Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2283: Woody Allen verklagt die Amazon Studios auf 68 Millionen Dollar Schadensersatz.

Samstag, Februar 9th, 2019

Vor einem New Yorker Bundesgericht hat der Regisseur Woody Allen, 83, die Amazon Studios auf 68 Millionen Dollar Schadensersatz verklagt. Obwohl Allen in allen Prozessen freigesprochen worden war, habe Amazon Studios Gerüchte zum Anlass genommen, Verträge mit ihm über die Produktion von vier Filmen zu lösen. „Amazon hat versucht, den Vertragsbruch durch eine 25 Jahre alte, nicht bewiesene Anschuldigung zu rechtfertigen. Die Anschuldigung war Amazon (und der Öffentlichkeit) aber lange bekannt, als das Unternehmen die vier Verträge mit Herrn Allen schloss.“

Dahinter verbergen sich Missbrauchsvorwürfe aus den Jahren 1992 und 1993. Damals hatte Allens „Lebensgefährtin“ Mia Farrow den Regissseur beschuldigt, ihre gemeinsame, sieben jahre alte Stieftochter Dylan auf dem Dachboden begrapscht zu haben. Allen warf Farrow später vor, den Angriff erfunden zu haben, um sich für seine Beziehung zu ihrer Adoptivtochter Soon-Yi Previn, seiner heutigen Frau, zu rächen.

Die #MeToo-Bewegung sowie ein Gastbeitrag von Allens und Farrows Sohn Ronan im „Hollywood Reporter“ hatten den angeblichen Skandal im vergangenen Jahr nochmals hochgekocht. Die Amazon Studios strichen Allen die Produktion von „A Rainy Day in New York“. Woody Allen hatte die Romantikkomödie mit Jude Law, Selena Gomez und Timothée Chalamet zwei Wochen abgeschlossen, bevor Harvey Weinstein des vielfachen Missbrauchs bezichtigt wurde. Chalamet distanzierte sich von Allen und gab seine Gage an einen Verein für Vergewaltigungsopfer (Christiane Heil, FAZ 9.2.19).

2282: Kretschmann ist von Hannah Arendt befreit worden.

Samstag, Februar 9th, 2019

Auf der Seite der „Literarischen Welt“, auf der Prominente ihre Lieblingsbücher vorstellen, spricht Winfried Kretschmann, 70, u.a. über Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) (9.2.19). Kretschmann ist der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland. 2011 gewählt, 2016 mit 30,3 Prozent wiedergewählt. So weit sind die Grünen noch nicht überall. Nach Joschka Fischer ist Kretschmann der prominenteste von ihnen. Sein aktuelles Buch heißt „Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen“. Kretschmann, der kein Linker ist, bezeichnet sich als Romanleser“. Er schreibt:

„Die Lektüre von Hannah Arendt hat mich vom Linksradikalismus befreit. Als Student war ich ja eine Zeit lang der maoistischen Sekte verfallen. Doch dann wurde die Hannah Arendt zu meinem Kompass. Vielleicht ist sie – zusammen mit Jeanne Hersch – die Figur, die mein politisches Denken am tiefsten geprägt hat. Ihr Werk ‚Vita activa‘ kommt in meinen Reden auch deshalb so oft vor, weil es für meine Orientierung steht. Nach meiner Phase der linksradikalen Verirrung habe ich durch Hannah Arendt viel über das

Wesen des Totalitarismus

gelernt. Später hat mich dann zusätzlich noch Robert Spaemanns ‚Kritik der politischen Utopie‘ mit der Realpolitik versöhnt. Realpolitik jetzt nicht wie bei Bismarck verstanden, sondern als Plädoyer gegen zu viel Utopismus mit seinem Radikalismus und Fanatismus.“

 

2281: Wer oder was spricht gegen Nord Stream 2?

Freitag, Februar 8th, 2019

1. Frankreich stellt sich – trotz deutscher Bitten um Zustimmung – gegen Nord Stream 2. „Wir wollen nicht die Abhängigkeit von Russland verstärken und dabei noch den Interessen von EU-Ländern wie Polen und der Slowakei schaden.“ (Leo Klimm, Alexander Mühlauer, SZ 7.2.19)

2. Der russische Energiekonzern Gazprom baut derzeit mit Hilfe europäischer Investitionspartner (Uniper, Wintershall, OMV, Engie, Shell) eine Gaspipeline unter der Ostsee, Nord Stream 2.

3. Eine erste Leitung ist bereits seit 2011 in Betrieb und verläuft parallel zu der nun geplanten.

4. Das Gas soll von Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) über Leitungen, die noch gebaut werden müssen, bis nach Polen, Tschechien und sogar in die Ukraine geliefert werden.

5. Mit Deutschland sind die Niederlande, Belgien, Österreich, Griechenland und Zypern Unterstützer des Projekts. Sie wollen dadurch Diversifizierung in der Energiezufuhr erreichen.

6. Viel mehr EU-Länder sind gegen das Projekt.

7. Polen fühlt sich umgangen und fürchtet um die Transitkosten.

8. Die Ukraine fürchtet um ihre strategische Bedeutung als Transitland. Denn trotz Nord Stream 1 bezieht Deutschland einen großen Teil seines Erdgases durch die Ukraine.

9. Die europäischen Südländer fühlen sich von Deutschland betrogen. Jahrelang hatten sie eine Rohrleitung von Russland durch Georgien und Bulgarien bis nach Norditalien geplant.

10. Die USA laufen Sturm gegen Nord Stream 2. Sie sind Konkurrenten der Russen und wollen ihr Fracking-Gas LNG (Erdgas in flüssiger Form) in Europa verkaufen.

11. Die EU ist gegen Nord Stream 2. Sie sieht dadurch ihre geplante Energieunion in Europa gefährdet.

12. Deutschland will durch Nord Stream 2 seine Energiezufuhr sichern.

13. Nach einer Analyse des „Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung“ (DIW) ist Nord Stream 2 unnötig.

14. Aus ökonomischer Perspektive bleiben Zweifel. Ob Nord Stream 2 langfristig rentabel ist, steht nicht fest (Anna Steiner, FAS 3.2.19).

15. Anna Steiner schreibt: „Diese Pipeline ist ein Fehler.“.

2280: Klimaschutz nicht gegen Artenschutz ausspielen.

Mittwoch, Februar 6th, 2019

In den vergangenen 30 Jahren ist ein Großteil der heimischen Insekten verschwunden. Und es gibt nur noch halb so viele Vögel wie Ende der achtziger Jahre. Beim Volksbegehren „Rettet die Bienen“ geht es nicht nur ums Bienensterben, sondern ums

Sterben der Arten.

Betroffen sind nicht nur die Honigbienen, sondern 570 Wildbienenarten, die für die Bestäubung von Pflanzen minestens genau so wichtig sind.

Ursache der Fehlentwicklung ist hauptsächlich die intensive Landwirtschaft. So wissen Vogelschützer, dass die Zahl der Vögel, die auf Feldern brüten und dort ihr Futter suchen, wesentlich stärker zurückgegangen ist als die der Waldvögel. Der großflächige Einsatz von Insektiziden tut sein Übriges.

Insofern ist es vollkommen schlüssig, den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft zu fordern, in der die Bauern keine Pestizide verwenden. Es ist richtig, hier einen Anfang zu machen. Hilfreich sind auch Blühstreifen an Feldrändern. Sie helfen nicht nur Bienen, sondern auch den Vögeln. Mehr Brachflächen würden helfen. Aber in der EU geht der Trend in die Gegenrichtung. In Deutschland liegt nur 1,7 Prozent der Ackerfläche brach. Um die Jahrtausendwende waren es bis zu zehn Prozent.

Auf vielen ehemaligen Brachflächen werden Raps und Mais angebaut, sogenannte Bioenergiepflanzen, die unter anderem zu Biodiesel und Biogas verarbeitet werden. Das verringert zwar den Ausstoß von CO2, doch es schadet dem Artenschutz. Bei vielen Arten sind die Rückgänge seit 2007 zu konstatieren, als die EU die Förderung von Brachflächen gestoppt hat.

Politisch falsch wäre es, den Klimaschutz gegen den Artenschutz auszuspielen wie das etwa immer wieder bei den Konflikten geschieht zwischen Klimaschützern, die in Windenergie investieren, und Artenschützern, die Windräder fanatisch bekämpfen. Das wirkt lächerlich und schadet den ökologischen Programmen insgesamt (Tina Baier, SZ 1.2.19).

2279: Francis Fukuyamas Begriff der „Leitkultur“

Dienstag, Februar 5th, 2019

Für seine These vom „Ende der Geschichte“ vor knapp 30 Jahren wurde Francis Fukuyama, geb. 1951, hauptsächlich verlacht. Sie besagte ja, dass sich die westliche liberale Demokratie endgültig durchgesetzt habe. Besonders verachtet wurde Fukuyamas These bei den Linken, die gar nicht wollen, dass die liberale Demokratie siegt. Sie sehen in ihr einen kapitalistischen Repressionsstaat. Aber spätestens mit Putins Annektion der Krim 2014 ist Fukuyamas These endgültig ad absurdum geführt.

Nun hat Fukuyama ein neues Buch vorgelegt, von dem ich annehme, dass es auf genau so viel Widerstand trifft wie „Das Ende der Geschichte“:

„Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet.“ (Hoffmann und Campe), 240 Seiten, 22 Euro.

Ich verwende für meine Analyse einmal einen Beitrag von Marc Reichwein (Literarische Welt 2.2.19), zweitens ein Interview von Gregor Quack mit Francis Fukuyama (FAS 3.2.19) und fasse meine Argumente in 13 Punkten zusammen:

1. Nach eigenem Bekunden hat Fukuyama seine Meinung aus zwei Gründen geändert. a) Wegen des Irakkriegs der USA, der ihm gezeigt habe, dass man Demokratie nicht einfach militärisch installieren könne. b) Auf Grund der Finanzkrise von 2008, die belege, dass die Märkte sich nicht selbst zum Besten regulierten.

2. Diejenigen, die sich durch Identitätspolitik für Minderheiten (Schwarze, Frauen, Behinderte, Alleinerziehende, Homosexuelle, Flüchtlinge et alii) bedroht fühlten, täten das nicht in erster Linie aus ökonomischen, sondern aus kulturellen Gründen. Die Bedrohung komme nicht mehr von außen (Russland, China), sondern von innen.

3. Wir brauchten deswegen eine Leitkultur. Aber nicht im Sinne von Friedrich Merz 2000. Sondern im Sinne meines Göttinger Kollegen

Bassam Tibi.

Der hatte „Leitkultur“ als „Glauben an Gleichheit und demokratische Werte“ definiert.

4. Der von Rechtspopulisten gerne ins Feld geführte und von Plato entlehnte Begriff des „Thymos“ bedeute eigentlich den Wunsch nach Anerkennung und Respekt. In der aktuellen politischen Realität bedeute er ein Gefühl der Benachteiligung und der Rehabilitierung von Ressentiment, Wut und Zorn.

5. Begründet sei dieser Wunsch gegenwärtig durch die falsche linke Politik, die Interessen von Minderheiten in den Vordergrund zu schieben (so auch Mark Lilla).

6. Zugleich sei zu verzeichnen eine zunehmende sozioökonomische Ungleichheit im Westen.

7. Die Linke schätze dabei die Identität einzelner Gruppen gering wie die der weißen Europäer, der Christen und der Landbevölkerung.

8. Migration sei die größte Herausforderung.

9. „Bürger heutiger Gesellschaften verfügen über verschiedene Identitäten.“

10. Dem werde ein streng ideologisches Verständnis von Multikulturalismus nicht gerecht.

11. Die rechte Version von Identitätspolitik wolle die USA auf einen Stand von vor 1960 zurückfahren, wo ein „echter“ Amerikaner weiß war.

12. In vielen Gesellschaften sei traditionell das Militär die mächtigste Integrationsmaschine.

13. „Aktuell glaube ich, dass wir hier in den Vereinigten Staaten mehr Sozialdemokratie gebrauchen könnten.“

Kommentar W.S.: Fukuyamas Thesen werden enormen theoretischen Widerstand auf den Plan rufen.

2278: Marianne Birthler über ihre Karriere und die Ossis

Montag, Februar 4th, 2019

Marianne Birthler war bei der Vereinigung Deutschlands 40 Jahre alt. 1990 wurde sie Bildungsministerin in Brandenburg. 1992 trat sie wegen Stasi-Vorwürfen gegen Ministerpräsident Manfred Stolpe von ihrem Ministeramt zurück. Sie wurde Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, fühlte sich dort aber gemobbt. 2000 wurde sie Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, weshalb sie heute noch von vielen Ossis gehasst wird. 2016 wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Marianne Birthler zur Bundespräsidentin vorschlagen. Cerstin Gammelin und Alexander Hagelüken haben sie für die SZ (1.2.19) interviewt.

SZ: Frauen in der DDR arbeiteten öfter als im Westen, war das gut?

Birthler: Grundsätzlich ja. Aber die Belastung war enorm. Frauen übernahmen eine neue Rolle, wurden ihre alte aber nicht los; für den abgerissenen Knopf am Sakko ihres Mannes waren sie immer noch zuständig. Und es gab keine Spülmaschine, für vieles musste man anstehen. Meine Freundin hatte als Ärztin viele überanstrengte Frauen in ihrer Praxis.

SZ: Welche ihrer Hoffnungen aus der Wendezeit erfüllten sich?

Birthler: Der wichtigste Wunsch erfüllte sich: Ich selbst, meine Kinder und Enkel und meine Freunde leben in einem freien Land. Enttäuschend finde ich bis heute, dass viele ihre Freiheit nicht nutzen, weil sie Angst um ihre Karriere haben oder um den Listenplatz bei Wahlen oder aus Bequemlichkeit.

SZ: Von 2000 an leiteten Sie die Behörde für Stasi-Unterlagen. Was war ihr Ziel?

Birthler: Unter anderem, dass alle Einsicht in die Unterlagen bekommen, die das wünschen. Jede Einsicht ist eine Entscheidung gegen das Verschweigen, Verdrängen, Vergessen.

SZ: Deutschland erlebt einen Job-Boom, die AfD steigt trotzdem auf.

Birthler: Die AfD feiert ihre Erfolge weniger, weil die Menschen wirtschaftlich abgehängt sind. Eher fühlen sie sich von der Politik abgehängt. Sie verstehen Politik als Dienstleistung: Wir bezahlen euch, und ihr macht, was wir für richtig halten. Aber dann liefert die Politik nicht, was sie bestellen: Weil es andere Mehrheiten gibt, Gesetze, die Werte der Verfassung, Kompromisse, fairen Streit. Das erzeugt Frust. Im Grunde ist es Widerstand gegen die offene Gesellschaft.

SZ: Im Osten hat die AfD besonders Erfolg.

Birthler: Das hat auch mit jahrzehntelangem Leben in der Diktatur zu tun. Und mit der Zeit danach, dem Gefühl der Zweitklassigkeit gegenüber dem Westen.

2277: Es gibt noch Gesunde.

Montag, Februar 4th, 2019

Laut Auskunft der „American Heart Association“ leiden 48 Prozent der Amerikaner an Herz-Kreislauf-Beschwerden. Allerdings nur, wenn wir die Menschen mit hohem Blutdruck dazuzählen. Ansonsten sind es nur neun (9) Prozent. 2017 wurden die Blutdruckgrenzwerte von 140/90 auf 130/80 mm HG gesenkt. Die Zahl der Kranken ist also hausgemacht, präziser

arztgemacht.

Ähnlich die Schlagzeilen zum Übergewicht. Die Grenzwerte für Übergewicht wurden Ende der neunziger Jahre deutlich gesenkt. Das Gesundheitsrisiko steigt erst bei massiver Fettleibigkeit. Die Liste lässt sich fortsetzen:

– Blutzucker,

– Cholesterin,

– Vitamin D,

– Knochendichte.

Ist die Grenze zur Krankheit nicht niedrig genug, werden Prä-Erkrankungen definiert. Die Therapie kann gar nicht früh genug beginnen.

Tatsächlich werden die Menschen im Durchschnitt gesünder, als sie je waren. Allerdings ist das Gesundheitswesen in vielen Staaten die größte Wirtschaftsbranche. Deswegen wird beim Krankwerden nachgeholfen: Grenzwerte senken, Krankheitsdefinitionen ausweiten, Leiden erfinden, neue Patientenschichten gewinnen. Wir nennen das

Medikalisierung.

Von den ständigen Horrormeldungen geht ein großer Schaden aus. Denn wer glaubt, dass er krank ist oder wird, wird auch eher krank (Werner Bartens, SZ 4.2.19).

2276: Eine neue Rüstungsdebatte kommt.

Montag, Februar 4th, 2019

Die Kündigung des INF-Vertrags durch die USA und Russland zieht eine neue Rüstungsdebatte nach sich. CDU/CSU und SPD in der großen Koalition sind heute bereits uneinig. Während SPD-Generalsekretär Klingbeil schrieb: „Neue Raketen in Europa. Nicht mit uns.“, sagte CDU-Generalsekrtär Paul Ziemiak: „Russlands Verletzung des INF-Vertrages darf am Ende des Tages nicht durch naive deutsche Außenpolitik belohnt werden.“

Russlands Potentat Wladimir Putin betonte in seiner gewohnt listigen Art, dass Russland Kurz- und Mittelstreckenrakten nur dann in Mitteleuropa stationieren werde, wenn die USA dies ebenfalls täten. Unterdessen schlugen der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter und der SPD-Mann Rolf Mützenich vor, dass Russland seine neuen Marschflugkörper so weit nach Osten verlagern solle, dass sie Europa nicht mehr erreichen können. Im Gegenzug sollten die USA eigene Abschussanlagen in Europa für russische Kontrollen öffnen (Jens Schneider, SZ 4.2.19).

Tatsächlich haben die USA und Russland den INF aufgekündigt, weil sie sich gegen Chinas Hochrüstung wappnen wollen.

Wer alt genug ist, sich an den Nato-Doppelbeschluss zu erinnern, sollte vor allem an dessen Folgen denken.

Interessant wird die Position der Grünen, die im Bund ja – zu Recht – in die Regierungsverantwortung streben. Ich erinnere mich noch genau an ihre Haltung zur Nato-Nachrüstung Anfang der achtziger Jahre.

2275: Singapurs Autopolitik

Sonntag, Februar 3rd, 2019

Singapur hat dem Individualverkehr den Kampf angesagt. Seit Jahren begrenzt die Verkehrsbehörde die Zahl der Autos auf den Straßen. Deshalb kommt es in Singapur wenigstens noch zu zähfließendem Verkehr statt zum Dauerstau wie in

Bangkok,

Jakarta oder

Manila.

Autofahren ist zum Luxus geworden, weil die Behörden alles dafür getan haben. Sie erheben exorbitante Importzölle, Zertifikats- und Straßengebühren. Allein die Autozulassung kostet zwischen 32.000 und 50.000 Euro. Das Wachstum bei Neuwagen wurde jahrelang auf 0,25 Prozent begrenzt. Letztes Jahr wagte Singapur einen radikalen Schnitt: die Wachstumsquote wurde auf null (0) Prozent beschränkt. Nur wenn ein altes Fahrzeug stillgelegt wird, gelangt ein neues Auto in Singapur auf die Straße (Till Fähnders, FAS 3.2.19).

2274: Michel Houellebecq ist wirklich ein Rechtspopulist.

Samstag, Februar 2nd, 2019

Adam Soboczynski führt uns eindrücklich vor, dass Michel Houellebecq tatsächlich ein Rechtspopulist ist (Die Zeit, 17.1.19). Er nennt ihn einen „neurechten Denker“. Aber das finde ich unangebracht, weil es Rechte gibt, die keineswegs populistisch, sondern nur konservativ sind. Ich gebe hier Soboczynskis Argumente mit meinen Worten wieder:

1. Houellebecq bedauert den Rückzug des männlichen Zeitalters.

2. Er beklagt, dass Prostitution in Frankreich unter Strafe steht.

3. Für ihn wird so die europäische Gesellschaft in den Untergang getrieben.

4. Frei seien wir nur, wenn wir uns aus der „Zwangsjacke der Linken“ befreiten.

5. Die Massenmedien bildeten einen linken Mainsteam.

6. Houellebecq spricht frei von jeder Ironie von der „Lügenpresse“.

7. „Ich bin bereit, jeden zu wählen, der sich für den Austritt aus der Europäischen Union und der Nato einsetzt.“

8. Houellebecq will durch den Austritt aus der EU die Souveränität Frankreichs zurück.

9. Er preist die USA dafür, dass sie sich nicht mehr für die Pressefreiheit einsetzen.

10. Er feiert den Brexit.

11. Houellebecq möchte eine Annäherung an Russland.

12. Er begrüßt den wirtschaftspolitischen Protektionismus der Trump-Administration dafür, dass dadurch den US-Arbeitern geholfen werde.

13. Die deutsche Literaturkritik klammert Houellebecqs politische Haltung weitgehend aus.

14. Nach Houellebecq zerbrechen wir Europäer am Individualismus der 68er und leiden unter der Auflösung der Familien.

15. Frauen seien heute zum Rattenrennen um Pöstchen gezwungen.

16. Für Houellebecq ist Gewalt im Zweifel ein legitimes Mittel der Politik.

17. Es gibt bei ihm zwei Möglichkeiten, mit dem Unglück des Freihandels der Körper und Waren umzugehen: a) man kann sich sedieren, b) man kann religiös entrückt werden und sich dann umbringen.

18. „Wo nur noch leere und atomisierte Individuen saufen und am Ende des Monats nicht mehr die Rechnung zahlen können, weist der Gewehrlauf zur Freiheit und zur Wahrheit …“

19. Der Literaturkritiker der „Welt“ feiert Houellebecqs letzten Roman als „Metaphysik der Muschis“.

20. Sein Freund Frédéric Beigbeder: „Es wird unterhaltsam sein, den Bobo-Kritikern in den kommenden Wochen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, einen Autor wieder für sich zu vereinnahmen, der sowohl die Ökos als auch die Feministinnen abschießt.“