„Die ganze Zeit war er bereit, der Regierung zu verzeihen, selbst die absurde und brutal durchgezogene Rentenreform, selbst die Tatsache, dass sich in der Duma Leute breitgemacht haben, die an Verstand weit weniger aufzubieten haben als die Mehrheit ihrer Wähler. Aber er weigert sich zu verstehen, warum überhaupt nichts funktioniert, warum sozialer Aufstieg nicht klappt, warum ein hochrangiger Beamter im Kreml beiläufig behaupten kann, die Amerikaner wären gar nicht auf dem Mond gelandet – das müsse man seiner Meinung nach überprüfen.“ (Viktor Jerofejew, FAZ 29.12.18)
Archive for the ‘Gesellschaft’ Category
2240: Viktor Jerofejews Russe
Donnerstag, Januar 3rd, 20192239: Die neue Weltformel
Dienstag, Januar 1st, 2019Zum Propheten ist der konservative israelische Politikwissenschaftler Yoram Hazony von den Trumpisten erklärt worden. Weil er das Ende der amerikanischen Weltordnung und der Europäischen Union erklärt. Für Hazony ist der Nationalismus die beste Ideologie. Für Europa und Deutschland ist das deshalb gefährlich, weil damit drei Absagen verbunden sind:
– an den Liberalismus,
– an den Multilateralismus,
– an eine Bündnisidee, die einst Europa den Weg aus dem Kreislauf von Krieg und Hass zu weisen schien.
Francois Mitterrand erklärte uns: „Nationalismus, das ist der Krieg.“ Insofern sind das moderne Europa und die USA so tief gespalten wie noch nie zuvor. Die USA deuten die EU in ein imperialistisches Werkzeug um. Das ist schlimm und hochgefährlich (Stefan Kornelius, SZ 31.12.18/1.1.19). Wir als diejenigen, die solch reaktionärer Ideologie nicht anhängen, dürfen nicht resignieren und aufgeben. Der Kampf geht weiter.
2238: Houellebecqs falsche Analyse
Dienstag, Januar 1st, 2019Das ganze reaktionäre Zeug stand schon in den Romanen Michel Houellebecqs. Nun lobt er in „Harper’s Magazine“ Donald Trump. Das zeigt uns wieder, dass Schriftsteller nicht die besseren politischen Analysten sind, sondern Schriftsteller. Wahrscheinlich ist das Ganze zustande gekommen als PR für den neuen Houellebecq-Roman. Houellebecq lobt Trumps Umgang mit den Menschenrechten und seinen Nationalismus. Nebenbei erledigt er auch die EU, die keine gemeinsamen Werte, gemeinsamen Interessen und keine gemeinsame Sprache habe. Schon gar nicht mit den USA.
Trump ist für den französischen Schriftsteller der Held des Übergangs. Von der Globalisierung und dem Freihandel zurück zur nationalistischen Kultur. Für ihn ist die Aufklärung ein Irrtum. Houellebecq bedauert das Kirchenschisma von 1054, er bewundert den orthodoxen Glauben und den Schriftsteller Fjodor Dostojewski. Bei Houellebecq ist der Mensch für die Freiheit nicht geschaffen. Er will große Reiche, große Nationen und große Herrscher. Und zu Weihnachten hat sich Houellebecq einen Jesus in Ketten gewünscht (Thomas Assheuer, Die Zeit 19.12.18).
Houellebecq hat politisch einen Knall.
2237: Eva Menasses Buch des Jahres
Montag, Dezember 31st, 2018„Mein Buch des Jahres ist
Hanno Rauterbergs Langessay ‚Wie frei ist die Kunst?‘ (Suhrkamp 2018).
Es ist eins dieser Bücher, an dessen Hand man plötzlich tiefer, freier und vor allem auch weniger aufgeregt denken kann. Anders als die meisten Kombattanten der darin geschilderten Debatten – sei es um das Gomringer-Gedicht, die unzüchtig bekleideten Balthgus-Mädchen oder die Frage, ob ein Schauspieler, der einen Neonazi darstellt, auf der Bühne das Wort ‚Nigger‘ aussprechen darf – bewahrt der Autor die Contenance und seinen analytisch-abwägenden Blick, auch wenn die Ergebnisse, zu denen er kommt, beunruhigend sind. Ja, die Kunst ist nicht mehr so frei wie noch vor einigen Jahren. Und ja, das ist zweifellos eine direkte Folge der ‚Digitalmoderne‘, die ihre Meinungshoheit(en) ganz anders organisiert. Auch wer sich weniger für Kunst und Kunstmarkt interessiert, bekommt mit diesem Buch Pars pro Toto ein präzises Porträt unserer veränderten Gegenwart.“ (SZ 28.12.18)
2236: Verlage kämpfen gegen Erhöhung des Rundfunkbeitrags.
Sonntag, Dezember 30th, 2018Es ist nichts Neues, dass die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage gegen den öffentlich-rechtlichen (gesellschaftlichen) Rundfunk (ARD und ZDF) kämpfen. Denn es handelt sich dabei ja um ihren medienpolitischen Gegner. Nun macht „Die Welt“ (Axel Springer Verlag) groß damit auf (Philip Kuhn, 29.12.18). Seit dem gescheiterten „Adenauer-Fernsehen“ (Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1961) gibt es immer wieder Versuche, den öffentlichen Rundfunk zu beseitigen. Seit 1985 haben wir den dualen Rundfunk (Nebeneinander von gesellschaftlichen und privaten Rundfunk). Ein Modell, das sich nach abgewogenem Urteil bewährt hat. Und worin auch der private Rundfunk seinen Platz findet. Dafür hat mit seiner Rechtsprechung das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) gesorgt, das entsprechend bei einigen Interessenten wie der AfD verhasst ist.
Die Verlage aber wollen mehr. Und die Parteien auch, wenn Landtagswahlen ins Haus stehen, wie in Brandenburg, Thüringen und Sachsen 2019. Dann kommt der Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro erneut auf den Prüfstand. So bei der SPD, für die der brandenburgische Staatssekretär Thomas Kralinski erklärt: „Bevor über mögliche Rundfunkgebühren geredet wird, müssen wir über Strukturveränderungen sprechen. Ziel müssen relevante und breit akzeptierte öffentlich-rechtliche Medien sein.“ Bei der Union sowieso, für die der schleswig-holsteinische Staatskanzlei-Chef Dirk Schrödter erklärt: „Ich halte Diskussionen über die Höhe des Rundfunkbeitrags aktuell für überflüssig und verfehlt.“
ARD und ZDF können sich eine Klage beim Bundesverfassungsgericht zum Rundfunkbeitrag vorstellen. BR-Intendant Ulrich Wilhelm (CSU): „Dies würde freilich eine jahrelange Hängepartie bedeuten. In dieser Zeit könnte nicht ordnungsgemäß gearbeitet werden.“ ZDF-Intendant Thomas Bellut: „Wir sind offen und gesprächsbereit. Klar ist aber, ohne eine Beitragsanpassung ist das Qualitätsniveau auf keinen Fall zu halten.“
Als Alternative zum gegenwärtigen Rundfunkbeitrag ist ein Indexmodell im Gespräch, wonach der Beitrag stets entsprechend der Inflationsrate steigt. BR-Intendant Wilhelm dazu: „Die rundfunkspezifische Teuerung, die beispielsweise die Entwicklung der Kosten für Musik-, Film- und Sportrechte berücksichtigt, lag zwischen 2009 und 2017 bei rund 17 Prozent, während die Verbraucherpreise in diesem Zeitraum um 10,6 Prozent gestiegen sind.“
Wilhelm stellt klar, dass die Aufgabe von so publikumswirksamen Programmteilen wie
Unterhaltung und Sport
für ARD und ZDF nicht in Frage kommt. Schließlich lautet der Programmauftrag gerade für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung.
2235: Die „Gelbwesten“ verhindern den Wandel.
Sonntag, Dezember 30th, 20181. Manche Kritiker in Deutschland, z.B. Kabarettisten und Teile der Linken, sehen in den französischen „Gelbwesten“ eine fortschrittliche Volksbewegung. Dabei stellen sie eine falsche Analyse an.
2. Schon vor fünfzig Jahren publizierte Michel Crozier „Die blockierte Gesellschaft“, wo er zeigt, dass in Frankreich zwar ständig vom Wandel gesprochen, er aber regelmäßig vom Volk verhindert wird.
3. Die französische Revolution (um 1789) endete mit der Machtergreifung Napoleons (1799).
4. Die Aufstände von 1830 und 1848 haben die Verhältnisse nicht umgestürzt.
5. Bei zynischer Betrachtung hat Napoleon III. die breiten Avenuen anlegen lassen, damit die Artillerie das Volk besser niederkartätschen konnte.
6. Im 21. Jahrhundert hat es schon mehrere Revolten gegeben. Zuerst 2000, als die Trucker gegen die Spritpreise vorgingen. Der Staat, wie fast immer in Frankreich, knickte ein. Nun hat Macron die Öko-Steuer aufgehoben.
7. Die Studenten haben gegen die Universitätsreform protestiert, die Jungen gegen die Arbeitsmarktreform, die Taxifahrer gegen Uber.
8. Wo eine gut organisierte Gruppe (Eisenbahner, Fischer, Bauern) die eigenen Privilegien bedroht sah, ging sie auf die Barrikaden.
9. In Frankreich fehlen starke Parlamente, mächtige Regionen und eine Zivilgesellschaft, die nicht nur Interessen artikuliert, sondern auch Verantwortung übernimmt.
10. Crozier sieht im Zentralismus die „französische Krankheit“.
11. Die Bürger grollen und schweigen bis zur nächsten gewaltsamen Eruption.
12. Die Franzosen sehen, wie schwach der Staat ist. Fast jeder Aufruhr hat ihn bezwungen, Privilegien bewahrt und Wandel vereitelt (Josef Joffe, Die Zeit 13.12.18).
Und wir sehen: Solange Spritpreise, die Verhinderung der Klimawende und die Erhaltung von Privilegien die Politik bestimmen, gibt es keinen Fortschritt.
2234: Amos Oz ist tot.
Samstag, Dezember 29th, 2018Der große israelische Schriftsteller Amos Oz ist mit 79 Jahren in Jerusalem an Krebs gestorben. Geboren 1939 als Amos Klausner, Kind einer russich-jüdischen Familie, in Jerusalem hat er uns mit seinem autobiografisch gefärbten Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2002) zugleich eine Geschichte der Gründung Israels geliefert. Amos Oz hat sehr viele literarische Preise gewonnen. Unter anderem den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1992. Den Literatur-Nobelpreis konnte er aus dem bekannten politischen Kalkül nicht bekommen. Die schwedischen Sozialdemokraten haben da keinen Israeli vorgesehen.
Oz war Zeit seines Lebens ein israelischer Patriot, der im Sechs-Tage-Krieg 1967 und im Jom-Kippur-Krieg 1973 als Soldat gekämpft hatte. In seinem Auftreten hatte er bis zum Schluss etwas militärisch Straffes, das in Literatenkreisen ganz selten ist. Und er war ein führender Kopf der israelischen Friedensbewegung, der stets auf Ausgleich, etwa mit den Palästinesern, bedacht war. Er hing der Zwei-Staaten-Theorie an. So wie er das gelehrte „Stubenhockertum“ seiner Familie abgelöst sah durch die Gründung Israels und seinen Eintritt in den Kibbuz Hulda 1953, so musste er in den letzten Jahrzehnten erleben, dass das freie und westliche Israel zunehmend verdrängt wurde von einer aggressiven und politisch radikalen Orthodoxie. Insbesondere nach der Zuwanderung von Juden aus der Sowjetunion.
Der Romancier Amos Oz schrieb unzählige politische Essays für den Frieden. U.a. mit seiner Tochter Fania Oz-Salzberger „Juden und Worte“. Er erlebte das „Judentum nach dem Ende des Judentums“. „Nicht jene, die Pogrome anzettelten, nicht die Bösen unter den Völkern, nicht Hitler und auch nicht die Befürworter von Assimilation, Aufklärung oder Zionismus haben die Mauern von Halacha und Überlieferung eingerissen, sondern das Haus ist von innen zerfallen, unter der Last seiner eigenen Widersprüche, dem Gewicht seiner Gesetze, Verordnungen und Verbote.“ 2004 hielt Amos Oz seine Tübinger Poetik-Vorlesung unter den TItel „Wie man Fanatiker kuriert“.
Als Amos Oz 2004 den „Welt“-Literaturpreis erhielt, hielt ihm Joschka Fischer die Laudatio. In seiner Literatur geht Oz stets von sich selber aus. Er schreibt aus Erfahrung und hat so den Rang des israelischen Nationalschriftstellers erworben. Im Kibbuz hatte er gelernt, dass mit dem gelehrten „Stubenhockertum“ kein Staat zu machen war, ja, dass es geradezu eine Gefahr für Israel darstellte. Eine andere und gegenwärtige Gefahr ist die Intransigenz der Orthdoxie in Israel. Dagegen hat Amos Oz an seiner Friedenspolitik festgehalten. Er bleibt für uns eine politisch-moralische Instanz. Er fehlt uns heute schon.
(Andreas Platthaus, FAZ 29.12.18; Lothar Müller, SZ 29./30.12.18; Tilman Krause, Literarische Welt 29.12.18)
2232: Postchristliche Generation: glücklich und zufrieden
Mittwoch, Dezember 26th, 20181. Der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Gerhard Wegner, stellt fest: Die jungen Erwachsenen in Deutschland sind eine „postchristliche Generation“. Dabei glücklich und zufrieden auch ohne Glauben.
2. 19 Prozent bezeichnen sich als religiös, 20 Prozent als teilweise religiös, 61 Prozent als nicht religiös.
3. 33 Prozent sagen, dass sie mit dem Glauben an Gott nichts anfangen können.
4. Mit 28 Jahren ist die Kirchenaustrittswelle am größten.
5. Es ist gar nicht so sehr die dezidierte Ablehnung der Kirchen, die zunimmt, sondern die ökonomische Überlegung „Was bringt mir das?“ führt zum Austritt.
6. Die größte Austrittswelle gab es nach der Einführung des Solidaritätszuschlags 1991.
7. Die Papstwahlen 2005 und 2013 haben für die Kirchenmitgliedschaft nichts gebracht.
8. Andere Religionsgemeinschaften profitieren nicht vom Mitgliederschwund der Volkskirchen.
9. Evangelikale Freikirchen haben in Deutschland ca. 1,5 Millionen Mitglieder.
10. Esoterische Gemeinschaften wachsen ebenso wenig wie Buddhisten.
11. Selbst unter Muslimen gibt es Säkularisierung.
12. Atheistische Verbände wie die Humanistsische Union kommen im Land auf etwa 30.000 Mitglieder.
13. Eine Sinus-Milieustudie zeigt sowohl in konservativ-wohlhabenden Kreisen als auch in alternativ-postmatriellen Milieus ein großes Interesse an Religion.
14. 2013 sagten 15 Prozent der Befragten, sie fühlten sich mit ihrer Kirche verbunden.
15. Dort, wo die Kirche in der Minderheit ist, fühlen sich ihre Mitglieder besonders wohl.
16. Zu Weihnachten werden die Kirchen voll bleiben. Von ihrer institutionellen Macht müssen sie einiges abgeben.
(Matthias Drobinski, SZ 22./23.12.18)
2231: Trennung von Öffentlichem und Privatem = Europas Stärke
Dienstag, Dezember 25th, 20181. In Amerika nannte man im 17. Jahrhundert „Conversion narratives“ die in der Kirche vor versammelter puritanischer Gemeinde geäußerten Bekenntnisse des persönlichen Erlösungswegs. Die Belohnung dieser rituellen Bekehrung war die Aufnahme in die Gemeinde als vollwertiges Mitglied.
2. Bei diesen Ritualen ist es bis heute geblieben: so musste Bill Clinton zerknittert seine Seitensprünge öffentlich zugeben.
3. Facebook hätten die puritanischen Geistlichen für ein großartiges Medium gehalten. Funktioniert es doch als öffentliches Tagebuch, die Menschen kehren ihr Innerstes nach Außen.
4. Wichtig ist es, für die Gemeinde transparent und „lesbar“ zu sein. Begünstigt wird die Kultur der Autobiografie.
5. Die moderne Digitalisierung wird zum Promoter alter puritanischer Tugenden.
6. In Europa nehmen wir an, dass derjenige, der erwachsen werden will, gelernt haben muss, Geheimnisse zu haben und zu bewahren. Er muss Ambiguität aushalten und so einen privaten Raum schaffen, in dem die Person sich entfalten kann.
7. Firmen wollen wissen, für welche Werbung wir empfänglich sind. Für uns Menschen ist das Geheimnis unverzichtbar.
8. Die Ausrichtung an der großen Gemeinschaft in Amerika führt paradoxerweise gerade nicht zum Gefühl des Aufgehobenseins, sondern zu dem der Vereinzelung.
9. Der große französische Denker Alexis de Tocqueville schilderte in seinem Buch „Über die Demokratie in Amerika“ (1830), wie die Menschen durch den Druck des Massengeschmacks und Massenurteils zu einer Gleichheit in der Vereinzelung geführt werden.
10. „Europa sollte stolz sein auf seine Kultur der Privatheit, auf die urbane und zivile und schließlich demokratische Scheidung des Öffentlichen und des Privaten, es sollte das Recht auf persönliche Geheimnisse und auf ein Privatleben ohne öffentliche Kommentare schützen und sich von den digitalen Netzwerken nicht zu einem Puritanismus verleiten lassen, bei dem wir mehr verlieren, als wir je dazugewinnen könnten.“ (Nathalie Weidenfeld, SZ 20.12.18)
2230: Journalismus: Das Ende der Aufklärung ?
Sonntag, Dezember 23rd, 20181. Der „Spiegel“ schickt seinen Washington-Korrespondenten Christoph Scheuermann nach Fergus Falls in Minnesota (USA), um eine Fälschung des ehemaligen „Spiegel“-Reporters Claas Relotius, 33, aufzuklären.
2. Im Fall von Fergus Falls hatten zwei Blogger, Michael Anderson und Jake Krohn, Relotius sehr früh elf absurde Lügen nachgewiesen. Möglicherweise waren manche Relotius-Texte anti-amerikanisch inspiriert. Insgesamt hat Relotius 60 „Spiegel“-Texte verfälscht oder manipuliert.
3. In all diesen Fällen hat die „Spiegel“-Abteilung für Fakten-Check, „Dokumentation“, versagt, auf die die Zeitschrift hauptsächlich ihren Ruf gründet. Der Ruf ist ruiniert.
4. Inzwischen bemühen sich folgende Blätter, den Wahrheitsgehalt der ihnen von Relotius gelieferten „Geschichten“ aufzuklären: Neben dem „Spiegel“ die „taz“, die „Welt“, „Die Zeit“, das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, der „Tagesspiegel“.
5. Natürlich ist das Ganze Wasser auf die Mühlen der Demokratieverächter bei den „Reichsbürgern“, den Identitären und der AfD, die sich sowieso nur in den Kategorien der „Lügenpresse“ wohlfühlen.
6. Das Versagen der Presse hat systematischen Charakter und ist kein Einzelfall (wir denken an Tom Kummer), wie Cord Schnibben in der FAZ meinte.
7. Es geht nicht etwa nur darum, dass ein von der Industrie bezahlter Influencer schamlos über seine bevorzugten Produkte (Schleichwerbung) schwadroniert.
8. Es handelt sich um den GAU der gesamten Branche.
9. Karl Kraus (1874-1936) hatte die Journalisten ohnehin bloß als die „Kehrichtsammler der Tatsachenwelt“ betrachtet.
10. Der regelmäßig hochgelobte Egon Erwin Kisch (1885-1948) („Schreib das auf, Kisch!“) war tatsächlich kein akribischer Reporter und Faktensammler, sondern ein fantasievoller Geschichtenerzähler von literarischer Qualität.
11. Hans Magnus Enzensberger hatte schon 1957 in „Die Sprache des Spiegels“ gezeigt, dass das Nachrichtenmagazin alle Nachrichten „in ein pseudoästhetisches Gebilde (verwandelt), dessen Struktur nicht mehr von der Sache, sondern von einem sachfremden Gesetz diktiert ist“.
12. „Die Anekdote bestimmt die Struktur einer solchen Berichterstattung.“
13. Juan Moreno („Der Spiegel“): „Die Reportage hat sich in den letzten Jahren massiv Richtung Kurzgeschichte, Richtung Literatur entwickelt.“
14. Viele Journalisten schreiben anscheinend nicht mehr in erster Linie für ihre Leser, sondern für Ressortleiter und Chefredakteure und für die Jurys journalistischer Preise. Das verdirbt den Wahrheitsgehalt.
15. In der Wissenschaft wurde im aus Frankreich stammenden Dekonstruktivismus (Jacques Derrida, Harold Bloom, Paul de Man) nicht zuletzt die These verfochten, dass es eine Wirklichkeit gar nicht gebe, sondern dass alle dargestellte Wirklichkeit Fiktion sei.
16. Das vertrug sich nicht mit dem aus dem angelsächsischen Journalismus stammenden Prinzip der Trennung von Nachricht (Fakt) und Meinung, die in Deutschland erst 1945 in den westlichen Besatzungszonen eingeführt worden ist.
17. Hauptsächlich solchen Lügnern wie Donald Trump ist es auf diese Weise gelungen, Aussage und Wahrheit zu entkoppeln.
18. Wenn nichts wahr ist, kann alles zur Wahrheit erklärt werden.
19. Wenn freier Journalismus in aller Welt energisch und systematisch gegen solche Verhunzungen vorgeht, kann die gegenwärtige Krise des Journalismus zu einem Wendepunkt werden und zu einem Neuanfang führen.
20. Guter Journalismus war stets gekennzeichnet durch: Recherche, Recherche, Recherche.
(Jürgen Kaube, FAZ 22.12.18; Thomas Schmid, Welt 22.12.18; Christian Meier, Welt 22.12.18; David Denk, SZ 22./23.12.18; Annette Ramelsberger, SZ 22./23.12.18; Claudius Seidl, FAS 23.12.18)