Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2842: 75 Jahre „Süddeutsche Zeitung“ (SZ)

Samstag, Mai 9th, 2020

Cherfredakteur Kurt Kister schreibt dazu (SZ 9./10.5.20):

„Am 6. Oktober 1945, einem Samstag, gab es sie für 20 Pfennig im zerstörten München zu kaufen. Es waren acht Seiten, und die Auflage betrug immerhin 357.000 Exemplare. Gedruckt wurde die SZ auf einer Maschine aus dem Jahr 1924, die im Keller des Verlagshauses der ‚Münchener Neuersten Nachrichten‘ in der Sendlinger Straße die Bombenangriffe überstanden hatte.“

„Die US-Militärregierung in Bayern hatte drei Männern die Lizenz Nummer eins übertragen: dem konservativen Journalisten August Schwingenstein, dem Sozialdemokraten Edmund Goldschagg und dem Katholiken Franz Josef Schöningh. Später kamen als Anteilseigner und Gesellschafter noch der nachmalige Chefredakteur Werner Friedmann sowie der Generaldirektor des Verlags, Hans Dürrmeier, dazu. Auch in Verlag und Redaktion der SZ spiegelte sich damals wider, was die frühen jahre der Bundesrepublik prägte: Unter denen, welche die neue demokratische Zeit formen sollten, waren Nazi-gegner, Indifferente, Mitläufer und durchaus auch ehemalige Nazis.“

„In 75 Jahren jedenfalls wurde aus der SZ, dem einst zweimal wöchentlich erscheinenden Lokalblatt, die wichtigste nationale Zeitung in Deutschland (ein freundlicher Gruß nach Frankfurt). Gleichzeitig blieb sie die wichtigste Zeitung in ihrer Heimat München und Bayern.“

„Obwohl das Interesse der Menschen an vertrauenswürdigen Informationen in so einer Krise steigt, was sich an höheren Nutzer- und Abonnentenzahlen ablesen lässt, sinken dennoch die Einnahmen. Die Branche, auch die SZ, muss mit weniger Geld eine gestiegene Nachfrage bedienen.“

„Das Lesen auf Papier ist eine jahrhundertealte Kulturtechnik. Und seit gut 150 Jahren ist die gedruckte Zeitung, finanziert durch Anzeigen und den Verkauf des Blattes, ein Teil des Alltags vieler Menschen, nicht nur, aber gerade in den sogenannten bürgerlichen Schichten.“

„Die Idee Zeitung bedeutet, dass eine Redaktion nach bestem Wissen und Gewissen versucht, die Welt so weit abzubilden, wie das möglich und nötig ist. Sie ordnet für einen bestimmten Zeitraum das Geschehen, sie kommentiert es, und sie tut das in einer Weise, die Menschen, die gerne lesen, egal auf welchem Medium, im besten Fall Erkenntnis bringt und auch noch Vergnügen schafft. Vergnügen kann dabei Freude über gut erzählte Geschichten bedeuten, Lächeln über Sprachbilder oder auch Befriedigung darüber, dass man nach der Beschäftigung mit der SZ mehr weiß als vorher.“

Ich, W.S., lese die SZ regelmäßig seit 1973.

 

2841: Amos Goldberg und Alon Confino über Postkolonialismus

Freitag, Mai 8th, 2020

In letzter Zeit wird vehement gestritten (in der „taz“ und anderswo) darüber, ob der von dem afrikanischen Gesellschaftswissenschaftler Achille Mbembe vertretene Postkolonialismus

antisemitisch

ist. Dazu haben Amos Goldberg und Alon Confino einen Beitrag (taz 2./3.5.20) geschrieben, der mich durch seine Menschlichkeit sehr anspricht. Beide sind Professoren für die Geschichte des Holocaust. Der eine in Amhurst/USA, der andere in Jerusalem. Ich verkürze ihre Aussagen (hoffentlich angemessen).

1. Schon ein großer zionistischer Führer, Ze’ev Jabotinsky, hat 1923 kühl darüber geschrieben, warum die Palästinenser den Zionismus ablehnten: „Meine Leser haben eine allgemeine Vorstellung von der Geschichte der Kolonialisierung in anderen Ländern. Ich schlage vor, dass sie alle ihnen bekannten Fälle betrachten und prüfen, ob es einen einzigen Fall gibt, in dem eine Kolonisierung mit der Zustimmung der einheimischen Bevölkerung durchgeführt wurde. Diesen Präzedenzfall gibt es nicht. Die einheimische Bevölkerung hat immer hartnäckig Widerstand gegen Kolonisatoren geleistet.“

2. Der leidenschaftliche Zionist Haim Kaplan, der 1942 in Treblinka ermordet wurde, hat 1936 geschrieben, dass die Palästinenser ja recht hätten: Der Zionismus vertreibe sie aus ihrem Land  und beginne einen Krieg gegen sie.

3. Die Debatte, wie weit der Zionismus kolonialistisch ist, ist seit 1967 noch nicht abgeschlossen.

4. Der Zionismus bot den Juden einen sicheren Hafen. Gleichzeitig schuf er einen kolonialen Siedlerstaat, in dem Segregation und Diskriminierung zum Alltag gehören.

5. Wir müssen zwei Geschichten erzählen. Die davon, dass Juden vor dem Antisemitismus besonders in Deutschland nach Palästina flohen. Und die davon, welche Konsequenzen das für die Palästinenser hatte.

6. Die Europäer sehen den jüdischen Flüchtling. Die Palästinenser sehen den kolonialen Siedler.

7. Juden haben heute eine doppelte Verantwortung: Sie müssen den Antisemitismus weltweit bekämpfen. Und sie tragen in Israel die Verantwortung für das falsche Verhalten gegenüber den Palästinensern.

8. 1948 wurden die meisten palästinensischen Zivilisten vertrieben. Heute sind sie Zeugen der israelischen Besatzung: der Plünderung von Land, der Errichtung von Siedlungen, der Tötung Unschuldiger, des Abrisses von Häusern und anderem.

9. Israel plant derzeit die Annexion großer Teile des Westjordanlands.

10. Wir dürfen die palästinensischen Stimmen nicht überhören: „Diese Stimmen sind Teil des Gesprächs und dürfen nicht reflexartig als antisemitisch bezeichnet werden. Wenn wir auf diese Stimmen hören und unserer Verantwortung genügen, macht uns das mehr und nicht weniger jüdisch. Es macht uns alle mehr und nicht weniger menschlich.“

2840: Cem Özdemir (Grüne) erklärt den 8. Mai.

Freitag, Mai 8th, 2020

Der Abgeordnete Cem Özdemir von den Grünen erklärt uns dem 8. Mai. Er stehe für das Ende des Zweiten Weltkriegs, den Sieg über den Naziterror und die Befreiung der deutschen Konzentrationslager. Wer hier eine „absolute Niederlage“ sehe wie der AfD-Fraktionschef Alexander Gauland, der stehe auf der falschen Seite der Barrikade (Markus Balser, SZ 7.5.20).

2839: Deutscher Presserat: Journalisten besser schützen !

Freitag, Mai 8th, 2020

Der Deutsche Presserat, der Zusammenschluss von Journalisten (DJV, dju) und Verlegern (BDZV, VDZ), verlangt mehr Schutz für Journalisten. “ Es ist nicht akzeptabel, dass Kamerateams von privaten Sicherheitskräften begleitet werden müssen. … Völlig unerträglich ist es, wenn eine Journalistin durch Polizeibeamte bei ihrer Arbeit behindert oder gar verletzt wird. … Der Schutz der Pressefreiheit ist verfassungsmäßige Aufgabe des Staates.“ (Mail des Deutschen Presserats vom 5.5.20).

Anlass für die Erklärung des Presserats war der Überfall auf den „Heute Show“-Comedian Abdelkarim Zemhoute und sein Team sowie die Tatsache, dass eine Kameraassistentin von einem Polizisten geschlagen worden war. Sie ging blutend zu Boden, zwei Vorderzähne brachen ab. Dass Journalisten, die am Boden liegen, weiter mit Fußtritten traktiert werden, ist eine neue Qualität in der Auseinandersetzung.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat die Polizei aufgefordert, Medienvertreter auch auf Demonstrationen zu schützen (Theresa Hein, Lars Langenmau, Verena Mayer, SZ 6.5.20; dpa 8.5.20).

2838: Freispruch für Frauke Petry

Donnerstag, Mai 7th, 2020

Der Bundesgerichtshof hat ein Urteil des Landgerichts Dresden gegen die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry wegen fahrlässigen Falscheids aufgehoben. Damit ist sie rechtskräftig freigesprochen. Petry habe sich nicht wegen fahrlässigen Falscheids strafbar gemacht, da die eidliche Zeugenvernehmung der Angeklagten unzulässig war (epd, SZ 7.5.20).

2837: Susanne Gaschke verlässt die SPD.

Donnerstag, Mai 7th, 2020

Von Dezember 2012 bis Oktober 2013 war die Journalistin Susanne Gaschke (Die Welt), 53, für die SPD Oberbürgermeisterin von Kiel. Probleme mit ihrer Partei hatte sie während ihrer 33-jährigen Mitgliedschaft immer. Sie richtete sich nach den Menschen und nicht nach den Funktionären. In einem offenen Brief hat sie nun ihren Austritt erklärt: „Aus einer Aufstiegspartei, die Menschen solidarisch dabei hilft, sich selbst zu helfen, habt ihr – in mehrfacher Hinsicht – eine Versorgungspartei gemacht.“ Susanne Gaschke ist mit Hans-Peter Bartels verheiratet, dem von der SPD geschassten Wehrbeauftragten des Bundestags.  Dazu schreibt sie: „Ihr wisst genau, wie ehrlos Ihr euch verhalten habt.“ Und: „Mir ist es nicht egal, wie ihr mit dem Mann umgeht, den ich liebe.“ (dpa, SZ 7.5.20).

2836: Haftbefehl gegen russischen Agenten

Mittwoch, Mai 6th, 2020

Ein deutscher Ermittlungsrichter hat Haftbefehl gegen den russischen Hacker Dmitriyn Badin, 29, erlassen. Er steht im Verdacht, vor fünf Jahren den Hackerangriff auf den Deutschen Bundestag geführt zu haben. Er soll einer Hackereinheit des russischen Geheimdienstes GRU mit dem Namen „Fancy Bear“ angehören. Die US-Bundespolizei FBI sucht Badin wegen der Manipulation der Präsidentschaftswahlen in den USA 2016 und wegen eines Angriffs auf die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).

(SZ 6.5.20)

2835: Kretschmann stützt Palmer.

Mittwoch, Mai 6th, 2020

Bei den Grünen stützt Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer in der Debatte um einen Parteiausschluss Palmers oder Ordnungsmaßnahmen gegen ihn. „Das muss man, glaube ich, aushalten in einer Partei, die inzwischen so groß ist wie wir – dass da Leute was äußern, das man für grundlegend falsch hält.“ Palmer hatte gesagt: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Kretschmann: „Das geht überhaupt nicht.“ (dpa, SZ 6.5.20)

2834: Johannes Kahrs (SPD) hat sein Bundestagsmandat niedergelegt.

Mittwoch, Mai 6th, 2020

Die SPD-Bundestagsfraktion ist zerrissen. Johannes Kahrs, Haushaltspolitiker und Sprecher des „Seeheimer Kreises“, hat sein Bundestagsmandat und seine Parteiämter niedergelegt. Er hatte Wehrbeauftragter werden wollen, ein Amt, das bisher von Hans-Peter Bartels (SPD) sehr gut geführt worden war. Fraktionschef Rolf Mützenich hat nun die Rechtspolitikerin Eva Högl für das Amt vorgeschlagen.

Im vergangenen Herbst hatte Kahrs als Haushaltspolitiker bereits vier zusätzliche Stellen für das Amt des Wehrbeauftragten in den Etatverhandlungen am Amtsinhaber vorbei durchgesetzt. Das stieß in der SPD-Fraktion auf Irritationen. Johannes Kahrs: „Für das jahr 2020 habe ich mir seit langem einen persönlichen Neuanfang vorgenommen. … Nach 21 Jahren im Deutschen Bundestag, seit fast 40 Jahren in der SPD, wird es Zeit für mich, andere Wege zu gehen.“ (MSZ, SZ 6.5.20)

Wahrscheinlich weiß Kahrs schon, welche Wege er gehen wird.

2833: Vorsicht mit den Zahlen der Heinsberg-Studie

Dienstag, Mai 5th, 2020

Für die Heinsberg-Studie (Kreis Heinsberg am Beispiel des Dorfes Gangelt) waren Anfang April 2020 919 Personen darauf untersucht worden, ob sie sich mit Sars-Cov-2 angesteckt hatten. Den Ergebnissen zufolge galt dies für 15,5 Prozent der Menschen. Das sind fünf mal so viel wie von den Gesundheitsämtern erfasst werden. Das Todesrisiko bezifferten die Forscher um den Epidemiologen Prof. Dr. Hendrik Streeck auf 0,37 Prozent. Der Anteil der Infizierten sei aber nicht auf Deutschland übertragbar (weil der Kreis Heinsberg eventuell nicht repräsentativ für ganz Deutschland sei).

Gleichwohl wagte Streeck erneut eine Hochrechnung: Wenn in Gangelt o,37 Prozent der Infizierten gestorben sind, dann könnte das angesichts der 6.700 Toten in Deutschland bedeuten, dass hierzulande bereits 1,8 Millionen Menschen infiziert gewesen sind. Also zehnmal mehr als die Statistik des Robert-Koch-Instituts erfasst hat. Der Braunschweiger Epidemiologe Gérard Krause sieht diese Schlussfolgerung skeptisch. „Ich bin da eher zurückhaltend.“ Man sollte vorsichtig sein. Wenn auch nur einige Menschen mehr als sieben gestorben seien, wäre die Sterblichkeit schon erheblich höher. „Man kann zur Letalität nur sagen: Wir wissen es einfach nicht.“ (Bern, SZ 5.5.20)