Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2711: Thüringen: Das Problem ist die CDU.

Samstag, Februar 8th, 2020

Unter den CDU-Mitgliedern und -Mandatsträgern in Thüringen gibt es ziemlich viele, die sich eine Zusammenarbeit mit der AfD wünschen. Infolgedessen war der Schlingerkurs von Fraktionschef Mike Mohring schlüssig, der von Anfang an nicht auf Berlin und die Parteivorsitzende Kramp-Karrenbauer hören wollte. Hinzu kam die moralische Infamie, zusammen mit der insgesamt ziemlich lächerlichen FDP (5-Prozent-Partei) und gemeinsam mit der AfD abzustimmen. Nun haben wir den Salat. Da kommen wir nur wieder raus, wenn Ministerpräsident Kemmerich (FDP) die Vertrauensfrage stellt und dann Bodo Ramelow (Linke) gewählt wird. Furchtbar. Die Demokratie ist beschädigt, die AfD gestärkt.

Wir haben es hier mit einem klassischen Ossi-Thema zu tun, weil unsere dortigen Landsleute noch nicht so weit sind.

SPD und Grünen die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen, ist falsch und unberechtigt. Außerdem haben die in Thüringen einfach zu wenig Stimmen.

Am besten wären Neuwahlen. Aber die wollen Linke, CDU und FDP nicht. Die FDP kriegte ja keine 5 Prozent mehr.

In der Bundes-CDU schwindet die Unterstützung für Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie wird allein gelassen (schändlich !!). Hier sollte die CDU sehr vorsichtig sein. Denn wenn 2021 Frau Kramp-Karrenbauer nicht Kanzlerkandidatin wird, könnte durch den Schlingerkurs der kleine Karnevalsprinz aus Aachen, Armin Laschet, bereits beschädigt sein.

2710: Katholischer Reaktionär beschädigt die Kirche.

Freitag, Februar 7th, 2020

Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, setzte den „synodalen Weg“, die Reformbemühungen der katholischen Kirche, gleich mit dem Ermächtigungsgesetz der Nazis von 1933. Mit dem Ermächtigungsgesetz, dem „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ vom 24. März 1933, erteilte der Reichstag Adolf Hitler die pauschale Befugnis, ohne Zustimmung Gesetze zu erlassen. So wurde der Weg zur NS-Diktatur geebnet. Anscheinend weiß Müller das nicht. Er ist auf unsachliche und polemische Äußerungen spezialisiert. Als 2010 die zahlreichen Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche bekannt wurden, bezichtigte Müllere Journalisten einer kirchenfeindlichen Haltung ähnlich der der Nazis. Müller will anscheinend zurück in die schlimmen alten Zeiten.

Müller repräsentiert die katholische Kirche nicht, sondern nur ihren reaktionären Flügel. In der Kirche gibt es sehr viele kluge, fromme und menschenfreundliche Gläubige, die von Reaktionären wie Müller bekämpft werden (Annette Zoch, SZ 6.2.20).

2709: Jeder zweite Flüchtling arbeitet nach fünf Jahren.

Freitag, Februar 7th, 2020

Knapp die Hälfte der seit 2013 nach Deutschland Geflüchteten geht fünf Jahre nach ihrer Ankunft einer geregelten Arbeit nach. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Die Arbeitsmarktintegration erfolgt damit etwas schneller als bei Geflüchteten früherer Jahre.“ Mehr als zwei Drittel der Flüchtlinge, die einen Job haben, arbeiten Vollzeit. (dpa, SZ 5.2.20)

2708: Ministerpräsidentenwahl: abgekartetes Spiel

Donnerstag, Februar 6th, 2020

Die Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten war von langer Hand von CDU, FDP und AfD in Thüringen abgekartet. Moralisch unmöglich. Das gibt unserer Demokratie einen kräftigen Tritt. Es bleibt nur ein Ausweg: Neuwahlen.

In Berlin sieht es ganz anders, aber nicht viel besser aus. Hier scheitern Neuwahlen bekanntlich an der Angst von Hinterbänklern der SPD und der Union.

2707: Barbara Sukowa 70

Montag, Februar 3rd, 2020

2012 war sie in Margarethe von Trottas „Hannah Arendt“ die Hannah. Sie hat vielen Prominenten ein Gesicht gegeben (z.B. Hildegard von Bingen, Rosa Luxemburg). Bei Rainer Werner Fassbinder war sie in „Berlin Alexanderplatz“ (nach Alfred Döblin) die „Mietze“. 1981 hatte sie bei Fassbinder ihren Durchbruch als „Lola“. Ihr Weg zu zahlreichen großen, auch internationalen Rollen war gerade. Sie stammte aus einer Bremer Kaufmannsfamilie, war Ensemblemitglied bei der „Schaubühne“, als diese ihre große Phase hatte, und ging dann zu Ivan Nagel nach Hamburg. Im Film war sie auch die Terroristin Marianne (nach Gudrun Ensslin) in „Die bleierne Zeit“ (Margarethe von Trotta). Eine deutsche Schauspielerin. Barbara Sukowa wurde gestern 70 Jahre alt (Bert Rebhandl, FAZ 1.2.20).

2706: Alfred Bauer war Nazi.

Sonntag, Februar 2nd, 2020

Der Gründungsdirektor der Berlinale (1951-1976) Alfred Bauer (1911-1986) war Nazi (NSDAP-Mitglied, SA-Mann, Mitglied in der Reichsfilmintendanz unter Fritz Hippler). Das haben Recherchen u.a. der „Zeit“ ergeben. Einen nach ihm benannten Filmpreis auf der Berlinale darf es künftig nicht mehr geben (Claudius Seidl, FAS 2.2.20). Eigentlich hätte es vorher schon jeder wissen können (Interview von Hanns-Georg Rodek mit Armin Jäger, Die Welt 1.2.20). Aber darum hatte sich keiner gekümmert (im Folgenden Ironie beachten, die nicht von allen verstanden wird).

Meine lieben Leserinen und Leser, was wir wissen, ist, dass alle, die nach 1945 im deutschen Film (West) tätig waren, vorher im Nazifilm gearbeitet hatten (also Nazis waren oder deren opportunistische Mitläufer), außer Hans Abich und Rolf Thiele von der Filmaufbau Göttingen (bis 1962). Diejenigen, auf die das nicht zutraf, waren emigriert (hauptsächlich Juden), ermordet worden oder hatten Selbstmord begangen (z.B. Joachim Gottschalk, Herbert Selpin). Marlene Dietrich und Emil Jannings waren schon vor 1933 in Hollywood.

Erst im Oberhausener Manifest von 1962 erklärte der „junge deutsche Film“ (Alexander Kluge, Edgar Reitz, Peter Schamoni u.a.), dass er mit „Opas Kino“ nichts mehr zu tun haben wollte.

Aber auch danach ging es mit Opas Kino noch munter weiter. Über den Nazi-Film können wir uns gut informieren in

Francis Courtade/Pierre Cadars: Geschichte des Films im Dritten Reich. München 1975, 336 Seiten.

Ich vergesse nicht darauf hinzuweisen, dass der Reichsfilmintendant Fritz Hippler, der Vorgesetzte Alfred Bauers, den antisemitischen Hetzfilm „Der ewige Jude“ (1940) gemacht hatte (Regisseur), der heute anscheinend noch in manchen Köpfen herumgeistert. Hippler publizierte 1981 (!!)

Die Verstrickung. Einstellungen und Rückblenden. Düsseldorf 1981, 300 Seiten.

Auf der Rückseite dieses Buchs befindet sich eine Fotografie Fritz Hipplers mit Bundespräsident Walter Scheel (FDP) von 1975.

Wir müssen heute darauf bedacht sein, dass nicht jeder allein deshalb zum modernen Helden wird, weil er die Akten eines alten Nazis ausgebuddelt hat.

 

2705: Großbritannien gehört leider nicht mehr zur EU.

Sonntag, Februar 2nd, 2020

Großbritannien gehört leider nicht mehr zur EU. Das hat negative Folgen für das United Kingdom sowohl als auch für die EU. Vor allem wirtschaftliche. Es könnte aber auch das Ende der EU eingeläutet sein. Dann könnten wir China, Russland und die USA nicht mehr bändigen.

Eine Analyse des US-Außenministers Dean Acheson hatte 1962 ergeben, die Briten hätten „ein Empire verloren, aber noch keine neue Rolle gefunden“. „.. viel ist faul im Staat der Briten. Sie sind fast vier Jahre lang nicht mehr ordentlich regiert worden, während der Brexit-Bürgerkrieg tobte, und dem Zustand des Landes sieht man es an, die Vernachlässigung der heimischen Agenda hat sich auf vielen Feldern krisenhaft zugespitzt. An der Bewältigung dieser Aufgaben wird der Bürger ablesen können, was die viel beschworene Souveränität ihm bringt.“ (Thomas Kielinger, Die Welt 1.2.20)

Was wird aus Nordirland? Schottland strebt wieder in die EU. Europa braucht die britischen Atomwaffen. Hoffentlich nehmen der Nationalismus und die Fremdenfeindlichkeit nicht noch zu! Wenn keine polnischen und rumänischen Arbeiter mehr ins Land kommen, bricht die Wirtschaft an einigen Stellen ein, z.B. in der Landwirtschaft.

Ein Berater des britischen Verteidigungsministeriums schrieb schon 1949: „Wir haben von uns selbst das Bild einer Großmacht, die nur zeitweilig durch ökonomische Schwierigkeiten gehandicapt ist. Wir sind aber keine Großmacht mehr und werden niemals wieder eine sein. Wir sind eine große Nation, aber wenn wir uns weiter wie eine Großmacht aufführen, werden wir bald aufhören, auch eine große Nation zu sein.“

Trotzdem ist jetzt nicht die Zeit für Hass und Streit. Englisch bleibt die lingua franca auf dem Globus. Wir brauchen auch bei uns etwas von der britischen Selbstironie. In der Literatur bleiben William Shakespeare und Harry Potter, in der Musik die Beatles und die Rolling Stones. Dann können unsere künftigen Handelsbeziehungen zu Großbritannien auch manches Produktive und Weiterführende enthalten.

Ich erinnere daran, dass Großbritannien schon sehr früh Kodifizierungen persönlicher Freiheits- und Menschenrechte kannte, als anderswo noch der Untertanengeist herrschte: Magna Charta Libertatum 1215, Entstehung des Parlaments im 14. Jahrhundert, Petition of Rights 1628, Habeas Corpus Akte 1679, Bill of Rights 1689. Viel davon ist in die US-amerikanische Verfassung (1776) eingeflossen, die wir heute noch weltweit dringend zur Regelung menschlicher und staatlicher Beziehungen brauchen.

2704: CDU-Vorsitzende gegen Zölibat

Sonntag, Februar 2nd, 2020

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer spricht sich gegen den Zölibat aus. Das könne helfen, „mehr Menschen für diesen Dienst zu begeistern“. „Die Lebensentscheidung, ohne Familie zu leben, ist für viele eine zu große Hürde.“ Zudem wünsche sie sich „viel mehr Frauen in der Kirche“. In einem „ersten Schritt“ sollten deswegen Frauen als Diakoninnen zugelassen werden. Annegret Kramp-Karrenbauer ist Mitglied im Zentralkomitee deutscher Katholiken (AFP, FAS 2.2.20).

Das ist nicht der einzige gute Vorschlag von Frau Kramp-Karrenbauer. Auch wenn sie rhetorisch nicht brilliert und kein Englisch kann, ist sie die beste Unions-Kanzlerkandidatin. Sie spaltet nicht. CSU-Kandidaten sind, wie mehrere Bundestagswahlen gezeigt haben, nicht als Kandidaten für ganz Deutschland geeignet. Und Friedrich Merz spaltet. Wenn er Kanzlerkandidat wird, kriegt die Union meine Stimmen nicht.

2703: Alfred Grosser 95

Samstag, Februar 1st, 2020

1933 musste der jüdische Arztsohn mit seinen Eltern nach Frankreich emigrieren. Er fühlte sich bald als Franzose. Er studierte Germanistik und ging in den Untergrund. Nach 1945 widmete er sein Berufsleben der deutsch-französischen Aussöhnung. Ab 1956 am Pariser Institut Sciences Po, das er später zwanzig Jahre leitete. Schon in seinem ersten Buch 1953 unterstrich er, dass die Deutschen nicht nur aus Nazis bestanden hatten, sondern auch aus Antifaschisten, Exilanten, Widerstandskämpfern und Opfern. Dabei war Grosser in seinen Aussagen stets völlig klar und unmissverständlich. Der überzeugte Europäer kritisierte Israels Regierung wegen ihrer völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik. In seinen Memoiren bezeichnete er sich als gar nicht unglücklichen Sisyphus. Im Gegensatz zu Albert Camus betonte er, dass der Stein nie ganz bis unten zurückrolle. Alfred Grosser wird heute 95 Jahre alt (Joseph Haniman, SZ 31.1.20).

2702: Evonne Goolagong statt Margaret Court ?

Freitag, Januar 31st, 2020

Margaret Court (früher: Smith), 77, ist 24-malige Grand Slam-Siegerin. Nach ihr ist bei den Australian Open in Melbourne ein Platz benannt. Dort hat sie besonders häufig gewonnen. In diesem Jahr wurde sie dafür speziell geehrt. Trotzdem gab es Protest und die Forderung, den Margaret Court-Platz in „Evonne Goolagong Arena“ umzubenennen. Evonne Goolagong hat indigene australische Wurzeln. Sie hat sieben Mal einen Grand Slam gewonnen. Sie ist nach Meinung von Martina Navratilova, 63, und John McEnroe, 60, beide mehrfache Wimbledon-Sieger, eine weitaus würdigere Namensgeberin für einen Platz in Melbourne als Margaret Court. Diese hat in Perth eine freikirchliche Gemeinde gegründet und ist durch Polemiken gegen gleichgeschlechtliche Ehen, gegen die LGBTQ+Community und religiös motivierte, homophobe Predigten aufgefallen (Barbara Klimke, SZ 29.1.20).