 2017 kamen dadurch für ARD und ZDF knapp acht Milliarden Euro zusammen (dpa 14.12.18).
Archive for the ‘Gesellschaft’ Category
2219: Deutscher Rundfunkbeitrag ist rechtens.
Freitag, Dezember 14th, 20182218: Was ist mit der kolonialen Raubkunst ?
Mittwoch, Dezember 12th, 20181. Bevor nicht interessierte Kreise den Bau eines Schlosses in Berlin (mit Humboldt-Forum) durchgesetzt hatten, ging lange Zeit fast niemand in ethnologische Museen.
2. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stellte sich gegen die Politik aller Vorgänger und befreundeten Regierungen und erklärte, alle koloniale Raubkunst sei unverzüglich zurückzugeben.
3. Für viele Staaten wie Nigeria und Äthiopien ist die Forderung nach der Rückgabe der Raubgüter konstitutiv.
4. Außereuropäische Kunst befindet sich in Berlin, Hamburg, Leipzig, Stuttgart, München, Dresden und Köln sowie in den ethnologischen Sammlungen von Universitäten.
5. Nur ein bis zwei Prozent davon werden je ausgestellt, schätzt die frühere Direktorin des Frankfurter Weltkulturen-Museums, Clémentine Deliss.
6. Nach Europa gekommen sind die Objekte etwa seit den 1880er Jahren. Ihre Systematisierung führte zur Etablierung der Ethnologie, die wiederum die Sammelwut ins Unendliche trieb.
7. Die meisten der hier in Rede stehenden Fälle sind eindeutig Raubkunst, die seit langem auch auf Auktionen feilgeboten wird.
8. Dass sich die Washingtoner Prinzipien für NS-Raubkunst von 1998 auch für koloniale Raubkunst anwenden lassen, wird seit kurzem diskutiert.
9. Afrikanische Museen in Ghana, Togo, Kenia, Sambia, Botswana und Lesotho sind geeignet, die geraubten Objekte auszustellen.
10. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der das Konzept des Humboldt-Forums mitentwickelte, widersprach Macron und verwies auf die angebliche deutsche Sonderrolle als späte Kolonialmacht, ohne die Vernichtungskriege gegen die Herero, Nama und Maji-Maji zu erwähnen. Die deutschen Sammlungen hätten allein der Aufklärung gedient (Kolja Reichert, FAS 9.12.18).
2217: Harald Schmidts Altersweisheit
Dienstag, Dezember 11th, 2018Peter Kümmel und Lars Weisbrod haben den größten deutschen Entertainer, Harald Schmidt, interviewt (Die Zeit, 29.11.18):
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Zeit: ‚Das Traumschiff‘ ist die einzige Sendung, bei der Sie im Fernsehen noch mitmachen. Allerdings verlassen Sie bei ‚Traumschiff‘-Dreharbeiten nie das Schiff. Warum nicht?
Schmidt: Es bringt nichts. Die meisten Länder sind zu voll. Ich habe mir irgendwann eingestanden: Es interessiert mich nicht, an Land zu gehen.
Zeit: Das klingt ein bisschen nach Albert Einstein, der im Zug saß und den Schaffner fragte: Hält Zürich auch an diesem Zug?
Schmidt: Einstein? In der ‚Zeit‘ können Sie mit solchen Bildungsanspielungen vielleicht noch kommen. Aber anderswo wird es eng. Im deutschen Fernsehen ginge das nicht mehr.
Zeit: Sie haben einmal gesagt, man könnte das Kreuzfahrtgewerbe in Richtung Sterbebegleitung ausbauen. Stichwort: schwimmendes Hospiz. Haben Sie sich selbst überlegt, aufs Schiff zu gehen und es nicht mehr zu verlassen?
Schmidt: Man weiß ja nicht vorher, ob es das letzte Mal ist. Es gibt viele, die sich auf dem Schiff bestens erholen – sie waren todkrank an Bord gegangen, und zum Abschied sagen sie: Nächstes Jahr bin ich wieder dabei. Aber es gibt auch die schwereren Fälle: Auf Kreuzfahrtschiffen trifft man lauter Leute, die der Arzt auf See geschickt hat, damit sie nicht seine Statistik belasten, wenn sie sterben.
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Zeit: Schreiben Sie Tagebuch?
Schmidt: Beim Tagebuchschreiben muss man aufpassen, dass man sich nicht zu ernst nimmt, sonst fängt man an zu sloterdijken.
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Zeit: Sie sind also kein Nachwelt-Künstler?
Schmidt: Was heißt Nachwelt-Künstler?
Zeit: Elias Canetti zum Beispiel. Er hat immer gesagt: Er will in hundert Jahren noch gelesen werden. Nur deshalb schrieb er.
Schmidt: Aber wer sagt Canetti jetzt, dass ihn heute keiner mehr liest? Ich lese ihn noch, weil Thomas Bernhard ihn gehasst hat. Und spätestens seit diesem ‚Buch gegen den Tod‘ ist es bei mir auch aus. Späte Ehe, junge Frau: Das ist ja das Tolle am Älterwerden: Viele Titanen bröseln einfach weg.
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2216: Hannah Arendt über Sprache und Politik
Dienstag, Dezember 11th, 2018Die Schriftstellerin Thea Dorn, 48, die ein belebendes Element im „Literarischen Quartett“ (ZDF) darstellt, macht uns auf folgendes aufmerksam: Schon vor sechzig Jahren hat die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt uns darauf hingewiesen, dass die Übertragung des formelgebundenen naturwissenschaftlichen Denkens auf die Sphäre der menschlichen Belange zum Verlust der Sprache und damit zum Verlust des Politischen führt. „Taten, die nicht von Reden begleitet sind, werden ‚unverständlich‘, und ihr Zweck ist gemeinhin, (…) durch die Schaffung vollendeter Tatsachen alle Möglichkeiten einer Verständigung zu sabotieren.“ (SZ 7.12.18)
2215: Das Versagen der Bundesländer in der Bildungspolitik
Donnerstag, Dezember 6th, 2018Die 16 Bundesländer haben sich gegen eine Grundgesetzänderung für den Digitalpakt ausgesprochen. Das ist für die SPD besonders schmerzlich, nachdem führende Sozialdemokraten den Digitalpakt schon als ihren Erfolg gefeiert hatten. Im Bundesrat wird die Grundgesetzänderung also von CDU, CSU, SPD, Grünen und Linken abgelehnt. Dazu hat Heribert Prantl schon gestern (5.11.18) in der SZ geschrieben:
„Es ist bezeichnend, dass über den Föderalismus nur noch dann geredet wird, wenn es ums Geld geht. Dann wachen die Länder auf, dann fällt ihnen ein, dass die Schule und die Bildung ihre Sache ist, um die sie sich kümmern wollen und sollen. Dann raunen sie mit Ehrfurcht und mit Stolz in der Stimme vom Bildungsföderalismus und von der ureigenen Sache der Länder. Sie sollten sich genieren. Die Länder haben die Bildung verkommen lassen, die deutsche Bildungslandschaft ist keine Landschaft, sondern nur noch ein einziger Verhau.
Bildung und Schule sind, so steht es im Grundgesetz, Ländersache. Die Länder pochen auf ihr Recht, aber aus dieser Pocherei besteht der Großteil ihrer Tätigkeit. Für große inhaltliche Debatten reicht die Kraft nicht mehr, für die Harmonisierung der 16 Bildungspolitiken der 16 Bundesländer auch nicht. Aus der ureigenen Sache ist ein ureigenes Chaos geworden: Tausende Lehrpläne und Lernkonzepte unterschiedlichster Art, Tausende Fußangeln, Tausende Inkompatibilitäten. Die Fußnoten sind in diesem Bildungssystem wichtiger als die Noten.
Der Umzug mit schulpflichtigen Kindern von Bremen nach Stuttgart ist ein hochriskantes Abenteuer. Die Anforderungen an den Gymnasien weichen so voneinander ab, dass Jugendliche besser in Köln bleiben, wenn die Eltern beruflich nach München wchseln. Und ein Juniorprofessor wechselt lieber von Berlin nach Bologna als nach Potsdam; das ist einfacher. Der real existierende Bildungsföderalismus in Deutschland ist ein fortgesetzter Missbrauch des Föderalismus. Er ist verkommen – er ist eine Qual für Lehrer, Eltern und Schüler. Der Föderalismus sollte praktzierte Bürgernähe sein, er soll das Leben leichter, nicht schwerer machen.
Im Bereich von Schule und Bildung ist er praktizierter Sadismus. Es ist bitter, dass man das als Anhänger des Föderalismus konstatieren muss: An diesem real existierenden Bildungsföderalismus ist nicht mehr sehr viel verteidigenswert.
Die Länder wollen nun den Digitalpakt mit dem Bund scheitern lassen, weil sie die Gefahr sehen, dass der Bund mit seinem Geld zu viel in die Bildungspolitik hineinredet. Dabei wäre es schon einmal gut, wenn überhaupt miteinander geredet und nicht nebeneinadner herumgewurstelt würde. Also: Wie soll denn eine Digitalstrategie an den Schulen ausschauen? Sie kann ja nicht schon darin bestehen, dass man in einen einzigen Satz möglichst oft das Wort ‚digital‘ hineinpackt. Und es ist auch noch keine Strategie, ein paar Hunderttausend Tablets mit Bundes- und Landesmitteln zu kaufen und dann in gewaltigen Paketen in den Lehrerzimmern abzuwerfen.
Es geht im Kern um die ganz große Frage: Wie lernen Kinder künftig? Und welche Rolle spielen in diesem Lernen Kunst, Literatur und Musik? Darüber sollten die Ministerpräsidenten streiten, darüber sollte die Kultusministerkonferenz verhandeln. Diese KMK ist ein Bürokratiemoloch; sie sollte aber ein kluges Steuerungselement des Föderalismus sein.
Von beruflicher Mobilität ist unendlich viel die Rede. Der Bildungsföderalismus steht ihr im Weg. Der real existierende Bildungsföderalismus ist ein törichter und enger Föderalismus. In seiner jetzigen Form ist er antiquiert. Das Lamento der Bildungsföderalisten über den Digitalpakt ist ein Lamento über ihre eigenen Defizite.“
2214: Die Islamverbände führen einen Kampf gegen den liberalen Islam.
Dienstag, Dezember 4th, 2018Ahmad Mansour, 42, stammt aus Israel. Er ist Psychologe und Experte für Islamismus. Er gehört zu einer neuen Islam-Initiative. Dazu hat ihn Jochen Bittner für die „Zeit“ (22.11.18) befragt. Ich bringe hier Auszüge aus seinen Antworten.
„Wir wollen der Heterogenität der Muslime hierzulande Ausdruck geben, also Alternativen schaffen zum konservativen und politischen Islam. Wir zeigen, dass es in Deutschland Muslime gibt, die ihre Relgion säkular und im Einklang mit Demokratie und Menschenrechten verstehen.“
„Ich kenne keinen islamischen Verband in Deutschland, der Kritik am Islam übt. Oder am Patriarchat. Oder am Antisemitismus.“
„Kritische Muslime wie Mouhannad Korchide oder Seyran Ates werden ständig diffamiert. Und der Islam, der heute Europas Jugendkultur prägt, ist definitiv nicht liberal.“
„Ich glaube, der Bundesregierung ist immer noch nicht klar, was Integration sein soll. In Gesprächen mit Staatssekretären hatte ich oft den Eindruck, Integration ist für sie Arbeit minus Kriminalität plus Sprache. Das reicht nicht. Wo bleiben die Werte unserer Gesellschaft? Viele Migranten entwickeln Ängste, wenn sie sich mit dem Pluralismus in Deutschland konfontiert sehen. Diese Ängste müssen angesprochen werden. Sonst entsteht eine Distanz, die bis hin zur Abwertung der Mehrheitsgesellschaft führen kann.“
„Wir sind eine vielfältige Gesellschaft, und das ist gut so. Aber nicht jede Kritik an religiösen Symbolen stellt die Religionsfreiheit infrage. Ich wünsche mir Neutralität für Vertreter des Staates, also keine Kopftücher, keine Kreuze, keine Kippas für Lehrer.“
2213: Nord Stream 2 schadet der Ukraine.
Dienstag, Dezember 4th, 2018Vom russischen Präsidenten Wladimir Putin ist bekannt, dass er sich nicht besonders ums Völkerrecht schert. Das sehen wir
– auf der Krim,
– im Donbass und
– im Asowschen Meer.
An guten Wirtschaftsbeziehungen zur EU ist er sehr interessiert. So wurde schon vor längerem das Projekt Nord Stream 2 gestartet. Hunderte Kilometer Röhren sind bereits verlegt, wesentliche Genehmigungen sind erteilt und der Versuch, die EU-Kommission einzuschalten, ist am Widerspruch Deutschlands gescheitert. Da gibt es nicht mehr viel zu stoppen. Falls US-Investoren ausscheren sollten, würde Putin sich bemühen, die Finanzierung alleine zu stemmen.
Nord Stream 2 schadet massiv der Ukraine, weil ihr Röhrennetz überflüssig wird. Mit dem Gas-Transit verliert die Ukraine eine ihrer wenigen Rückversicherungen gegen ein expansives und aggressives Russland. Hat die deutsche Politik das nicht gewusst? „Für Putin kommt es nur darauf an, dass die Pipeline fertig gebaut wird. Der Rest ist Geschwätz.“ (Daniel Brössler, SZ 4.12.18).
2212: Psychologie – in der Krise ?
Montag, Dezember 3rd, 20181. In den letzten Jahren häufen sich in der Psychologie Studienergebnisse, die nicht zu stimmen scheinen. Das untersucht Sebastian Hermann in der SZ (1./2.12.18).
2. Gemessen werden viele Male Artefakte.
3. Deswegen sprechen viele Forscher von der Krise der Disziplin.
4. Es ist eine Replikationskrise, weil es häufig nicht gelingt, Studienergebnisse bei Wiederholungen zu bestätigen.
5. Die Lage kann man so sehen, dass dadurch Verbesserungen möglich werden. Oder so, dass damit ein Niedergang beschrieben wird.
6. 2011 schien der Psychologe Daryl Bem Nachweise für eine Präkognition gefunden zu haben, also eine Art Hellseherei.
7. Es sollte keine Replikation nötig sein, um Hellseherei als Unfug zu erkennen.
8. Neue, überraschende und antiintuitive Ergebnisse lassen sich leichter publizieren als andere.
9. Dabei gilt dann immer die Regel: Der Erste wird gehört, der Zweite ignoriert.
10. Bei Replikationen, welche die ersten Ergebnisse nicht bestätigen, weigern sich Fachjournale häufig, sie zu drucken.
11. Ob das repräsentativ ist für die ganze Psychologie, weiß niemand genau. Aber wir sind misstrauisch geworden gegenüber unserer eigenen Forschungsliteratur.
12. Beim Priming steht die Idee, dass etwa schon Gedanken ans Altern uns langsamer gehen lassen.
13. Wissenschaftliche Qualität besteht nicht darin, was herauskommt, sondern darin, wie etwas untersucht wird.
Fazit: Es besteht eine Krise der Psychologie. Aber viele Psychologen wollen das nicht wahrhaben. Wie sieht es eigentlich in der Pädagogik aus?
2209: Bernardo Bertolucci ist tot.
Dienstag, November 27th, 2018Bernardo Bertolucci (geb. 1941) ist tot. Er war der Regisseur von Filmen wie „Der große Irrtum“ (1970), „Der letzte Tango in Paris“ (1972), „1900“ (1976), „Die Tragödie eines lächerlichen Mannes“ (1981) und „Der letzte Kaiser“ (1987). Der letzte gewann neun (9) Oscars. Der Marxist Bertolucci kam Zeit seines Schaffens nicht von seinem Vater los, einem berühmten Lyriker, und vom Thema 1968. Dies hat die Bandbreite seiner Werke auch eingeschränkt. Bertolucci überließ vieles beim Drehen der Spontaneität. So entstanden mehrdeutige Werke. Sein Stil war häufig opernhaft, romantisch (Doppelgängermotiv) und kannte Frauen meist nur als Nebenfiguren. Heute unmöglich. Bertolucci kam damit bis nach Hollywood.
Bertolucci startete als Lyriker, der sogar Preise gewann. Bei Pier Paolo Pasolini war er Regieassistent bei dessen Erstling „Accatone“ (1970). Sein großes Vorbild Jean-Luc Godard erreichte er nach eigenem Bekunden nie. Als er Godard seinen Film „Der große Irrtum“ (1970) zeigte, hatte dieser gerade „Le Mépris“ (beide Filme nach Alberto Moravia) abgedreht. Godard drückte Bertolucci einen Zettel in die Hand. Darauf stand: „Du musst gegen Individualismus und Kapitalismus kämpfen.“ Bertolucci begann eine lebenslängliche Psychoanalyse. Am Ende seines Lebens saß er auf Grund einer missglückten Rückenoperation im Rollstuhl.
Bertolucci machte eine internationale Karriere. Er kam ans große Geld und wurde zum Vorbild etwa für Paul Schraders „American Gigolo“ (1980). Sein Kameramann Vittorio Storaro drehte mit Francis Ford Coppola „Apocalypse Now“ (1979). Darin hat bekanntlich Marlon Brando (1924-2004) eine große Rolle als Colonel Kurtz. Mit Bertolucci hatte er 1972 „Der letzte Tango von Paris“ gedreht, einen Skandalfilm, in dem Brando als alter Mann für Anarchie und Freiheit steht. In einer leeren Pariser Wohnung drängt er einer jungen Frau, Maria Schneider, einen Geschlechtsverkehr auf. Er schmiert ihr Butter in den Hintern und penetriert sie. Bertolucci und Brando drohten Haftstrafen. Ich vergesse nicht die Aufregung, die der Film 1972 machte, als ich ihn in Paris sah. In der „Me Too“-Bewegung hieß es 2016, zwei alte Männer hätten Maria Schneider im Film vor laufender Kamera eine Vergewaltigung zugemutet. Frauen zeigten sich angewidert und forderten den Regisseur auf, seine Oscars zurückzugeben. Das bestimmt gegenwärtig das Bild, das in der Öffentlichkeit von Bernardo Bertolucci gezeichnet wird (Fritz Göttler, SZ 27.11.18).
2208: Kosmopoliten – angesehene und verachtete Grünen-Wähler
Dienstag, November 27th, 2018Adam Soboczynski beschäftigt sich in der „Zeit“ (15.11.18) mit Weltbürgern (Kosmopoliten). Ich gebe das in meiner Struktur hier wieder.
1. Die Wahlerfolge der Rechtspopulisten können zum Teil erklärt werden als Reaktion auf die neue, an der Globalisierung partizipierende, urbane, akademische Mittelschicht (weltoffen und poyglott).
2. Sigmar Gabriel sagte der SPD: „Wer die Arbeiter des Rust Belt verliert, dem werden die Hipster in Kalifornien auch nicht mehr helfen.“
3. Der real existierende Sozialismus sah in „bürgerlichen Kosmopoliten“ Menschen, die zynisch alle moralischen Bindungen und Verpflichtungen gegenüber der Nation aufgekündigt hätten, für „Verschacherung“ und den „Verrat“ des Volkes stünden.
4. Stalin meinte im offiziellen kommunistischen Antisemitismus mit „wurzellosen Kosmopoliten“ in erster Linie Juden (Wallstreet, Hollywood usw.). Heute steht dafür George Soros.
5. Der Soziologe Stefan Reckwitz schreibt in seiner gesellschaftlichen Stukturanalyse von der neuen Mittelschicht: „Man wohnt vorzugsweise in den urbanen Vierteln westlicher Großstädte, wo es gesundes Essen, Geschlechtervielfalt, Migranten, georgische Chatschapuri-Restaurants, gute, vor allem besondere Schulen, niedrige Feinstaubwerte, Tempo 30-Zonen und so weiter gibt.“
6. Die Grünen sprechen dieses Milieu erfolgreich an. Dessen Selbstwidersprüche, auch in moralischer Hinsicht, sind Gegenstand des Feuilletons.
7. Ihm steht gegenüber die alte Mittelschicht, die zwar durchaus nicht verarmt ist, aber regelmäßig keine Universität besucht hat, eher in Kleinstädten lebt, keine Fremdsprachen spricht und die Region meistens nicht verlässt.
8. Es gibt noch das Milieu der verqualmten Eckkneipen mit Herrengedecken, Häkeldeckchen und schweren Soßengerichten.
9. Gegenüber der demonstrativen Weltoffenheit vor allem in Großraumbüros wirkt die traditionelle, würdevolle, bürgerliche Gesetztheit meistens lächerlich.
10. Weltbürger und Provinzler prallen in Deutschland besonders in Ostdeutschland aufeinander.